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Buchrezensionen

Fussball, deine Fans: Ein Jahrhundert deutsche Fankultur Noch ein Buch über Fussballfans

Sachliteratur

Ein Sammelband versucht sich an der schier unlösbaren Aufgabe die Gesamtheit der Fankultur in Deutschland umfassend darzustellen – und scheitert daran.

Fans des deutschen Fussballvereins 1.
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Bild: Fans des deutschen Fussballvereins 1. FC Union Berlin bei einer Choreographie. / Seppalot13 (CC BY 3.0 unported - cropped)

1. Februar 2016

1. Feb. 2016

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Nachdem Martin Thein mit seinem gemeinsam mit Jannis Linkelmann herausgegebenen Sammelband „Ultras im Abseits“ ein zwar inhaltlich durchwachsenes, aber als Debattenbeitrag durchaus relevantes und breit gefächertes Grundlagenwerk über die Ultrakultur veröffentlicht hat, betrachtet er in seinem neuesten Buch nun die Fankultur im Fussball auf einer allgemeineren Ebene..

Auch in diesem Fall ist der Ansatz ebenso richtig wie wichtig, und die Themenauswahl ist durchaus gelungen. Hooliganismus und Ultras kommen genauso vor wie Fankultur in der DDR, geschichtliche Abrisse aus früheren Jahrzehnten und individuelle Fanbiographien. Einige der gewählten Themen sind sogar überaus originell. So widmet sich etwa Hardy Grüne in seinem Beitrag Fussballkneipen und dem Public Viewing, und auch Theins eigenes Interview mit Mirko Otto, einem der Chefredakteur_innen des Magazins „Blickfang Ultra“, zum Thema Groundhopping ist wirklich lesenswert.

In vielen Fällen jedoch wird aus dem eigentlich innovativen Blickwinkel nicht wirklich etwas Brauchbares gemacht. So ist der Text von Thein, der sich mit einem in Enschede aufgewachsenen und später nach Köln übergesiedelten niederländischen Fussballfan und dessen Betrachtungen des Fussballs in beiden Ländern befasst, zwar nett und unterhaltsam, er wirkt jedoch alles andere als repräsentativ. Die blosse Tatsache, dass jemand in zwei Ländern gelebt und in beiden Fussballspiele besucht hat, macht aus der Person noch lange keine_n Expert_in für die Besonderheiten der Fankulturen beider Länder.

Ein ähnliches Gefühl stellt sich bei mindestens jedem zweiten Text des Sammelbandes ein. Sie sind zwar überwiegend gut zu lesen und nur selten wirklich uninteressant, sie vermitteln aber auch in ihrer überwiegenden Zahl keinerlei tiefer gehende Erkenntnisse. Überhaupt wirkt die Auswahl von Texten und Autor_innen beinahe willkürlich und ein wenig wie mit heisser Nadel gestrickt. Vielleicht ist die Aufgabe, die Martin Thein sich offenbar gestellt hat, nämlich die Geschichte der Fankultur im deutschen Fussball in allen Facetten darzustellen, schlicht unmöglich zu erfüllen, weil das Thema schlicht zu gross, zu divers, zu vielschichtig ist.

Dennoch ist es interessant auch mal die Sichtweisen mehr oder weniger „normaler“ und vor allem auch älterer Fans zu lesen. Es gibt Dutzende Bücher, die sich ausführlich und aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln heraus Ultras, Hooligans und Artverwandten widmen, doch sind all das explizite Jugendkulturen – auch wenn diese Jugend bei manchen bis jenseits der Dreissig reicht. Im Fokus der Betrachtungen der Fankurve stehen meist diejenigen, die dort am meisten auffallen, die am buntesten, am lautesten, vielleicht auch am gewalttätigsten sind. Die grosse Mehrzahl der Fussballverrückten jedoch ist anders. Die meisten gehen einer Lohnarbeit nach, haben Familie und eine private Rentenversicherung, aber dennoch sind sie genauso verrückt nach Fussball wie die 17jährige Ultra oder der 24jährige Allesfahrer. Dass Thein diese zu Wort kommen lässt, ist die Stärke des Buches.

Die grosse Schwäche dagegen ist wie bereits bei „Ultras im Abseits“ die doch arg männerlastige Zusammensetzung der Autor_innen. 26 sind es insgesamt und unter ihnen sind gerade einmal drei Frauen. Eine davon, Nicole Selmer, darf sich dann auch netterweise dem Thema „Frauen im Fussball“ widmen, was sie auch ausgesprochen gut macht und was ganz ohne Frage ein wichtiges Thema ist. Warum jedoch zu nahezu jedem anderen Thema ausgerechnet ein Mann etwas schreiben darf, lässt sich ohne Verweis auf die männerbündelnden Netzwerke in Fussball wie in der Wissenschaft und auch sonst fast überall nicht erklären.

In Theins Buch sind Frauen noch immer die „Anderen“, die im Gegensatz zu den Männern ein eigenes Kapitel brauchen. Dass Frauenfussball und die dort durchaus auch vorhandenen Fans quasi gar nicht vorkommen, passt da nur ins Bild. Es ist schlichtweg schockierend, dass Thein es schafft, in seinem Buch die von Nicole Selmer in ihrem Text angeführten rund 30 Prozent, die Frauen am Stadionpublikum in Deutschland ausmachen, mit knapp 12 Prozent noch weit zu unterschreiten. Dafür gibt es weder eine Rechtfertigung noch eine Entschuldigung.

Es wäre jedoch unfair Theins Buch alleine aus diesem Grund zu verdammen, denn im Grunde sieht das Geschlechterverhältnis bei fast allen Büchern zum Thema Fussball ähnlich, oft sogar noch weit unausgewogener aus. Im Grunde ist Theins Buch auch nicht wirklich schlecht, es hätte nur sehr leicht noch sehr viel besser sein können. Es wirkt wie ein Schnellschuss, wie ein gezielter Versuch an den Erfolg von „Ultras im Abseits“ anzuknüpfen.

Herausgekommen ist ein durchwachsener Sammelband voller in der Mehrzahl bestenfalls durchschnittlicher Texte zu Themen, die fast alle anderswo schon besser, ausführlicher und teilweise sogar in Form ganzer Bücher abgehandelt worden sind. Statt eines thematisch gegliederten Überblicks über die Fankultur gibt es ein mittelmässiges Fussballlesebuch. Es finden sich zwar auch einige bessere Texte wie der von Jörg Jakob über die Wechselwirkungen zwischen englischer und deutscher Fankultur, doch streng genommen sind die einzigen wirklich gelungenen Beiträge die von Thein selbst geführten Interviews. Vielleicht sollte er sich in Zukunft eher auf sein zweifelsfrei vorhandenes Talent als Interviewer konzentrieren und seine Bücher mit guten Interviews, statt mit zusammengewürfelten und überwiegend halbgaren Texten füllen. Ich zumindest wäre ihm dankbar.

Jan Tölva / kritisch-lesen.de

Martin Thein (Hg.): Fussball, deine Fans – Ein Jahrhundert deutsche Fankultur. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2013. 240 Seiten. ca. 18.00 SFr., ISBN: 978-3-7307-0012-9

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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