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„Der Hunger“ – Eine Anklage gegen sich und die Welt | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Rezension zum Buch von Martin Caparrós „Der Hunger“ – Eine Anklage gegen sich und die Welt

Sachliteratur

„Der Hunger wird nicht nur durch Mangel verursacht“ (1), das sagt Martin Caparrós im Gespräch mit Peter B. Schumann im Deutschlandfunk.

4. Januar 2016

4. Jan. 2016

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6 min.

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Sein aktuelles Buch «Der Hunger», soll sein Entsetzen darüber zum Ausdruck bringen, dass dennoch weltweit gehungert wird und es soll beim Leser dasselbe Entsetzen erzeugen. Dass es daran fehlt, ist nämlich gleichzeitig die Anklage, die er gegen die Menschheit erhebt: „Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?“

Über weite Teile des Buches, das es auf immerhin 838 Seiten bringt, werden die Lebens- und Leidensgeschichten der hungernden Menschen erzählt, politische und ökonomische Analysen sind Randerscheinungen – und das hat System: „Manchmal denke ich, dieses Buch sollte aus einer Abfolge kleiner Geschichten bestehen […] und sonst nichts. […] Doch dann tappe ich in die Falle, es erklären zu wollen: nachzudenken, nach Gründen für das Unerträgliche zu suchen.“ (179). Caparrós kritisiert sich selbst dafür, ab und an nachzudenken. Wo er Gründe sucht für den Hunger in der Welt, fühlt er sich sogar in einer Falle.

Das Erklären des „Unerträglichen“ scheint ihm ein Abweg von seinem Projekt zu sein: Er möchte die „spektakulären Bilder“ liefen, die seiner Ansicht nach fehlen, und so „den Hunger sichtbar machen“ (2), um die Menschen ganz allgemein in ihrem Weiterleben angesichts solch grauenhafter Zustände zu erschüttern. Ökonomische, politische und technische Zusammenhänge zählt er dabei auf, die der gemeine Zeitungsleser ebenfalls kennt: Die Spekulation auf Nahrungsmittel an der Börse (u.a. 385ff), der Weltmarkt (281), der Fleischkonsum etc. Und gemeinsam haben diese durchaus disparaten Dinge die Bestimmung als Fehlanzeige: Es geht dabei nicht darum, die Hungernden mit Nahrung zu versorgen.

Am Beispiel des Fleischkonsums soll das illustriert werden: „Ein Mensch, der Fleisch isst, verschlingt Ressourcen, die, würden sie verteilt, für fünf oder zehn Menschen ausreichen würden“ (135). So richtig der Fakt der energieaufwendigen Produktion, so wenig zutreffend der Schluss, dass wegen Fleisch und Wurst hierzulande anderswo Lebensmittel fehlen. Das weiss Caparrós doch selbst an anderer Stelle: „Die grossen Hungersnöte der Neuzeit werden nicht durch einen Mangel an Nahrung verursacht, sondern durch den Mangel an finanziellen Mitteln, um diese zu erwerben.“ (276).

Die Menschen hungern, weil im weltweiten Kapitalismus Lebensmittel produziert werden, um sie profitabel zu verkaufen – und daher niemand Lebensmittel für Menschen produziert, die kein Geld haben. Dass die Fleischproduktion soviel Energie verbraucht, dass mit dem gleichen Aufwand die Welt vegetarisch zu ernähren wäre, ist richtig – nur, dass es schon jetzt mit Fleischproduktion genügend Nahrungsmittel gibt, um die Menschen zu ernähren.

Welternährung ist aber bekanntlich nicht das Interesse von Unternehmen, sondern Gewinn zu erwirtschaften – und den gibt es eben nicht, wenn Lebensmittel für umsonst an mittellose Hungerleider verteilt werden, egal ob nun vegane oder tierische Produkte. Bei aller Ablehnung gegen die Falle des Erklären-Wollens, ist Caparrós um eine Erklärung nicht verlegen, und die hat mit den ökonomischen Beweggründen der Fleischproduzenten gar nichts zu tun. „Damit wir weiter Fleisch mit Beilagen essen können […] muss diese exkludierende Ordnung, in der drei Milliarden Menschen die Ressourcen für sieben Milliarden verschlingen, beibehalten werden.“ (136) Die Fleischesser sind schuld, weil sie der Menschheit die vorhanden Ressourcen wegfressen. Sie bilden zusammen mit Produzenten, Händlern, Spekulanten … eine „exkludierende Ordnung“, eine „Ordnung“ also in der die einen durch die anderen von Geld und Essen ausgeschlossen werden.

Worum es da jeweils im Einzelnen geht, ist für Caparrós nicht wichtig. Er nimmt das Resultat für die Absicht aller und ist mit seiner Erklärung fertig: „Menschen, die nicht genug essen […] gibt es lediglich deshalb, weil die Menschen, die im Besitz der Lebensmittel sind, ihnen diese nicht geben wollen“ (296). Damit sind eben nicht (nur) die Unternehmen gemeint, die ihre Lebensmittel versilbert haben wollen und sie ohne Gewinn nicht verkaufen. In moralischer Hinsicht betrifft das ‚uns alle': „Wir, die wir Essen haben, wollen ihnen nichts geben“ (296).

Zwischen kapitalistischen Lebensmittelerzeugern und Lohnabhängigen, die sich (noch) Lebensmittel leisten können, macht Caparrós da keinen Unterschied. Aus seiner Sicht sind diese wirtschaftlichen Differenzen auch egal, weil es so oder so um Menschen geht, die sich um den Hunger der anderen nicht kümmern. Solche findet er oben wie unten: „Wir sind so privilegiert, dass wir es längst vergessen haben“ (131) schreibt da einer, der in seinem eigenen Klappentext noch weiss, dass jeder sechste in den USA Probleme hat sich ausreichend zu ernähren – dass also von einem „wir“ in den Industrienationen nicht gesprochen werden kann – zumindest nicht ökonomisch.

Aber Wirtschaft kommt im Buch ja auch nur vor als unnötiges und ungerechtfertigtes Vorenthalten von Lebensmitteln. Daran sind „wir alle“, so die Lesart des Buches, irgendwie beteiligt – eine Beschuldigung von der Caparrós auch sich selbst nicht ausnimmt: „Dass ich das nicht tue [auf Fleisch verzichten], ist der Beweis meiner totalen Inkonsequenz“ (136). Dass, wenn er auf sein Steak verzichtet, in Niger nicht Gemüse verteilt wird, das weiss Caparrós natürlich. Aber er hätte dann weniger Ressourcen „verschlungen“.

Und wenn es um moralische Be- und Verurteilung geht, dann ist sittliches Betragen allemal wichtiger als dessen praktischer Effekt. Dann kann auch gegen andere ausgeteilt werden: „Die Vulgarität von Menschen, die viel besitzen und schamlos wegwerfen, was andere händeringend benötigen, ist für alle Formen der Wahrnehmung abstossend.“ (803)

Derart abstrakt fällt dann tatsächlich das Verhalten des Kindes, was seinen Teller nicht leer essen will, zusammen mit dem Supermarkt, der Lebensmittel, die er nicht mehr verkaufen kann, vernichtet.

„Wir“ sind eben alle schamlose Verschwender – wer da noch unterscheiden will zwischen solchen, die den Verhältnissen ohnmächtig ausgeliefert sind und solchen, die diese Verhältnisse einrichten und von ihnen profitieren, ist längst schon wieder in die „Falle“ getappt, nach Gründen zu suchen, statt sich voller Entsetzen zu fragen: „Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?“ Sich eine „bessere“ Welt auszumalen, in der ein moralisch empfindender Mensch sich eher wohlfühlen könnte, ist denn auch das, was das Buch am Ende als geistige Leistung empfiehlt: „Es gilt darüber nachzudenken, wie eine Welt aussehen könnte, die uns nicht mit Scham, Schuldgefühlen oder Mutlosigkeit erfüllt“ (838).

Irgendwie ist es ja schon Teil der Lösung, wenn „uns“ angesichts der tatsächlichen Welt Scham und Schuldgefühl erfüllen (für was auch immer und unabhängig davon, ob „wir“ überhaupt Verursacher des Welthungers sind), denn dann ist Indifferenz ja bereits durch sittliches Gefühl ersetzt. Angesichts des Hungers können „wir“ nur mit schlechtem Gewissen weiterleben. Na dann.

Tatsächlich ist es mit diesem Werk wie mit so vielen dicken Büchern. Wenn der Leser es aufmerksam studiert, dann hat einem der Autor bereits alles zum Buch geschrieben, was die Kritik herausarbeiten will: „Manchmal kreuzt tatsächlich ansatzweise eine Antwort meinen Weg, aber ich bleibe mir treu und stelle mich dumm“ (369). Klug werden durch Erklärungen will das Buch nämlich nicht und macht es seine Leser auch nicht.

Berthold Beimler

Fussnoten

(1) http://www.deutschlandfunk.de/schriftsteller-martin-caparros-hunger-wird-nicht-nur-durch.1184.de.html?dram:article_id = 335826

(2) http://www.zeit.de/2015/48/hunger-martin-caparros-argentinien

Alle anderen Zitate sind aus dem Buch.

Martin Caparrós: Der Hunger. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 844 Seiten, 40.90 SFr. ISBN: 978-3-518-42512-1

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