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Markus Liske: Sechs Tage im April. Erich Mühsams Räterepublik | Untergrund-Blättle

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Markus Liske: Sechs Tage im April. Erich Mühsams Räterepublik Eine kurze Episode der Utopie

Sachliteratur

Ein Fundus an Schriftstücken von Erich Mühsam haucht der revolutionären Erinnerung an die Bairische Räterepublik vor über 100 Jahren neues Leben ein.

Erich Mühsam (rechts) in Monte Verità, 1904.
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Bild: Erich Mühsam (rechts) in Monte Verità, 1904. / Unknown author (PD)

12. August 2020

12. 08. 2020

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In „Sechs Tage im April“ sind Gedichte, Briefe, Tagebucheinträge, Agitationsartikel und spätere Reflexionen des anarchistischen Dichters Erich Mühsam dokumentiert. All diese Textformen zeichnen ein umfassendes Bild der Bairischen Räterepublik aus der Perspektive eines ihrer wichtigsten Protagonisten.

Impulsiver Visionär

Die Auswahl des Bandes beschränkt sich dabei fast ausschliesslich auf Texte von Mühsam selbst. Ergänzt werden diese lediglich durch kurze und pointierte Hintergrundinformationen, durch welche die Originaltexte auch für Leser*innen ohne Vorkenntnisse zugänglich werden. Markus Liske erweist sich dabei nicht nur als ausgezeichneter Mühsam-Kenner, sondern teilt seine Kenntnisse und Einordnungen mit den Leser*innen auch in angenehmem Stil. Er macht keinen Hehl aus seinen Sympathien für Erich Mühsam und seine Ideen, verfällt dabei aber auch nicht in blosse Glorifizierungen.

Gerade impulsive Visionäre wie Mühsam bieten keinen Raum für stringente und abgeschlossene Charakterisierungen. Der umtriebige Bohémien und aktionistische Agitator ist, das zeigt auch der Band, nicht nur von Widersprüchen im eigenen intellektuellen und persönlichen Werdegang geprägt, sondern stand auch stets im Konflikt mit Weggefährt*innen. Diese Konflikte wurden von Mühsam nicht gescheut und teilweise auch öffentlich ausgetragen. Die scharfen Polemisierungen mögen im Einzelfall respektlos oder selbstüberschätzend erscheinen. In der Gesamtheit der im Buch gesammelten Texte wirken sie jedoch wie eine ehrliche und authentische Auseinandersetzung im Sinne einer solidarischen Kritik. Eine solidarische Kritik, die sich in den parlamentarisch regulierten Debatten in Deutschland auch 100 Jahre später nur selten finden lässt.

Abgesehen vom reflektierten Inhalt seiner Bemerkungen ermöglicht Markus Liske den Leser*innen auch durch den zurückhaltenden Umfang seiner Kommentierung eine eigene Bewertung des Wirkens Erich Mühsams im Zusammenhang mit der Bairischen Räterepublik. Dem eigenen Anspruch, Mühsam vordergründig für sich selbst sprechen zu lassen, wird er dabei mehr als gerecht: Nach 287 Seiten Lektüre hat man das Gefühl, den handlungsleitenden Motiven eines aussergewöhnlichen Menschen sehr nahe gekommen zu sein.

Nachdem im ersten Teil die Entwicklung des aus einer bürgerlich-jüdischen Familie stammenden Mühsams zu einem anarchistischen Aktivisten nachgezeichnet wird, geht es im zweiten Teil um die konkreten Ereignisse, die zur Ausrufung und Zerschlagung der Räterepublik im Jahr 1919 geführt haben. Markus Liske bemüht sich, die gewählten Texte sowohl nach chronologischen als auch nach thematischen Kriterien sinnvoll zusammenzufügen. Für eine detaillierte historische Analyse könnten die sehr unterschiedlichen Veröffentlichungszeitpunkte der Originaltexte zu Verwirrung führen.

Der selbst deklarierten Montage zu einer Erzählung tut diese Vielfalt aber sehr gut. Ein Mühsam, der kurz vor der Verwirklichung seiner sozialrevolutionären Vision steht und die proletarischen Massen mobilisiert, schreibt anders als ein Mühsam der resigniert im Kerker sitzt und vom Mord an seinem engen Freund und wichtigsten Mentor Gustav Landauer erfährt. Zu einem umfassenden Bild der damaligen Realität gehört sicherlich beides.

Gescheiterte Revolution, gewonnene Erkenntnis

Die emotionale Verbundenheit mit Erich Mühsam erleichtert der Leserin zudem die Auseinandersetzung mit den schwer durchschaubaren und instabilen politischen Verhältnissen in der Revolutionszeit zwischen dem Ende des ersten Weltkriegs und der Konstituierung der Weimarer Republik. Die damaligen sozialistischen Revolutionsversuche scheiterten nicht nur an der Gewalt rechter Kampftruppen, den ökonomischen Blockaden des Bürgertums, Lügen und Hetze der bürgerlichen Presse oder dem Verrat der Mehrheitssozialdemokraten. Auch die Spaltung der linken Opposition spielte eine entscheidende Rolle.

So ist sich Mühsam in seinen Nachbetrachtungen sicher, dass die Bairische Räterepublik mit der Unterstützung der KPD zumindest länger als sechs Tage bestanden hätte. Auch wenn diese Einschätzungen der historischen Entwicklungen und politischen Konstellationen im Buch nur aus der Perspektive einer einzigen Person geschildert werden und auch die linken Widersacher*innen Mühsams, etwa in der KPD, sicherlich gute Gründe für ihr Handeln hatten: Eine kritische Leserin kann aus den kurzen und prägnanten Texten ein verdichtetes Bild der damaligen Verhältnisse gewinnen, das der Wirklichkeit sehr nahe kommen dürfte.

Das Buch erbringt damit eine Leistung, die den meisten vorrangig an Daten und Fakten interessierten, historischen Nachbetrachtungen trotz vermeintlicher Objektivität nur selten gelingt. Zumal besonders Beiträge, die einer bürgerlichen (Wissenschafts-)Kultur entspringen, unweigerlich eine Geschichtsschreibung aus der Siegerperspektive produzieren und Motive und Gedanken der Eingekerkerten und Ermordeten schon aus Gründen der eigenen Legitimation nicht in ihren Korpus der ernstzunehmenden Ideen aufnehmen können.

Nimmt man die damaligen Aussenseiter*innen ernst, lassen sich aus ihren Erfahrungen wertvolle Erkenntnisse sowohl für eine Gegenwartsanalyse als auch für heutige emanzipatorische Praxis gewinnen. So verteidigt beispielsweise der kapitalistische Staat heute wie vor 100 Jahren seine Herrschaft über die Menschen in letzter Instanz mit direkter Gewalt, die unvereinbar mit seiner rechtsstaatlichen Fassade ist.

Der konkrete Ausdruck dieser Gewalt mag sich gewandelt haben. Dass er bei seinem Kampf gegen ein selbstbestimmtes Leben von einer vertrauensvollen Kooperation zwischen Sicherheitsbehörden und rechten Kampfgruppen profitiert, hat bis heute Bestand. Und auch der Versuch, die herrschaftlichen Gewaltverhältnisse durch politische Arbeit in staatlichen Institutionen zu überwinden, war vor 100 Jahren genauso falsch wie heute.

Mit Temperament die Zukunft gestalten

Wenn die Richtigkeit einer Idee mit ihrer erfolgreichen Umsetzung identifiziert wird, könnte man folgern, dass auch Mühsams Weg aufgrund seines Scheiterns ein falscher war. Jedoch verläuft die Weltgeschichte ebenso wie die Geschichte der Emanzipation entgegen einiger teleologischer Annahmen nicht linear. Oft genug sind es die Verlierer*innen auf dem Schlachtfeld der politischen Ideen, die unter anderen Umständen die Protagonist*innen einer besseren, nicht realisierten, Geschichte hätten werden können. Diese Umstände zu erkennen und in zukünftigen Situationen bewusst zu gestalten, sollte die Aufgabe revolutionärer Bestrebungen sein.

Trotz der Einsicht, dass der Einfluss von emanzipatorischen Bewegungen aufgrund des hohen Werts der Freiwilligkeit und des möglichst weit gehenden Verzichts auf Zwang schnell an seine Grenzen stösst, könnten Konsequenzen für die politische Praxis gezogen werden, die ihre Chancen auf Erfolg zumindest erhöhen. So stand die Bairische Räterepublik vor einem Problem, das sich in vielen revolutionären Situationen ausmachen lässt: Das Neue ist noch nicht ausreichend gereift, um das Alte rückstandslos und nachhaltig zu ersetzen, weil revolutionäre Arbeit in nicht-revolutionären Zeiten als utopistisch abgetan wird.

Gustav Landauer etwa kritisierte die aktionistische Ausrufung der Republik durch Mühsam als verfrüht. Aber auch eine konstruktivere Auseinandersetzung mit der frisch gegründeten KPD – also die Bereitschaft, strittige Fragen nicht so zu überhöhen, dass sie gemeinsames Handeln verhindern – hätte zu wehrhafteren Konzepten der Organisierung der Massen führen können.

Die Verantwortung für das Scheitern der Bairischen Räterepublik allein dem überhastet handelnden Mühsam aufzubürden, wird seinem Lebenswerk nicht gerecht. Erich Mühsam steht für eine Einsicht – und das wird bei der Lektüre des Buchs mehr als deutlich – die als politischer Faktor viel zu häufig vernachlässigt oder bewusst gemieden wird: Ohne aufrichtige Überzeugung und temperamentvolle Leidenschaft sind historisch bedeutsame Veränderungen nicht zu erreichen.

Tom Gath
kritisch-lesen.de

Markus Liske: Sechs Tage im April. Erich Mühsams Räterepublik. Verbrecher Verlag, Berlin 2019. 288 Seiten. ca. 24.00 SFr, ISBN: 9783957323750

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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