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Buchrezensionen

Marius Hanft/Judith Sieber/Lotte Warnsholdt (Hg.): Weiterschreiben Kollektive Kritik im beschädigten Leben

Sachliteratur

Nach dem Tod einer Freundin kommen verschiedene Stimmen zusammen und blicken zurück auf ihr Denken.

Grab von Herbert Marcuse mit der Inschrift „Weitermachen!“ auf dem Friedhof der Dorotheenstädtischen und Friedrichswerderschen Gemeinden, Berlin, Deutschland.
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Bild: Grab von Herbert Marcuse mit der Inschrift „Weitermachen!“ auf dem Friedhof der Dorotheenstädtischen und Friedrichswerderschen Gemeinden, Berlin, Deutschland. / Aldo Ardetti (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

22. Juli 2021
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Wie könnte ein Buch über eine Dissertation aussehen, die begonnen, aber nicht zu Ende geschrieben werden konnte? Nichts Geringerem als dieser Frage geht ein bemerkenswertes Buch nach, welches unlängst im Hamburger Katzenberg Verlag erschienen ist. Schon der – zugegeben etwas sperrige – Titel „Weiterschreiben. Anschlüsse an Rebecca Ardners ‘Affirmation und Negation als Figuren der Kritik’“ lässt die Schwierigkeit dieses Unterfangens erahnen. Die Dringlichkeit dieser Aufgabe rührt vom viel zu frühen Tod Rebecca Ardners her. Ihr ist dieses persönliche und gerade darin politische Buch gewidmet.

Bemerkenswert daran ist sehr vieles. Vor allem aber, dass es nicht Trost in einer abgeschlossenen Form sucht, sondern in der Spurensuche und Erinnerungsarbeit die Zweifel, Brüche, unbeantworteten Fragen offen lässt und gerade so dem unabgeschlossenen Dialog mit der Freundin die Treue hält. Schon im Titel des Buches wird dies spürbar. Sehr offen legen die Herausgeber*innen Marius Hanft, Judith Sieber und Lotte Warnsholdt ihr Ringen dar. „Weitermachen“ lautet die Grabinschrift von Herbert Marcuse, die sich Rebecca Ardner auch als Paratext – gewissermassen als guten Geist – für ihre Arbeit gewünscht hätte.

Daraus ist ein „Weiterschreiben“ geworden, das ihren Titel erweitert. Kein kategorischer, ein freundschaftlicher Imperativ einmal Gesagtes nicht einfach stehen zu lassen, sondern es aufzugreifen und weiterzuführen. Hier deutet sich bereits die Mehrsprachigkeit von Kritik an, die Ardner als eine dialogische Form konzipieren wollte und die in der Mehrstimmigkeit der Reaktionen darauf weiterwirkt. Auch die Form des Bandes zeigt dies: Er beinhaltet neben diversen Texten und Schreibweisen auch Zeichnungen, Collagen und Fotografien.

Kritik als Perspektive

Ardner selbst schreibt, „Kritik ist das Ringen um die Möglichkeit [von] etwas Besserem“ (S. 35). Sie reduziert Theoriearbeit damit nicht auf eine akademische Qualifikation. Etwas Besseres scheint auf, in der Gemeinschaft von Schreibenden und visuell Darstellenden, die über ihre persönliche Herkunft, Hintergründe und über individuelle Produktion hinaus durch gemeinsame Erfahrungen verbunden sind. Hanft, Sieber und Warnsholdt finden die schöne Formulierung: „In den letzten Jahren hat sich somit ein Gespräch entsponnen, von dem wir im Rückblick nicht sagen können, wer was wann und in welcher Weise gesagt hat“ (S. 11). Ist dies nicht bereits ein Widerstand im Kleinen, gegen die ausgreifende Verwertungslogik eines kognitiven Kapitalismus, die alles Gesagte oder Gedachte finanzialisiert?

Ardner hat die widerständige Sozialität geteilter Autorschaft bejaht: „Damit wird beispielsweise auch deutlich, dass solche Gedankengänge niemals etwas sein können, was völlig autonom einfach so aus uns selbst herauskommt. Vielmehr entwickeln sich Gedanken, Meinungen und Theorien immer erst in einem Austausch“ (S. 12, Ardner 2014: 4-5). Die Erkenntnispotenziale von Dialogen begrenzt sie nicht auf akademische Sprachen.

Dies veranschaulicht eine Anekdote, die Silvy Zenner erinnert. So habe Ardner ihrem Vater die Bedeutung ihrer Bachelorarbeit mit herzlicher Mundart erklärt: „Der Inhalt der Arbeit ist: Es Hirn inschalde, bevor ma rausschwätzt!“ (S. 299) Welch wunderbare Übersetzung des akademischen Titels „Kritische feministische Theorie – Selbstreflexion als Voraussetzung für Handlungsmöglichkeiten wider das Schweigen“. Schreiben oder Sprechen dient der Selbstermächtigung, um Handlungsräume zu erweitern. Die Dialogform ist eine Möglichkeit, über Beschränkungen von Gender, Race, Class oder Generationen hinaus nach Gemeinsamem und Verbindendem zu suchen.

Ardner forschte deshalb zu „Möglichkeiten re-konfigurierter Kritik“ (S. 35, 66), die sie selbst nicht neu erfinden, sondern in Auseinandersetzung mit bereits entwickelten Kritikbegriffen dialogisch weiterdenken wollte, um daraus Neues zu gewinnen. Doch nicht als faulen Kompromiss; „die ausgewogene Diskussion der Affirmation und Negation soll nicht auf die Balance einer indifferenten Position“ hinauslaufen (S. 58). Das Dialogische sei „Vielmehr […] gerade Möglichkeitsbedingung einer verantwortlichen Entscheidung zu einer Positionierung“ (ebd.). Sprache ist ein politischer (Ver-)Handlungsraum, um Konflikte auszutragen. Eine „Kritik als Kultur“ (S. 63) muss sich um Anerkennung aller Argumente kümmern, um „auf der Höhe der Zeit“ (S. 38) zu überzeugen – für etwas Besseres.

Wider das Schweigen richten sich auch die Beiträge in „Weiterschreiben“. Gegen „die Absurdität“, wie Sieber schreibt, „dass die Dissertation, die dazu dienen sollte, Rebecca in der Wissenschaft zu etablieren, nun zu einem Nachruf wird“ (S. 21). Obwohl Ardner keine Autorin ist „von der es ein Werk gibt, das sie selbst in die Welt gegeben hat und auf das man sich beziehen kann“ (S. 21), wie Warnsholdt zu bedenken gibt, hat sie etwas hinterlassen, das nicht vergessen werden sollte. Der Tod der Autorin sollte nicht sprachlos machen. Noch mehr als ein Nachruf ist dieses Buch eine Selbstreflexion über Handlungsmöglichkeiten, die sich nicht nach, sondern mit Ardner ergeben. Damit die Stimme, die ohnehin so sehr fehlen wird, in ihren Texten weiter wahrgenommen wird. Kritik als Suche nach neuen Antwortmodalitäten

Ardner verweist auch auf Donna Haraways Konzept der Response-ability (S. 64). In der Einleitung von „Weiterschreiben“ heisst es nun:

„Deren Diagnose, dass wir in einer beschädigten Welt leben, die konkrete Antworten (Response-ability) braucht, folgt Rebecca; das wird ihr zu einer primären, auch krankheitsbedingten Aufgabe. Das Beschädigt-Sein – die Unzufriedenheit im Status quo – wird zum Ausgangspunkt für die Suche nach neuen Antwortmodalitäten“ (S. 28).

Dies lässt sich nicht durch eine singuläre Kritik Einzelner bewältigen. Beschädigt durch den Verlust Ardners, wird umso schmerzlicher bewusst, dass die Verantwortung (Responsibility), nach neuen Antworten (response) zu suchen, nur eine gemeinschaftliche sein kann. Das Buch „Weiterschreiben“ findet einige Modalitäten dafür. Im Vorwort wird auf die Frage „woraus wird morgen gemacht sein?“ verwiesen, die Ardner im Titel eines Gesprächs zwischen Èlisabeth Roudinesco und Jacques Derrida (2006) las. Die Orientierung auf eine bessere Zukunft ist wesentlicher Antrieb kritischen Denkens und Handelns.

Für eine kollektive Kritik

Die Idee kollektiver Kritik lässt sich nicht in einem idealen Erinnerungsbild von Rebecca Ardner festschreiben. „Weiterschreiben“ versucht nicht, Deutungshoheit über Unbegreifliches zu erlangen, sondern das weiterzuschreiben, was lieb und teuer ist. Darin liegt die Zuversicht, dass jede Stimme zählt. Die Beiträge von Marius Hanft, Judith Sieber, Lotte Warnsholdt, Tomma Brooks, Finja Delz. Lynn Gross, Anne-Christin Klotz, Holger Kuhn, Liza Mattutat, Isabel Mehl, Sara Morais dos Santos Bruss, Eva Müller, Sami Qaiser, Kristi Renner, Ying Sze Pek, Heiko Stubenrauch, Lars Tittmar und Silvy Zenner, sowie die Unterstützung von Beate Söntgen, Jonas Ehret, David Mieleke, Elisabeth Heymer, Oona Lochner, Roger Behrens, Thomas Macho, Susanne Leeb, nicht zuletzt Rebeccas Eltern Bärbel und Stefan sowie vieler nicht Genannter zeigen gemeinsam, dass es lohnt weiterzuschreiben, weiterzumachen.

Thorsten Schneider
kritisch-lesen.de

Marius Hanft/Judith Sieber/Lotte Warnsholdt (Hg.): Weiterschreiben. Anschlüsse an Rebecca Ardners "Affirmation und Negation als Figuren der Kritik". Katzenberg Verlag, Hamburg 2020. 300 Seiten, ca. SFr 28.00, ISBN 978-3-942222-15-0

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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