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Mario Candeias (Hrsg.): Klassentheorie. Vom Making und Remaking. Dynamiken der Klassenbildung

Sachliteratur

Die Debatte um die neue Klassenpolitik geht weiter. Ein umfassender Reader sammelt klassische Ansätze zur Klassentheorie, die Impulse für gegenwärtige Diskussionen geben.

3. August 2021
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Die Sammlung „KlassenTheorie“ stellt einen Versuch dar, dem in Zeiten politischer Schwäche der Linken um sich greifenden Vergessen etwas entgegenzusetzen. Die versammelten Texte gehen aus den Bemühungen der Rosa-Luxemburg-Stiftung hervor, die Diskussionen um den Begriff der Klasse zu bündeln: Zahlreiche der Aufsätze wurden bereits an der einen oder anderen Stelle von der Stiftung publiziert. Die inhaltliche Ausrichtung lässt an das von Peter Weiss stammende und im Argument-Kontext immer wieder bemühte Wort von der Linie Luxemburg-Gramsci denken. Diese beiden Autor*innen sind denn auch die einzigen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, während der Fokus auf theoretischen Entwicklungen nach 1968 liegt.

Marxistische Ansätze

Die zentralen Ausgangs- und Diskussionspunkte für fast alle Beiträge markieren jedoch unbezweifelbar Texte von Marx und Engels; insbesondere Formulierungen aus dem 18. Brumaire des Louis Bonaparte werden in vielen der Texte diskutiert. Eine kritische marxistische Herangehensweise kann durchaus gegen die sich aktuell einer gewissen Popularität erfreuenden Diskussionen gelesen werden, in denen über Klasse zu sprechen hauptsächlich heisst, bestimmte soziale Diskriminierungen zu meinen.

Gegenüber derlei administrativen Denkmustern, die Gleichheit als eine Äquivalenz von vorausgesetzten Gruppeninteressen anvisieren, verbindet zahlreiche Perspektiven dieses Bandes, dass es weniger kennzeichnend für eine kritische Beschäftigung mit der Gesellschaft ist, von Klassen zu sprechen, als von Klassenkampf. Klassenpolitik wäre folglich von der Frage getrieben, wie und unter welchen Bedingungen emanzipatorisch in den Klassenkampf einzugreifen wäre.

Prägnant formuliert findet sich eine derartige Perspektive insbesondere in den Texten von Stuart Hall, die den Autor weniger als modischen Intellektuellen, denn als kritischen Marxisten rezipieren lassen (die ebenfalls im Argument-Verlag erschienen „Ausgewählten Schriften“ von Hall beinhalten weitere lesenswerte Texte dieser Art). Ebenfalls hervorzuheben ist der Aufsatz von Étienne Balibar, der aus dem Ende der 1980er Jahre erschienenen und ungebrochen aktuellem Band „Rasse Klasse Nation“ aufgenommen wurde.

Diese Texte verabschieden jede geschichtsphilosophische These einer absoluten Tendenz zur Vereinfachung der Klassenbeziehungen im Kapitalismus. Sie argumentieren stattdessen, dass sich in der Formung dessen, was man Arbeiterklasse genannt hat, ständig mindestens zwei widersprüchliche Tendenzen treffen: die zu ihrer Bindung an Unternehmen, Nation, Familie und Staat, mithin einer Normalisierung ihrer Alltagspraktiken, und jene einer Verflüssigung, Fluktuation und Destabilisierung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Darüber werfen sie die Frage nach der komplexen Gliederung oder Artikulation von Rassismen als Herrschaftsverhältnissen auf, die sich um ideologische Rassenkonstruktionen organisieren, und als solche in ihrer Bedeutung für den Klassenkampf zu analysieren und zu kritisieren sind.

So zeigen sie – anknüpfend an Gramsci und Althusser –, dass sich Klassenkampf auch dort abspielt, wo Klassen keineswegs als solche auftreten, etwa in Bezug auf den Staat, die Staatsbürgerschaft und damit verbundene Verhältnisse politischer Repräsentation. So wie Klassenkampf ein von verschiedenen Zeiten und Logiken durchzogenes Geschehen bildet, sind Klassen in permanenter Umbildung zu denken, wo sich Reorganisationen kapitalistischer Produktion und Staatlichkeit mit Kämpfen, Aufständen und Befreiungsprojekten überschneiden.

Ein derartiger theoretischer Ansatz lässt sich auch mit zahlreichen anderen Texten des Bandes verknüpfen. So etwa in Bezug auf die intrinsische Verbindung von Geschlechterverhältnissen mit den Widersprüchen kapitalistischer Produktion. Die hierzu versammelten Aufsätze von Mariarosa Dalla Costa, Lise Vogel und Frigga Haug bilden drei dezidiert unterschiedliche Zuspitzungen einer marxistischen Theoretisierung von Geschlechterverhältnissen, die weiterhin mit- und gegeneinander zu diskutieren sind. Allesamt sind sie aber als aktualisierbare Alternativen dazu aufzufassen, „Class“ und „Gender“ als zunächst voneinander gesonderte Kategorien zu verstehen, die in einem zweiten Schritt auf ihre Intersektion zu befragen wären. Denn sie sind allesamt daran interessiert, inwiefern die Weisen, unter denen Geschlechterverhältnisse wirksam und gelebt werden, immer schon die Dynamiken der Klassenbildung und des Klassenkampfs betreffen.

Gegenwärtige Probleme des Klassenkampfs

Dass verschiedene Diskussionsstränge eines kritischen Marxismus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts keineswegs einer grauen Theorie angehören müssen, sondern im Ringen um das Verständnis unserer Gegenwart aktualisiert werden können, sollen dann die letzten Kapitel des Bandes zeigen. Hier sind Analysen zu gegenwärtigen Veränderungen von Klassenverhältnissen in Zeiten digitaler Infrastrukturen und Arbeitsverhältnisse sowie zu neoliberalen Regierungstechnologien versammelt. Abschliessend kommen Perspektiven einer neuen Klassenpolitik zum Zuge.

In einem pointierten Essay plädiert Tithi Bhattacharya dafür, eine „Relationalität der Kämpfe“ anzuvisieren. Das bedeutet, keinem Kampf, in dem die Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse infrage gestellt wird, prinzipiell das Potential abzusprechen, eine allgemeine verändernde Kraft zu entfalten, „ob er nun am Arbeitsplatz beginnt oder ausserhalb“, sondern nach seinen je spezifischen Wirkungen in der selbst in Veränderungen begriffenen „Gesamtheit der sozialen Beziehungen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft“ zu fragen (S. 457f.). Alex Demirović formuliert in diesem Sinne eine Position gegen die fatalen Frontstellungen der Debatten um Identitäts- und Klassenpolitik.

Hierüber wird deutlich: Eine emanzipatorische Politik kann sich nicht darin beruhigen, Klassenbildungen sichtbar zu machen oder marginalisierte Muster der kulturellen Identifikation zu repräsentieren, sondern versucht ihren herrschaftlichen Charakter abzuschaffen. Die dafür notwendige Politisierung von Identitäten wird so in ihrer Ambivalenz kenntlich: Die Anrufung der Kämpfenden als bestimmte Subjekte kann noch in einer Wendung gegen das Bestehende zur Zementierung und herrschaftlichen Ausrichtung der Lebensweisen beitragen.

Es wäre der Auswahl insgesamt jedoch etwas mehr Entschiedenheit zu wünschen gewesen. Den Abdruck einer in diesem Auszug unleserlich gewordenen Passage aus dem vieldiskutierten Buch „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon hätte man sich sparen können. Gleiches gilt für die nur halbherzige Behandlung des Klassenverständnisses von Antonio Negri durch einen ausgewiesenen Negri-Kenner und -Hasser. Insbesondere die hinteren Kapitel kennzeichnet jenseits der hier angeführten Thesen ein etwas unausgegorener Mix, der den vorhergehenden Texten kaum gerecht wird. Ein Zeugnis eben jener theoretischen Schwäche, gegen die der Band antritt? Ebenso kann hierin die Aufforderung erkannt werden, mit dem theoretischen Rüstzeug weiterzumachen.

Dafür ist den hier versammelten Beiträgen zu wünschen, was Frigga Haug bezüglich ihrer Marx- und Engels-Lektüre schreibt: „Es braucht Unruhe und Bewegung, um eine Auftreffstruktur zu finden, die Erkenntnis einschlagen lässt wie einen Blitz. Es braucht konjunkturelles Glück.“ (S. 378) Ohne anhaltende glückliche Begegnungen bleiben auch die vielversprechendsten theoretischen Kraftakte vergebens. Dass der Band in digitaler Form auch kostenfrei erhältlich ist, wird der Möglichkeit solcher Begegnungen nicht schaden.

Ivo Eichhorn
kritisch-lesen.de

Mario Candeias (Hrsg.): Klassentheorie. Vom Making und Remaking. Argument Verlag, Hamburg 2021. 558 Seiten. ca. 24.00 SFr. ISBN 978-3-86754-517-4

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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