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Louie Läuger: Gender-Kram Geschlechtsidentität für alle

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Wer eine Einführung zum Thema Geschlecht sucht, kann dicke Bücher wälzen oder diesen Sachcomic lesen.

English Queernes, gender.
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Bild: English Queernes, gender. / Ali Asgar (CC BY-SA 4.0 cropped)

18. August 2020

18. 08. 2020

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In Panama und Peru dürfen aufgrund von Corona-Schutzmassnahmen an bestimmten Wochentagen nur „Frauen“, an anderen nur „Männer“ aus dem Haus. Dies scheint nicht allzu viele Menschen zu schockieren. Die heutige Gesellschaft ist entlang der Geschlechterlinien von „Männern“ und „Frauen“ durchstrukturiert: beim Umkleiden im Sportverein, beim Brillen-Einkauf, bei der Anrede, bei Verhaltenszuschreibungen. Durchbrechen Menschen diese Binarität, werden sie lächerlich gemacht oder als Ausnahme, Gefahr oder gar etwas Krankhaftes dargestellt.

Hass, Ausgrenzungen, Diskriminierung, Gewalt und das Absprechen grundlegender Rechte sind oft Folge dieser Struktur. Um nur einige Beispiele zu nennen: In Polen gibt es „LGBT-freie Zonen“, in Ungarn gilt seit Kurzem als Geschlecht nur noch das bei Geburt zugewiesene und auch Vornamen dürfen nicht mehr geändert werden. In Deutschland und Österreich sind Genitalverstümmelungen an Inter*kindern weiterhin legal.

Veränderbare Realitäten?

„Über das eigene Geschlecht nachzudenken, ist schon schwer genug. Das Geschlecht von anderen nachempfinden wollen? Scheint manchmal unmöglich.“ (S. 8) Doch das müssen wir, wenn sich Geschlechterpraktiken ändern und die damit einhergehenden Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen ein Ende finden sollen.

Bei dieser Aufgabe hilft Louie Läugers Comicbuch „Gender-Kram“. Es beschreibt leicht verständlich und mit einem differenzierten Blick die verschiedenen Ebenen des Themas „Geschlecht“. Eine wichtige Rolle spielt hier das Konzept der Intersektionalität, also der

„Vorstellung, dass die Diskriminierungserfahrungen einer Person aus der individuellen Überschneidung mehrerer Ebenen entstehen. Beispiel: Die Erfahrung einer Schwarzen, lesbischen Frau ist ganz anders als die einer weissen Frau im Rollstuhl. Obwohl sie die Ebene von ‚Frau-Sein‘ teilen.“ (S. 15)

Während die meisten Bücher zum Thema Gender Intergeschlechtlichkeit höchstens am Rande thematisieren, findet sich hier gleich in Kapitel 2 ein längerer und sehr informativer Abschnitt dazu. Unter Geschlechtsidentitäten werden zunächst die Begriffe cis- und trans*geschlechtlich erklärt. Läuger stellt dar, was Trans*gender bedeutet und geht erst danach auf die Geschlechtsidentitäten „Mann“ und „Frau“ ein. Die Reihenfolge unterläuft hier die sonst praktizierte Norm, die Geschlechtsidentitäten „Frau“ und „Mann“ in den Mittelpunkt zu stellen.

Wie viele Geschlechtsidentitäten braucht der Mensch?

„Gender-Kram“ präsentiert über 50 Geschlechtsidentitäten. Auf den ersten Blick fragt mensch sich, was diese lange Auflistung soll und fühlt sich vielleicht sogar abgeschreckt (was Lesenden mit einer Affinität zu Listen anders gehen mag). Doch unter jeder Geschlechtsidentität stehen zwei bis drei gezeichnete Personen, die in Sprechblasen über ihre Geschlechtsidentität „reden“. Läuger hat dazu innerhalb eines Jahres über 100 Menschen zu ihrem Geschlecht befragt.

Dass jeder Mensch eine Geschlechtsidentität nach aussen hin kommunizieren oder zeigen will, sollte daraus jedoch nicht geschlossen werden: „Du wirst immer mal Menschen treffen, die entweder kein Label verwenden wollen oder dir ihre Geschlechtsidentität nicht sagen möchten.“ (S. 98) Auch ist die Liste, wie Läuger selbst sagt, „unvollständig“ und sollte nicht dazu verwendet werden, „um die Identität von anderen zu bestimmen“ (S. 74). Doch die Aussagen der Befragten machen persönliche Erfahrungen greifbar. Das liest sich um einiges spannender und zugänglicher als rein theoretische Erklärungen und eignet sich darüber hinaus als Liste zum Nachlesen ausgewählter Identitäten.

Was war dein Pronomen?

„Wie wir reden prägt unsere Vorstellungen und Wahrnehmung von der Welt um uns herum. Und wie wir über die Welt denken, hat direkte Auswirkungen darauf, wie die Welt ist.“ (S. 177) Deshalb fügt Läuger einige sehr hilfreiche Seiten über Sprache ein. Neben geschlechtergerechten Schreib- und Sprechweisen geht es hier auch um die Anerkennung und Nutzung selbstbestimmter Namen und Pronomen. Auch das hat mit Sprache zu tun und ist gar nicht so kompliziert: Genau so wie wir uns Namen merken können, können wir uns auch Pronomen merken. Und wenn wir das Pronomen einer Person vergessen, fragen wir nach – so wie wir es bei Namen auch tun.

Doch vielen fällt es schwer, anzuerkennen, dass das bei Geburt zugewiesene Geschlecht nicht immer eindeutig und korrekt ist. Läuger hilft auch hier weiter und erklärt: „Klar, Körper sind biologisch verschieden […], aber Körperteile in zwei Boxen zu sortieren und die eine ‚Mann‘ und die andere ‚Frau‘ zu nennen, das haben wir uns so überlegt. Wir hätten uns auch ein anderes System ausdenken können.“ (S. 22) Als Beispiel wartet Läuger mit einer Einteilung in sechs Geschlechter aufgrund verschiedener geschlechtlicher Merkmale auf. Um zu zeigen: „Die meisten Menschen passen nicht exakt in eine unserer zwei Kategorien.“ (S. 23) Genauso wenig, wie sie zwangsläufig in eine von Läugers sechs Kategorien passen.

Der Vergleich, dass es etwa genauso viele intergeschlechtliche Menschen gibt wie Rothaarige, ist zwar etwas unglücklich gewählt, doch ansonsten sind Läugers Argumente sehr einsichtig. Während sich vieles problemlos nachrecherchieren lässt, wäre bei manchen Angaben allerdings ein Quellennachweis hilfreich gewesen. Auch ist die Liste von Büchern unter „Ressourcen“ am Buchende etwas kurz ausgefallen und enthält vor allem englische Buchtitel. Hier fehlen einige wichtige, weiterführende deutschsprachige Bücher. Doch alles in allem handelt es sich hier um einen sehr empfehlenswerten Comic. Er zeigt, dass Geschlechtervielfalt Realität und Bereicherung ist. Und er hilft Lesenden dabei, einen ungezwungenen und respektvollen Umgang mit Menschen jeglichen Geschlechts zu finden.

Katja Anton Cronauer
kritisch-lesen.de

Louie Läuger: Gender-Kram. Illustrationen und Stimmen zu Geschlecht. Unrast Verlag, Münster. 232 Seiten, ca. SFr 24.00. ISBN 978-3-89771-327-7

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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