Lajos Kassák: VIII. Kommune Revolution als Blaupause sozialer Bewegungen

Sachliteratur

Dieses Jahr ist beim Verlag Edition AV das Buch „VIII. Kommune“ von Lajos Kassák erschienen.

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Foto: Cover zum Buch.

3. Oktober 2021
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Es handelt sich um den achten Band der autobiographischen Reihe „Ein Menschenleben“, in dem der Autor seine Gedanken, Empfindungen und Beobachtungen im Kontext seines politisch-künstlerischen Schaffens während der Umbruchphase in Ungarn schildert. Ein wichtiges Zeitdokument, das erst durch diese Publikation dem deutschen Leser zugänglich wird.

Lajos Kassák war in Ungarn Herausgeber einer avantgardistisch-politischen Zeitschrift, als 1919 dort die Revolution und nach dem Abdanken der bürgerlichen Regierung dann die „Räterepublik“ ausgerufen wurde.

Im Buch schildert der Autor, eindringlich verstärkt durch die Ich-Perspektive, und trotz seiner persönlichen Betroffenheit auf nüchtern-objektive Weise, wie die sozialistische Bewegung anfangs euphorisch startete, um dann nach und nach an inneren Konflikten und äusseren Widersprüchen zu zerbrechen.

Kassák begreift sich selbst als „Sozialist“, als Mensch unter Menschen auf der Suche nach Wahrheit, und grenzt sich zugleich heftig von politischem Idealismus, aufkommender Bürokratie und opportunistischer Vetternwirtschaft ab. Er beschreibt, wie die Menschen um ihn herum sich der Ideologie aus Eigennutz unterordnen oder kopflos dagegen rebellieren, und erkennt dabei fast resigniert, wie schwierig es ist, den Menschen zu einem selbstverantwortlichen und denkenden Individuum zu erziehen.

Sein höchstes Gut ist in jeder Situation, seinen Überzeugungen treu zu bleiben, und sich dennoch nicht abzukapseln, nicht dogmatisch zu agieren, sondern an der politischen Gestaltung der „Kommune“ auf seine Weise mitzugestalten und so unnötigen Schaden abzuwenden. In seinen tagebuchartigen Erzählungen scheint durch, wie er sich angesichts des aufkommenden Faschismus innerhalb der linken Regierung hilflos, traurig und verzweifelt fühlt, in seinen Worten: „Wie viel leichter wäre das Leben, wenn man sich nicht für alles verantwortlich fühlen würde […]?“

Aber Lajos Kassák fühlt sich für alles verantwortlich, im positivsten Sinne ohne Schuld, immer mit der impliziten Frage, wie und was er in dieser Welt, an dieser Stelle beitragen kann. Damit ist er auch einsam.

Er und sein Schicksal sowie der historische Kontext kommen dem Leser in diesem Augenzeugenbericht plastisch nahe, und eben dadurch werden auch die Ereignisse von 1919 und den Folgejahren greifbar und quasi von innen heraus verständlich.

Nicht zuletzt lesen sich seine Erfahrungen auch in der heutigen Zeit als Musterbeispiel für andere „Wandelbewegungen“, die sich vielleicht in Umfang, Ausrichtung und Gewaltbereitschaft unterscheiden, aber letztlich ebenfalls mit ähnlichen inneren Konflikten konfrontiert sind und darum eben dem eigenen Anspruch nicht dauerhaft gerecht werden können. Eine wichtige Publikation auch heute noch von höchster Relevanz.

Lina Schmidt

Lajos Kassák: VIII. Kommune. Verlag Edition AV, Bodenburg 2021. 217 Seiten, ca. SFr 22.00. ISBN 9783868412321