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Kristin Ross: Luxus für alle | Untergrund-Blättle

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Kristin Ross: Luxus für alle «Laboratorium für politische Erfindungen ... unter der Fahne der Weltrepublik»

Sachliteratur

Mir scheint, dass die Ideen der Loslösung von Staatskonzepten in der kommenden Zeit sehr wichtig sein wird.

Pariser Kommune 1871 beim Sturz der Colonne Vendôme, Mai 1871.
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Pariser Kommune 1871 beim Sturz der Colonne Vendôme, Mai 1871. Foto: André Adolphe Eugène Disdéri (PD)

21. April 2021
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Als Öffnung und Ansatz zu wirklich umfassenden Änderungen, die das Leben, nicht nur das Überleben, betreffen: Gesundheit, Ernährung, Glück, Freiheit, Recht auf Zentralität und Mobilität, Recht auf Erkenntnis, auf Diversität, auf Bildung, auf Teilhabe, auf „LUXUS“! Nach dem letzten Jahr mit einer unter vielen Menschen verschärften Staatstreue, Verengung von Perspektiven, Aufgabe von Autonomie, ist es jetzt vielleicht Zeit, wieder frisch und offensiv in eine diverse gedankliche und praktische Auseinandersetzung mit der Anti-Staatlichkeit zurückzukehren.

In diesem Zusammenhang fand ich die Beschäftigung mit zwei Büchern und zwei historischen Ereignissen inspirierend: einmal eine Geschichte der spanischen Revolution 1936 - nicht wegen der bitteren Tragik ihrer Niederschlagung im Bürgerkrieg, sondern wegen des ungeheuren Selbstbewusstseins der „Klasse“, für die ein nicht-staatlicher, nicht-institutioneller Weg der Selbst-Befreiung selbstverständlich war.

In der Hinsicht ist die 750 Seiten schwere „Durruti“-Biographie von Abel Paz grossartig, weil sie in so vielen Details und Diskussionsprozessen der ersten dreissig Jahre des 20.Jahrhunderts aufzeigt, wie dieses Selbstbewusstsein entwickelt und als einzige Möglichkeit der individuellen und kollektiven Selbstermächtigung erfahren wurde. Das Buch erschien auf deutsch erstmalig 1994 und wird als Neuauflage gerade in der Edition AV vorbereitet. Abel Paz selbst kämpfte als 15 Jähriger in der anarchistischen Verteidigung der Revolution, musste nach Francos Sieg fliehen, wurde interniert, und schrieb 1962 bis 1972 an diesem Werk als eine Art Selbstvergewisserung über die Essenz und die Entstehung der sozialen Bewegung.

Die Diskussionen in den Versammlungen und in den Publikationen der spanischen revolutionären Proletarisierten, Unterdrückten, Ausgeplünderten drehten sich um den dezentralen Föderalismus, die strikte Ablehnung des Staates, die Bildung von Assoziationen und Komitees bei der Arbeit, in den Stadtvierteln, um Attentate, Anschläge, um das freie Zusammenleben, die Volksbildung.

Die Praxis und die Schlussfolgerungen aus den Erfahrungen der Pariser Kommune von 1871 lebten wieder auf: Durch die Emissäre der Internationale wurden die Ideen verbreitet, weitergetragen und jeweils vor Ort diskutiert. Diese geschichtliche und aktuelle Internationalität bereicherte die direkten Lebenserfahrungen, verstärkten das Bewusstsein der „Welt“. Der Begriff des libertären Kommunismus wurde in und nach der Kommune geprägt und von den spanischen Revolutionären übernommen.

Der Schwerpunkt der gesellschaftlichen Aktion und Organisation lag, gemäss den Ideen der Kommune und denen der spanischen Revolution, in autonomen lokalen Einheiten, die in einer weltumspannenden Föderation kooperierten. Das bedeutete die Lossagung vom Staat, von der Nation, von den „Sitten und Gebräuchen“ der „alten Welt“, vom Eigentum an Grund und Boden sowie den Produktionsmitteln, vom Handel ... Die freie Kommune umfasste (anders als die Fabrik und die Arbeiterorganisationen) auch Frauen, Kinder, die Bauernschaft, Alte und Arbeitslose. Sie war anti-national und international ausgerichtet.

Dazu passt wunderbar das gerade erschienene Buch von Kristin Ross Luxus für alle. Die politische Gedankenwelt der Pariser Kommune, in dem auf schmalen 180 Seiten die „Grundideen“ der Kommune beschrieben werden, wie sie während der 72 Tage 1871 verwirklicht, aber gedanklich erst in den folgenden zehn Jahren genauer gefasst wurden, insbesondere von Elisée Reclus, Paul Lafarge, William Morris und Pjotr Kropotkin.

Ross bezeichnet die Kommune als "Laboratorium für politische Erfindungen ... unter der Fahne der Weltrepublik …" Die „Logik der Emanzipation“ müsse von der „Logik der Institutionen“ getrennt werden. Die Logik der Institution sei immer die endlose Reproduktion ihrer selbst.

„Das Ende des auf Klassenverhältnissen beruhenden Luxus eröffnet einen vollkommen neuen Ausblick auf gesellschaftlichen Reichtum.“ Die Dialektik von Erfahrung und Erkenntnis wurde in der Reflexion über die Kommune „die gegenseitige Durchdringung von Tat und Gedanke“ genannt.

Mit der Kommune wurde die Vorstellung von gesellschaftlicher Umwälzung geprägt, die mithilfe umfassender freiwilliger Föderation lokaler, freier Assoziationen geschieht und diese zum gesellschaftlichen Organisationsprinzip erhebt.

Das Modell der Kommune bedeutete: „wiederentdecken, dass das wahre Geheimnis des Glücks in einem Interesse an allen Einzelheiten des täglichen Lebens besteht, die man zur Kunst erhebt, anstatt ihre Ausführung unbeachteten Arbeitstieren zu überantworten.“ (William Morris) Die Kommune ist somit "ein Synonym für eine Gruppe von Gleichen, die weder Grenzen noch Mauern kennt.“ Und was die Beziehung zur „Erde“ betrifft, hier dieses schöne Zitat von Reclus: "Der Mensch ist nicht mehr - und nicht weniger - als die zum Bewusstsein ihrer selbst gelangende Natur.“

Diese erfrischende Kompromisslosigkeit kann hoffentlich noch einmal breit anregen, über die Formen der Förderung der kommunitären Selbständigkeit in einer Welt aus regionalen Produktionseinheiten, einer dezentralen aber vernetzten Globalität nachzudenken. Ohne die Abschaffung des Staates und des Privateigentums an Boden und Produktionsmitteln wird das allerdings nicht gehen, das zeigen alle Erfahrungen der niedergemetzelten Revolutionen.

Hanna Mittelstädt

Kristin Ross: Luxus für alle. Übersetzt aus dem Englischen von Felix Kurz. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2021. 203 Seiten. ca. SFr. 24.00. ISBN: 978-3-75180-324-3

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