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Kerem Schamberger: Vom System zum Netzwerk | Untergrund-Blättle

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Kerem Schamberger: Vom System zum Netzwerk Gegenöffentlichkeit unter widrigen Bedingungen

Sachliteratur

Wie sich Journalist*innen kurdischer Medien unter repressiven Bedingungen organisieren und dazu beitragen, Gegenmacht aufzubauen.

Medienarbeit in Kurdistan, Juli 2015.
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Medienarbeit in Kurdistan, Juli 2015. Foto: YPG Photo - Voice Of America (PD)

12. Januar 2023
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In seiner Dissertation spürt Kerem Schamberger der transformatorischen Kraft des kurdischen Mediennnetzwerks nach. Von dem trockenen Titel „Vom System zum Netzwerk“ darf man sich nicht abschrecken lassen, denn das Herz dieser Arbeit sind lebendige und anschauliche Interviewpassagen kurdischer Medienschaffender, die leidenschaftlich für eine andere Erzählung von Objektivität und Freiheit eintreten.

Vor dem Hintergrund der Verfolgung, Assimilation und Auslöschung wurde das Ausleben kurdischer Kultur oder das Sprechen kurdischer Dialekte in vielen Siedlungsgebieten der Kurd*innen selbst zu einem Akt des Widerstands, macht Schamberger deutlich. Infolgedessen bildeten sich in den letzten 130 Jahren drei einflussreiche kurdische Mediennetzwerke, die unter den Bedingungen von Genoziden, Krieg und Verfolgung Medienarbeit leisten. Diese drei Netzwerke sind eng an politische Akteurinnen geknüpft. Namentlich sind das die beiden Parteien der kurdischen Autonomieregion im Irak, PUK und KDP sowie die über die geographische Region Kurdistan hinaus tätige kurdische Freiheitsbewegung. Letztere nimmt einen zentralen Platz in der Arbeit Schambergers ein.

Die drei Akteurinnen stehen untereinander in einem politischen Konkurrenzverhältnis, dessen Konflikte mitunter auch militärisch ausgetragen werden. Aus diesem Grund ist kurdischer Journalismus nicht nur an Parteien und Bewegungen gebunden, sondern auch an die jeweiligen Militärs, die Journalist*innen der eigenen Netzwerke schützen sowie die Tätigkeit der Medienschaffenden anderer Netzwerke verhindern können.

„…also machen wir unsere eigene Presse“

Die Frage, was es heisst, kurdisch zu sein, will man nicht dem politischen Gegner überlassen. Die Freie Presse, wie sich die Medien, die der kurdischen Freiheitsbewegung nahestehen, selbst bezeichnen, verfolgt das Ziel, ein eigenes Narrativ aufzubauen. Es geht beispielsweise darum, türkische Kriegsverbrechen aufzuklären oder kurdische Protestierende sichtbar zu machen. Der Journalist Ferda Cetin erklärt im Interview: „Sie leugnen uns, berichten nicht über uns, also machen wir unsere eigene Presse.“ (S. 459) Zum Selbstverständnis dieser Journalist*innen gehört eine Medientheorie, die die kurdische Erfahrung von Assimilation und Unterdrückung durch nationalstaatliche Akteure mitdenkt und auf den Theorien von Abdullah Öcalan fusst. Ihr Freiheitsverständnis beruht darauf, sich ausserhalb kapitalistischer, nationalstaatlicher und bürgerlich-männlicher Normen zu organisieren. Sie sind also „oppositioneller Natur und verbreiten ihre Vorstellungen von gesellschaftlichem Zusammenleben“ (S. 503).

Schamberger schreibt, dass „[v]iele JournalistInnen, vor allem bei Medien der kurdischen Freiheitsbewegung, […] ein aktivistisches Selbstverständnis [haben], das die eigene Arbeit als Beitrag zur Befreiung Kurdistans sieht“ (S. 287) oder darauf abzielt „die Situation der KurdInnen zu verbessern, weil sie selbst dazugehören und oft Verfolgung am eigenen Leib erlebt haben“ (S. 541). An mehreren Stellen macht er deutlich, dass das Leben in permanenter Repression und unter der Bedrohung der Auslöschung zur Parteinahme zwingt, egal ob Künstler*in, Journalist*in, Politiker*in oder Angehörige*r.

Repression und Gewalterfahrung durch Nationalstaaten sind gleichzeitig eine Triebkraft für den kurdischen Journalismus. Wo immer ein Medium geschlossen wird, Journalist*innen inhaftiert oder getötet werden, wird es Menschen geben, die nachfolgen und die Arbeit übernehmen. So berichtet Habibe Eren im Interview: „Damals wurden so gut wie alle Freunde, die in den Nachrichtenagenturen gearbeitet haben, eingesperrt. Aber was ist passiert: Sie haben sie zwar eingesperrt, aber es sind neue Menschen nachgekommen, sie machen weiter. Ich denke nicht, dass sie uns mit den Schliessungen kleinkriegen“ (S. 372).

Die Summe an Repression führt Schamberger zufolge nicht zu Resignation, sondern zu verstärkter transnationaler Arbeit. Er beschreibt, wie Journalist*innen, die zur Migration gezwungen werden, problemlos an anderen Orten tätig werden oder andere Funktionen übernehmen. Das Fundament, auf dem diese Transnationalität bei der kurdischen Freiheitsbewegung möglich wird, ist ein geteiltes politisches Selbstverständnis. Der Journalist Cemal Turan berichtet im Interview: „Ich bin ein parteiischer Journalist, und zwar so: meine Front verläuft an der Seite der unterdrückten Völker, Arbeiter*innen, Migrant*innen und Glaubensrichtungen, das hat bei meiner Realitätskonstruktion Priorität.“ (S. 488) In ähnlicher Weise beschreiben auch andere Journalist*innen ihre Rolle. Hewal Aslan, Moderatorin bei Media Haber TV sagt: „[D]u musst einen Gerechtigkeitssinn haben, dazu gehören, einen Standpunkt haben. […] Es verlangt Gewissen und das Gefühl von Nähe, von Dazugehörigkeit.“ (S. 511)

Zusammenfassend zieht sich durch die gesamte Arbeit, dass Parteinahme für diese Journalist*innen nicht heisst, Propaganda zu betreiben, sondern eine tatsachenbasierte Berichterstattung aus der Perspektive der Unterdrückten zu leisten. Das, was den kurdischen Journalismus der Freien Medien ausmacht, lässt sich nicht auf Ethnie beschränken, sondern ist an Werte gekoppelt, die journalistisch vermittelt werden sollen. Es geht darum, „Werte wie Gleichberechtigung, die Emanzipation von Frauen und Solidarität mit allen Ausgebeuteten und Unterdrückten“ (S. 516) zu transportieren.

Let the subaltern speak!

Die eigene Medienarbeit wird in der kurdischen Freiheitsbewegung als emanzipatorisches Projekt verstanden. Es geht um Selbstveränderung und Gesellschaftsveränderung. Das zeigt sich nicht zuletzt in der kollektiven Arbeits- und Lebensweise der Freien Presse, die Schamberger beschreibt. Journalist*innen des Mediennetzwerks leben häufig in Wohngemeinschaften. Sie kochen und arbeiten zusammen. Das hat nicht nur ökonomische Gründe, obwohl die Arbeitsbedingungen durchaus als prekär beschrieben werden können. „Diese Arbeits- und Lebensweise ist […] auch ein Mittel in der Ausbildung eines Menschen mit einem ,kollektiven Bewusstsein’“ (S. 419), erklärt Baki Gül im Interview. Auf der anderen Seite ziele, so Schamberger, der Journalismus auch darauf ab, eine kollektive Identität zu schaffen, indem kurdisches Leben sichtbar gemacht wird. Diese Aufgabe fokussiert zum einen Mobilisierung, zum anderen aber auch die Herstellung von Handlungsfähigkeit. Was das heisst, beschreibt Schamberger anhand eines Beispiels, in dem die Co-Vorsitzende der KCK (Union der Gemeinschaften Kurdistans) einen kurdischen TV-Sender dafür kritisiert, dass dieser nur aus offiziellen Gesprächen der Syrien-Verhandlungen in Genf berichte, anstatt über Proteste und Stimmen aus der Bevölkerung. Dieses Beispiel richtet den Blick auf zwei Elemente, die für politische und journalistische Arbeit erkenntnisreich sind. Der journalistische Fokus auf das Verhalten und Fehlverhalten wichtiger politischer Akteur*innen schafft zwar Information, aber keine Handlungsfähigkeit. Auf bundesdeutsche Debatten bezogen, könnte das heissen: Es ist nicht falsch, sich auf Twitter über die Dreistigkeit von Christian Lindner zu beschweren, der die Frechheit besitzt, Menschen, „Gratismentalität“ zu unterstellen, weil sie auf günstigen öffentlichen Verkehr und das 9-Euro-Ticket angewiesen sind. Aber wichtiger wäre es, Stimmen aus der Bevölkerung zu zeigen, die sich gegen diesen Klassenkampf von oben organisieren. Dort wird Handlungsfähigkeit hergestellt. Eine Aufgabe emanzipatorischer Medienarbeit muss es sein, diese Handlungsfähigkeit sichtbar zu machen und damit zu stärken.

Aufgrund dieser Arbeitsweise hat die Freie Presse einen sehr direkten Zugang zur Bevölkerung. Ihre Journalist*innen stellen sich in den Dienst der Menschen. Darin zeige sich auch eine gewisse Haltung der Demut, die es im deutschen Journalismus selten gibt: „Man lebt und arbeitet […] auf Kosten des Volkes und spürt dabei die Verantwortung, die einem als Journalist aufgebürdet wird“ (S. 473), fasst Schamberger zusammen. Umgekehrt heisst das aber auch, dass Journalist*innen auf die Unterstützung der Bevölkerung zählen können. Ein eindrückliches Beispiel dafür liefert der Autor mit dem Bericht von Fethi Balaman, der während eines Städtekriegs bei einer kurdischen Familie untergebracht war. Als er nachts wach wurde, sah er die Mutter des Hauses am Fenster stehen. Sie hielt dort die ganze Nacht Wache, um ihn vor der Polizei zu schützen.

Populare Übersetzungsarbeit

Die gewählten Interviewpassagen und biographischen Erzählungen des Buches sind nicht nur anschaulich, sondern zeichnen den konkreten Widerstand und das Selbstverständnis von zumeist „parteiischen“ Journalist*innen nach, ohne dass es propagandistisch wirkt. Gleichzeitig lässt der deskriptive Charakter der Arbeit eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem westlich-hegemonialen Journalismusverständnis vermissen. Zwar wird anhand der Interviews deutlich, welche Kritik kurdische Medienschaffende an den Institutionen bürgerlicher Demokratien haben; die Diskussionsstränge zur Objektivität innerhalb des westlichen Journalismusverständnisses und der systemischen Eingebundenheit westlicher Medien wird vom Autor nicht weiterverfolgt. Hierzu lässt er lediglich seine Expert*nnen sprechen. Mit den Interviews leistet Schamberger allerdings eine doppelte Übersetzungsarbeit, die nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell ist. Empathisch zeigt er auf, wie die eigene Geschichte Menschen bewegt und wie sie zugleich versuchen, die Geschichte in Bewegung zu versetzen. Insofern dokumentiert diese Arbeit auch zeitgenössische transformatorische Momente.

Schamberger schliesst mit seiner Dissertation eine Forschungslücke in der Medienforschung, indem er den Journalismus der kurdischen Freiheitsbewegung ins Zentrum seiner Arbeit stellt. Sein politisches Engagement, das er als Kommunist und Internationalist „[i]mmer an der Seite der Unterdrückten, Armen und Verfolgten“ (nach der Selbstauskunft auf seiner Homepage) sieht, und eine ideologische Nähe zur kurdischen Freiheitsbewegung ermöglichten ihm diesen Zugang. Zugleich prägt diese Nähe auch das Wissenschaftsverständnis, das dieser Dissertation zugrunde liegt. Schliesslich erfolgte die gesamte Forschung auch aus einem politischen Standpunkt heraus. Dieser Standpunkt schadet der Arbeit nicht. Schamberger beschreibt in seiner Dissertation anschaulich Selbst- und Gesellschaftsverhältnisse, aber auch Prozesse des Machtaufbaus, indem er zeigt, wie kurdische Journalist*innen Gegenöffentlichkeit und damit Gegenmacht unter widrigen Umständen schaffen. Schliesslich sind Medien „ein Werkzeug im Kampf um die Definitionsmacht“ (S. 374).

Die Arbeit Schambergers macht deutlich, dass es eine grosse linke Erzählung braucht, um eine wirkmächtige gemeinsame Identität aufzubauen, die Menschen an eine solidarische Vision bindet. Diese gemeinsame Identität kann durchaus plural sein, so wie es auch die Kurd*innen sind. Schliesslich teilen sie viele Religionen, Sprachen und Länder – im doppelten Sinn. Der Kampf der kurdischen Freiheitsbewegung geht über ethnische Unterdrückung weit hinaus und umfasst Widerstand gegen viele Formen der Gewaltherrschaft. Eine grosse Stärke des Buches liegt darin, dass authentisch beschrieben wird, wie dieser Widerstand im Subjekt und kollektiv aufgebaut wird. Eine europäische Linke kann sich beim Lesen dieser Arbeit davon inspirieren lassen und an Handlungsfähigkeit gewinnen.

Franziska Stier
kritisch-lesen.de

Kerem Schamberger: Vom System zum Netzwerk. Medien, Politik und Journalismus in Kurdistan. Westend Verlag, Frankfurt 2022. 616 Seiten. 68.00 SFr. ISBN: 9783949925023.

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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