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Katharina Karcher: Sisters in Arms. Militanter Feminismus in Westdeutschland seit 1968. | Untergrund-Blättle

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Katharina Karcher: Sisters in Arms. Militanter Feminismus in Westdeutschland seit 1968. Der militante Teil der Frauenbewegung

Sachliteratur

Feminismus und Frauenbewegung sind von Natur aus gewaltfrei – oder etwa nicht?

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Bild: Logo der militanten Frauengruppe «Rote Zora». / Desconhecida (PD)

4. März 2019

04. 03. 2019

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Wie aktuell sogar die Tagesschau berichtet, erleiden Frauen körperliche und sexuelle Gewalt zu 70 Prozent in ihrem eigenen Zuhause. Die meisten Opfer kennen den Täter. Entweder leben sie in demselben Haushalt oder dieser kommt aus dem räumlichen und sozialen Umfeld. Häusliche Gewalt hat eine enorme Dimension: Alle zwei bis drei Tage wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner getötet. Öffentliche Aufmerksamkeit erhält dies in vielen Fällen nur, wenn es sich bei dem Täter um einen geflüchteten Menschen handelt.

Nach Erkenntnissen der EU-Grundrechte-Agentur hat jede dritte Frau in der Europäischen Union seit ihrer Jugend schon körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt – das sind etwa 62 Millionen Frauen. Gewalt gegen Frauen betrifft folglich nicht nur Einzelne, sondern ist ein strukturelles, alle Frauen betreffendes Problem. Das ist einer von vielen Gründen warum Frauen anfingen sich zusammen zu schliessen und militant zu Wehr zu setzen. Katharina Karcher untersucht in ihrem Buch „Sisters in Arms. Militanter Feminismus in Westdeutschland seit 1968“ diese Thematik nun erstmals systematisch am Beispiel der linksradikalen Frauengruppe „Rote Zora“.

Frauen erhebt euch und die Welt erlebt euch!

Der Kampf gegen Gewalt gegenüber Frauen war ein zentrales Agitationsfeld der Feminist*innen der Neuen Frauenbewegung seit den 1970er Jahren. Einige Frauen, die sich angesichts dieser bedrohlichen Lage nicht mit friedlichem Protest begnügen wollten, fanden in der Gruppe Rote Zora zusammen.

„Die Rote Zora war überzeugt, dass Frauen keine andere Wahl hatten, als sich mit Gewalt gegen die offenen und versteckten Formen von Gewalt, mit denen sie sich in patriarchalen Strukturen konfrontiert sahen, zur Wehr zu setzen“ (S. 111).

Die Aktivist*innen der Roten Zora träumten davon,

„dass es überall kleine Frauenbanden gibt – wenn in jeder Stadt ein Vergewaltiger, ein Frauenhändler, ein prügelnder Ehemann, ein frauenfeindlicher Zeitungsverleger, ein Pornohändler, ein schweinischer Frauenarzt damit rechnen und sich davor fürchten müsste, dass eine Bande Frauen ihn aufspürt, ihn angreift, ihn öffentlich bekannt und lächerlich macht“ (S. 108).

Der Band ist die erste umfangreiche Untersuchung von konfrontativen und militanten Taktiken in den Aktivitäten der Feminist*innen nach dem 2. Weltkrieg. Karcher fokussiert sich auf drei Themenfelder, die entscheidend für die Rote Zora waren: der Kampf gegen das Abtreibungsverbot, Gewalt gegen Frauen und sexistische Werbung sowie internationale Frauensolidarität. Die Aktivist*innen betrachteten, „die Ausbeutung von Frauen als eine der frühesten und am weitesten verbreiteten Formen der Unterdrückung und als Herrschaftsprinzip der westlichen Gesellschaft“ (S. 106). Dass feministische Protestaktionen in Westdeutschland kreativ und provokativ waren, ist bereits weithin anerkannt. Wenig Wissen besteht allerdings über die vielfältigen militanten beziehungsweise konfrontativen Aktionen gegen sexistische Unterdrückung: So übernahm allein die Rote Zora zwischen 1977 und 1988 die Verantwortung für 45 Brand- und Bombenanschläge, bei denen sie bewusst nur Sachschäden verursachten.

Neben Erläuterungen zur Geschichte und den Aktivitäten der Roten Zora hat das Buch einiges zu bieten: einen geschichtlichen Rückblick auf die politische Entwicklung des linken Milieus und der Neuen Frauenbewegung in Deutschland und daran anknüpfend die Aufarbeitung diverser militanter feministischer Proteste. Sie gibt einen fast schon intimen Einblick in die Organisation von und Sichtweisen auf Feminismus in der radikalen Linken, der RAF und der Bewegung 2. Juni. Ausserdem räumt sie mit den sexistischen und pathologisierenden Erklärungen auf, die Öffentlichkeit und Politik für das militante Handeln von Frauen erhoben und teilweise immer noch erheben.

Der damalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Günter Nollau behauptete 1971 etwa, dass die Beteiligung von Frauen an der RAF einen „Exzess der Befreiung der Frau“ (S. 85) darstelle. Anders als bei den männlichen Mitgliedern der militanten Linken, wurde Frauen das Handeln aus politischer Überzeugung heraus abgesprochen. Es wurden dabei höchst widersprüchliche „Gründe“ für feministische Militanz ausgemacht: Dass Frauen entweder „emotional und irrational seien und von Natur aus dazu neig(t)en Gewalt anzuwenden“ (S. 93), oder dass sie „moralisch verdorben, geistig krank oder auf andere Weise abweichend von ‚normalen‘ Frauen“ (ebd.) wären. Politische Überzeugung als Grund für das Handeln schien undenkbar.

Feministische Militanz

Mit dem Begriff der „feministischen Militanz“ legt Karcher ein konzeptionelles Instrument für die Untersuchung der Rolle von auf Konfrontation abzielenden Taktiken und politischer Gewalt bei feministischen Kampagnen vor. Diese Aktivitäten verdienen Aufmerksamkeit, weil durch sie kritische Debatten über den Spielraum und die Grenzen feministischen Protests innerhalb der Frauenbewegung ausgelöst wurden. Dadurch wird das Verständnis von feministischem Aktivismus um Formen, die gemeinhin als gewalttätig gelten, erweitert.

Damit widerspricht Karcher einem weiteren sexistischen Stereotyp, nämlich jenem, „dass feministischer Protest notwendigerweise friedlich ist, und dass er somit automatisch gute, moralisch einwandfreie Politikformen signalisiert“ (S. 206). Sie gliedert den militanten feministischen Widerstand wieder in die Welle von feministischen Aktivitäten der Neuen Frauenbewegung und der radikalen Linken ein, aus der dieser entstanden ist. Die Studie ermöglicht es, einzelne militante Aktionen getrennt voneinander zu beurteilen. Dies ist auch notwendig, da richtigerweise bezweifelt wird, „dass die Anwendung gewalttätiger Taktiken immer destruktiv und ineffektiv, gewaltloser Protest jedoch immer nützlich und ungefährlich ist“ (S. 207).

Ganz nebenbei räumt Karcher auch mit der wissenschaftlich seit jeher unhaltbaren „Hufeisentheorie“ auf, die einen Extremismus von Rechts mit linker Militanz gleichsetzt, und damit Todesopfer rechter Gewalt mit Sachbeschädigung aufrechnet. Originale Fotografien von Bekenner*innenschreiben der Roten Zora, Fotos von Demonstrationen, Flugblätter und Zeitungscovern vermitteln ein Gespür für die damalige Zeit und unterbrechen den Lesefluss auf angenehme Weise. Insgesamt ist das Buch sehr zu empfehlen. Es ist spannend zu lesen – bei wissenschaftlichen Studien durchaus eine Besonderheit – und erweitert das Verständnis für die Frauenbewegung in all ihren Facetten.

Cordula Trunk
kritisch-lesen.de

Katharina Karcher: Sisters in Arms. Militanter Feminismus in Westdeutschland seit 1968. Übersetzt von: Gerhild Ahnert / Annemarie Künzl-Snodgrass. Assoziation A, Berlin 2018. 240 Seiten. ca. 24.00 SFr, ISBN 978-3-86241-464-2

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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