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Hat „der” Feminismus ein Klassenproblem? | Untergrund-Blättle

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Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag Hat „der” Feminismus ein Klassenproblem?

Sachliteratur

Ein Buch über das weitgehend ignorierte Thema der Klassenunterschiede in feministischen Bewegungszusammenhängen und Formen des Eingreifens.

Margitaw
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Bild: Margitaw (CC BY-SA 4.0 cropped)

31. August 2016

31. 08. 2016

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Julia Rosshart beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit einem Thema, das – nicht nur in „der" feministischen Linken – bisher weitgehend unbearbeitet, wenn nicht gar grob vernachlässigt geblieben ist. Obwohl klassistische Diskriminierungen in fast allen Strukturen des täglichen Lebens zu finden sind, wird Klassismus innerhalb politischer, aktivistischer Zusammenhänge kaum problematisiert. Rosshart widmet sich dieser Leerstelle und liefert damit „eine bewegungsgeschichtliche Aufarbeitung und Interpretation vergangener feministischer anti-klassistischer Binneninterventionen, die in der BRD (potentiell) wirksam waren“ (S. 15). Sie geht damit also der Frage nach, wie Klassenunterschiede innerhalb von feministischen Bewegungszusammenhängen der 1980er und 1990er Jahre thematisiert und problematisiert wurden.

Dabei liegt ihr Fokus auf dem konkreten Eingreifen, auf ganz gezielten Aktivitäten und klar formulierter Kritik, die erfahrene Klassenrealitäten und (bewegungs-)alltäglichen Klassismus benennen und gegebenenfalls herausfordern. Zugleich liefert die Publikation wichtige Einblicke in die Wirkungsmacht von Klasse beziehungsweise Klassismus in der zeitgenössischen Frauen-/Lesbenbewegung. Im Mittelpunkt stehen dabei die persönlichen Erfahrungen von feministischen Akteurinnen* mit bestehenden Klassenunterschieden innerhalb der Bewegungszusammenhänge und ihre damit verbundenen binnenkritischen Interventionen. Gemeint sind hiermit Veränderungsversuche in unterschiedlichen Formen: Es wurde diskutiert, Texte wurden geschrieben, Proll-Lesbengruppen gründeten sich, ein Umverteilungskonto wurde ins Leben gerufen.

„Prolo Dykes Making Real Change“: Anti-klassistische Interventionen

In sechs Interpretationskapiteln arbeitet Rosshart unterschiedliche Formen anti-klassistischen Eingreifens heraus. In zwei weiteren Kapiteln geht es ergänzend um Interventionen in Hochschule und Wissenschaft sowie um andere nationalstaatliche Bewegungszusammenhänge (USA und Niederlande). Als Quellen dienen der Autorin dabei Interviews und Gespräche mit damaligen Protagonistinnen* sowie umfangreiche Recherchen in Zeitschriften, Protokollen, Programmheften und so weiter. Die von ihr herausgestellten Interventionsformen umfassen: schriftliche Kritik, Verteilen von Flyern, redaktionspolitische Strategien (in Bezug auf die Redaktion einer konkreten Zeitschrift), die Bildung identitätspolitischer Gruppen, selbstorganisierte Veranstaltungen, die Herausbildung einer kollektiven politischen Identität, mündlichen Austausch in klassengemischten Kleingruppen, klassengemischte Workshops und schliesslich die Einrichtung eines Umverteilungskontos durch eine Berliner Proll-Lesbengruppe.

Im Falle des Kontos handelte es sich um eine ganz konkrete Intervention durch die Umverteilung von Geld: Vergleichsweise reiche Lesben zahlten anonym Geld ein, welches wiederum anonym abgehoben werden konnte. Dafür wurden bereits unterschriebene Schecks ausgegeben, in die ein frei wählbarer Betrag eingetragen werden konnte. Das System funktionierte „offenbar erfolgreich und massgeblich auf Grundlage gegenseitigen Vertrauens“ (S.147).

Rosshart führt an, dass die von ihr zusammengetragenen Interventionen entweder von FrauenLesben (gemeint sind damit Lesben und Heteras) mit nicht-akademischer Klassenherkunft oder von diesbezüglich gemischten Kleingruppen angestossen wurden. Ausschlaggebend für verschiedene Interventionen waren häufig Diskriminierungserfahrungen entlang der Kategorie Klasse, vor allem wenn diese mit einer Tabuisierung oder Ignoranz von Seiten klassenprivilegierter Feministinnen* einhergingen. Ein Beispiel für die Thematisierung von Klassenunterschieden ist folgendes Zitat aus einem Flyer (ohne Datum, zwischen 1990 und 1991) der Proll-Lesben-Gruppe:

„Auffallend ist, dass alle Proll-Lesben, mit denen wir geredet haben, schon einmal an dem Punkt waren, an sich zu zweifeln (bin ich denn wirklich politisch ... ??), oder von anderen kritisiert wurden auf Grund ihrer nicht so kopflastigen Herangehensweise. Wir müssen lernen uns so einzubringen, wie wir sind und nicht die Normen + Werte der ‚anderen‘ einfach übernehmen“ (S. 140).

Dafür, dass sich dieses Problem bis heute alles andere als erledigt hat, findet Rosshart klare Worte:

„Kämpfe um Wissensbildungen gegen Herrschaftsverhältnisse (inklusive Kapitalismus) stossen meines Erachtens aber rasch an ihre emanzipatorischen Grenzen, wenn sie jene oder einen Teil jener aus den Arenen der Wissensbildung und Politik ausschliessen, an den Rand drängen, nicht wahrnehmen, ignorieren oder abwerten, um die es dabei vorgeblich (auch) geht“ (S. 31).

Rossharts Arbeit liefert einen sehr guten Einblick in historische und aktuelle Diskurse und den Forschungsstand, wobei immer wieder Rückbezüge auf den feministischen Bewegungsalltag gemacht werden. Dabei gelingt es ihr, die Akteurinnen* und ihre Interventionen in den Mittelpunkt der Forschung zu stellen, sie als Expertinnen* ernst zu nehmen und sich von ihren Diskursen leiten zu lassen.

Obwohl Begrifflichkeiten und Sprachreglungen generell klar und ausführlich erläutert werden, bleiben einige Begriffe ohne genaue Definition. So wird Klassismus beispielsweise als „eines von mehreren Herrschaftsverhältnissen“ (S. 23) angeführt. Als Leserin* sucht man auch erfolglos nach einer klaren Klassendefinition oder der Herausarbeitung eines eigenen Klassenbegriffs. Diese fehlende Klarheit wird von der Autorin selbst reflektiert. Die begriffliche Unschärfe liegt hier aber vor allem an Rossharts Forschungsansatz, die Aktivistinnen* und ihre jeweiligen Definitionen in den Mittelpunkt ihrer Analysen zu stellen. Dahinter steht der Versuch, „auf totalisierende Ansprüche an Theorie zu verzichten und Konkurrenz- und Vereinnahmungslogiken zu durchbrechen“ (S. 48).

Class matters – Der Feminismus hat ein Klassenproblem!

Rosshart attestiert dem Feminismus aufgrund seiner Akademisierung ein Klassenproblem und fordert zu mehr konkreter Kapitalismuskritik auf: „Wie können die Fäden zwischen Klassismuskritik und Kritik an kapitalistischen Arbeits-, Verteilungs- und Ausbeutungsprozessen weitergesponnen und verdichtet werden, analytisch und aktivistisch?“ (S. 460)

Sie plädiert dafür, Klassendimensionen in den Blick zu nehmen und offen zu sein für Menschen, die keine akademische Klassenherkunft besitzen und trotzdem – oder gerade deswegen – das Spektrum des Feminismus erweitern und bereichern können. Mehr noch: Möchte der Feminismus eine gesellschaftliche Relevanz haben und den Interessen aller Frauen* Rechnung tragen, ist er auf die Erfahrung und Perspektiven dieser Frauen* angewiesen. Fallstricke, die es zu vermeiden gilt, sind hierbei unter anderem Paternalismus, (subtile) Abwertung und abschätzige Blicke der Klassenprivilegierten auf Feministinnen* nicht-akademischer Herkunft.

Die Autorin hält die Lesenden dazu an, aktiv zu werden und unbequeme Fragen zu stellen: Wer hat Zugang zu feministischen Debatten? Wer produziert Theorie und prägt Begriffe? In welchen Worten und mit welcher Sprache werden feministische Ideen vermittelt? Welche Klischees und Vorurteile finden sich in Bezug auf Nicht-Studierte, Gastarbeiterinnen*, „die Unterschicht“, Erwerbslose und so weiter? In welchen Räumen finden Veranstaltungen statt, und wie sind diese inhaltlich gestaltet? Rosshart konstatiert: „All diese und viele weitere Fragen – die sich gleichermassen auch für linke Theorie und Praxis stellen – haben eine Klassendimension. Es gibt noch viel zu tun“ (S. 460).

Ganz gewiss hat die Autorin diesbezüglich mit ihrer Arbeit einen bedeutenden Beitrag geleistet und wichtige Anknüpfungspunkte für weitere Auseinandersetzungen mit Klassismus – auch oder vor allem – in (feministischen) Bewegungszusammenhängen genannt. Fraglich bleibt dabei allerdings, wie zugänglich Rossharts Forschungsarbeit für Aktivistinnen* mit nicht-akademischer Herkunft ist, beziehungsweise inwieweit der Transfer ihrer Forschungsergebnisse in ausseruniversitäre Zusammenhänge möglich ist.

Zugegebenermassen ist dies eine quasi unerfüllbare Anforderung an eine Dissertation und kann der Autorin nicht zur Last gelegt werden. Zudem verweist sie selbst mehrfach auf die zutiefst klassistische Struktur der Institution Hochschule und nennt unter anderem „bildungsbürgerliche Dominanzen“ (S. 19) als Grund für die Verdrängung und Tabuisierung von Klassismus im Kontext Hochschule/Geschlechterforschung. Ganz bewusst habe sie sich deswegen „für eine Dezentrierung akademischen Wissens“ (S. 56) entschieden, in dem sie den Fokus eben nicht auf akademisches, sondern auf Bewegungswissen lenkt. Diese Herangehensweise zieht sich konsequent durch Rossharts Arbeit. Sie lässt sich somit auch als eigene Interventionsform lesen: Auch wenn die klassistischen Strukturen der Institution Hochschule bestehen bleiben, schafft die Autorin es, diese in einem universitären Kontext zu kritisieren und – durch die Fokussierung auf nicht akademisches Wissen – ein Stück weit zu öffnen.

Lena Hezel / kritisch-lesen.de

Julia Rosshart: Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag. w_orten & meer, Berlin 2016. 576 Seiten. ca. 24.00 SFr, ISBN 978-3-945644-06-5

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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