Politische Theorie des Anarchismus Ein Hinweis in eigener Sache

Sachliteratur

Buchbesprechungen zu meiner kürzlich erschienenen Publikation wären von anderen Personen zu schreiben.

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11. Juni 2024
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Über Rezensionen – und die Rezeption meiner Arbeit – würde ich mich sehr freuen. Da ich einen ziemlich dicken Wälzer publiziert habe und das dementsprechend wohl noch etwas auf sich warten lässt, möchte ich als regelmässiger Autor von untergrundblättle.ch an dieser Stelle nur einen Hinweis auf mein Buch geben und die Gelegenheit nutzen, einige Gedanken im Hintergrund und drumherum offen zu legen.

Der Titel meiner Dissertation an der Friedrich-Schiller-Universität Jena lautete: „Figuren der (Anti-)Politik im Anarchismus“. Diese habe ich vor anderthalb Jahren verteidigt und Anfang April diesen Jahres beim Transcript-Verlag veröffentlicht. Mein Titel-Vorschlag „(Anti-)Politik. Zum paradoxen Politikbegriff im Anarchismus“ wurde dabei abgelehnt, vielleicht, weil dieser zu „Anti“ klang. Dies muss ich vorweg sagen, denn selbstverständlich erhebe ich nicht den Anspruch, „die“ politische Theorie des Anarchismus schlechthin zu repräsentieren oder erarbeitet zu haben.

Im Rahmen dessen habe ich auf etwas über 400 Textseiten jedoch recht ausführlich skizziert und ausgeführt, wie eine zeitgemässe politische Theorie des Anarchismus aussehen kann. Um dies zu bewerkstelligen, habe ich die Beobachtung zum Ausgangspunkt genommen, dass das Verständnis von Politik im historischen wie im zeitgenössischen Anarchismus widersprüchlich erscheint. Bei umfangreicher Beschäftigung damit kann es tatsächlich zutreffend als paradox bezeichnet werden.

Dies liegt jedoch nicht daran, dass anarchistische Denker*innen zu kurz greifen. Vielmehr zeigt sich darin die Widersprüchlichkeit von Politik im Spannungsfeld. Einerseits wird Politik als politisches Herrschaftsverhältnis verstanden, welches vom Staat monopolisiert, zentralisiert, autoritär und hierarchisch ausgestaltet wird. Andererseits wird das Politische der staatlichen Herrschaft gegenübergestellt und verweist auf Begriffe wie Autonomie, Selbstorganisation, Selbstverwaltung und Selbstbestimmung, die in herkömmlichen politischen Kategorien nicht zu erfassen sind – und diese aufbrechen.

Die politische Theorie des Anarchismus grenzt sich von den politischen Institutionen, Verfahren und Akteur*innen der bestehenden staatlich-kapitalistischen Herrschaftsordnung ab und stellt sich in den Dienst emanzipatorischer sozialer Bewegungen. Dazu muss sie eine Distanz zur politischen Theorie und Ideengeschichte und verwandten Fachgebieten herstellen, welche zu weiten Teilen Wissen generieren, um verschiedene Formen politischer Herrschaft zu legitimieren, zu reproduzieren oder zu reformieren. In meinem Buch habe ich – dem verwendeten postanarchistischen Ansatz gemäss – nach Wegen in-gegen-und-jenseits des vorfindlichen politischen Denkens gesucht, um einige wichtige Aspekte der Theorie des Anarchismus abzubilden und zu erneuern.

Das Buch ist in sechs Kapiteln gegliedert. Im ersten umreisse ich den Gegenstand und das Thema. Interessant sind dabei Beobachtungen in aktuellen sozialen Bewegungen, sowie explizit gegen die Politik gerichteten Aussagen in Quellen des klassischen Anarchismus – welche sich übrigens in allen seinen Strömungen finden. Im zweiten Kapitel geht es um die Methode und Theorie. Darin beschäftige ich mich mit Paradoxien, zeige, wie der Arbeitsbegriff „Antipolitik“ in anderen Ausprägungen vorkommt und entwerfe mit einer skeptischen Herangehensweise ein anarchistisches Politikverständnis, welches ich als (ultra-)realistisch, gouvernemental, negativ-normativ und konfliktorientiert charakterisiere.

Im dritten Kapitel untersuche ich das Streben nach Autonomie und damit die paradoxe Bezugnahme auf den Politikbegriff im anarchistischen Individualismus, Kommunismus und Syndikalismus. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass die unterschiedlichen Strömungen im Anarchismus dennoch einen gemeinsamen Modus in ihrem Verhältnis zur Gesellschaftstransformation aufweisen.

Die freudvoll-paradoxe Herangehensweise bildet sich auch in mehreren, anhaltenden Kontroversen innerhalb anarchistischer Szenen ab. Daher untersuche ich im vierten Kapitel jene zwischen Individualismus und Kollektivismus, die trotz der sehr verschiedenen Positionierungen in diesem Spannungsfeld letztendlich auf den Versuch hinausläuft, eine „gemeinschaftliche Individualität“ abzubilden und Selbstbestimmung zu realisieren.

Pluralistisch ist der Anarchismus zudem in seinen Ansätzen zur Gesellschaftstransformation, welche als mutualistische Selbstorganisation, Revolte&Subversion, autonome Bewegung und soziale Revolution bezeichnet werden können. Diese vier Ansätze widersprechen sich nicht, sondern können sich im Gegenteil sehr sinnvoll ergänzen. So zeige ich im fünften Kapitel auf, dass das Transformationskonzept der sozialen Revolution aufgrund seiner Komplexität und seines holistischen Anspruchs ebenfalls als paradox bezeichnet werden kann. Schliesslich fasse ich meine Gedanken im sechsten Kapitel zusammen und hebe sie noch einmal auf eine höhere Stufe, indem ich sie synthetisiere.

Noch umfassender als das Buch war der Arbeitsprozess. Die viereinhalb Jahre des Lesens, Konzipierens und Schreibens waren (durchschnittlich) lang, anstrengend und vereinzelnd. Umso mehr freue ich mich, im Sinne der Sache - das heisst meines Eintretens für anarchistische Projekte und Szenen -, meine Überlegungen zugänglich zu machen. Ich hoffe, dass Menschen sie finden können, um mit ihnen weiterarbeiten und sich an ihnen abarbeiten können.

Hauptsächlich habe ich dabei an Studierende gedacht, welche ohnehin neugierig auf den Anarchismus sind, aber wenn sie darüber Hausarbeiten schreiben, meisten nur auf sehr alte, schwer zu verwertende oder englischsprachige Literatur zurückgreifen können. Statt dass sie den hundersten Text zum Denken Kropotkins, Wirken Goldmans oder dem Spanischen Bürgerkrieg verfassen, wollte ich mit meinem Buch den Horizont drüber weiten, was es im anarchistischen Denken noch alles gibt. Für alle Interessierten am anarchistischen Denken habe ich Spuren ausgelegt, nach denen sie ihre eigenen Wege damit finden können.

Aus diesem Grund habe ich mich dafür entschieden, mein Buch bei einen kommerziellen Wissenschaftsverlag zu publizieren. Dadurch steht es open access zur Verfügung und gelangt unkompliziert in die Bibliotheken. Das Geld dafür habe ich privat aufgebracht, da ich keine institutionelle Anbindung habe und mich sonst keine Stiftung darin unterstützen wollte. Sicherlich ist auch dies ein Widerspruch, den ich nach schwerer Abwägung aus strategischen Gründen in Kauf genommen habe. Für Menschen, die ähnlich ticken und gesinnt sind wie ich, kann ich dies aber nicht weiterempfehlen. Doch mit dem Anliegen, für den Anarchismus öffentlich einzutreten, schien es für mich auch keine Lösung zu sein, meine Gedanken in den vorhandenen Szenekreisen zu belassen. Ich verstehe mich als Teil von diesen, aber auch als Intellektueller, der zwischen verschiedenen Sphären vermittelt, um Veränderungen im grossen Ganzen anzustossen.

Ich denke, dass das Buch seine Wege finden und an der einen oder anderen Stelle Menschen inspirieren wird. Dazu platziere ich die Inhalte, welche ich erarbeite, unter meinem Klarnamen. Wie alle Menschen, die intensiv und kontinuierlich bestimmten Aktivitäten nachgehen, freue ich mich, wenn ich dafür Rückmeldung erhalte, gegebenenfalls Wertschätzung und (echte) Kritik zu erhalte. Vor allem geht es mir aber darum, Diskussionen mitzugestalten, wozu es mir sinnvoll erscheint, dabei erkennbar aufzutreten.

Die betrifft die Tätigkeiten einer expliziten Positionierung als anarchistische Person im Bereich der theoretischen Beschäftigung, ebenso wie mein bisheriges Wirken als Lehrbeauftragter an Unis und Referent in Szenekreisen. Wirklich kritisch denken und Menschen begeistern kann nur, wer keine Karriere anstrebt, bereit ist, zu provozieren und wem es auch sonst mehr um die Sache, als um das eigene Ansehen geht. - Das gilt für mich im akademischen Rahmen und Zusammenhängen von Theoretiker*innen ebenso wie in der „linken Szene“ und im persönlichen Umfeld.

Anarchismus ist für mich ein Bündel politisch-weltanschaulicher Projekte, von ethischen Haltungen und Formen der Organisierung sozialer Bewegungen. In jüngster Zeit werden mir dabei Fragen nach anarchistischen Ansätzen zur drängenden Gesellschaftstransformation immer wichtiger. Mit anderen Worten geht es im Anarchismus selbstverständlich vor allem darum, Dinge zu bauen, aufzubegehren, Beziehungen zu gestalten, Hierarchien zu kritisieren, präfigurativ Alternativen aufzuzeigen, widerständig zu leben und direkte Aktionen hervorzubringen. Theoretiker*innen denken in der Regel darüber nach – und in den seltensten Fällen vor – was diese Handlungen bedeuten, wie sie strukturierter und emanzipatorischer stattfinden, wie sie zielgerichteter und kontinuierlicher ablaufen können.

Mit anderen Worten fordere ich Anarchist*innen nun keineswegs auf, zu studieren, sich in Theorie-Zirkeln im Kreis zu drehen oder dem Irrglauben zu erliegen, sie hätten die besseren „Lösungen“ für alle Fragen. Die theoretische Beschäftigung mit dem anarchistischen Denken, dient im Wesentlichen zur Reflexion darüber, was ohnehin existiert und damit zur Selbst-Bewusstwerdung der eigenen Projekte. Wenn mein Buch dazu für einige ein Anstoss ist, wäre meine Absicht damit erfüllt.

Jonathan Eibisch

Jonathan Eibisch: Politische Theorie des Anarchismus. transcript Verlag 2024. 462 Seiten. ca. SFr. 68.00. ISBN: 978-3-8376-7183-4.

Das Buch steht hier frei zum Download verfügbar.