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Holger Wilcke: Illegal und unsichtbar? | Untergrund-Blättle

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Holger Wilcke: Illegal und unsichtbar? Unsichtbar bleiben?

Sachliteratur

Mit welchen Strategien Illegalisierte ihren Alltag bewältigen und die Gesellschaft verändern.

3. September 2018

03. 09. 2018

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Wie viele Menschen in Deutschland in der aufenthaltsrechtlichen Illegalität leben, ist nicht klar. Zuverlässige Zahlen gibt es – fast schon selbsterklärend – nicht: Menschen, die in Deutschland illegalisiert sind, setzen auf Strategien der Unsichtbarkeit. Nicht umsonst wird auch (gerade im Englischen) von undokumentierten Migrant*innen oder undocumented migrants gesprochen. Sie vermeiden es, entdeckt zu werden, um Abschiebungen zu entgehen. Das bedeutet aber auch, dass sie ihr Leben anders bewältigen müssen als Menschen mit gesichertem Aufenthaltsstatus.

So wird ihnen der Zugang zum regulären Arbeits- oder Wohnungsmarkt verwehrt. Auch ärztliche Besuche stellen ein Problem dar, da hier zumeist sensible Daten an Ausländerbehörden weitergegeben werden oder schlicht die Krankenversicherung fehlt. Und schliesslich können sich auch vermeintliche Kleinigkeiten wie Fahrscheinkontrollen oder zufällige Begegnungen mit der Polizei zum grossen Problem entwickeln. Daher nutzen Illegalisierte bewusst verschiedene Strategien, um ihr Leben und ihren Alltag bewältigen zu können. Sie teilen ihre Informationen und Wissen und finden Zugang zu Wohnungs- und Arbeitsmarkt, zu Schulen und zu Krankenhäusern.

Diese Lebensrealitäten von Illegalisierten in Deutschland beschreibt Holger Wilcke in seiner Studie. Diese ist einerseits empirisch gestaltet und greift auf viele Interviews mit Betroffenen zurück. Andererseits ist es aber auch eine theoretisch sehr anspruchsvolle Arbeit, die mitunter ein gewisses Vorwissen in wissenschaftlichen Debatten voraussetzt.

Wilcke verdeutlicht einerseits, dass Illegalisierte Teil der Gesellschaft sind – wenn auch zumeist unsichtbar. Und dass sie, auch wenn sie selten öffentlich sprechen oder wahrgenommen werden, dennoch handelnde Subjekte sind, die sich Rechte nehmen, die ihnen eigentlich verwehrt werden. Wodurch sie in letzter Konsequenz auch wieder Gesellschaft verändern.

Die Autonomie der Migration als gesellschaftsverändernde Kraft

Ausgangspunkt und theoretischer Rahmen ist das Konzept der Autonomie der Migration mit dem Politikverständnis von Jacques Rancière. Dieser beschreibt, dass es in einer Gesellschaft immer Anteilslose gibt, deren Sprachakte nicht wahrnehmbar sind und die damit in der hegemonialen Ordnung ausgeschlossen und unsichtbar bleiben. Diese Annahmen verbindet Wilcke mit der im Konzept der Autonomie aufgeworfenen Frage, wie Migration die bestehende gesellschaftliche Ordnung verändert. Nicht nur Migration allgemein wird hier als Ausgangspunkt gesellschaftlicher Veränderung gedacht.

Vielmehr sind Illegalisierte die Protagonist*innen gesellschaftlicher Transformation. Deren Praxen sollen daher als Ausgangspunkt dieser Veränderungen analysiert werden. Denn, so argumentiert Wilcke wieder mit Bezug auf Rancière, gesellschaftliche Veränderung findet dann statt, wenn die Ausgeschlossenen ihre Anteile einfordern. Genau dieses Einfordern und das Verändern von Gesellschaft ist der zentrale Punkt von Wilckes Buch. Auf den ersten Blick scheint es zwar widersprüchlich, wie Illegalisierte, die auf Strategien der Unsichtbarkeit zurückgreifen, ihre Forderungen öffentlich formulieren sollen. Im weiteren Verlauf argumentiert Wilcke jedoch, dass gerade das Unwahrnehmbarwerden die Konstitution von politischer Subjektivität ermöglicht.

Nicht nur legt das Buch seine Theorie-Werkzeuge dar, es erläutert auch die Hintergründe von Illegalisierung und Entrechtung im Zusammenhang mit Aufenthaltspolitik und wie Illegalität konstruiert wird. Gleichzeitig wird auch gezeigt, wie Gesellschaft auch aufgrund migrantischer Kämpfe ihre Beschaffenheit erhält. Eine solche Auseinandersetzung wird mit der Geschichte von Gewerkschaften und deren Engagement für Illegalisierte (oder deren Ausschluss) erzählt.

Von grösster Bedeutung waren hier vor allem Interventionen in die Gewerkschaften hinein, etwa von Seiten der Gesellschaft für Legalisierung oder Respect Berlin, worüber sich auch Illegalisierte selbst äussern konnten. Die Formen der Intervention ermöglichten ihnen, gehört zu werden, ohne gleichzeitig persönlich zu sichtbar zu werden und sich in Gefahr zu begeben. Über die Auseinandersetzung mit deutschen Gewerkschaften macht Wilcke am deutlichsten sichtbar, was er mit gesellschaftlicher Transformation durch Illegalisierte beziehungsweise Anteilslose meint. Gerade die Verschiebung der Position (von zumindest Teilen) der Gewerkschaften zu illegalisierter Arbeit veranschaulicht das gesellschaftsverändernde Potential von Migration.

Veränderung geht aber nicht nur von Migration selbst, sondern auch von Migrant*innen aus. Der Fokus liegt deshalb auf den Lebensrealitäten von Menschen ohne Aufenthaltsstatus und wie sich Illegalität auf ihren Alltag auswirkt. Die Analyse strukturiert Wilcke entlang von unterschiedlichen Lebensbereichen: Wie weit etwa transnationale soziale Netzwerke eine Rolle für die Bewältigung des Alltags spielen, aber auch wie sich Sexismus und Rassismus auf ihr Leben auswirken.

Verbindungen zu Familie und Freunden in den Herkunftsländern sind wichtiger Teil des Alltags von Illegalisierten. Sie unterstützen Menschen, die ihnen nahe sind – und empfangen selbst wiederum von diesen Unterstützung. Illegalisierte können aber auch – unabhängig von Aufenthaltsstatus – direkt von sexistischen oder rassistischen Angriffen betroffen sein. Der Unterschied ist aber, dass sie diese nur sehr viel schwerer sichtbar machen können, da über allem die ständige Gefahr schwebt, abgeschoben zu werden.

Wilcke gelingt es, die Entrechtung und den Alltag aus der Perspektive der Migrant*innen selbst zu beschreiben. Er arbeitet insbesondere mit vielen direkten Zitaten aus geführten Interviews – was die Betroffenen selbst zu Wort kommen lässt. So entsteht ein klareres Bild über die Probleme, die mit fehlendem Aufenthaltsstatus einhergehen, aber auch über Handlungsmacht und Strategien von Illegalisierten, die die Bewältigung des Alltags möglich machen. Deutlich wird auch, wo Ausschlüsse und Hürden im alltäglichen Leben auftreten, die sich nur aus der Erfahrung von Illegalisierten erkennen lassen.

Sichtbar werden, unsichtbar bleiben?

Treffend beschreibt Wilcke auch die Ambivalenz der Praxen von Illegalisierten. Denn Sichtbarwerden bedeutet immer auch ein Risiko für Menschen, die von Abschiebung bedroht sind. Doch das Potential zur Veränderung liegt eben nicht nur im Sichtbarwerden, sondern äussert sich in den Alltagspraxen, die eben nur für Betroffene (und Menschen, denen sie das erzählen) sichtbar sind. Teilhabe muss nicht unbedingt eingefordert werden, sie kann sich auch einfach angeeignet werden.

Hier kehrt Wilcke wieder zu Rancière zurück und präsentiert, wie Illegalisierte Gesellschaft verändern. Auch dieses Aneignen von Rechten, das nicht mit Forderungen verbunden sein muss, ist politisch. Denn: Illegalisierte nehmen sich ihre Rechte. Sie arbeiten, haben Wohnungen, gehen zum Arzt und schicken ihre Kinder zur Schule. Und darüber werden sie zu einem aktiven und partizipierenden Teil der Gesellschaft.

Gerade mit Blick auf den zunehmend schwierigeren Zugang zu Asyl und einer immer restriktiveren Migrationspolitik und geplanten Abschiebeoffensiven sind die Perspektiven und Strategien von Illegalisierten besonders wichtig. Nicht nur um zu sehen, wo Gesellschaft Menschen ausschliesst, sondern auch um zu fragen, wie sich Gesellschaft verändern lässt.

Michael Jungwirth / kritisch-lesen.de

Holger Wilcke: Illegal und unsichtbar? Papierlose Migrant*innen als politische Subjekte. Transcript Verlag, Bielefeld 2018. 280 Seiten, ca. SFr 42.00. ISBN 978-3-8376-4197-4

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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