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Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst | Untergrund-Blättle

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Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst Boomer auf Reflexionskurs

Sachliteratur

Kürzlich las ich Harald Welzers Buch Nachruf auf mich selbst. Meine Motive waren zugegebenermassen rein egoistisch: Ich wollte wissen, wie man ein Buch schreibt, in dem es einerseits um Gesellschaftstransformation geht und das andererseits eine hohe Auflage erzielt.

Harald Welzer am Wissenschaftsforum der Universität Konstanz, März 2015.
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Bild: Harald Welzer am Wissenschaftsforum der Universität Konstanz, März 2015. / Ziko van Dijk (CC BY-SA 4.0 cropped)

2. Februar 2022
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Korrektur
Weil ich aber weiss, dass für letzteres anderes dazu gehört, als vor allem ein paar kluge Gedanken anschaulich und mitnehmend zu formulieren, habe ich mein Anliegen schnell aufgegeben und mich so gut es ging auf den Inhalt eingelassen.

Das ist allerdings insofern nicht so leicht, als dass man es offenbar, wenn man ein Buch von Harald Welzer liest, erst mal sehr viel mit Harald Welzer zu tun hat und sich mit ihm auseinandersetzen muss. Klar, er ist ja auch schon auf dem Cover abgebildet und will seine Erzählung lebensnah und anschaulich gestalten. Ausserdem ist er vor nicht allzu langer Zeit, dem Tod von der Schippe gesprungen nach einem Herzinfarkt – nicht der schlechteste Anlass, darüber ein Buch zu schreiben, wenn man ein Intellektueller ist. Aber auch nicht der Beste. Andere Menschen würden dann tatsächlich einfach erst mal aufhören, mit Büchern die Welt erreichen zu wollen.

Inhaltlich stark und weitgehend überzeugend sind vor allem die ersten Abschnitte des Buches, in denen der Autor eine globale, ja, holistische, Vogelperspektive auf die bestehende, staatlich-kapitalistische Gesellschaftsformation in ihrer beschleunigten und selbstzerstörerischsten Phase einnimmt. Sympathie gewinnt er damit, auch gewisse Positionen klar zu beziehen, in dem er etwa den Schwachsinn in jenen Mustern der politisch herrschenden Klasse aufdeckt, dass die Klimaerwärmung mit technologischen Innovationen, marktförmigen Anreizen oder der Individualisierung von Verantwortlichkeit abgemildert werden könnte. Wie neuerdings wieder mehr gesellschaftstheoretisch denkende Menschen, benennt Welzer den grundlegenden Holzpfad, auf welchem sich unsere Zivilisation befindet und verknüpft diese auch mit der Frage nach dem Wesen des Menschen – dahingehend insbesondere mit der Frage nach der Verdrängung des Todes in der Gegenwartsgesellschaft.

Für Anhänger:innen der Postwachstumsbewegung ist das Buch sicherlich ein gelungener Beitrag, um privilegierte soziale Klassen zur Reduzierung ihres Konsumismus in der imperialen Lebensweise zu motivieren. Doch eine echte Klassenposition will Welzer dann leider nicht beziehen – was ihm jedoch manche theoretische Einsicht verbaut und das Buch gegen Ende letztendlich in Kategorien bürgerlicher Moral und Kreisens um die eigene Subjektivität münden lässt. Fairerweise muss ich dazu sagen, dass ich das schon für in Ordnung halte, denn das Überleben eines Herzinfarkts bringt vermutlich durchaus eine milde Altersweisheit mit sich, die vielleicht weniger „radikal“, dafür aber umso mehr „nachhaltig“ zu sein anstrebt.

In Nachruf auf mich selbst, reflektiert ein Boomer – wie der Autor sich auch zurecht selbst bezeichnet – über die nachhaltig zerstörerische Lebensweise seiner Generation und die Katastrophe, in welche seine Enkel und Urenkel hineingeboren werden. Aus meiner Position heraus, stelle ich aber fest, dass das versöhnlerische altersmilde Gequatsche von entschleunigender Weltverbesserung bei mir doch arge Reaktionen auslöst. Und auch wenn Welzer vielleicht nicht mal selbst Auto fährt, repräsentiert er – gewollt oder ungewollt – dennoch eine Generation der vollendeten Verdrängung.

Eine Generation, in welcher Menschen 40 Stunden Arbeitswochen, häufig im male-bread-winner / Hausfrauen-Modell hatten, zwei bis drei Kinder zeugten, Weltreisen entdeckten, von technologischen Innovationen begeistert waren und sich die Durchsetzung des Neoliberalismus noch als Freiheitsgewinn verkaufen liessen und sie mittrugen. Kurz, eine Generation, in der viele Menschen europäischer Mittelschichten ihre psychische Deformation auf luxuriöse Weise kaschieren konnten, sodass die Aussendarstellung makellos aussah. Und ja, sehr viele diese Leute haben gegenwärtig nach wie vor grosse politische Macht inne.

Die gesellschaftlichen Konflikte lassen sich selbstverständlich nicht allein oder gar vorrangig auf Generationenkonflikte reduzieren, zumal Smartphonifizierung, flexible und prekäre Arbeitsbedingungen, Online-Dating und sonstige Selbstinszenierung, die heutige jüngere Generation sicherlich im Durchschnitt nicht vernünftiger werden und holistischer empfinden und denken lässt. Da Welzer diesen Punkt als Wegmarke für Gesellschaftstransformation aufmacht, beziehe ich mich aber die Generationen. Und da empfinde ich tatsächlich vor allem Wut.

Zwar bin ich selbst nicht mehr ganz jung aber es ist die Wut auf die Elterngeneration. Und jetzt mal abgesehen von darin immer auch mitschwingenden persönlichen Konflikten, resultiert sie eigentlich in dem Gedanken, dass es nicht nur eine Verkehrswende weg vom E-Auto braucht. Sondern, dass die vorhandenen Karren, angefangen bei den SUVs schlichtweg abgefackelt werden sollten. Es stimmt, die Rechnung, wie viel CO2 dabei ausgestossen wird, habe ich nicht aufgemacht. Vermutlich wäre es unterm Strich sinnvoller, die Karren zu vergesellschaften und für notwendige Bauarbeiten einzusetzen.

Dennoch möchte ich in diesem Fall meinem Gefühl folgen: Nein, weg mit diesen verlegenen, verlogenen Ausreden und beschissenen „Wir haben es ja damals auch nicht besser gewusst“-Behauptungen. Natürlich wusstet ihr das, ihr alle. Die individuelle Schuldzuweisung hilft da nicht weiter, zumal, wenn man hierbei auch eine Klassenposition bezieht und die Frage aufwirft, wie zerstörerischer Massentourismus, irrsinniger Energieverbrauch, unnötige Plastikwirtschaft, die Leerfischung der Ozeane, die Abholzung der Wälder und so weiter denn tatsächlich implementiert wurden und wem sie vor allem genutzt haben. Dahingehend habe ich kein Bock auf Versöhnung, bescheuertes Herumdrucksen und bürgerlich-dummes schlechtes Gewissen. Auch wenn Welzer dies thematisiert, so wirkt es doch, als wenn er sich das Leben seiner Generation in schönem Licht zurecht schreiben möchte. Als wenn er nun einen altersmilden Ablasshandel eingehen will.

Zur Verantwortung gezogen werden müssen jene, welche den Klassenantagonismus der westlichen Gesellschaften zulasten zerstörter Mitwelt und imperialistischer Ressourcenextraktion, lethargisch gehaltener Proletarier:innen in den Fabriken und migrantischer Arbeitskräfte, durch permanent steigende Wachstumsraten und das damit verbundene vergiftete kapitalistische Warenwunderland übertünchten.

Das Bedürfnis nach Rache ist in diesem Zusammenhang meines Erachtens nach viel verständlicher, als der Volkszorn der meisten immer-schon-gekränkten aggressiven Kleinbürger:innen, die – meist wissentlich - Faschist:innen hinterher laufen bei den Anti-Corona-Massnahmenprotesten. Aber nein, wer über Rachebedürfnis als Ergebnis von reflektierter Erfahrung in der Gegenwartsgesellschaft spricht, diskreditiert sich, ist nicht mehr zulässig für den politischen Diskurs - auch nicht für den linken. Höchstens künstlerisch liesse sich jenes ausdrücken, weswegen der Film „Django Unchained“ von Quentin Tarantino auch so gut und wahr ist.

Im Übrigen entspringt diese Perspektive auch der Erfahrung, dass es eben nicht einfach möglich ist, in einer „freien Gesellschaft“, sich politisch einbringen und Veränderungen anstossen zu können, wie Welzer annimmt. Dies kann mit gutem Grund bestritten werden, ohne, deswegen zu leugnen, dass Herrschaftsordnungen mit bürgerlichen Grundrechten und demokratischen Elementen, sicherlich deutlich bessere Voraussetzungen für eine sozial-revolutionäre Gesellschaftstransformation gewährleisten, als viel stärker repressive und homogenisierende Staaten, wie in Russland, Ungar, Polen, der Türkei usw..

Dementsprechend halte ich auch Welzers Lob des staatlichen Gewaltmonopols mit der an Steven Pinkert anschliessenden Annahme, die Gewalt in der Gesellschaft sei durch dieses kontinuierlich zurückgegangen, für falsch und problematisch. Wenn man die „Kosten“ der Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols (sowohl historisch, als auch alltäglich) in Rechnung stellen würde, gewänne man eine andere Perspektive auf dieses Thema. Und dies gilt auch für das, was in der Absicht des Buches liegt: Eine grundlegende Gesellschaftstransformation, die effektiv durch Polizei, Geheimdienste, Justiz und Militär verhindert wird – ohne sie wäre es schon vor langer Zeit zur Vergesellschaftung von Produktionsmitteln und gegenwärtig schon längst zur Abschaltung von Kohlekraftwerken gekommen.

Welzer ist vor seinem Herzinfarkt mit seiner Weltreichweite offenbar selten überhaupt an Grenzen gestossen. Er hat keine Ahnung, wie es ist, aus einer Position der Minderheit heraus kein Gehör zu finden und marginalisiert zu werden. Er kennt auch nicht jene Grenze, von paranoiden Polizei- und Justizapparaten, die Aktiven in emanzipatorischen sozialen Bewegungen mit Repression überziehen. Das heisst, auch in der Erkenntnis seiner Sterblichkeit, hören wir wieder mal einem weissen selfmade-man zu, anstatt, dass dieser Raum für andere Stimmen gibt.

Nun gut, jetzt meckere ich wieder sehr herum. Vermutlich bin ich einfach nicht in der Generation und der linksliberalen Zielgruppe des Buchs. Sicherlich ist es gut, sich auch den positiven Beispielen für Veränderungen im Kleinen zu widmen, wenn die verbreitete gegenwärtige Lebensweise grösstenteils den Bach herunter geht. Ein sinnvoller Punkt für einen Nachruf (wie Welzer im letzten Kapitel auflistet und erläutert) wäre aber - für fast alle Boomer - gewesen: „Er hat um die Katastrophe eigentlich gewusst – und sie, wie die meisten seiner Generation, dennoch lange Zeit für seine angemasste Weltaneignung und -reichweite verdrängt“. Als auch: „Trotz guter Analyse scheute er sich, radikalere Schlüsse zu ziehen. Wer will es ihm übel nehmen, er hätte sonst seine Reputation verloren.“

Jonathan

Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021. 288 Seiten. 25 SFr., ISBN 9783103971033

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