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Hannah Arendt: Über die Revolution | Untergrund-Blättle

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Hannah Arendt: Über die Revolution Die Verewigung der Revolution

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Wie lässt sich der Geist von Revolutionen verewigen?

Eva und Clara Beerwald mit Hannah Arendt, ca. 1922.
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Bild: Eva und Clara Beerwald mit Hannah Arendt, ca. 1922. / Unknown (PD)

20. Februar 2019

20. Feb. 2019

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Revolutionen hallen selten nach. In jüngster Zeit lässt sich dies vor allem in den Ländern der arabischen Welt betrachten. Im besten Fall führten die dortigen Aufstände zu einem demokratischen Staat wie in Tunesien, im schlimmsten Fall endeten sie in einem langanhaltenden, verlustreichen Bürgerkrieg wie in Syrien. Der eigentlich revolutionäre Geist, der in der Selbstverbrennung von Mohamed Bouazizi und den anschliessenden Erhebungen weiter Gesellschaftsteile seinen Ursprung hatte, ist allerdings hier wie dort verschwunden. Gleiches gilt für eine Reihe anderer Revolutionen der letzten zweihundert Jahre. Die Frage danach, wie sich revolutionären Ideen am Leben erhalten lassen, bildet den Kern von Hannah Arendts Buch „Über die Revolution“.

Freiheit und Befreiung

Dazu arbeitet Arendt die definitorischen Grundlinien des Revolutionsbegriffes heraus und spricht von der „Geburt der Freiheit” (S. 34) als Sinn von revolutionären Bewegungen. Hiermit bezieht sie sich zum einen auf die Verbindung eines Neuanfanges mit der Idee von Freiheit, welche in einer Revolution zum Vorschein kommt. Zum anderen drückt sich darin ein besonderes Verständnis von Freiheit aus. Indem Arendt die kantischen Kategorien von positiver und negativer Freiheit auf die Ziele revolutionären Strebens anwendet, zeigt sie, dass es bei den meisten Volksaufständen viel eher um eine Befreiung von einem Zwangszustand geht als um das nachhaltige Erringen der Möglichkeit freiheitlichen Handelns.

Der “Wille zur Freiheit als einem positiven Lebensmodus” (S. 39) sei dabei vor allem in der Amerikanischen Revolution zu finden. Während die Initiator_innen der Französischen Revolution ihr Handeln als historisch notwendig betrachteten und die „Idee der Freiheit [...] aus dem revolutionären Denken“ (S. 65) verdrängten, betraten die Gründerväter in Amerika im wahrsten Sinne des Wortes Neuland. Nach Arendt führten diese das abgeworfene System der britischen Kolonialherrschaft nicht einfach unter eigener Regie fort, sondern entwarfen eine repräsentative Demokratie auf der Grundlage staatlicher Institutionen, die prinzipiell jede_r Bürger_in die Möglichkeit geben sollten, am politischen Betrieb teilzunehmen oder sich adäquat vertreten zu lassen.

Als Beispiel werden die amerikanischen „townhall meetings“ (S. 154) genannt, in denen politische Entscheidungen öffentlich diskutiert wurden und die somit zur „Gründung der Freiheit“ (S. 184) beitrugen. Auch Senat und Verfassungsgericht gelten Arendt als Institutionen, in denen Freiheit in Form von Teilnahme der Bürger an der politischen Debatte begründet wurde.

Arendt lässt jedoch offen, wie in diesem Zusammenhang die Unterdrückung weiter Bevölkerungsteile zu sehen ist. Sowohl Sklaverei als auch die Ausrottung indigener Völker war in den USA noch lange nach Unterzeichnung der Verfassung allgegenwärtig. Wenn die Gründung von freiheitlichem Handeln für alle Menschen der Kerngedanke der amerikanischen Revolution gewesen sein soll, dann muss geklärt werden, warum diese Exklusionen auftraten. Wie auch in der antiken griechischen Polis, deren „Agora“ (S. 37) Vorbild für Arendts Konzeption einer öffentlichen politischen Debatte ist, war die Teilhabe an diesem gesellschaftlichen Handeln lediglich privilegierten Bevölkerungsgruppen vorbehalten.

Dies zeigt sich auch heute noch, wenn in repräsentativen Demokratien trotz aller emanzipatorischen Fortschritte weiterhin die Rechte von sozialen, ethnischen oder religiösen Minderheiten mühsam erkämpft werden müssen. Es stellt sich somit die Frage, wieso die amerikanische Revolution nach Arendts Verständnis erfolgreich war, obwohl die Gründung der Freiheit nicht für alle Bürger gewährleistet wurde.

Als wichtigen Grund führt Arendt die Bedeutung der sozialen Frage an. So konzentrierten sich die französischen Revolutionäre nach 1789 auf die Bekämpfung des massiven Elends im Land, anstatt ein neues politisches System aufzubauen. Die amerikanischen Gründerväter jedoch mussten sich laut Arendt dieser Frage gar nicht widmen: „Was es in Amerika nicht gab, war Elend und Not“ (S. 85). Auch wenn die Autorin einschränkend zwischen Armut und Elend unterscheidet und ersteres in Amerika durchaus vorhanden sieht, hinterlässt diese Aussage einen bitteren Geschmack.

Angesichts der wirtschaftlichen Not von Immigrant_innen und Einheimischen war die soziale Frage zur Zeit der Revolution in Amerika in ähnlichem Umfang relevant wie in Europa. Aus heutiger Sicht ist die errungene Freiheit letztlich vor allem eine Freiheit der Märkte und führte zu massiver Ungleichverteilung. Inwieweit dieser Aspekt bereits in der verfassungsmässigen Freiheit seinen Ursprung hat, bleibt bei Arendt offen.

Räte als institutionalisierte Revolution?

Der entscheidende Punkt in Arendts Argumentation ist jedoch, dass auch die amerikanische Revolution trotz der erfolgreichen Gründung nicht in der Lage war, den revolutionären Geist dauerhaft zu bewahren. Arendt zufolge sollen Revolutionen nicht nur auf einen Neubeginn abzielen, sondern auch „weiteres Neubeginnen erübrigen“ (S. 299). Zwar erfolgt nun die Gründung der Freiheit durch die amerikanische Verfassung, doch konnte durch diese nicht sichergestellt werden, dass sich die errungene Freiheit verfestigte.

Für Arendt ist paradoxerweise „das Absterben des revolutionären Geistes in Amerika ein Ergebnis der Revolution“ (S. 306), wodurch die öffentliche Freiheit zugunsten der privaten Freiheit zurückgedrängt wird. Dies lässt sich so verstehen, dass sich postrevolutionäres politisches Handeln nicht allein an gesellschaftlichem Interesse orientiert und in öffentlichen Debatten und Diskussionen ausgetragen wird, sondern in erster Linie von privaten Interessen und Parteipolitik geprägt ist. Arendt sieht insbesondere in politischen Parteistrukturen eines der Probleme repräsentativer Demokratien. Das lässt sich mit Blick auf Korruption und Elitenbildung in westlichen politischen Systemen auch nicht von der Hand weisen.

Hieran anknüpfend bringt Arendt ihre eigene Vorstellung einer postrevolutionären Ordnung zum Ausdruck, in welchem die Freiheit bewahrt wird und gleichzeitig die revolutionären Ideen verewigt werden. Durch die Organisation in Räten wird den Interessen des Volkes eine von Parteipolitik unberührte Plattform gegeben. Dies wurde durchaus in der amerikanischen Revolution erwogen. Unter Rückgriff auf Texte von Thomas Jefferson weist Arendt nach, dass ein räteähnliches System in den ersten Entwürfen zur Verfassung angelegt war, sich letztlich aber nicht gegen die noch bis heute vorherrschende Zweiparteiendemokratie durchsetzen konnte.

Ein Aspekt der von Jefferson entworfenen Organisation in Räten war die Unterteilung des Landes in „kleine, übersehbare Bezirke“ (S. 319), in denen politische Angelegenheiten dezentral und öffentlich debattiert werden konnten. Weiterhin sollte ein Rätesystem sicherstellen, dass wirklich jede_r Bürger_in die Möglichkeit hat, gleichberechtigt an der Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens teilzunehmen. Dies folgt aus der Einsicht, „dass niemand frei oder glücklich ist, der keine Macht hat, nämlich keinen Anteil an öffentlicher Macht“ (S. 327).

Durch die Ermöglichung des freien politischen Handelns für weite Teile der Gesellschaft hätte sich ein revolutionärer Geist bewahren lassen, der auf eben dieses Handeln als Freiheit ausgerichtet ist. Ein Blick auf die gegenwärtigen politischen Debatten in den Vereinigten Staaten dagegen zeigt, dass die Bürger_innen zu weiten Teilen systematisch von politischen Prozessen ausgeschlossen werden und nur noch als Wahlvolk agieren. Ein freies politisches Handeln lässt sich so kaum noch erkennen. In dieser Hervorhebung der Möglichkeiten des Rätesystems, durch welche die Schwächen des derzeitigen Repräsentativsystems so klar zutage treten, liegt eine der Stärken von Arendts Untersuchung.

Die Beschreibung eines Gesellschaftssystems, in welchem sich revolutionäre Ideen und Motive fortschreiben, ist ein bedeutender, wenn auch oft übersehener Baustein von Arendts politischer Philosophie. Meistens stehen ihre Untersuchungen des Totalitarismus im Mittelpunkt und lassen ihre Vorschläge einer konkreten politischen Organisationsform aussen vor. Arendts aus dem Elend der Weltkriege geborene Hoffnung, dass sich eine Rätedemokratie durchsetzen würde, blieb bis heute unerfüllt. Dennoch handelt es sich bei ihrem Buch um eine umfangreiche und überzeugende Studie zum politischen Phänomen der Revolution, deren volles Potenzial sich nur dann entfalten kann, wenn politische Institutionen geschaffen werden, in denen sie sich verstetigen kann.

Oliver Niedhöfer / kritisch-lesen.de

Hannah Arendt: Über die Revolution. 6. Auflage. Piper Verlag, München 2016. 425 Seiten ca. 19.00 SFr., ISBN 9783492264778

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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