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Hannah Engelmann: Antiqueere Ideologie | Untergrund-Blättle

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Hannah Engelmann: Antiqueere Ideologie Ein Werkzeug des queerfeministischen Kampfes

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Was ist antiqueere Ideologie und wie können wir damit umgehen?

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Bild: Queer Resistance Banner in London. / Charles Hutchins (CC BY 2.0 cropped)

1. Oktober 2020

01. 10. 2020

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Ständig werden wir mit antiqueeren Haltungen konfrontiert. Der Diskurs um Gender ist ideologisch und rhetorisch massiv aufgeladen. Queere Menschen werden zu Feindbildern erklärt. So etwa findet der fundamentalistisch-christliche Moderator von The 700 Club in der Homo-Ehe die Schuld an der Corona-Krise, um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen. In hitzigen Talkshow-Debatten geht es etwa um Toiletten, Ehe und Sprache – kurz, um Bereiche, die vom sogenannten „Gender Mainstreaming“ betroffen sind. Der Begriff bezeichnet die Anerkennung von Geschlecht als politischer Kategorie, um auf dieser Grundlage geschlechtergerechte Strukturen zu schaffen. Doch warum ist er so umstritten und vor allem emotional so aufgeladen?

Im Buch „Antiqueere Ideologie. Die Suche nach identitärer Sicherheit - und was politische Bildung dagegen ausrichten kann“ versucht Hannah Engelmann, diese Frage zu beantworten und liefert damit das, was der Titel verspricht: einen Leitfaden für den Umgang mit antiqueeren Haltungen.

Im ersten Teil des Buches werden zunächst die Ursprünge und Erklärungsansätze für antiqueere Haltungen auf drei Ebenen – Ökonomie, Kollektiv und Individuum – analysiert. Es ergibt sich ein umfassendes Bild über Motive und Handlungsweisen antiqueerer Subjekte. Darauf aufbauend geht es im zweiten Teil um die Frage, wie die Gesellschaft wirksam auf derartige Haltungen reagieren kann. Hierfür wurden Interviews mit Personen geführt, die politische Bildungsarbeit in antirassistischen und gewerkschaftlichen Bereichen sowie der geschlechterreflektierten Rechtsextremismus-Prävention leisten. Die Interview-Ausschnitte werden mit vorangegangenen Überlegungen verknüpft und ihre Anwendbarkeit auf den antiqueeren Bereich übertragen. So wird eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis hergestellt.

Antiqueere Ideologie verstehen

Wenn eine Kategorie in den Bereich des politisch Diskutierbaren gerückt wird, wird ihre Allgemeingültigkeit hinterfragt. VerfechterInnen einer naturgegebenen Heteronorm lehnen sich dagegen auf, dass bestehende Verhältnisse hinterfragt werden und bedienen sich dazu rassistischer, klassistischer sowie antisemitischer Rhetoriken.

Die Agierenden antiqueerer Ideologie setzen sich zusammen aus einem breiten Spektrum, das von konservativ, fundamentalistisch-christlich über bürgerlich, maskulinistisch bis hin zu populistisch und rechtsextrem reicht. Ihre Gemeinsamkeit ist ihr Feindbild: Während Einwanderung und Migration als „Feinde von aussen“ stilisiert werden, gilt die „Verschwulung“ und die Verflüssigung von Geschlechterrollen als Feind, der das Land von innen zersetzt. Die Autorin verweist auf die Verbindung zu antisemitischen verschwörungstheoretischen Erzählungen, die auf gleiche Art und Weise ein abstraktes Feindbild aufblasen und dagegen eine Einheit von „Volk“ und „Nation“ konstruieren, die es zu verteidigen gelte.

Dies, so Engelmann, findet seinen Nährboden in den neoliberalen Verhältnissen. Das Streben nach Diversität wird in die Verwertungslogik des Marktes eingewoben. Die Verunsicherung, die sich aus steigendem Druck durch Konkurrenz, Existenzangst und Selbstoptimierung ergibt, entlädt sich in Anfeindungen gegen queere Minderheiten.

„Und wer sich genötigt fühlt, das eigene Geschlecht zu reflektieren, findet in denen Sündenböcke, die von jeher keine bedenkenlose Naturhaftigkeit darin vorfanden, wie ihr Selbstempfinden oder Begehren sich zur gesellschaftlichen Norm verhält.“ (S. 29)

Die Verunsicherung wird von rechts instrumentalisiert, um das Narrativ einer bedrohten kollektiven Identität plausibel zu machen und mit völkischen Motiven zu verbinden. Aber die Vorstellung, die eigene Identität sei massiv gefährdet, ist mitnichten eine Besonderheit der Rechten. Die maskulinistische Angst, Privilegien zu verlieren, ist weit verbreitet und kann selbst sogar eine Art kollektive Identität schaffen. So verbünden sich beispielsweise weisse cis-Männer, um ihre Vormachtstellung in der Gesellschaft gegen vermeintliche Angriffe zu verteidigen. Die befürchtete, aber zum Teil auch reale Prekarisierung der Verhältnisse macht es attraktiv, sich einem vermeintlich „sicheren Ideal“ zu unterwerfen. Unter diesem Ideal der Heteronorm scheint es dann legitim, alles, was diese Position in Frage stellt, zu bekämpfen, auszuschliessen und eigene unterdrückte queere Impulse auf ein „Äusseres“ zu projizieren und somit abzulehnen, ohne sich selber über eigene Lebenswidersprüche und Privilegien bewusst werden zu müssen. Hier werden politische mit im Subjekt angelegten psychologischen Vorgängen verknüpft. Auf diese Weise kann differenziert erklärt werden, wieso Menschen sich in kollektive Identifizierungen und Queerfeindlichkeit flüchten.

Emanzipation durch Aufklärung

Im zweiten Teil des Buches widmet sich Engelmann den Versuchen, antiqueerem Verhalten mit politischer Bildungsarbeit zu begegnen. Die Autorin stellt voran, dass hohe Bildung und eine politisch linke Gesinnung kein Garant sind für das Hinterfragen von autoritären, heteronormativen und patriarchalen Strukturen. Gleichwohl verweist sie auf die Leipziger Autoritarismus-Studie, die darlegt, dass es durchaus einen Zusammenhang zwischen dem Grad der politischen Aufklärung und Neigung zu Autoritarismus gibt, und leitet daraus die Wirksamkeit und Notwendigkeit politischer Bildungsarbeit ab.

Bildungsarbeit ist als „Teil des emanzipatorischen Prozesses“ (S. 80) zu verstehen, bei dem es darum geht, dass „die grösstmögliche Erweiterung der Handlungsspielräume im solidarischen Prozess möglich wird“ (S. 78). Weiter schreibt sie, eine Gesellschaft kann nicht emanzipiert sein, sondern nur emanzipatorisch, da Emanzipation utopisch, nie vollständig erreichbar ist. Als Wert lebt sie aber davon, dass sich die Subjekte in einer Gesellschaft ständig neue Handlungsspielräume erschliessen und sich selbstbestimmt in ihnen positionieren.

Gebündelt kann man diese Bildungsprozesse als „Diversity Education“ bezeichnen. Dabei geht es nicht bloss um Vermittlung von Wissen oder darum, ein feststehendes Ideal zu erreichen. Vielmehr wird geübt, vielfältige Möglichkeiten und Lebensentwürfe wahrzunehmen, kennenzulernen und sich selbst innerhalb dieser zurechtzufinden sowie eigene Privilegien und Grundannahmen zu Geschlechterrollen in einem lebendigen Lernprozess zu entdecken und zu hinterfragen. Ausserdem fungiert diese Form der Bildungsarbeit als „ausgleichendes Korrektiv“ (S. 82) mit besonderem Fokus auf marginalisierte Perspektiven.

Diversity Education im Kapitalismus

Dabei formuliert Engelmann den Anspruch an Diversity Education, „materialistisch und dekonstruktivistisch“ (S. 86) zugleich zu sein. Das heisst, Gender als soziales Konstrukt zu hinterfragen und dennoch im Kontext bestehender gesellschaftlicher und historischer Materialitäten zu betrachten, um sich so vom neoliberalen Verständnis von Diversity zu distanzieren.

„Kritische Diversity Education [...] verweigert sich der Instrumentalisierung zwecks glatterer Integration von Subjekten in Gesellschaft, Staat und Arbeitsmarkt. Dieser Anspruch steht im Spannungsfeld zu den gegebenen Möglichkeiten und der nicht negierbaren Wirkungsmacht dieser Institutionen.“ (S. 90)

Der Versuch einer mehrdimensionalen emanzipatorischen Bildungsarbeit erzeugt im neoliberalen System, das eindimensional auf Profit- und Leistungsmaximierung angelegt ist, einen Widerspruch. Dieser muss jedoch ausgehalten und aufgegriffen werden und kann wiederum in emanzipatorisches Potential umgewandelt werden. Denn queerfeministischer Kampf lässt sich von antikapitalistischen, antifaschistischen Kämpfen nicht trennen!

Das macht das Buch zwar deutlich, bleibt aber dennoch überwiegend auf der Ebene der persönlichen Selbstreflexion und -optimierung. Bestehende Strukturen werden kritisiert, aber nicht radikal angegriffen. Die Notwendigkeit, sich selbst zu befreien, wird am Ende immer noch vor allem auf das Individuum abgewälzt. Dabei wäre es wünschenswert, daraus auf eine kollektive Verantwortung zur Solidarität zu schliessen.

Die ursprünglich in einem universitären Rahmen veröffentlichte und später einem breiteren Publikum zugänglich gemachte Arbeit bietet dennoch sinnvolle Impulse für die politische Bildungsarbeit und enthält ausserdem Überlegungen zu Schwächen und Widersprüchen, die unweigerlich auftreten. Trotz akademischem Kostüm wird eine greifbare und selbstkritische Position entwickelt. Auch alle Menschen, die auf der Suche nach einem verständlichen Einstiegstext in das komplexe Thema sind, können mit dem Buch sicherlich etwas anfangen. Sie bekommen neben einer überblicksartigen wissenschaftlichen Analyse antiqueerer Ideologie einen Leitfaden an die Hand, um die eigene Position innerhalb der bestehenden Verhältnisse zu hinterfragen, weiterzuentwickeln und schliesslich antiqueeren Tendenzen in sich selbst und ihrem Umfeld etwas entgegenzusetzen.

Anouk Wiegand
kritisch-lesen.de

Hannah Engelmann: Antiqueere Ideologie. Die Suche nach identitärer Sicherheit – und was politische Bildung dagegen ausrichten kann. Unrast Verlag, Münster 2019. 164 Seiten, ca. 19.90 SFr. ISBN 978-3-89771-326-0

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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