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Frédéric Bardeau, Nicolas Danet: Anonymous. Von der Spassbewegung zur Medienguerilla. | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Frédéric Bardeau, Nicolas Danet: Anonymous. Von der Spassbewegung zur Medienguerilla. We are Anonymous. We are Legion. Expect us!

Sachliteratur

Mit Anonymous bekam linker Aktivismus auf der Strasse ein schlagkräftiges Online-Pendant. Nun ist eine knappe und fundierte Analyse dieser Bewegung erschienen.

Anonymous.
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Bild: Anonymous. Expect Us. / Anonymous (CC BY-SA 4.0 cropped)

24. September 2021
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Es ist schon interessant, wie sich mit dem Aufkommen von Phänomenen wie Anonymous die Protestkultur der Linken verändert hat. Womöglich ist „verändert“ auch nicht das richtige Wort. Passender scheint es zu sagen, dass die linke Protestkultur „auf der Strasse“ durch ein Online-Pendant ergänzt wurde und manchmal scheint es so, als ob dieser „Hacktivismus“ (Wortschöpfung aus „Hacking“ und „Aktivismus“) teilweise gar effektiver den Status quo bedroht als es Demos auf den Strassen dieser Welt tun.

HackerInnen gibt es aber seit es das Internet gibt und häufig waren und sind diese völlig unpolitisch. Hacken war und ist oft nur eine Art sportliche Betätigung, die aus Spass und Neugierde gemacht wird. In manchen Fällen wurden und werden das Know-how auch für Cyberkriminalität eingesetzt, um damit Geld zu verdienen oder schlicht um destruktiv zu sein. Hierfür gibt es gar eigene Termini: ethische (und/oder politische) HackerInnen werden als White hats bezeichnet, destruktive und kriminelle hingegen als Black hats. In der etwas zwielichtigen Internetplattform 4chan, wo sich White und Black hats – sowie alles dazwischen – herumtummeln, entwickelte sich vor Jahren eben jene Gruppe, die unter dem Namen Anonymous den politischen „Hacktivismus“ auf eine ganz neue Ebene hievte.

Basics für Laien

Die beiden Autoren Frédéric Bardeau und Nicolas Danet beginnen ihre Ausführungen zu Anonymous lange bevor es diese Gruppe überhaupt gab, nämlich bei den Anfängen des Internets und des Hackings. Rund ein Viertel des Buches wird grundlegenden Informationen und Überlegungen zum Thema gewidmet, bevor man schliesslich zu Anonymous selbst kommt. Dass man hier nicht einfach so ins kalte Wasser geworfen wird, sondern bestimmte Basics erklärt bekommt, ist vor allem für computertechnische Analphabeten (wie dem Rezensenten), die aber dennoch Interesse an Phänomenen wie „Hacktivismus“, Online-Aktivismus und Anonymous haben, äusserst hilfreich.

Die Autoren führen den/die LeserIn nicht nur behutsam durch die oft verwirrende und (für Laien) fremd wirkende Online-Szene, in der sich Anonymous entwickelte, sondern erklären auch die Zusammenhänge verschiedener Gruppen und Communities, versuchen den Charakter von Anonymous und dem Hackerwesen zu ergründen (was alles andere als einfach ist) und gehen auch ganz konkret auf die „Waffen“ ein, die im Online-Aktivismus entwickelt und angewendet werden.

Eine der Bekanntesten ist hier wohl die DDoS-Attacke (denial-of-service attack), bei der die Server des Zielobjekts mit Anfragen überflutet werden, bis diese überlastet sind und zusammenbrechen. Die Autoren ziehen hier immer wieder gute Vergleiche zur Protestkultur „der Strasse“, indem sie DDoS-Attacken beispielsweise mit Blockaden vergleichen, denn nichts anderes ist eine DDoS-Attacke, nur eben im virtuellen Raum. Insofern – und das ist ebenfalls interessant und erwähnenswert – wird im Buch darauf hingewiesen, dass Anonymous immer wieder darauf beharrt, dass sie – trotz der oft martialischen Sprache – ein gewaltfreies Ethos vertreten.

Expect us!

Die Aufmerksamkeit, die Anonymous in so kurzer Zeit auf sich gezogen, und den Ruf, den das Netzwerk durch spektakuläre Aktionen erlangt hat, ist gewaltig. Anonymous (und ihr nahestehende Hackergruppen wie LulzSec) hat sich einige GegnerInnen vorgenommen, die einen staunen lassen: Scientology, Sony, amazon, PayPal, News Corporation, Regierungen oder Ministerien von Ländern wie Tunesien, Ägypten, Iran, Österreich, Griechenland und China, die mexikanische Drogenmafia, Pädophilennetzwerke, FBI und CIA et cetera, et cetera.

Es klingt surreal, sich mit solchen Gegnern anzulegen und dann noch, wie LulzSec es tat, höhnisch zu posten „Laughing at your security since 2011“ (Über eure Sicherheit lachend seit 2011). Schliesslich verbündete sich Anonymous mit WikiLeaks (ein Bündnis, das mittlerweile in die Brüche zu gehen scheint, was aber aufgrund der Aktualität im Buch nicht mehr behandelt wird), und steigerte somit erneut seinen Ruf, eine echte Bedrohung für das gesamte staatlich-kapitalistische System zu sein.

Und man ahnt es schon: Wo es linke, progressive HackerInnen gibt, da gibt es auch reaktionäre, und so erklären die Autoren auch knapp, welche Konkurrenzgruppen es zu Anonymous gibt und wie diese sich im Netz „bekriegen“. Die Vorstellung von rechten Hackergruppen, die möglicherweise einmal mit „uns“ das machen, was Anonymous seit einiger Zeit mit ihnen macht, ist durchaus beunruhigend, aber real.

Leider, und das hätte dem Buch durchaus gut getan, erfährt man von konkreten Anonymous-Aktionen eher wenig. Die einzige Aktion, die genauer ausgeführt wird, ist das Project Chanology, die Kampagne gegen Scientology, die als so etwas wie die „Gründungskampagne“ von Anonymous gilt (mit dem berühmt und legendär gewordenen Video „Message to Scientology“, in dem nichts weniger als die Zerstörung von Scientology angekündigt wird).

Abseits vom Project Chanology werden Aktionen und Kampagnen lediglich angedeutet. Das Buch trägt stärker den Charakter einer theoretischen Analyse als einer Beschreibung und Erläuterung der tatsächlichen Kampagnen und Aktionen. Mit den Analysen und Bewertungen, welche die beiden Autoren bieten, muss man fallweise inhaltlich natürlich auch nicht einverstanden sein. So wird beispielsweise die Aktion von Anonymous Austria, als sie den Server des Innenministeriums hackten und die Daten von rund 25 000 PolizistInnen an sich nahmen, um diese zu veröffentlichen, als Negativbeispiel gebracht, wie ethische Standards bei Anonymous manchmal eben auch nicht eingehalten würden.

Derartige Aktionen, die man als „DOX“ bezeichnet, sind Anonymous-intern laut den Autoren umstritten. Dass diese Aktion aber den konkreten Anlass einer Gesetzesänderung hin zu einer weitreichenden Vorratsdatenspeicherung hatte und Anonymous darauf reagierte (frei nach dem Motto „wenn ihr unsere Daten klaut, dann klauen wir eure“), wird zwar erwähnt, jedoch hinzugefügt, dass es nur „schwer möglich“ sei, derartige Aktionen „von einem ethischen Standpunkt aus [zu] verteidigen“ (S. 120).

Perspektiven des „Hacktivismus“

Wenn man das Buch liest, kommen dem/der leidenschaftlichen (offline) AktivistIn unvermeidlich unendlich viele Ideen, wie man diesen Online-Aktivismus mit dem althergebrachten Aktivismus „auf der Strasse“ verbinden könnte und was für ein Potential das Ganze inne hätte. Aber dies sind nicht nur Wunschträume: Wie die Autoren belegen, wurden bereits die Proteste gegen den WTO-Gipfel 1999 in Seattle – also die mediale Geburtsstunde der globalisierungskritischen Bewegung – von gezielten DDoS-Attacken einer Hackergruppe namens Electrohippies begleitet. Und auch die Aufstände und Revolutionen des Arabischen Frühlings werden von Anonymous durch Hacks unterstützt.

Desweiteren verlagerten sich Anonymous-Aktionen, die ursprünglich zur Gänze online abliefen, teilweise auch auf die Strasse, wie dies bei Project Chanology der Fall war, als sich vermehrt AktivistInnen mit den bekannten V for Vendetta-Masken vor Scientology-Gebäuden einfanden, um gegen die Organisation zu protestieren oder sich schlicht über sie lustig zu machen – was wiederum mit einem der Hacker-Kultur eigenen Sarkasmus und schwarzen Humor (Lulz genannt) einhergeht. Insofern darf man gespannt sein, wie sich das Phänomen Anonymous und der „Hacktivismus“ ganz allgemein weiterentwickeln werden.

Die Autoren schliessen ihr Buch ebenfalls mit dieser Frage und entwerfen drei Szenarien, wie es mit Anonymous weitergehen könnte. Zuletzt denken die Autoren noch laut darüber nach, was Anonymous im besten Fall in Zukunft sein könnte und legen die Latte ziemlich hoch:

„Könnte Anonymous, das aus einem offenen und auf Zusammenarbeit basierenden Internet hervorging – so wie die Aufklärung aus der Erfindung des Buchdrucks hervorgegangen war und zur Französischen Revolution führte – die Speerspitze einer weltweiten Revolution sein?“ (S. 168)

Eines steht zumindest fest: Die Möglichkeiten, die sich aus diesem dualen Online/Offline-Aktivismus ergeben – gesetzt den Fall sie gehen Hand in Hand – sind tatsächlich weitreichend, denn schon beide für sich genommen haben unendlich viel Potential. Es bleibt zu hoffen, dass diese Entwicklung verstärkt ins Auge gefasst wird, Anonymous seinen politisch-ethischen Standards treu bleibt sowie Angriffe von feindlichen Hackergruppen und rechtliche Repression von Staaten und Regierungen widerstanden werden können. Die jüngsten, von Julian Assange vorgebrachten Anschuldigungen, Anonymous sei vom FBI unterwandert, lassen bereits erahnen, welche potentiellen Probleme hier noch auf uns zukommen.

Frédéric Bardeau und Nicolas Danet haben ein wichtiges und gutes Buch geschrieben. Es ist eine spannende, zügig zu lesende und aus linker Perspektive verfasste Einführung in das Phänomen Anonymous, das auch für LeserInnen verständlich ist, die – wie der Rezensent – von Computern und allem was dazugehört im Grunde genommen absolut keine Ahnung haben.

Sebastian Kalicha
kritisch-lesen.de

Frédéric Bardeau Nicolas Danet: Anonymous. Von der Spassbewegung zur Medienguerilla. Unrast Verlag, Münster 2012. 168 Seiten, ca. 23.00 SFr, ISBN 978-3-89771-531-8

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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