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Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde Im Sturmzentrum der kolonialen Befreiung

Sachliteratur

Ein Paukenschlag gegen Unterdrückung, Gewalt und Widerstand der Menschen des „Globalen Südens“ gegen eine ungleiche Welt. Es ist Zeit, sich diesem Klassiker zu widmen.

Protestschild mit Frantz FanonZitat vor dem Polizeigebäude in Minneapolis, November 2015.
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Bild: Protestschild mit Frantz Fanon-Zitat vor dem Polizeigebäude in Minneapolis, November 2015. / Tony Webster (CC BY 2.0 cropped)

13. November 2020

13. 11. 2020

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Mehr und mehr rückt ins öffentliche Bewusstsein, dass Kolonialismus und Rassismus nicht einfach in der Vergangenheit liegen, begraben in einer inhumanen Zeit vor der Aufklärung, sondern bis heute fortdauern. Nicht zuletzt die monatelangen antirassistischen Proteste in den USA nach der gewaltsamen Tötung von George Floyd durch Polizisten haben das gezeigt. Den meisten Menschen im Globalen Norden ist heute bewusst, dass die Grosszahl der Menschen in den postkolonialen Ländern, die wir heute mehrheitlich dem Globalen Süden zurechnen, nur in geringem Masse an den übervollen Buffets des globalen Kapitalismus teilhaben. Die Folgen des Kolonialismus, der die globalisierte Welt aus historischer Sicht geschaffen hat, erzeugen bis heute zentrale Konfliktdynamiken.

Kaum ein Buch stürzt den*die Leser*in so dramatisch und vielseitig in die Thematik des Kolonialismus wie Frantz Fanons Klassiker „Die Verdammten dieser Erde“. Es ist ein Buch über die koloniale Konfliktdynamik und Gewalt per se: die Gewalt der Unterdrückung, die Gewalt der Befreiung, die Gewalt der kolonisierten Subjekte untereinander. Als „Manifest der Dritten Welt“, als „kommunistisches Manifest Afrikas“ oder als „Bibel des Anti-Kolonialismus“ wurde das Buch bekannt.

Später bezogen sich politische Bewegungen und Organisationen auf Fanons Denken, von der Guerilla in Lateinamerika über die RAF in Deutschland bis zur kurdischen Bewegung. Doch all das hat der auf Martinique geborene Fanon selbst nicht mehr erlebt. Er starb mit 36 Jahren an Leukämie, noch bevor Algerien, für dessen Unabhängigkeit er so erbittert kämpfte, die Ketten des Kolonialismus abschüttelte. Sein Werk trägt nicht nur dazu bei, die Aktualität des Kolonialismus zu verstehen, sondern auch dazu, Konturen einer revolutionären politischen und anti-kolonialen Bewegung heute neu zu ermitteln.

Die koloniale Herrschaft

In Algerien, wo Frantz Fanon 1953 Direktor einer Nervenklinik wird, erlebt er, wie ein kolonialisiertes Volk in den nationalen Befreiungskampf eintritt. Die Nation, das nationale Projekt, die Bauernschaft, das Lumpenproletariat, die nationale Kultur und das Subjekt des Volkes gewinnen zentrale Bedeutung in der anti-kolonialen Bewegung. Wer das Buch hier weglegen sollte, weil ihm diese Vokabeln irritierend, nationalistisch und volkstümelnd erscheinen, der*die entledigt sich auch der Möglichkeit, Grundbedingungen anti-kolonialer Politik zu verstehen, die bis heute Kämpfe im Globalen Süden prägen.

Das nationale Projekt in Algerien ist nicht auf ein Land beschränkt und wird auch nicht wie in den bürgerlichen Revolutionen Europas vom Bürgertum geführt, sondern ist Teil eines panafrikanischen Widerstands gegen den europäischen Kolonialismus. Die nationale Kultur ist kein Rückgriff auf vorkoloniale Traditionen, sondern ein Sich-neu-erfinden im Rahmen des antikolonialen Kampfes. Das politische Subjekt des Volkes wird von den Bauern und dem Lumpenproletariat – das heisst dem informellen städtischen Sektor, Arbeitslosen und Arbeitsunfähigen – gebildet und nicht aus dem Proletariat, das laut Fanon in den kolonialen Territorien „der vom Kolonialregime am meisten verhätschelte Teil des Volkes“ (S. 93) ist.

Gegen die Klasse der Weissen

Die ökonomisch herrschende Klasse der Kolonien ist die Klasse der Weissen, sie ist eine Klasse der westlichen Werte, der westlichen ökonomischen Interessen, sie ist Geschäftsführerin der Unternehmen des Westens. Die getrennten sozialen und geographischen Räume in den kolonialen Ländern lassen keinen gemeinsamen Raum für eigene nationale Werte, politische Projekte und Diskurse. Politik wird von den städtischen Eliten gemacht.

Es ist eine verbreitete These der postkolonialen Theorie, dass die Herrschaft in den (post-)kolonialen Ländern bis heute durch die (ehemaligen) Kolonialherrn und ihre Komplizen mittels Gewalt und nicht durch Ideologie ausgeübt wird. Die einfache Bevölkerung wird nicht durch Konsens und Kompromisse in die politische Ordnung integriert, sondern durch Ausschluss von der Politik in einem subalternen Status gehalten. Die Thematisierung dieser Gewalt gegen die ländlichen und auch gegen die städtischen Massen, durchzieht Fanons Buch von Beginn an:

„Die kolonisierte Welt ist eine zweigeteilte Welt. Die Trennungslinie, die Grenze wird durch Kasernen und Polizeiposten markiert. Der rechtmässige und institutionalisierte Gesprächspartner des Kolonisierten, der Wortführer des Kolonialherrn und des Unterdrückungsregimes ist der Gendarm oder der Soldat.“ (S. 31)

Fanon geht den psychologischen Auswirkungen der Gewalt nach, der Enteignung der Kolonisierten von ihrem Land, aber auch von ihrer kollektiven Identität, vom rassistisch begründeten Absprechen des Menschseins sowie den grausamen Akten von Folter, Vergewaltigung und Totschlag. Der algerische Befreiungskrieg verwandelte sich in einen der grausamsten Kriege der Kolonisatoren gegen die Kolonisierten im 20. Jahrhundert.

Fanon schildert im letzten Teil seines Buches, wie sich die individuellen Gewalterfahrungen psychisch bemerkbar machen, wie sie die eigene Identität zerstören und wie die brachiale Gewalt die Kriminalität der Algerier*innen untereinander befördert. Die Gewalt des Kolonialregimes spiegelt sich in den kolonisierten Subjekten wieder und wird zur Gewalt der Kolonisierten, die sich entweder gegen andere Kolonisierte richtet oder in einem Akt der Befreiung plötzlich zur kollektiven Macht wird und sich gegen den Kolonisatoren richtet.

Die Gewalt ist damit kein wählbares Instrument, eine Taktik für oder gegen die man sich entscheiden könnte, sie ist die einzige Form, die ein anti-kolonialer Befreiungskampf in den Augen Fanons annehmen kann, um die Kolonisierten aus ihrer vereinzelten sklavischen Position in einen kollektiven Menschwerdungsprozess zu führen:

„Auf der psychologischen Ebene wirkt die Gewalt entgiftend. Sie befreit den Kolonisierten von seinem Minderwertigkeitskomplex, von seinen kontemplativen und verzweifelten Haltungen. Sie macht ihn furchtlos, rehabilitiert ihn in seinen eigenen Augen.“ (S. 77)

Die anti-koloniale Befreiung

Viele haben Fanon so gelesen, als ginge es ihm nur um physische Gewalt als befreienden Akt. Doch Gewalt steht hier als Chiffre für unterschiedliche Formen des Aufbegehrens individueller oder kollektiver Art, bei denen die kolonisierten Subjekte aus der ihnen zugewiesenen Position ausbrechen. Sie durchbrechen die rassistische Ordnung, den politischen Ausschluss und die diskursive Unsichtbarkeit.

Bauern, Bäuerinnen und Lumpen, Schwarze Menschen, Araber*innen, Indigene und Sklav*innen betreten die politische Bühne als selbstbewusste Subjekte, die sich nicht mehr gegenseitig bekriegen, sondern in einen gemeinsamen Kampf gegen die Grossgrundbesitzer*innen, Unternehmer*innen und gegen die ausländischen Kräfte eintreten. Bei dem Kampf handelt es sich um eine unorthodoxe Form des Klassenkampfs. Es geht um Land und Brot und schliesslich um den Sozialismus.

Fanons politisches Projekt ist ein universalistisches Projekt. Nationalismus bedeutet nicht nationale Borniertheit, sondern eine Etappe zum Panafrikanismus. Weder eine Schwarze Identität noch indigene Traditionen sollen dabei Ausgangspunkt des anti-kolonialen Widerstands werden. Die anti-kolonialen Kämpfe gehen von der gemeinsamen Erfahrung des Kolonialismus aus. Sie sind verbunden durch ihre Gegner*innen: „Die algerische Nationalkultur nimmt im Laufe der Kämpfe Gestalt an, im Gefängnis, vor der Guillotine, in den eroberten und zerstörten französischen Militärposten“ (S. 197). Dieser Anti-Essenzialismus Fanons lehnt Gesänge, Gedichte und Folklore als Ausgangspunkt einer panafrikanischen Kultur ab.

Diese starke Ablehnung der Aufwertung indigener Traditionen, Kulturen und Organisationsformen überrascht und überzeugt an vielen Stellen des Buches nicht, an denen Fanon selbst die bleibende Bedeutung von Bräuchen, Tänzen, Zeremonien und Stammesautoritäten sowie von Dorfversammlungen, die sich in Revolutionstribunale verwandeln, betont. Antikoloniale Politik nach Fanon verfolgt eine Strategie der reinen Negation des Kolonialismus. Nationale Kultur, kollektive Identität und Organisierung und die Verbindung anti-kolonialer Kämpfe entstehen alleine vermittelt über die gemeinsamen politischen Gegner*innen.

Der Weg zum Sozialismus?

Wer sich allerdings fragt, wie die wirtschaftliche Befreiung, also der Weg der kolonisierten Länder zum Sozialismus, aussehen könnte, findet in „Die Verdammten dieser Erde“ nur einzelne Anmerkungen. Was es konkret heisst, Europa nicht zu imitieren oder den neuen Menschen zu erfinden, bleiben offene Fragen. Insbesondere nachdem die einstigen Kolonien formal unabhängig geworden sind, fehlt der gemeinsame Feind in Form des Kolonialherren. Aus dem offensichtlichen einfachen Gegenüber zwischen Unterdrückten und Unterdrücker*innen wird ein komplexer Zusammenhang.

Es gibt, wie Fanon sagt, Schwarze, die weisser sind als die Weissen. Die „nationale Bourgeoisie“ die Fanon beschreibt, steht als heterogener Puffer zwischen dem Volk und Europa (oder wahlweise den USA). Dass Fanons politische Theorie vom einfachen Antagonismus zwischen Kolonisierten und Kolonisierenden ausgeht, ermöglicht eine wichtige strategische Zuspitzung, offenbart allerdings auch die grundlegende Schwäche der Fanon’schen Politik der reinen Negation.

Versteht man Fanons Buch als die Schilderung einer kolonialen Realität, die Rassismus, Imperialismus und Kapitalismus perfekt und symbiotisch verbindet, dann lernt man eine Menge über die heutige Welt. Herrschaft ohne Hegemonie, ohne Konsens, dafür mit der Gewehrkugel hat auch im 21. Jahrhundert rund um den Planeten Konjunktur. Der Kolonialherr hat allerdings kein so eindeutiges Gesicht mehr, wie einst zu Zeiten von Fanon, doch die Aufgaben sind die gleichen geblieben und nach wie vor gilt: „Die Atmosphäre der Gewalt, die einst die koloniale Phase geprägt hatte, beherrscht auch das Leben der neuen Staaten. Die Dritte Welt steht nicht abseits: sie ist das Sturmzentrum.“ (S. 64)

Jakob Graf
kritisch-lesen.de

Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde. Übersetzt von: Traugott König. Suhrkamp Verlag, Berlin 1981. 267 Seiten, ca. 16.00 SFr, ISBN 978-3-518-37168-8

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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