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Felwine Sarr: Afrotopia | Untergrund-Blättle

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Felwine Sarr: Afrotopia Eine afrikanische Utopie

Sachliteratur

Wie könnte die Zukunft eines Kontinents aussehen, der Jahrhunderte lang Spielwiese und Projektionsfläche anderer war?

6. Juni 2019

6. Jun. 2019

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Mit seinem Manifest „Afrotopia“ fügt der senegalesische Wirtschaftsprofessor Felwine Sarr der aktuellen Reihe von afrikanischen Visionsbegriffen einen weiteren hinzu. Es sind zum Beispiel Afrofuturismus oder Afropolitanismus, die in den vergangenen Jahren erfolgreich Verbreitung fanden. Neben vielen anderen Eigenschaften, eint diese Begriffe ein Gefühl von selbstbewusstem Aufbruch und eine Besinnung auf afrikanische Werte.

Sarr erklärt in seinem Essay zunächst eindrücklich, warum Afrotopien, also afrikanische Utopien, von Nöten sind. Seit Jahrhunderten ist der afrikanische Kontinent auf die Position eines Diskursobjektes reduziert worden. Andere sprechen und denken ungefragt in seinem Namen. Zunächst zogen europäische Grossmächte willkürliche Grenzen durch den Kontinent. Dann wurden ihm Wege vorgeschrieben, wirtschaftliche, soziale und politische Modelle, denen es zu folgen galt. Die afrikanischen Universitäten sind aus der Kolonialverwaltung entstanden. Seit ihrer Gründung haben sie nur wenig strukturellen Wandel erfahren. Man kann also sagen, dass jeder Lebensbereich von aussen kontrolliert oder zumindest beeinflusst wurde und grösstenteils immer noch wird. Das passiert, obwohl westliche Begrifflichkeiten und Wissenssysteme die afrikanischen Lebenswelten gar nicht richtig treffen.

Afrikanische Zukunftsmetaphern

Wenn Sarr zum Beispiel sein Erleben von afrikanischen Städten wie Lagos, Abidjan oder Kairo beschreibt, stellt er fest, wie nutzlos dabei Kategorien wie das Bruttosozialprodukt sind. Wohlstandsrankings oder so genannte Entwicklungsgrade sagen nichts über die Intensität des sozialen Austausches, die Beziehungen zum eigenen Umfeld oder die Zufriedenheit der dort lebenden Menschen aus. Stattdessen fordert Sarr, dass afrikanische Zukunftsmetaphern sich Begriffen bedienen sollten, die aus den afrikanischen Kulturen hervorgehen.

„Ubuntu mit seiner Sozialethik wäre ein Beispiel. In der senegambischen und westafrikanischen Kultur evozieren die Begriffe ‚Noflaye‘ und ‚Tawfekh‘ die Idee eines Wohlergehens, das mit innerem Frieden und Zufriedenheit einhergeht.“ (S. 125)

Sarr lobt afrikanische politische Führer, Schriftsteller*innen und Kunstschaffende für ihre Rolle als Vordenker*innen. Die Neuerfindung des Selbst, dass durch ein Zurückgreifen auf vorkoloniale Zeiten geschieht, passiert besonders im kreativen Bereich, wenn Menschen ihre Vorstellungskraft nutzen:

„Das Imaginäre ist das Schmiedeeisen, auf dem die Formen entstehen, die Gesellschaften sich verleihen, um das Leben zu speisen und ihm Tiefe zu verleihen, um das gesellschaftliche und menschliche Abenteuer auf eine neue Stufe zu heben.“ (S. 12)

Nach dem Imaginieren, dem Sich-selbst-Denken, folgt schliesslich die praktische Arbeit, die Suche nach Strategien, um Ideen tatsächlich zu implementieren. Sarr betont, dass eine Utopie nicht reine Träumerei ist. Es geht darum, Denken zu artikulieren, Handlungen folgen zu lassen, dem kommenden Afrika Gestalt zu geben. Dennoch sind die konkreten Schritte in „Afrotopia“ nicht benannt, die Inhalte des Essays bleiben diffus und schwer greifbar. Sarr verweist stattdessen auf Bereiche in denen Veränderung und Innovation bereits passieren: In der zeitgenössischen afrikanischen Literatur, Mode, Musik, in den Städten. Dort sollten wir hinschauen.

Afrotopie ohne Feminismus?

Sarrs Worte klingen vielversprechend und mitreissend. Allerdings verwundert es, dass nur afrikanische Männer an der Ausgestaltung dieser Utopie beteiligt zu sein scheinen. Die Sprache des Buches ist nicht gegendert, es geht immer nur um Afrikaner (wobei dies auch eine Folge der Übersetzung des Textes ins Deutsche sein kann), und die zitierten Akademiker sind fast ausschliesslich Männer, Achille Mbembe, Valentin-Yves Mudimbe, Frantz Fanon, und so weiter. Wenn auf diejenigen verwiesen wird, die den Kontinent am stärksten geprägt haben, besteht die Liste aus Männern, Nelson Mandela, Patrice Lumumba, Thomas Sankara und Kwame Nkrumah.

Sarr nennt sie die Helden der heutigen afrikanischen Jugend. An der einzigen Stelle in „Afrotopia“, an der er die Existenz und das Wirken von Frauen anerkennt, klingt es so, als hätten Männer nichts damit zu tun. In seinem Kapitel „Afrotopos“ schreibt Sarr, dass viele Menschen an der Konzipierung des zukünftigen Afrikas beteiligt sind und verweist auf die Autorin Ken Bugul, die von den „existenziellen Herausforderungen, vor denen Frauen stehen, die sich von einer patriarchalen Ordnung ebenso zu emanzipieren haben wie von den Lockungen des Westens“ (S. 132) schreibt.

Nachdem er Frauen allein den Kampf gegen das Patriarchat zuteilt, lässt Sarr im gleichen Kapitel noch kurz die Namen von ein paar berühmten Frauen fallen: Chimamanda Ngozi Adichie, Nafissatou Dia Diouf und Léonora Miano. Aber das wird weder den Leistungen von afrikanischen Frauen*, noch dem afrikanischen Feminismus gerecht. In der Hinsicht möchte ich Minna Salamis Position deutlich unterstreichen, die auf ihrem Blog Ms Afropolitan erklärt, dass heutzutage keine seriösen theoretischen Räume die Beiträge des Feminismus ignorieren können. Bleibt zu hoffen, dass Sarrs wichtiger Grundstein für ein Afrotopia mit einer guten Dosis Feminismus weitergesponnen wird – vielleicht im Austausch mit den Afropolitaner*innen.

Anna von Rath / kritisch-lesen.de

Felwine Sarr: Afrotopia. Matthes & Seitz, Berlin 2019. 176 Seiten, Paperback. SFr. ca. 24.00 ISBN: 978-3-95757-677-4

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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