UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Felix Wemheuer: A Social History of Maoist China | Untergrund-Blättle

5690

Felix Wemheuer: A Social History of Maoist China Chinesischer Wandel

Sachliteratur

Eine neue Einführung erklärt uns die Volksrepublik China als gnadenlos gescheiterten Versuch, die befreite Gesellschaft in wenigen Jahren zu erzwingen.

Mao-Tse-Tung bei der Ausrufung der Volksrepublik China am 1.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Mao-Tse-Tung bei der Ausrufung der Volksrepublik China am 1. Oktober 1949. / Thylacin (PD)

8. Oktober 2019
0
0
5 min.
Drucken
Korrektur
Dem Kölner Sinologen Felix Wemheuer ist mit seinem neuesten Buch eine Sozialgeschichte der frühen Volksrepublik China (1949–1976) gelungen, die nicht nur in das Land einführt, sondern auch leserfreundlich geschrieben ist. Das im März 2019 erschienene Buch „A Social History of Maoist China” ist ein zeitlich gegliederter Überblick, der uns entlang von staatlicher Politik und heftigen Konflikten verschafft wird.

Neuer Ansatz in der Chinaforschung?

Das Buch betrachtet das Land aus einer unüblichen Perspektive: Der Autor verwendet den Ansatz des Intersektionalismus. Damit versucht er, den Blick auf die besonders und mehrfach Unterdrückten zu richten. Die verschiedensten Unterdrückungen sollen in ihrem organischen Zusammenhang betrachtet werden. Das Buch wird diesem Anspruch nur teilweise gerecht.

Der Fokus auf die Begriffe Klasse, Gender, Ethnie und das Stadt-Land-Gefälle bringt Vor- und Nachteile mit sich. Die Frage ist, was man damit macht: Wemheuer hat sich entschieden, damit eine kollektive Leidensgeschichte und eine Geschichte voll von überambitionierten Plänen, Irrungen und Konflikten zu schreiben. Jedes Kapitel wird mit Einzelschicksalen eingeleitet. Wir erfahren einiges über Biografien, in denen es zu grossem Leid kam. Unter der Führung durch die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) wurden Menschen demnach deswegen diskriminiert, weil sie Kinder eines Grossgrundbesitzers waren, weil sie ungerechte Politik gegenüber Bauern kritisiert hatten und als Konterrevolutionäre galten oder weil sie ein Vielparteiensystem nach westlichem Vorbild forderten und als Rechtsabweichler abgestempelt wurden. Besonders das maoistische Klassifizierungssystem wird scharf unter die Lupe genommen und im Kern als unfair und problemreich herausgearbeitet.

In den Kapiteln wird zwar auf die grösseren Hintergründe eingegangen. Man erfährt viel über die Zusammenhänge von gesellschaftlichen Herausforderungen und Lösungsansätzen durch die KPCh, die oft nachvollziehbar werden. Die Entscheidungen von oben werden dabei immer mit dem bitteren Kämpfen von unten kontrastiert. Aber jedes Kapitel veranschaulicht letztlich das Versagen der KP Chinas anhand leidvoller und chaotisch abgelaufener Biografien.

Fallstricke sozialistischer Experimente

Wemheuer ist der führende deutsche Experte zur Hungersnot im sogenannten „Grossen Sprung nach vorn“. Das ist dem Buch anzumerken. Seine Diskussion der Errungenschaften und Fallstricke der maoistischen Epoche ist von der Hungersnot ab den späten 1950er Jahren überschattet. Er diskutiert die Einschätzungen von Forscher*innen, die von mindestens 15 bis maximal 40 Millionen Hungertoten ausgehen. Wemheuer selbst geht von dutzenden Millionen Toten aus, obwohl es keine verlässlichen Zahlen gibt.

Die Ursachen der Katastrophe erkennt er vor allem im Staatsapparat, denn dieser habe die völlige Kontrolle über die Nahrungsmittelverteilung erzwungen und die Bedürfnisse der Bauernschaft ignoriert. Mao selbst sei eine Mitschuld zuzuweisen, denn er habe viel zu spät auf Berichte über Hungersnöte reagiert und lokalen Behörden Angst eingejagt. Gleichzeitig wird die Korruption lokaler Kader dargestellt, die ihre Macht missbraucht haben. Wir erfahren, dass die einfachen Menschen Überlebensstrategien entwickelten, die von Diebstahl über verfrühte Ernte und Bestechung bis hin zu Prostitution und Kannibalismus reichten. Sie taten alles, um den Hunger zu überleben.

Auch die Jahre bis zu Maos Tod (1976) werden als Verirrungen begriffen. Die KP Chinas habe eine Krise nach der anderen verschuldet. Die „Kulturrevolution“ (1966–1976) wird ganz zu Recht als komplexe Periode dargestellt, in der verschiedene Fraktionen ihre Interessen aushandelten. Wichtige Diskussionen und Konflikte dieser Zeit werden zumindest angerissen. Aber auf die wachsende Ungleichheit und die ausufernden Privilegien der Bürokratie wird zu wenig eingegangen, um die Rebellion der Massen verständlich zu machen. Ein intersektionaler Blick könnte an dieser Stelle wesentlich mehr leisten.

Kaum konkrete Errungenschaften?

Wemheuer versucht in einem winzigen Abschnitt, einige Erfolge des Sozialismus zu würdigen. Der Versuch bleibt holprig. Es werden zwar bedeutende Verbesserungen für die Bevölkerung rein statistisch beziffert, etwa das Anwachsen der Lebenserwartung, der Alphabetisierungsrate, der Einschulungsrate und der medizinischen Grundversorgung. Die Verhinderung von städtischen Slums, die Schaffung eines sozialistischen staatlichen Sektors (Stichwort „Eiserne Reisschale“), grössere Beteiligung von Frauen und ethnischen Minderheiten am öffentlichen Leben sowie die landwirtschaftliche und industrielle Modernisierung werden diskutiert. Auch rasche wissenschaftliche Errungenschaften – gerade auch in der gerne dämonisierten „Kulturrevolution“ – werden erwähnt.

Aber die entscheidenden Tatsachen, dass mit der Revolution hunderte Millionen von Menschen erstmals ein sicheres Einkommen und ernsthafte Aufstiegschancen geniessen konnten; dass ihnen erstmals eine Stimme und politische Mitsprache ermöglicht wurde; dass die Ausbeutung in der Privatwirtschaft ein Ende nahm; dass die Unterwerfung im privaten Haushalt ernsthaft herausgefordert wurde; dass die körperlich tätige Mehrheit gegenüber den reichen und gebildeten Eliten erstmals in der Geschichte aufgewertet wurde; dass Tibet von einer feudalen Theokratie befreit wurde; Mädchen und Frauen vom brutalen Füssebinden und vom Menschenhandel – all das erscheint in dieser Darstellung merkwürdigerweise als nebensächlich.

Ein einäugiger Blick nach unten

Wemheuers Sozialgeschichte Chinas unter Mao ist eine gute Einführung. Leider bleibt es eine sehr selektive Darstellung. Die Betonung liegt auf den Grausamkeiten des Sozialismus. Das Problem dieser Darstellung ist, dass sie die Leidtragenden fest im Blick behält, während sie die viel zahlreicheren Menschen, welche die Revolution als Befreiung erlebt haben, aus dem Blick verliert.

Der Autor stellt zudem die Befreiung und Ermächtigung von Frauen, Arbeiter*innen, Bäuer*innen, Ethnien abstrakt dar, während er Konflikte mit dem Staat konkret und anschaulich macht. Die Menschen werden uns daher als Opfer und Gegner des Staates präsentiert. Dabei wurde die Volksrepublik von diesen Menschen nicht nur in Jahrzehnten des Bürgerkriegs erkämpft, sondern zunehmend auch von ihnen geleitet. Die Aufwärtsmobilität in China war ohne Gleichen. Viele Kader*innen stammten aus der Masse der Bauern- und Arbeiterschaft, deren Interessenvertretung erst mit der „demokratischen Diktatur des Volkes“ möglich wurde. Insgesamt würdigt das Buch diesen Hintergrund nicht ausreichend. Eine Schwerpunktverschiebung hin zu den aktiven Unterstützer*innen und unzähligen Begünstigten der Revolution hätte dem intersektionalen Ansatz des Buches gut getan. Denn ohne deren Beweggründe ist der Blick nach unten auf einem Auge blind und daher unausgeglichen.

Alexander Schröder
kritisch-lesen.de

Felix Wemheuer: A Social History of Maoist China. Conflict and Change, 1949–1976. Cambridge University Press 2019. 346 Seiten, ca. 29.00 SFr ISBN: 9781316421826

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...
Transparente am Architektur-Gebäude der TU Berlin im Protest gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze, 28.
Über die Chinarezeption der westdeutschen LinkenÜber die Chinarezeption der westdeutschen Linken

12.11.2013

- Wer öfter auf Flohmärkten in Bücherkisten stöbert, der oder dem wird schon aufgefallen sein, dass sich darin auffallend häufig Bücher, meist aus den siebziger Jahren, finden, die sich mit dem (kultur-)revolutionären China befassen.

mehr...
Mao Zedong mit Arbeitern, ca. 1950.
Anke Jaspers: Ein kleines rotes BuchÜber die Mao-Bibel und die Bücher-Revolution der Sechzigerjahre

08.01.2019

- Wer kennt sie nicht? Die in einen roten Vinylumschlag gehüllte Textsammlung „Worte des Vorsitzenden Mao Tse-tung“ hat ihren [...]

mehr...
Hongkong, 2017.
Yiching Wu: The Cultural Revolution at the MarginsLinke Dissidenz in der Kulturrevolution

20.12.2018

- Die Chinesische Kulturrevolution war eine der grössten und blutigsten politischen Kampagnen in der Geschichte der Volksrepublik China.

mehr...
Die andere Kulturrevolution - Der Anfang vom Ende des chinesischen Sozialismus

04.02.2020 - Als Mao Zedong 1966 in China die Kulturrevolution lostrat, wollte er ’grosses Chaos unter dem Himmel’ stiften. Dann erhob sich die ...

Kulturrevolution in China - Auswirkungen auf Tibet

10.11.2016 - „Wang Keming holt mit seiner Hand aus und schlägt mit voller Wucht dem Bauern ins Gesicht. Dieser blutet, hält sich die linke Wange vor Schmerzen. Die ...

Dossier: China
Thorsten Schröder
Propaganda
La revoution est en solde au rayon souvenirs

Aktueller Termin in Brighton

Anarchists Against Putin

Screening of a short film by Greek director Alexis Daloumis, interviewing anarchists from Ukraine, Russia, Belarus and Poland. They talk about war in Ukraine and resistance against the invasion.   In a world full of hot takes from the ...

Mittwoch, 18. Mai 2022 - 19:00 Uhr

Cowley Club, 12 London Road, BN1 4JA Brighton

Event in Regensburg

Grove Street Family HC

Mittwoch, 18. Mai 2022
- 21:00 -

Alte Mälzerei

Galgenbergstrasse 20

93053 Regensburg

Mehr auf UB online...

Lausige Wahl: Grünliberal
Vorheriger Artikel

#nurlinksischlinks

Lausige Wahl: Grünliberal

Anstehen vor dem Kaufland in Frankfurt während der Corona-Krise, März 2020.
Nächster Artikel

Autoritätsanspruch der Wissenschaft

Anarchistische Kritik an Wissenschaft(en) und staatlichen Narrativen in der Corona-Pandemie

Untergrund-Blättle