UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Felix Klopotek: Rätekommunismus | Untergrund-Blättle

6536

Felix Klopotek: Rätekommunismus Die politische Leerstelle des libertären Sozialismus füllen

Sachliteratur

In der ersten Jahreshälfte erschien in der Reihe theorie.org ein Einführungsbuch zum Rätekommunismus des Journalisten Felix Klopotek.

Cover zum Buch.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Cover zum Buch.

7. November 2021
2
0
4 min.
Drucken
Korrektur
Die politische Leerstelle des libertären Sozialismus füllen In der ersten Jahreshälfte erschien in der Reihe theorie.org ein Einführungsbuch zum Rätekommunismus des Journalisten Felix Klopotek. Der Autor macht durch seine umfangreiche und zugleich präzise Darstellung deutlich, dass er einer der besten zeitgenössischen Kenner der rätekommunistischen Strömung ist. Im Folgenden möchte ich lediglich einige persönliche und spontane Gedanken zum Gegenstand äussern, da die Besprechung wenig zum Inhalt des gelungenen Buches selbst beizutragen hat.

Die rätekommunistischen Ideen finden immer wieder Anklang bei klugen, sozial-revolutionär gesinnten Menschen, die sich auf das marxistische Denken als einer „Kritik im Handgemenge“ beziehen und es praktisch anwenden wollen. Insofern besteht eine starke Parallele zum anarchistischen Syndikalismus. Daher ist es kein Zufall, dass sich beide Strömungen in für den deutschsprachigen Raum so wichtigen Ereignissen wie dem Ruhraufstand, der sich im März 1920 gegen den Kapp-Putsch richtete, wie auch in den Märzkämpfen in Mitteldeutschland 1921 und in der KAPD trafen.

Diese Abspaltung der KPD übertraf diese 1921 an Mitgliedern, spaltete sich dann bis Mitte der 1920er Jahre immer weiter auf. Mit ihr ging der Rätekommunismus als organisierte sozial-revolutionäre Strömung zugrunde. Dennoch wurden Elemente von ihm, wie etwa den Fokus auf organisierten und aktivierten Arbeiter*innen als handelnden Subjekten der Geschichte, von anderen Strömungen wie dem Operaismus übernommen.

Der Unterschied zum Anarch@-Syndikalismus bestand freilich darin, dass mit der Form der Räte-Strukturen (wie sie erstmalig in der russischen Revolution von 1905 entwickelt wurden), ein Modell bestand, welches über den unpräzisen Bezugspunkt der Kommune, eine zeitgemässe politische Organisation der Gesellschaft vorstellbar machte. Über die kleinen Kreise von anarch@-kommunistischen Gruppierungen, wie etwa die Föderation Kommunistischer Anarchisten Deutschlands (FKAD), hinaus wurden somit einige Jahre lang Konzepte für ein libertärer-sozialistisches Gesellschaftsmodell verbreitet und diskutiert.

Der Anarchismus formierte sich als sozialistische Strömung nicht etwa in unbegründeter, prinzipieller Ablehnung des Staates, sondern aufgrund einer bestimmten Kritik an der Politik, der Vorstellung von Gesellschaftstransformation und dem Festhalten an den Organisationsprinzipien von Autonomie, Föderalismus, Dezentralität, Freiwilligkeit und Horizontalität.

Weiterhin wird mit ihm die ethische Dimension des Sozialismus, der Wert der Individualität betont und die Ansicht vertreten, dass Staat und Kapitalismus (und daran anschliessend weitere Herrschaftsverhältnisse) unmittelbar miteinander verknüpft sind und parallel zueinander abzuschaffen sind. Die Abwendung vom (verstaatlichten) politischen Terrain, wird zugunsten anderer Bezugspunkte möglich, namentlich des Individuums, des Sozialen, der Gesellschaft, der Ökonomie und der Gemeinschaft.

Auch wenn es dafür aus sozial-revolutionärer Sicht plausible Gründe gibt, entsteht damit eine Leerstelle in Bezug auf Politik. Wenn diese vernachlässigt oder regelrecht ignoriert wird, ändert sich erstens nichts am Herrschaftscharakter von Politik, tendieren anarchistische Praktiken, Aktions- und Organisationsformen zweitens zu Selbstzwecken. Drittens lässt dadurch keine glaubwürdige und überzeugende Vision für ein alternatives Gesellschaftsmodell entwickeln.

Mit dieser ist freilich kein fertiger utopischer Plan gemeint, den es zu erfüllen gälte, sondern eine vermittelbare Konzeption, wie sich Menschen unter gegenwärtigen Bedingungen organisieren und wie sie handeln können, um die Grundlagen ihres Zusammenlebens zu verändern. Dazu also dient die Räteidee, welche analog zu den Syndikaten, gleichzeitig als Kampforganisationen und Keimzellen der libertär-sozialistischen Gesellschaft verstanden werden können. Räte bewegen sich dabei allerdings wie alle ernsthaften Versuche, Parallelorganisationen zu schaffen, im Widerspruch in-gegen-und-jenseits des politischen Feldes zu handeln.

Sich vorhandener politischer Strukturen, Handlungs- und Denkweisen zu bedienen um sie gleichzeitig zu transformieren und sie in andere Formen zu überführen, ist die hochgradig komplexe und widersprüchliche Aufgabe, welche die soziale von der politischen Revolution unterscheidet. Denn die neuen Formen können nun einmal nicht vorab ausgemalt, sondern nur angedeutet werden, während es zugleich konkrete Beispiele braucht, wie sie funktionieren, damit sich Menschen von ihnen überzeugen lassen. Anhänger*innen des Rätekommunismus machen es sich nicht einfach, wenn sie sich dieser Herausforderungen theoretisch und praktisch stellen und in Widersprüchen handeln, ohne diese lediglich zu reflektieren.

In seinem Einführungsband verweigert sich Klopotek jedenfalls konsequent einem Trend der Zeit. Und zwar jenem, zeitgenössische Ereignisse wie etwa die Platzbesetzungsbewegungen ab 2011 oder den sogenannten Arabischen Frühling ab 2013 als Aufhänger für die Darstellung der Relevanz rätekommunistischer Ideen zu nehmen. Darüber hinaus gibt der Autor für die Laien auch keine Handreichung, wie die rätekommunistischen Gedanken unter gegenwärtigen Bedingungen weiterzudenken wären. Im Sinne einer getreuen Abbildung der Geschichte und der Betonung von historischem Bewusstsein ist dies verständlich und gut.

Dennoch halte ich es für sinnvoll, diese Anknüpfungspunkte zu suchen und herzustellen, denn immerhin werden rätekommunistische Überlegungen nicht nur als „Ideen“, sondern verbunden mit bestimmten Praktiken gelebt und weitergegeben. Klopotek hingegen erwartet, dass Interessierte sich auf Geschichte und Theorie des Rätekommunismus tiefer gehend einlassen, statt oberflächliche Gedanken zu ihm zu reproduzieren. Wer an den darauf aufbauenden Überlegungen folgen und der daraus hervorgehenden Perspektive interessiert ist, kann vom Autor beispielsweise in der konkret lesen.

Jonathan Eibisch

Felix Klopotek: Rätekommunismus. Suhrkamp, Schmetterling Verlag Stuttgart, 2021. 252 Seiten, ca. SFr 34.00. ISBN 978-3896576743

Mehr zum Thema...
Die Reste der Vendôme-Säule, die als Symbol der Herrschaft Napoléons von den Kommunarden 1871 umgestürzt worden war; im Vordergrund Barrikaden.
Ist der Rätekommunismus heute noch relevant?Alle Macht den Räten?

15.02.2017

- In diesem Text soll es nicht vorrangig um eine Geschichte des historischen Rätekommunismus gehen, sondern es sollen vor allem einige Überlegungen zur heutigen Relevanz des Rätekommunismus angestellt werden.

mehr...
Nestor Machno im Jahr 1918.
Dokumentation und GeschichteNestor Machno - Die Bewegung

05.08.2010

- Einer ihrer bekanntesten Kämpfer, Nestor Machno, nach dem diese Bewegung benannt wurde, war durch die Revolution 1917 aus dem Gefängnis in Petersburg befreit worden.

mehr...
Demonstration in Toulouse gegen die „Reform“ der Arbeitsgesetze (loi travail), Juni 2016.
Seattle und die FolgenGabriel Kuhn: Neuer Anarchismus in den USA

15.06.2008

- Im Grundlegenden ist das Werk eine Einführung in die verschiedenen Anarchistischen Strömungen aus Nordamerika. Dazu hat Gabriel Kuhn 19 Texte welche die einzelnen Strömungen gut widerspiegeln und die inneranarchistischen Debatten bezeichnen auf Deutsch

mehr...
Rätekommunismus. Geschichte - Theorie

18.05.2021 - Im April 2021 hat Felix Klopotek in der theorie.org-Reihe des Schmetterling-Verlags den lang angekündigten Einführungsband „Rätekommunismus. [...]

Auf dem Weg zum Rätekommunismus

20.05.2021 - Gruppierungen wie die KAPD oder die Allgemeine Arbeiter Union (AAU-D) sind heute kaum noch bekannt. Doch vor 100 Jahren spielten sie insbesondere im [...]

Dossier: Revolution von 1917
The Kathryn and Shelby Cullom Davis Library
Propaganda
Che Guevara Memorial

Aktueller Termin in Aachen

Raving into 29

az aachen

Samstag, 21. Mai 2022 - 23:00 Uhr

Az Aachen, Hackländerstraße 5, 52064 Aachen

Event in Oberhausen

Ruhr Rock Rausch 2021

Samstag, 21. Mai 2022
- 21:00 -

Turbinenhalle

Im Lipperfeld 23

46047 Oberhausen

Mehr auf UB online...

Johann Most, 1890.
Vorheriger Artikel

Eine Lektion für den zögerlichen und wankelmütigen Skeptiker

Ungefragt kriege ich veranschaulicht, was der Most-Faktor ist

Cover zum Buch.
Nächster Artikel

Hesseldahl, Morten und Henrik Rehr: Kubanischer Herbst

Die Graphic Novel zur kubanischen Revolution

Untergrund-Blättle