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Fahim Amir: Schwein und Zeit. Tiere, Politik, Revolte Zoopolitik heute

Sachliteratur

Ein Plädoyer, Menschen und Tiere als Gefährten im politischen Kampf zu interpretieren.

Zoo Zürich: Platz am Eingang mit Vorstellung verschiedener Pinguinarten.
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Bild: Zoo Zürich: Platz am Eingang mit Vorstellung verschiedener Pinguinarten. albinfo (CC BY 3.0 cropped)

26. Mai 2019

26. Mai. 2019

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Mit seiner „Streitschrift“ (S. 14) will der österreichische Künstler und Philosoph Fahim Amir die Tiere als neue Akteure der Multitude – der Vielen, die gegen das Imperium Widerstand leisten – sichtbar machen. Postoperaist*innen und ihre Geschwister im Geiste werden nach der Lektüre nicht umhinkommen, mit den Tieren zu kämpfen. Wen aber die teils mystisch-obskuren, teils politizistisch-idealistischen Prämissen der Synthese von Poststrukturalismus mit Theorieelementen des italienischen Operaismus (Postoperaismus) bisher nicht überzeugen konnten, die mit Empire von Antonio Negri und Michael Hardt weltweit populär wurde, wird von Amirs politischer Theorie in der eigenen Haltung eher bestärkt.

Der Autor legt mit der Brechstange los. Kritik an Naturzerstörung sei in der Regel konservativ-romantisierend oder geschehe im Dienste ökomodernistischen Ressourcenmanagements. Überhaupt gelte es, „unsere Vorstellungen von Natur zu entromantisieren“ (S. 5). Mitleidsethik sei eine „paternalistische Falle“ (S. 6). Diese pauschalen Thesen sind Blödsinn. Die einzige Polemik Amirs, die einen Wahrheitskern hat, ist die Behauptung, dass die Linke bei Tieren „rechts“ (S. 12) werde. In der Regel argumentieren Linke in der Tierfrage idealistisch und vertreten Tierschutzpositionen, mit denen Bündnis 90/Die Grünen das Kleinbürgertum agitieren.

Allerdings begründet Samir seine These, unter Berufung auf die Studie einer Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung, mit der unbestreitbaren Tierausbeutung in der DDR – rund 30 Jahre nach ihrer Auflösung. Aus ähnlicher Borniertheit speist sich auch Amirs Feststellung: „Tiere – auch so ein Problem, das Marx nicht gelöst hat“ (S. 20). Statt politischer Leichenschändung im Geiste der politischen Konstellation vor 1989/90 und hochmütiger Abschätzigkeiten gegen Marx wäre es vielmehr an der Zeit, der Neuen Linken, ihren Epigonen und Überläufern ins bürgerliche Lager die Leviten zu lesen – nicht nur, aber auch wegen der Tiere – und dem marxschen Erbe in der Tierfrage gerecht zu werden.

Opfer epistemischer Gewalt?

Das ganze Tamtam veranstaltet Amir, um eine Bresche für seine politische Theorie der Tiere zu schlagen. Deren Ausgangspunkt ist die „epistemische Gewalt“ (S. 53), welche Tieren mutmasslich von Seiten jener zugefügt werde, die in ihrem Namen für sie kämpfen. Tierschützer*innen, Tierrechtler*innen und Tierbefreier*innen hätten über alle Differenzen hinweg gemeinsam, so der Autor, dass sie Tiere in erster Linie „als Opfer“ dächten, „denen das Elend der Welt zustösst“ (S. 15). Auch in den Ausführungen Theodor Adornos und Max Horkheimers zum Mensch-Tier-Verhältnis finde sich eine „extrem zugespitzte Viktimologie“ (S. 35). In Amirs Worten: „Während Industrie, Biowissenschaften und Landwirtschaft Tiere durch physische Vorrichtungen immobilisieren und zu beherrschen versuchen, tut die Tier-Viktimologie dasselbe, indem sie Tiere zu ewigen Opfern erklärt und den Widerstand von Tieren unwahrnehmbar macht“ (S. 165). […] „In Denken und Vorstellung wird genau das wiederholt, was dem Gegner vorgeworfen wird – herrschaftliche Gewalt an Tieren.“ (S. 164)

Dass insbesondere bürgerliche Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen vorrangig mit moralischer Empörung und plakativen Opferinszenierungen Politik machen, ist gar nicht zu leugnen und wird seit Jahren von progressiven Tierrechtler*innen und Tierbefreier*innen als „unpolitisch“ moniert. Ihnen allen aber vorzuhalten, Tiere ausschliesslich als Opfer zu denken und ihnen dadurch Gewalt anzutun, mithin als verlängerter Arm der Tierausbeutungsindustrie zu agieren, ist aber nicht nur in der Sache grotesk daneben, sondern auch politisch verleumderisch. Selbst der Tierschutz hätte bessere Kritik verdient.

Amirs Anschuldigungen liegen mindestens zwei falsche Annahmen zugrunde. Zunächst wird unterstellt, dass sich die Lage der Dinge ändert (oder perpetuiert), etwa dass die Tiere tatsächlich Opfer der Tierausbeutung durch das Tierkapital sind, wenn man sie entsprechend der eigenen politischen Vorstellungen anders erzählt oder auch nur denkt. Die Konstitution der Wirklichkeit erscheint als Resultat der Erkenntnis. Zweitens wird Theorie nicht als relativ unabhängige begriffen, in der es um die richtige Erkenntnis der historischen und natürlich sozial kontingenten Wirklichkeit geht, sondern unmittelbar als Instrument im politischen Kampf, das dem Willen der Kämpfenden und ihren Zwecken untergeordnet werden kann. Theorie wird auf eine Form der politischen Praxis und unmittelbaren Handlungsanleitung reduziert.

Die schweinische Multitude

Amirs Alternativvorschlag besteht darin, „Tiere nicht als die ultimativen Verlierer von Kultur und Kapitalismus zu verstehen, sondern als widerständige Akteure“ (S. 56). Tiere seien „biosoziale Entitäten, deren Geschichte und Kämpfe mit denen der Menschen auf vielerlei Weise verbunden sind“ (S. 54). Es müsse darum gehen, „aus der Perspektive der Subjektivität der Betroffenen und ihrer Kämpfe“ (S. 54f.) zu denken, die Geschichte und Gegenwart von Tieren als „politische Artgenossen“ (S. 6) ausgehend von ihren Kämpfen zu erzählen. Zoo-politik: Der Kampf um Macht zwischen den Tieren, die herrschen, und jenen, die beherrscht werden .

Die Analogie zur postoperaistischen These von der „Autonomie der Migration“ (S. 54) ist kein Zufall. Allerdings gibt es einen nicht unbeträchtlichen Unterschied. In den Migrationsdebatten sind die Akteure Menschen. Bei Amir sind es Tiere. Diese Differenz überbrückt er folgendermassen: Zunächst seien Tiere „auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichem Ausmass Teil der Kontinuität der lebendigen Arbeitskraft, die […] der toten Arbeit – ein anderes Wort für Kapital – gegenübersteht“ (S. 11). So weit, so gut. Und nirgendwo, so die zweite These, erweise sich „die zoopolitische Kontinuität der lebendigen Arbeit stärker als im Widerstand von Tieren“ (S. 50).

Es bestehe ein „Kontinuum von Widerstandsformen“ von „der Widerständigkeit des Tierknochens gegen seine Bearbeitung“ bis zum „voll ausgewachsenen Widerstand einer revolutionär gesinnten Organisation“ (S. 11), in dem auch das Handeln der Tiere einen Platz habe. „Der Widerstand von Tieren“ ähnele „dem Widerstand von US-Sklav*innen vor dem amerikanischen Bürgerkrieg: individuelle und kollektive Arbeitsverweigerung, Sabotage, Flucht, Gewalt gegen ihre Besitzer⁎innen“ (S. 16). Ungehorsame Menschen und Tiere bildeten zusammen eine „schweinische Multitude“ – „eine gemeinsame widerständige Macht“ (S. 63).

Der Widerstand der lebendigen Arbeitskraft, argumentiert Amir unter Rückgriff auf eine zentrale Überlegung des traditionellen Operaismus, habe erst die technischen Entwicklungen zu ihrer kapitalistischen Unterwerfung hervorgebracht. An verschiedenen Modellen versucht er dies zu zeigen: an der Gestaltung der Schlachthöfe in den USA, der Stadtpolitik in New York und London gegenüber Hausschweinen oder am Umgang mit Tauben. Der gesamte Apparat von Zäunen, Käfigen, Gehegen, Überwachungs- und Monitoringsystemen sei „eine Antwort auf die monströse Akteurschaft von Tieren“ (S. 15).

Wo beginnt Widerstand?

Diese Gedanken sind nicht neu. Der Historiker und Forschungspionier auf dem Feld widerständiger tierischer Subjektivität, Jason Hribal, artikuliert sie seit Anfang der 2000er auf Basis theoretischer Ideen des neomarxistischen Historikers E.P. Thompson. Die Probleme der Argumentation sind bis dato aber noch nicht gelöst. Zum einen basieren sie auf einer überzogenen Verflachung historisch und sozial geschaffener Differenzen zwischen den Spezies.

Zweitens wird man dem spezifischen Handeln der Tiere nicht gerecht, wenn man ihr Verhalten als Widerstand klassifiziert. Der Selbstmord von Sauen infolge der Trennung von ihren Ferkeln ist keine Form des Widerstands. Dasselbe gilt für das individuelle Krankmachen von Menschen oder für den Grenzübertritt auf der Flucht. Die kapillaren Formen der Weigerung, des Entzugs, der Nichtkooperation, der Gewalt und so weiter sind etwas anderes als eine kollektiv und bewusst organisierte Praxis, mit der Ausbeutung und Unterdrückung gezielt begegnet wird, auch wenn diese die genannten Mikroformen annehmen kann.

Sie und ihre Verklärung zum Widerstand sind aber in erster Linie Ausdruck der – hoffentlich temporären – Ohnmacht der Linken, aufgrund eigener Schwäche nicht um den Staat und die Produktionsmittel kämpfen zu können. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, dass Amirs Intervention zwar nahelegt, Menschen und Tiere als „Assemblagen von Kampfgefährt*innen“ (S. 17) zu interpretieren. Was dies für die (gemeinsame) Praxis hiesse, bleibt jedoch sein Geheimnis. Stattdessen lobt er trotz Kritik am Veganismus als Konsumpolitik dessen „praktischen und symbolischen Bruch“ mit den „Logiken“ der „Verhältnisse“ (S. 158) und dass er uns nötige, „das Utopische neu zu denken“ (S. 157). Dabei käme es darauf an, das Utopische zu realisieren – gerade damit die Tiere nicht mehr zu Opfern gemacht werden.

Christian Stache / kritisch-lesen.de

Fahim Amir: Schwein und Zeit. Tiere, Politik, Revolte. Edition Nautilus, Hamburg 2018. 208 Seiten, Paperback. SFr. ca. 23.00 ISBN: 978-3-96054-087-8

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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