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Der nächste Crash ist programmiert | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Das nächste Geld – die zehn Fallgruben des Geldsystems Der nächste Crash ist programmiert

Sachliteratur

Seit der Finanzkrise 2008 haben es die Staaten versäumt, echte System-Änderungen einzuleiten. Man verschiebt die Probleme nur.

7. März 2016

07. 03. 2016

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6 min.

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Das Buch kommt recht unscheinbar daher. Erschienen ist es in einem wenig bekannten Schweizer Verlag. Und doch: Nach der Lektüre habe ich gleich zehn Exemplare nachbestellt und sie einigen Freunden und Bekannten zugeschickt. Nein, nicht weil die Lektüre beste Unterhaltung war, sondern weil das, was in dem Buch geschrieben steht, von mehr Leuten zur Kenntnis genommen werden sollte. Es geht nämlich um Geld!

Um Geld?

Wir alle wissen doch, was Geld ist, denn wir alle haben ja jeden Tag mit Geld zu tun, geben es aus, erhalten es (hoffentlich), direkt auf die Bank. Ja, wir haben, weil historisch interessiert, natürlich auch das Buch «Der Aufstieg des Geldes» des mittlerweile selbst am WEF in Davos auftretenden britischen Historikers Niall Ferguson gelesen. Und wir haben, als an der Geschichte Fergusons unerwartet Zweifel aufkamen, natürlich auch die 500 Seiten «Schulden. Die ersten 5000 Jahre» von David Graeber mitgenommen. Auch ganz normale Lehrbücher haben wir gelesen, etwa Dietrich Eckardts «Was ist Geld?». Und auch das Vergnügen, «Die Sprache des Geldes» des britischen Novellisten John Lanchester zu lesen, haben wir uns nicht nehmen lassen.

Doch spätestens beim Stichwort Fiatgeld (oder Giralgeld) merkte man, dass John Lanchester in einem absolut zentralen Punkt des Geldwesens nicht wirklich durchblickt. Er behauptet nämlich ebenso klar wie falsch, dass sich (ausschliesslich) Staaten das Recht nähmen, Geld zu schöpfen, ohne dass etwas dahinter stecke. «Es handelt sich dabei um Geld, das man im Grunde genommen aus dem Nichts geschaffen hat, einzig und allein durch die Macht des Staates. Dieser Gedanke hat etwas Unheimliches, finde ich,» schreibt Lanchester – und outet sich dabei doch eher als Romancier denn als verlässlicher Sachbuchautor. Denn nicht dass der Staat Geld schöpft, ist das Problem, sondern dass die Banken dies auch tun! Die Banken verleihen Geld, das sie gar nicht haben!

Christoph Pfluger, der Autor des Buches «Das nächste Geld», das ich jeder politisch interessierten Leserin, jedem wirtschaftlich interessierten Leser zur Lektüre wärmstens empfehle, schreibt über Geld nicht als Wirtschaftswissenschaftler, nicht als Banker, nicht als Investor, nicht als Finanzpolitiker, sondern als engagierter Rechercheur, als belesener Historiker, als Bürger und als Journalist mit dem Ziel, das, was er sagt, verständlich hinüberüberzubringen. Dabei scheut er nicht davor zurück, zwecks Anschaulichkeit auch mal die Behörden in Verlegenheit zu bringen – zum Beispiel, indem er der für ihn zuständigen Steuerbehörde seine Steuern in «gesetzlichen Zahlungsmitteln» zu zahlen versuchte. Denn in Artikel 2 des Schweizer Bundesgesetzes über die Währung und die Zahlungsmittel steht: «Als gesetzliche Zahlungsmittel gelten: a) die vom Bund ausgegebenen Münzen; b) die von der Schweizerischen Nationalbank ausgegebenen Banknoten; c) auf Franken lautende Sichtguthaben bei der Schweizerischen Nationalbank.» Bankguthaben auf einer «normalen» Bank sind danach per definitionem keine «gesetzlichen Zahlungsmittel». Aber was, wenn alle Schweizer Steuerpflichtigen ihre Steuern in «gesetzlichen Zahlungsmitteln» auf die kantonalen und kommunalen Steuerbüros bringen würden?

(Ivan Glasenberg zum Beispiel musste aufgrund seines Gewinns aus dem Börsengang der Glencore in Zug in seinem Wohnkanton Zürich 360 Millionen Franken Steuern zahlen. In eine einzelne Zigarettenschachtel gehen – die Mafiosi im Mezzogiorno haben damit Erfahrung und wissen es – 40 Schweizer 1000-Franken-Scheine. Glasenberg hätte also – aufgereiht – 180 Meter prall mit 1000-Franken-Scheinen abgefüllte Zigarettenschachteln aufs Steueramt bringen müssen, oder, anders herum gerechnet, einen knappen Kubikmeter Tausendernoten! Dass die kantonalen und kommunalen Steuerbehörden also Angst vor einem solchen Szenario haben, ist nachvollziehbar. Nur: Die Abschaffung des Bargeldes, die gegenwärtig von der Finanzwirtschaft aktiv propagiert wird, wäre trotzdem die absolut grösste Dummheit mit kaum vorstellbaren Folgen!)

Christoph Pfluger zeigt anschaulich, dass Geld eigentlich immer Kredit ist, ein Kredit mit Zins, was systembedingt dazu führt, dass neue Kredite geschaffen werden müssen. Und er macht verständlich, dass die auch jetzt wieder entstehende Blase platzen muss – ja: muss. Denn die Schulden dieser Welt sind mit allem «Geld», das existiert, nicht zu bezahlen. Also müssen für die Rückzahlung der Schulden wieder Kredite gesprochen werden. Selbst wenn die ganze Welt auch noch die realen Werte, die Immobilien zum Beispiel, zur Rückzahlung der aufgelaufenen Schulden einbringen würden: Man könnte diese realen Werte ja gar nicht verkaufen, denn woher das Geld nehmen, um diese zum Verkauf stehenden realen Werte zu bezahlen?

Dazu Pfluger, Zitat:

«Die nächste grosse Krise ereignet sich nicht, weil jemand einen grossen Fehler macht», schreibt Jim Rickards, der ehemalige Anwalt des berühmten – und konsequenterweise untergegangenen – Hedgefonds LTCM. «Die Fehler wurden schon begangen. Das System ist bereits instabil. Wir warten nur auf die Schneeflocke, die die Lawine auslösen wird.»

Diese Schneeflocke wird mit Sicherheit fallen. Denn es ist bereits jetzt mathematisch unmöglich, die Schulden zurückzuzahlen, wie der US-Autor und Crash-Prophet Michael Snyder vorrechnet. Staat, Unternehmen und Haushalte sind in den USA zusammen mit rund 58 Billionen Dollar verschuldet (vor 35 Jahren waren es noch 4,3 Billionen). Die Geldmenge M1 dagegen, Bargeld und Bankguthaben, liegt bei 3 Billionen. Rechnet man Termineinlagen und andere Geldformen dazu – near money – , sind es 12 Billionen (M2). Alles vorhandene Geld in seinen verschiedensten Spielarten, sei es in der Hand von Privaten, Banken oder dem Staat, reicht also gerade mal für 20 Prozent der Schulden. Für 80 Prozent der Geldschulden ist das Geld gar nicht vorhanden, auch nicht auf fremden Konten. Das Missverhältnis ist entstanden, weil mit jeder Geldschöpfung zusätzliche Zinsforderungen entstehen, die sich automatisch vermehren. Man muss also noch die nicht finanziellen Vermögen heranziehen. Eigenheime, Fabriken, Maschinen und Rechte von Privaten und Körperschaften aller Art (ausser Banken) haben gemäss dem jüngsten Quartalsbericht der Fed einen Wert von total 56 Billionen Dollar. Davon müsste man vier Fünftel verkaufen, um alle Schulden loszuwerden. An wen müsste man verkaufen? An die Inhaber der Forderungen, also die Banken und Hedgefonds dieser Welt und damit an ihre Besitzer. Mit welchem Geld würden sie denn bezahlen? Es gibt ja, wie wir gesehen haben, gar nicht genug.

Zitat Ende.

Das Buch ist verständlich geschrieben, mit unendlich vielen Quellenangaben eine Fundgrube für das intensivere Studium, und ein erhellender Blick in die bevorstehende Katastrophe. Wobei Christoph Pfluger nicht versäumt, Lösungswege aufzuzeichnen. Zumindest zeigt er Wege auf, wie man das Problem im Kleinen angehen könnte – so man denn wollte.

Christoph Pflugers «Das nächste Geld» hätte es verdient, in einem renommierten grossen deutschen Verlag herauszukommen. Man müsste nur wenige Abschnitte, die etwas zu spezifisch die Schweiz betreffen, weglassen oder umschreiben. Für uns Schweizer ist es so, wie es ist, natürlich bestens.

Und nicht vergessen: Wir haben die einmalige Chance, mit der Zustimmung zur Vollgeld-Reform, wenn die zustande gekommene Initiative dann vors Volk kommt, einen substanziellen Beitrag zur Korrektur unserer Geldordnung zu leisten.

Christian Müller / Infosperber

Christoph Pfluger: Das nächste Geld. edition Zeitpunkt, Solothurn 2015, 252 Seiten, SFr 23.00, ISBN 978-3-9523955-3-0

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