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Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert. Lückenhafter Datensatz

Sachliteratur

Seit jeher werden Daten erhoben, um die Welt zu verstehen, doch um welche es dabei genau geht, hat weitreichende Konsequenzen für das Leben von Frauen.

Hack The Gender Gap, Brüssel, Februar 2019.
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Bild: Hack The Gender Gap, Brüssel, Februar 2019. / Romaine (PD)

12. Oktober 2021
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Die Gender Pay Gap, die geschlechtsspezifische Lohnunterschiede darstellt, ist schon lange im öffentlichen Diskurs angekommen. Auf eine weit weniger bekannte Ausprägung der Gender Gap macht Caroline Criado-Perez in ihrem Buch „Unsichtbare Frauen – Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“ aufmerksam. Die Auswirkungen von neuen Technologien, Regulatorien oder Baumassnahmen haben oft einschneidenden Charakter auf Frauen, weil deren Entwicklung auf Basis männlicher Prämissen beruht: Der Mann wird als Prototyp gesetzt, während die Frau lediglich als Abweichung und zweitrangig angenommen wird.

Diese Einstellung führt zur sogenannten Gender Data Gap, dem Unterschied im Geschlechterverhältnis bei Datenerhebungen, die als Grundlage vieler Innovationen, Entwicklungen und alltagsrelevanten Veränderungen dienen. Die Autorin zeichnet ein umfangreiches Bild der systematischen Diskriminierung gegen Frauen und arbeitet dabei drei zentrale Gegenstände heraus – der weibliche Körper, unbezahlte Care-Arbeit und Gewalt gegen Frauen –, welche sie in sechs Lebensbereichen (Alltag, Beruf, Design, Medizin, öffentliches Leben und Katastrophen) einordnet.

Autocrashdummies und Nahverkehrsnetz

Criado-Perez deckt in ihrem Buch auf, wie fehlende oder unzureichende Datengrundlagen zu schwerwiegenden Entscheidungen zum Nachteil von Frauen führen und illustriert dies an zahlreichen Beispielen. Dass Autocrashdummies anhand der Anatomie von Männern ausgerichtet sind, wodurch Frauen einer höheren Wahrscheinlichkeit ausgesetzt sind, bei Autounfällen schwerwiegende Verletzungen zu erleiden, ist ein nicht unbekanntes Beispiel, aber auch weniger offensichtliche Zusammenhänge stellt Criado-Perez her: Nahverkehrsnetze vieler Städte sind beispielsweise oft strahlenförmig aufgebaut, was schnelles und effizientes Pendeln zum Arbeitsplatz in die Stadt und wieder nach Hause ermöglicht.

Zahlreiche Erledigungen innerhalb eines Gebietes sind jedoch mit häufigem Umsteigen und einem erhöhten Zeitaufwand verbunden. Da Männer eher einer bezahlten Tätigkeit nachgehen, profitieren sie vom Verkehrsnetz mehr als Frauen, die häufiger unbezahlte Tätigkeiten übernehmen und somit innerhalb eines Tages öfter den Ort wechseln müssen. Forschungsprojekte, die frauenspezifischen Untersuchungsfragen nachgehen und beispielsweise untersuchen, wie notwendige Kaiserschnitte bei Schwangeren mit nur schwachen Kontraktionen reduziert werden können, erhalten schwieriger finanzielle Unterstützung.

Von Virtual Reality Brillen, die in der Herstellung überwiegend an Männern getestet und bei Frauen Übelkeit und Schwindel hervorrufen, über auf die Handspanne von Männern ausgelegte Klaviaturen, die Frauen vor grössere Herausforderung stellen, bis hin zur Temperierung von Büros, die Männer als angenehm, Frauen jedoch meist als ein paar Grad zu kalt empfinden: Criado-Perez nennt unzählige weitere Beispiele aus diversen Bereichen. Manche scheinen absurd zu sein, andere rufen wütendes oder erstauntes Kopfschütteln hervor. Eins haben alle Beispiele allerdings gemein: Sie sind real und betreffen die Hälfte der Menschheit.

Den Teufelskreis durchbrechen

Criado-Perez geht davon aus, dass die Gender Data Gap, welche als „geschlechtsbezogene Lücke in wissenschaftlichen Daten“ (S. 11) definiert wird, dazu beiträgt, dass die hegemoniale Stellung des Mannes beständig bleibt. Datenwissenschaftlich ausgedrückt kann jede Handlung durch Daten repräsentiert werden, die wiederum anhand verschiedener Parameter ausgewertet werden können. Die Datenlücken zwischen den Geschlechtern entstehen laut Criado-Perez, wenn Frauen gar nicht erst in den Erhebungsprozess einbezogen werden, wenn die Untersuchungsfrage für Frauen nicht relevant oder Erhebungen nicht valide sind, also nicht messen, was sie eigentlich bezwecken. Dass Frauen schlichtweg übergangen werden, liegt in der Allgemeingültigkeit des Mannes, der als Standard gilt und nach welchem alle Strukturen ausgerichtet sind.

Die Lücke an fundierten Daten über Frauen resultiert aus bestehenden gesellschaftlichen Rollenbildern und führt zu einer Überrepräsentation des Mannes bei der Erhebung. Bei der Verwertung der Daten wiederum manifestieren sich die bestehenden geschlechtsdiskriminierenden Strukturen und reproduzieren mittels der Daten das Geschlechterverhältnis.

„Im Kern ist Unsichtbare Frauen also ein Ruf nach Veränderung. Viel zu lange haben wir Frauen als Abweichung vom menschlichen Standard dargestellt und damit zugelassen, dass sie unsichtbar wurden. Jetzt ist es Zeit für einen Perspektivenwechsel. Es ist Zeit, dass Frauen gesehen werden.“ (S. 48)

Dem Anspruch, diese hemmenden Strukturen für die Frau aufzulösen, kann nach Criado-Perez genüge getan werden, indem evidenzbasierte Entscheidungen getroffen werden. Diese Entscheidungen müssen auf umfangreichen, validen und geschlechtsgetrennten Analysen basieren. Bisher werden Frauen viel zu oft entweder gar nicht oder anhand einer sehr kleinen Stichprobe in Studien repräsentiert, sodass keine signifikanten Aussagen über diese Gruppe getroffen werden können. Dennoch werden Ergebnisse, die für Männer gelten, fälschlicherweise auf Frauen übertragen. „Unsichtbare Frauen“ ist ein Ruf nach kritischem Hinsehen und nach einem geschärften Bewusstsein bei der Datenerhebung und Datenanalyse.

Schliessen der Datenlücke als Allheilmittel?

Beim Lesen des Buches könnten Leser:innen dementsprechend den Eindruck gewinnen, das Problem der fehlenden Gleichberechtigung sei leicht zu lösen, schliesslich „müssen wir einfach nur aufhören, Frauen falsch darzustellen“ (S. 148) und den Willen aufbringen, entsprechende Daten zu erheben. Datenlücken liessen sich einfach schliessen, wovon alle profitieren würden.

Doch trügt der schöne Schein: Ursächliche Mechanismen zur Entstehung von Datenlücken werden nur recht oberflächlich angeschnitten. Hier wäre eine über das Vorwort und die Einleitung hinausgehende Auseinandersetzung mit der Verwobenheit patriarchaler und kapitalistischer Bedingungen wünschenswert gewesen. Nach wie vor sind es überwiegend Männer, die entsprechende Positionen innehaben und über die Macht verfügen, Daten (nicht) zu erheben und mit den Ergebnissen die abzuleitenden Massnahmen zu beeinflussen und zu ihren Zwecken zu instrumentalisieren.

Die Trennung der geschlechtsbezogenen Sphären der Produktion und Reproduktion im weitesten Sinne manifestiert sich. Würde die Datenlücke verkleinert oder gar geschlossen werden können, würde dies zweifellos das Leben vieler Frauen verbessern, das Geschlechterverhältnis im Kapitalismus grundsätzlich jedoch nicht antasten.

Dennoch kommt Criado-Perez der Verdienst zu, die unterrepräsentierten Belange von Frauen in der Datenerhebung und -verarbeitung deutlich zu machen und einen Wandel zu postulieren. Bedauerlich ist hingegen, dass die deutsche Übersetzung nicht konsistent gendert – und dies, obwohl Criado-Perez selbst gleich zu Beginn von der Bedeutung spricht, das generische Maskulinum zu überwinden. Studien belegen, dass es eben nicht „generisch interpretiert wird“ (S. 21). Eine offene Frage bleibt ausserdem, welche Diskriminierungen non-binären Menschen aufgrund von Gender Data Gaps entgegentreten, Criado-Perez bewegt sich in ihrer Untersuchung lediglich in einem binären System.

An dieser Stelle wären weiterführende Untersuchungen notwendig, zumal sie Fragen kritischer Datenwissenschaft aufwürfen, wie mit dem Umstand umzugehen sei, dass Kategorisierungen als Grundlage der eigenen Methodologie per se soziale Auswirkungen haben und kaum vermieden werden können.

Tamara Lozano Moreno
kritisch-lesen.de

Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert. Übersetzt von: Stephanie Singh. btb Verlag, München 2020. 494 Seiten. ca. 19.00 SFr., ISBN: 978-3-442-71887-0

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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