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Björn Fischer: Rock-O-Rama. Als die Deutschen kamen | Untergrund-Blättle

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Björn Fischer: Rock-O-Rama. Als die Deutschen kamen Hinter den Kulissen eines Plattenlabels

Sachliteratur

Punkbands mit provokanten Namen wie Böhse Onkelz, Cotzbrocken, Oberste Heeresleitung oder Stosstrupp sorgten bereits in der Frühphase der wohl kontroversesten deutschen Schallplattenfirma medial für reichlich Zündstoff.

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Cover zum Buch. Foto: dsfdfs (CC-BY-SA 2.0 cropped)

11. November 2022
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Wenige Jahre später hatte sich das Kultlabel in einen Rechtsrock-Vertrieb verwandelt, der sich im Fadenkreuz des Verfassungsschutzes befand. Björn Fischer erzählt in Rock-O-Rama (Hirnkost Verlag, 448 S., € 32,-) haarsträubende Storys über den medienscheuen Firmenchef Herbert Egoldt, „abgeschnittene Ohren“ und die Unterwanderung der Punk-Szene durch die NPD.

Seit den Anfängen von Rock-O-Rama Records spaltet die Frage nach der ursprünglichen politischen Ausrichtung des Labels und dessen Inhabers die Gemüter: Einigen Musikhistorikern und Soziologen genügt die Präsenz einer OHL-Heimatfront-LP und eines Sampler-Titels wie Die Deutschen Kommen, um in der Früh-1980er-Anfangszeit bereits eindeutig rechte Tendenzen zu erkennen, für andere ist die 1985er-Label-Phase mit der rasanten Abnahme der Hardcore-Punk-Produktionen und Ausweitung der Sparte „Skinhead Rock“ eine konsequente Weiterführung revolutionärer Untergrundmusik von der Strasse.

Selbst Jahrzehnte nach Label-Gründung ist der Name Rock-O-Rama noch ein essentieller Begriff sowohl für Früh-1980er Deutschpunk-Vinylsammler und Finnland-HC-Liebhaber als auch für Onkelz-Fans oder Rechtsrock-Anhänger. Online-Verkaufsportale spucken nach Eingabe des Begriffs Rock-O-Rama primär ein Sammelsurium von Onkelz-Devotionalien aus, sekundär mit den Punk-Veröffentlichungen eine Fundgrube für Nostalgiker, die mit dem rohen, ursprünglichen Strassenpunk à la Cotzbrocken mehr anfangen können als mit glattgebügelten Digitalaufnahmen. Fest steht: Musik mit rechtspopulistischen Botschaften und streitbarer Symbolik war schon immer ein Garant dafür, sofortige Aufmerksamkeit zu erregen.

1977 sind es in Grossbritannien vereinzelte Auswüchse der dort neu entstandenen Punk-Provokationswelle, hervorgerufen durch verpönte Hakenkreuz-Symbolik von Szenevorbildern wie Sid Vicious. Bald darauf gründet die National Front einen internen Unterverein namens „Punk-Front“, um Teile der immer stärker werdenden Punkbewegung für ihre Ziele zu vereinnahmen. Mitglieder späterer RAC- und White-Power-Bands sind anfangs oft Punks. Die spätere Rock-O-Rama-Label-Band Brutal Attack findet als Punktruppe in einer frühen Ausgabe des Zines Der Aktuelle Mülleimer positive Erwähnung, ihr Bassist schafft es auf die Vorderseite des ersten Punk-And-Disorderly-LP-Samplers. Ihnen erscheint die Punkbewegung zunehmend kommerziell verwässert und hippiesk, sie fühlen sich bei den Skinheads besser aufgehoben.

„Die frühen U.K.-Punks setzten ganz bewusst die Nazi-Devotionalien ein, um ihre Eltern bzw. Grosseltern zu ärgern und zu provozieren“, reflektiert Thomas vom Hamburger A.d.s.W.-Zine, „mit Politik hatte das nichts zu tun. Dass dieses natürlich von den BRD-Punks übernommen wurde, zeigt ihre jugendliche Unreflektiertheit und ihre Englandhörigkeit, ich nehme mich da auch gar nicht aus, bin z. B. ebenso mit (im Übrigen vom Grossvater geerbtem echten) Eisernen Kreuz rumgelaufen – dass dies den Beifall von irritierender Seite zur Folge hatte, als mich auf einmal irgendwelche Rentner ob meiner kurzen Haare und dem sichtbaren Eisernen Kreuz lobten, liegt auf der Hand … In der BRD Skinhead zu werden, war eine Modewelle unter den (ehemaligen) Punks, zuerst unpolitisch, aber so ab 1981/82 mit klarem, zunächst nur provokantem Rechtsdrall, bevor es sicht- und fühlbar unangenehmer wurde – speziell für die verbliebenen Punks!

Anno 1982 konnte ich noch mit gefärbten grün-schwarzen Haaren an einer Horde Skins aus Hamburg und Frankfurt/Main vorbeigehen, ohne doof angemacht zu werden, da die allermeisten vorher Punks gewesen waren – ein Jahr später absolut undenkbar, da jetzt viele Hauertypen dazugestossen waren, die eben vorher keine Punks gewesen waren. Und ab da wurde es wirklich gefährlich, nicht nur auf den Konzerten, sondern generell ‚on the streets‘ – das heisst nicht, dass es vorher harmlos gewesen wäre, aber unangenehme Situationen waren die Ausnahme gewesen.

Mittlerweile musste man (frau auch!) sich vorsehen, da mit diversen anderen Gruppierungen nicht gut Kirschen essen war – mit den Teddy Boys sowieso nicht, obwohl es durchaus Berührungspunkte und sogar eine Art Burgfrieden und Verbrüderungen gab. Die Rockertypen waren auch mit Vorsicht zu geniessen, dann gab es auf einmal die Skins und in deren Schlepptau die ‚Fussballrocker‘, schliesslich die ganzen Bomberjackengangs, zu denen man ein ambivalentes Verhältnis pflegte …“

In den frühen 1980ern verfestigt sich in westdeutschen Grossstädten nach und nach der politische Bezug vieler Punks zur Alt-68er-Bewegung und sorgt, bedingt durch gemeinsame Demos, besetzte Häuser, unabhängige Jugendzentren und musikalische Sprachrohre wie Ton Steine Scherben und Slime sowie den Anti-Establishment-Gedanken der RAF, für eine überwiegend linksradikale bis anarchistisch geprägte Denkweise.

Eine Namensgebung wie Holocaust Tapes für einen Kassettenvertrieb von Live-Aufnahmen bekannter Punkbands lässt sich innerhalb der Szene noch lässig mit dem Stichwort „Provokation pur“ rechtfertigen. Doch ein Kölner Punk-Label, das Plattencover mit Weltkriegssoldaten veröffentlicht, hat zu dieser Zeit bereits etwas eher Suspektes an sich, und mit dem OHL-Schriftzug bemalte Lederjacken lösen oft eine „Bäh-das-ist-ja-CDU-Punk!“-Reaktion aus. Einigen Punks wird diese „linke Klugscheisserei“ zu viel; sie wechseln wie ihre englischen Vorbilder zu den Skinheads. 1984 gilt klassischer 77er-Punk wie Ramones oder 999 bei einem Grossteil der jüngeren Punks in Westdeutschland als altbacken.

Englische Bands der 82er-UK-Punk-und-Oi!-Welle wenden sich, angezogen durch vermeintlich grösseren Erfolg, mehrheitlich entweder dem New-Wave- oder Heavy-Metal-Genre zu. Exotenpunk aus Brasilien oder Finnland verliert angesichts der Härte und Spielfreudigkeit erster US-Crossover-Bands schnell an Reiz. Die Neue Deutsche Welle verkommt zur Hitparaden-Blödelshow, die Band Nichts trifft mit ihrem „Deutschen Lied“ im eigenen Land auf Unverständnis. In vielen westdeutschen Städten formiert sich eine jüngere Generation von Skinheads, die sich eher mit den Texten der Onkelz identifizieren kann als mit älteren englischen Oi!-Bands.

Der Zusammenhalt mit Punks ist ihnen fremd; irgendwann hat es mit denen vielleicht auch mal Stress gegeben – hätten sie den Ärger mit Skins gehabt, wären sie vielleicht Punks geworden ... Gut aufgehoben und geschützt in der Gruppe haben viele bald das Gefühl, in der öffentlichen Wahrnehmung eine durchaus grössere Schockwirkung zu erzielen als eine ihrer Meinung nach vor sich hin degenerierende Punk-Ansammlung am Bahnhof. Zudem sind viele der Auffassung, man könne sich, wenn’s mal zur Sache geht, auf die neuen Kameraden besser verlassen als auf einen Haufen bereits am Nachmittag betrunkener Punk-Kumpel, von denen ein Grossteil sofort Reissaus nimmt, wenn sich eine Horde Skinheads nähert.

Björn Fischer

Björn Fischer: Rock-O-Rama. Als die Deutschen kamen. Hirnkost 2022. 448 Seiten, ca. 36.00 CHF ISBN: 978-3-949452-00-0

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