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Bernhard Schmid: Frankreich in Afrika | Untergrund-Blättle

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Bernhard Schmid: Frankreich in Afrika Das postkoloniale Afrika im Netz der Abhängigkeiten

Sachliteratur

Bernhard Schmid beschreibt das französische System der Sonderbeziehungen zu afrikanischen Staaten („Françafrique“), das eine tiefgehende Einmischung in die politischen und ökonomischen Fragen der afrikanischen Länder beinhaltet.

Französische Soldaten bei der Ankunft auf dem Flughafen in Bamako, Mali, Januar 2013.
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Französische Soldaten bei der Ankunft auf dem Flughafen in Bamako, Mali, Januar 2013. Foto: Brandi Hansen (PD)

17. Februar 2021
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Als ab den 1950er Jahren afrikanische Staaten ihre Unabhängigkeit erklärten, bedeutete dies keineswegs, dass damit eine vollständige Souveränität erreicht worden war. Ehemalige Kolonialmächte wie etwa Frankreich und die neuen Weltmächte USA und Sowjetunion deklarierten jeweils Interessensphären und knüpften die neuen Staaten in vielfältige Abhängigkeitsverhältnisse ein. Diese Strukturen wirken auch nach dem Ende des Kalten Krieges und des Zusammenbruchs der Sowjetunion weiter.

Von einem der wichtigsten westlichen Akteure im Afrika der post-kolonialen Phase handelt das Buch von Bernhard Schmid. Der Autor beschreibt das französische System der Sonderbeziehungen zu afrikanischen Staaten („Françafrique“), das eine tiefgehende Einmischung in die politischen und ökonomischen Fragen der afrikanischen Länder beinhaltet.

Dieses System soll sicherstellen, dass Frankreich bevorzugten Zugang zu strategischen Ressourcen hat, französische Unternehmen Erleichterungen erhalten und das französische Militär sich Stützpunkte sichert. Im Gegenzug erhalten die jeweiligen afrikanischen Regime den Schutz Frankreichs sowohl gegen andere Staaten als auch gegen innenpolitische Gegner, seien es meuternde Soldaten, Rebellenbewegungen oder Oppositionelle.

In seiner über fünfzigjährigen Geschichte hat sich Françafrique zu einem System entwickelt, in dem Politiker und Militärs aus Frankreich und aus afrikanischen Staaten starke Verflechtungen miteinander eingegangen sind, sodass die Grenzen zwischen Staatsräson und personeller Bereicherung kaum noch zu ziehen sind. Diese recht eigentümliche Welt wird in eindrucksvollen Geschichten dargestellt, die deutlich machen, welche Diskrepanzen in der französischen Afrikapolitik zwischen der öffentlichen Bezugnahme auf Demokratie und Menschenrechte einerseits und der faktischen Unterstützung von brutaler Repression bis hin zum Völkermord andererseits existieren.

Ebenso wird auf die Verklärung der französischen Kolonialgeschichte hingewiesen, in der noch Bilder von zivilisationsbringenden Weissen und rückständigen AfrikanerInnen herumschwirren.

Ausführlich wird Frankreichs Politik in der Côte d'Ivoire dargestellt, die Ende 2002 nach einer Rebellion in eine militärische Intervention der französischen Armee mündete. Die Militärintervention führte dazu, dass die ivorische Regierung die südlichen Regionen und die Rebellen den Norden des Landes kontrollierten. Die Beziehungen zwischen der ivorischen Regierung und Frankreich verschlechterten sich zunehmend.

Dies führte dazu, dass Frankreich (neben anderen westlichen Staaten) nach einer umstrittenen Wahl dem Oppositionskandidaten durch eine militärische Intervention zur Macht verhalf. Auch in anderen afrikanischen Ländern gab es intensive französische Interventionen, mehrheitlich zu Gunsten der herrschenden Eliten. So hat Frankreich mehrfach in Gabun militärisch eingegriffen, um Gegner des dortigen Regimes zu zerschlagen – nicht zuletzt aufgrund ökonomischer Interessen. Denn Gabun ist ein wichtiger Erdölexporteur für Frankreich.

Diese ökonomischen Zusammenhänge werden in einem längeren Kapitel dargestellt, während sich kürzere Kapitel mit weiteren Themen beschäftigen. So wird etwa skizziert, wie das Regime in Ruanda bis zum Vorabend des Genozids 1994 von Frankreich unterstützt wurde. Die aktuellen Ereignisse in Nordafrika und das Projekt der „Union für das Mittelmeer“ werden ebenso angerissen.

Allerdings hat das Buch auch einige Schwächen und Stolpersteine für LeserInnen. So ist zum einen keine inhaltliche oder chronologische Struktur der Kapitel zu erkennen. Gegenwärtige Entwicklungen wechseln sich mit historischen Ereignissen ab, auf exemplarische Hinweise zu einzelnen Ländern folgen Querschnittbetrachtungen zu grösseren Themenfeldern. Für LeserInnen ist der logische Aufbau nicht immer ersichtlich. Dies spiegelt sich teilweise auch innerhalb der Kapitel selbst wider, wo nicht selten „Szenenwechsel“ stattfinden, die manchmal eher verwirren als erhellen.

Der zweite Kritikpunkt betrifft die Schwerpunktsetzung des Autors, der sich stärker mit Skandalen, medialen Ereignissen und Symbolpolitik beschäftigt als mit einer strukturellen Analyse. Eine zusammenfassende Darstellung der französischen Militärinterventionen oder der ökonomischen Beziehungen zwischen Frankreich und den afrikanischen Ländern fehlt weitgehend. Während Reden des Staatspräsidenten Sarkozy vor französischen Veteranen der Kolonialkriege ausführlich besprochen werden, fehlt etwa die Analyse zu der realen Umsetzung der postkolonialen Françafrique-Verträge.

Allerdings bleibt das Buch – trotz der hier skizzierten Kritik – für alle, die sich für die post-koloniale Geschichte und Gegenwart Afrikas interessieren, lesenswert. Insbesondere weil die Rolle Frankreichs bei den gegenwärtigen Entwicklungen Afrikas in der übrigen deutschsprachigen Literatur vielfach unterbelichtet, wenn nicht völlig unbeachtet bleibt.

Ismail Küpeli
kritisch-lesen.de

Bernhard Schmid: Frankreich in Afrika. Eine (Neo)Kolonialmacht in der Europäischen Union zu Anfang des 21. Jahrhundert. Unrast Verlag, Münster 2011. 312 Seiten, ca. 24.00 SFr, ISBN 978-3-89771-034-4

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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