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Mein Weg vom Kongo nach Europa | Untergrund-Blättle

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Entweder wir verleugnen uns oder wir kämpfen Mein Weg vom Kongo nach Europa

Sachliteratur

Die im Jahr 2000 veröffentlichte und bislang nicht ins Deutsche übersetzte Monographie „Where We Stand: Class Matters“ von bell hooks gehört für mich zum Inspirierendsten, was ich bislang zum Thema Klasse gelesen habe.

Verkäufer in den Strassen von Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratische Republik Kongo.
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Bild: Bell Hooks. / Montikamoss (CC BY-SA 4.0 unported - cropped)

11. Januar 2016
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Korrektur
Die afro-amerikanische Feministin bell hooks verknüpft hier einen sehr persönlichen und autobiografischen Zugang mit einer grundlegenden Gesellschaftsanalyse und Kulturkritik, dies in einer zugänglichen, berührenden und kämpferischen Sprache. hooks denkt Klasse stark vom Alltag und von sozialen Bewegungen her, die sie im Hinblick auf ihre Klassenpolitiken kritisiert und auf ihre Potenziale hin befragt. Dabei liefert sie differenzierte und empirisch fundierte Analysen zu den Verknüpfungen von Rassismus, Sexismus und Kapitalismus/Klassismus. Während ökonomische Prozesse im engeren Sinne und auf einer Makroebene analytisch nicht im Zentrum stehen, „atmet“ das Buch doch unverkennbar eine kapitalismuskritische Grundannahme und Vision, insbesondere, was Fragen der Ressourcenverteilung anbelangt.

Neben Vorwort und Einleitung besteht der Band aus vierzehn kurzen Kapiteln, die hooks’ Überlegungen zum Thema Klasse zusammenbringen. Ausgangspunkt sind häufig die persönlichen Erfahrungen der Autorin: als Schwarze Frau aus der Arbeiter_innenklasse („working class“) der Südstaaten der USA und als „Klassenwechslerin“, die sich in einem weissen akademischen Mittelklasse-Umfeld bewegt – und ihren Wurzeln treu bleiben will. Sie schreibt über den Mangel an Wohnraum und Geld als Kind, über die selbstverständliche gegenseitige Unterstützung in ihrem Schwarzen Herkunftsumfeld, über den Stolz auf die Arbeiter_innenklasse und das gleichzeitige Nicht-Reden über Klasse.

Ausführlich macht sie ihren persönlichen Klassenwechsel zum Thema, den erfahrenen Klassismus und die Herausforderungen, die es mit sich bringt, sich zwischen „verschiedenen Klassen hin und her zu bewegen“ („to move back and forth between different classes“, S. 148): wie es war und ist, sich – aus der Schwarzen Arbeiter_innenklasse kommend – in einem weissen, bürgerlichen, reichen Umfeld zu bewegen.

So beschreibt hooks unter der Überschrift „Coming to Class Consciousness“ („Klassenbewusstsein entwickeln“) ihre College-Jahre und bringt den akademischen Klassismus zu Papier. Sie macht den massiven Anpassungsdruck am College deutlich, der auf Abwertung und Verleugnung der Arbeiter_innenklasse – und damit ihrer eigenen Herkunft – abzielte:

„Langsam begann ich in Gänze zu verstehen, dass es in der Akademie keinen Platz gibt für Leute mit Arbeiter_innenherkunft, wenn sie ihre Vergangenheit nicht hinter sich lassen wollen. Das war der Preis dafür (“the price of the ticket”). […] Ich war nicht stolz darauf, Abschlüsse in den Händen zu halten von Institutionen, in denen ich konstant verachtet und beschämt worden war. Ich wollte diese Erfahrungen vergessen und aus meinem Gedächtnis löschen“ (S. 36f., Übers. J.R.).

Diejenigen, die sich weigerten, ihre Herkunft zu verleugnen, zu vergessen, brachen bisweilen zusammen unter diesen Widersprüchen und verliessen die Hochschule. Zugleich erlebt hooks, dass der Weg der Anpassung an das Mittelklasse-Umfeld ihr als Schwarzer Studentin per se verwehrt blieb: „Schwarz zu sein machte mich automatisch zur Aussenseiterin“ (S. 27, Übers. J.R.).

hooks entwickelt hier einen spezifischen widerständigen Wissensstandpunkt als Denkerin in einem Raum „zwischen den Klassen“ (S. 148): mit Zugang zu bürgerlichen (weissen) Bildungsinstitutionen und zu anderen Klassenprivilegien, jedoch mit Wurzeln, Beziehungen und Ressourcen, die sie mit ihrer Schwarzen Arbeiter_innenherkunft verbinden.

Weitere Kapitel sind der Frage gewidmet, wie in den USA und spezifisch auch innerhalb Schwarzer und feministischer Communitys mit dem Thema Klasse umgegangen wird. hooks entwickelt eine grundlegende Kulturkritik: am Verlust von Solidarität, an der Fokussierung auf Konsum und Besitz, an klassistischen Repräsentationen von Armen in den Massenmedien. Sie untersucht die Herausbildung einer Schwarzen Elite und Prozesse der Entsolidarisierung innerhalb Schwarzer Communitys; und sie problematisiert in deutlichen Worten die Klassenpolitik reformorientierter Feministinnen, die sich für den Aufstieg einiger weniger Frauen einsetzen statt für grundlegenden sozialen Wandel zu kämpfen. Hier wie dort konstatiert hooks eine Schwächung sozialen Bewegungen durch (verschärfte) Klassenunterschiede innerhalb derselben.

hooks macht aber auch immer wieder auf Ressourcen, Potenziale und Visionen aufmerksam. Erstens „atmet“ ihre Publikation eine empowernde Sichtweise auf die Schwarze Arbeiter_innenklasse. Ohne zu idealisieren und durchaus kritisch etwa, was die Nicht-Thematisierung von Klasse angeht, reflektiert sie das Schwarze Arbeiter_innenumfeld ihrer Kindheit als Lernort, in dem Solidarität selbstverständlich war. Mit Verweis auf W. E. B. DuBois sowie auf die militante Black-Power-Bewegung der 1960er Jahre plädiert hooks für anti-rassistische Kämpfe, die sich sozialer Gerechtigkeit verschreiben. Sie weist auf die Notwendigkeit der Klassensolidarität innerhalb der Schwarzen Armutsklasse („black poor and underclass“) hin und fordert progressive Schwarze Eliten („black ‚elites‘“) dazu auf, Stellung zu beziehen. Das Ziel Schwarzer Selbstbestimmung kann, so hooks, nur erreicht werden, wenn es gelingt, Visionen und Strategien des Empowerments für alle Klassen zu entwickeln.

Was die Frauenbewegung angeht, bezieht sich hooks positiv auf frühe lesbische Auseinandersetzungen mit Klassenunterschieden und generell auf einen radikalen/revolutionären visionären Feminismus für alle: einen Feminismus, der um die Verwobenheiten verschiedener Herrschaftsverhältnisse weiss, der sich für sozialen Wandel einsetzt und dabei „Klassismus kritisiert und herausfordert“ („critiques and challenges classism“, S. 107). Entgegen der dominanten reformistischen Zentrierung klassenprivilegierter weisser Frauen hält hooks fest: „Eine visionäre Bewegung würde in ihrer Arbeit zuallererst und vor allem von den konkreten Bedingungen von Frauen aus der ArbeiterInnen- und Armutsklasse ausgehen“ (S. 109, Übers. J.R.).

Die konkreten Analysen in „Class Matters“ beziehen sich auf den Kontext USA. Vieles jedoch ist durchaus übertragbar auf die BRD. Mit ihrer intersektionalen Klassenanalyse, ihrer persönlich-autobiografischen Klassismuskritik und einer politisch engagierten, klaren und zugänglichen Art des Schreibens kann bell hooks jedenfalls bedeutsame Inspirationen liefern für die hiesige Klassismusdiskussion.

Julia Rosshart
kritisch-lesen.de

bell hooks: Where We Stand. Class Matters. Routledge, New York / London 2000. 160 Seiten, ca. SFr 18.00, ISBN 978-0415929134

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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