UB-LogoOnline MagazinUntergrund-Blättle

Ármin Langer: Ein Jude in Neukölln | Untergrund-Blättle

3978

buchrezensionen

ub_article

Buchrezensionen

Ármin Langer: Ein Jude in Neukölln „Manchmal braucht man keine Lösung, wenn man weiss, dass die Richtung stimmt“

Sachliteratur

Ein autobiographischer Essay plädiert für ein geduldiges und beharrliches Gespräch zwischen Jüd_innen und Muslim_innen, um sich keine Feindschaft einreden zu lassen.

StreetYogi in der Strasse HasenheideEcke Hermannplatz in BerlinKreuzberg.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Street-Yogi in der Strasse Hasenheide - Ecke Hermannplatz in Berlin-Kreuzberg. / Lienhard Schulz (CC BY-SA 3.0 cropped)

15. März 2017

15. 03. 2017

0
0

9 min.

Korrektur
Drucken
Es sieht düster aus für das jüdische Leben in der Bundesrepublik, wenn Verlass auf die öffentliche Darstellung ist. Und der Berliner Bezirk Neukölln ist in vielerlei Hinsicht ein Beispiel dafür. Wer „Neukölln“ sagt, meint: soziale Brennpunkte, Parallelgesellschaften, Grossfamilien – und No-go-Areas. Die Umtriebigkeit des ehemaligen Bürgermeisters Buschkowsky (u.a. mit seiner Publikation „Neukölln ist überall“), aber auch die Popularisierung des sogenannten Neuköllner Modells der Jugendrichterin Heisig („Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“), haben dem Bezirk schon vor Jahren eine unrühmliche Bekanntheit verschafft, mit der es anno dazumal vielleicht noch Kreuzberg aufnehmen konnte – bis dort alles In-Wert-Setzbare nicht nur irgendwie hübsch, sondern auch „sicher“ gemacht wurde. Neukölln hat Kreuzberg also derweil – trotz „Kottbusser Tor“ und „Görlitzer Park“ – in manchem den Rang abgelaufen. Vor allem, was die Ethnisierung aller Arten von Tristesse angeht.

Neukölln: No-show, No-go?

Ob der Aufenthalt in Neukölln mit einem Risiko für Leib und Leben verbunden sei, beschäftigt seit über zehn Jahren unter anderem das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo. Seit 2006 wird befürchtet, man dürfe sich dort nicht als schwul zeigen, Neukölln wird als „No-show-Area“ bezeichnet. Gemeint ist mit Neukölln dabei nicht der gesamte Stadtteil mit den weit über 300.000 dort lebenden Menschen, sondern der Norden des Bezirks, wo sich diejenigen mit dem ominösen Migrationshintergrund konzentrieren – eine Chiffre für die, die familiär etwas mit der Türkei oder einem arabischen Land zu tun haben.

Nach einem gewalttätigen antisemitischen Übergriff auf ihn im Jahr 2012, sprach auch Rabbiner Daniel Alter von „No-Go-Areas für öffentlich erkennbare Juden“ – unter anderem auch in Teilen von Neukölln, und zwar jenen, in denen es einen „hohen Bevölkerungsanteil an arabischen und türkischen Migranten“ gebe (Geiler 2013). Die Aussagen von Alter, seinerzeit Antisemitismus-Beauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und dort zugleich zuständig für interreligiösen Dialog, führten im November 2013 zur Gründung einer jüdisch-muslimischen Gruppe, die seither dem Fokus auf Sicherheit in den Debatten ums Zusammenleben im Bezirk gemeinsame Aktionen entgegensetzt. Die Salaam-Schalom-Initiative betont seitdem: „Muslime und Juden sind keine natürlichen Feinde“ (S. 114), „Muslime und Juden weigern sich, Feinde zu sein!“ (S. 209)

Weite Teile des Buches „Ein Jude in Neukölln“ von Ármin Langer behandeln Geschichte und Kontexte dieses Aktivismus: Wo vermeintlich „muslimisch“ gegen „jüdisch“ kämpft, herrsche zunächst einmal ein „christo-normativer Säkularismus“, der annehme, „auch für religiöse Kulturen ausserhalb des Christentums akzeptabel sein und als Norm gelten zu können“ (S. 251). Statt die Rhetorik von „eine[r] Minderheit gegen die andere“ zu bestätigen, setzt Langer, wie auch die Initiative, die er mitgegründet hat, auf das Erkennen von gemeinsamen Erfahrungen. Sowohl von der jüdischen als auch von der muslimischen Minderheit werde das Aufgeben dessen gefordert, was sie zu dem macht, was sie sind:

„Für viele ‚abendländische‘ weisse Menschen mit christlichem Hintergrund und christlicher Sozialisation bedeutet Integration, dass wir, Juden und Muslime, unsere Söhne nicht beschneiden, dass wir unseren Kopf nicht bedecken, dass wir Schwein essen. Sie sprechen zwar von Integration, sie meinen aber Assimilation.“ (S. 245)

Salaam: nur mit Schalom?

Es sind interessanterweise die Parallelen zwischen den Erfahrungen real existierender muslimischer und jüdischer Minderheiten, die im deutschen Diskurs als besonders „anstössig“ empfunden werden. Bereits zu Beginn beschreibt Langer, wieso er das Buch entgegen der anfänglichen Absicht nicht „Muslime sind die neuen Juden“ (S. 12) genannt hat. So kokettiert er zwar mit der Rolle des Enfant terrible, das genau weiss, was durch welche Provokation bei wem ausgelöst wird. Zeitgleich kann man aus den seitenlangen Berichten von eigenen Antisemitismus-Erfahrungen und der Wiedergabe religiöser und geschichtlicher Quellen aber auch das seriöse Bemühen herauslesen, Antworten auf grundlegende Fragen unserer Zeit zu finden. Der Umstand, dass Jüdischsein in der BRD heute verständlicherweise von der Shoa her gedacht wird, führt bei der Parallelisierung von Diskriminierungserfahrungen notwendig zu einer Denk- und Handlungsblockade, mit der bewusst umzugehen ist. Trotz aller Ähnlichkeiten, so Langer,

„können wir nicht davon reden, dass Muslime 1:1 die neuen Juden seien. […] Die Muslime haben keinen Genozid zu befürchten. […] Aber es gibt keinen Grund, die aktuelle Lage der Muslime, Migranten und Geflüchteten auf die leichte Schulter zu nehmen. Es betrifft nämlich diese Mitmenschen, die von Nationalsozialistischen Untergründen in Deutschland ermordet werden. […] Das Wohlergehen deutscher Juden wird von Politik und Medien als Gut höchster Priorität deklariert, in Bezug auf die Situation von Muslimen herrscht hier eine beunruhigende Zurückhaltung.“ (S. 201–209)

Hier sieht Langer nicht nur eine Möglichkeit, sondern geradezu die Verpflichtung für ein sozial und politisch engagiertes Judentum:

Es gibt in Deutschland viele gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, die korrigiert werden müssen […]. In diesem Korrekturprozess könnten wir Juden als Katalysator dienen. […] Solange die jüdische Identität auf der Erinnerung an die Schoa, auf dem Bewusstsein für Antisemitismus und auf der bedingungslosen Unterstützung für den Staat Israel – kurz gesagt: auf der Abwesenheit jüdischen Lebens in Deutschland und Europa – basiert, wird sich das Judentum weiterhin nur um sich kümmern und sich nicht für andere einsetzen.“ (S. 272)

Dabei gebe es eine historisch neue Chance, den Philosemitismus, der mit dem Antisemitismus „Hand in Hand“ (S. 128) gehe, zum Durchbrechen des nichtjüdisch-deutschen Konsenses „Ein guter Jude ist nur ein schwacher, diskriminierter Jude“ (S. 102) zu nutzen. Die erhöhte Sensibilität, die mit der neuen Zugehörigkeit zur dominanten Gruppe einhergeht, bedeute nicht

„dass Hass […] aufhört zu existieren. Zum Mainstream zu gehören, bedeutet aber eine neue Art von Verantwortung, die die Juden früher, als sie nicht einmal Bürgerrechte genossen und von der nicht-jüdischen Gesellschaft isoliert lebten, nie hatten.“ (S. 130)

Reden: am besten miteinander

Immer wieder verlässt der „Jude in Neukölln“ seinen Bezirk. Seine Reflexionen über Jüdischkeit und Identität(spolitik) weisen weit über Berlin hinaus. Zur Standortbestimmung innerhalb der Gesellschaft, wie sie heute und in der Bundesrepublik existiert, zählt bei ihm der interreligiöse Dialog zweifellos dazu. Die Salaam-Schalom-Initiative versteht er als Teil einer globalen Zivilgesellschaft, die es insbesondere in der BRD auszubauen und transnational zu vernetzen gelte. Nicht zuletzt deshalb, weil die Stigmatisierung, gegen die das Engagement zielt, die Staatsgrenzen längst überschritten hat:

„[D]er antimuslimische Rassismus von heute ist ein neues Phänomen, dessen Vertreter die christo-normativen Zustände in Europa verteidigen wollen. Im vereinten Europa wurde der gezielte Hass auf eine Minderheit ebenfalls eine europaweite Angelegenheit.“ (S. 191)

Eigenes Engagement in Neukölln dient Langer als Folie bei der Einschätzung bezirklicher Realitäten, aber auch deutscher und europäischer Politik sowie ausländischer Debatten und Diskurse – allen voran desjenigen Konflikts, der immer wieder in die Verständigung zwischen muslimischen und jüdischen Deutschen und muslimischen und jüdischen Menschen in Deutschland hereinbricht („Nahost-Konflikt“).

Allerdings: Der allzu anekdotische Charakter, der Teile des Buches bestimmt, lässt bisweilen den Eindruck einer Generalabrechnung des Darstellers als einer One-Man-Show entstehen. Wichtiger noch, es fehlt dem Buch entscheidend eine Auseinandersetzung mit der deutsch-jüdischen Gegenwartsgeschichte, wie sie immer schon auch jenseits des „Establishments“ vorhanden war. Es mag einem Generationenwechsel geschuldet sein, dass die Auseinandersetzungen innerhalb der jüdischen Gemeinden nach der Wiedervereinigung und vor allem im Nachgang der jüdischen Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion – wie sie etwa im Jüdischen Kulturverein Berlin geführt wurden – im aktuellen Verständigungsbemühen nicht erinnert werden. Interkulturelle und interreligiöse Arbeit hat es dort trotzdem schon gegeben.

Angesichts rechtspopulistischer Massenphänomene wie PEGIDA und AfD, bei denen der kontrafaktischen Rede vom „jüdisch-christlichen Abendland“ ein eigenes Gewicht zukommt, ist es aber vielleicht gerade gut, dass mit Langers Buch ein aktuelles Schlaglicht vorliegt, das es gestattet, in Zukunft gesellschaftlich anders zu intervenieren. Die Frage beispielsweise, ob mit der muslimischen Einwanderung das hierzulande vermeintlich überkommene Phänomen Antisemitismus re-importiert werde, wird mit dem Debattenbeitrag von Langer anders als bisher beantwortet werden können.

Es ist streitbar, ob Langers Vorschlag, es möge eine Kultussteuer ähnlich der Kirchensteuer auch für muslimische Gemeinden geben, wirklich praktikabel ist – ein Verfahren oder eine Autorität zur Identifizierung „der“ Muslim_innen existieren nicht. Ob eine in ihrer Zusammensetzung und ihren Glaubenssätzen ausgesprochen heterogene Gruppe so zugerichtet werden sollte, dass sie zum spezifisch deutschen Modell der engen Verzahnung von Staat und Religionsgemeinschaften passt, ist zumindest zweifelhaft. Es wird sich schlicht aber auch weisen müssen, ob Langer selbst der deutschen Debatte erhalten bleiben kann, weil er wegen der Kritik an einer Äusserung des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland gedrängt wurde, sein Rabbiner-Studium abzubrechen und es nun vermutlich im Ausland fortsetzen muss.

Was sich aus diesem trotz so mancher flapsigen Formulierung oft sehr ernsten Buch aber sicher lernen lässt, ist die Art und Weise, wie Angehörige von Gruppen, die gegeneinander in Stellung gebracht werden, langfristig und geduldig im Gespräch bleiben können und müssen. Lernen lässt sich hier manchmal auch etwas über das Schweigen:

„Ich hielt meinen Mund, als ein Imam auf einer jüdisch-muslimischen Veranstaltung in seinem zehnminütigen Grusswort neun Minuten lang darüber referierte, wie schön das Leben der Juden in Andalusien unter muslimischen Herrschern gewesen sei. Ich hielt auch meinen Mund, als sich der Rabbi für diese netten Worte beim Imam bedankte und davon erzählte, wie pluralistisch der Staat Israel doch heute sei. […] Ich mache Kompromisse. […] Immerhin, es ist besser als gar kein Austausch.“ (S. 207)

Langer rät zu einem anderen Umgang mit – auch gravierenden – Differenzen:

„Man kann eine Botschaft von oben nach unten schicken (‚Muslime sind antisemitisch, also sollten Juden muslimische Gemeinden meiden‘), oder man kann auf gleicher Augenhöhe mit den Menschen in ihren eigenen Milieus über das Problem reden (‚Es gibt Antisemitismus auch unter euch, und wir könnten gemeinsam eine Strategie für dessen Bekämpfung entwickeln‘).“ (S. 85 f.)

Es ist, trotz der fünfzehnjährigen gesellschaftlichen Debatte darüber, ob es einen besonderen muslimischen Antisemitismus gebe und wenn ja, woher dieser stamme, nach wie vor unklar, wie das Setting für ein Gespräch sein müsste, das es gestattet, menschenfeindliche Lehren, Aussagen und/oder Verhaltensweisen innerhalb einer Gruppe zu kritisieren, ohne sie erneut rassistisch zu stigmatisieren; und zwar vor allem auch dann, wenn es sich, wie in dem von Langer gewählten Beispiel, um eine türkisch-nationalistische Gemeinde handelt, die in der Vergangenheit durch antisemtische, antikurdische und allgemein antimoderne Äusserungen und Aktionsformen aufgefallen ist. Vor diesem Hintergrund ist es fast erfrischend, in einen Satz zusammengefasst zu lesen, wie es nicht geht: „Wer von No-go-Areas spricht, will nicht die einen schützen, sondern vor allem die anderen brandmarken.“ (S. 25)

Koray Yılmaz-Günay / kritisch-lesen.de

Ármin Langer: Ein Jude in Neukölln. Mein Weg zum Miteinander der Religionen. Aufbau Verlag, Berlin 2016. 304 Seiten, ca. 24.00 SFr, ISBN 978-3-351-03659-1

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...
Mekka während des Haddsch 2009.
Neue Fragen im Immigrationsland Deutschland»Islamophobie« und Antisemitismus

21.11.2009

- Anfang Dezember 2008 veranstaltete das Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) in Berlin eine Tagung unter dem Titel »Feindbild Muslim – Feindbild Jude« zum strukturellen Zusammenhang von Islamophobie und Antisemitismus.

mehr...
Einblick in den Saal 7 des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien.
Die deutschen Juden und der Erste WeltkriegVom Ende der Emanzipation

16.12.2014

- Am 2. August 1914 notierte Franz Kafka in sein Tagebuch: »Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.« Diese lakonische Kommentierung eines im Rückblick epochalen Ereignisses war in paradigmatischer Weise Ausdruck einer w

mehr...
Sicherheitsschutz der Polizei an der Kundgebung des Zentralrats der Juden unter dem Motto «Steh auf!
74 Jahre nach Ende der ShoaAntisemitismus in Deutschland

23.08.2019

- Seit 1945 bestehen bis heute antisemitische Einstellungen in unterschiedlichen Ausformungen in Deutschland fort. Viele Untersuchungen belegen seit Langem einen Prozentsatz von etwa 20 Prozent latent antisemitischer Einstellungen in der Bevölkerung.

mehr...
Der Antisemitismus der Muslime ist halt lauter

14.12.2017 - Auf die Ankündigung von Donald Trump, Jerusalem als die Hauptstadt Israels anzuerkennen haben viele Muslime mit Protesten reagiert, die vom Anlass oft ...

Und da kommen sie wieder ins Gespräch; die ´No Go Areas´

20.03.2007 - Nazis in Brandenburg sind ja eigentlich nichts neues. Aber besonders heftig geht es gerade zu im Landkreis Teltow-Fläming im Süden von Berlin. Dort gab ...

Dossier: Israel und Palästina
Propaganda

Aktueller Termin in Berlin

Materialspendenaufruf für griechische refugee Projekte

*Feministische Solidarität mit griechischen refugee Projekten- Materialspendenaufruf* *Wie konkret?* Am 6.6. und 9.6. von 18-20 Uhr werden wir in der Kneipe B-Lage sein, um die Spenden entgegen zu nehmen. Wenn es euch nicht möglich ...

Samstag, 6. Juni 2020 - 18:00

B-Lage, Mareschstr. 1, 12055 Berlin

Event in Liège

ON THE RAG VII - benefit for chilean protesters

Samstag, 6. Juni 2020
- 19:05 -

Highway to Hell

Avenue Georges Truffaut 225

4020 Liège

Mehr auf UB online...

Trap
Untergrund-Blättle