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Buchrezensionen

Anonymous: Total Liberation Ein weiterer Versuch soziale Kämpfe und libertäre Tendenzen zu verbinden

Sachliteratur

Die handliche Flugschrift gelangte zu mir, wie es irgendwie am Schönsten ist: Jemand suchte das Gespräch mit mir und sagte dann, er hätte etwas für mich. Dann drückte die Person mir das kleine Büchlein „Total Liberation“ von einer* anonymen Autor*in in die Hand. Schon der Klappentext machte mich neugierig.

4. Februar 2020

4. Feb. 2020

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Dort heisst es: „Total Liberation sets out an insurrectional project that drawns its strength from social ecology, deep ecology, and anti-speciesism. Casting aside outdated methods, it proposes a holistic, multiform struggle fought in defence of all forms of life – humans, animals, and the earth.“ Ich liebe Schriften, mit denen Menschen selbst denken und sich die Autor*innen positionieren. Darüber hinaus interessiert mich ebenfalls der Ansatz, verschiedene soziale Kämpfe und somit auch Strömungen, Gruppen und Personen zusammen zu bringen. Und zwar auf eine nicht-hierarchische und nicht-avantgardistische Weise.

Revolutionäre Manifeste wollen motivieren und verbinden das Kreisen um alte Fragen mit der Suche nach neuen Antworten, die sich immer in eine bestimmte Tradition stellen. Die Schrift beginnt mit der Feststellung, dass die Atmosphäre, die wir atmen im wörtlichen Sinne vergiftet ist. Die Situation ist heute unhaltbar, wir leben bereits in der Apokalypse und sind gezwungen, darauf zu reagieren. Während unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Bedürfnisse also förmlich nach einer Revolution schreien, ist die Frage, was Revolution heute überhaupt ist oder sein kann, völlig unklar. Wir haben es mit einer „revolutionären Sackgasse“ zu tun: schon unsere Vorstellungen von radikaler und weitreichenden Veränderungen sind blockiert. In der von Menschen gemachten Katastrophe stehen wir am Abgrund. Dieser eröffnet das Potenzial zur Infragestellung von allem und der Befreiung des Lebens insgesamt. Doch das System bricht nicht aus sich selbst heraus zusammen und führt zu etwas besserem, sondern es braucht unser aktives Handeln, um ihm weitere Stösse zu versetzen, an seiner Stelle allerdings auch etwas Neues aufzubauen (S. 3f.).

Im Folgenden werde ich die Kerngedanken von „Total Liberation“ ihrer Beschreibung nach darstellen und zum Teil auch kommentieren. Zunächst betrachtet Anonymous die alte marxistische und anarcho-syndikalistische Theorie der Privilegierung des Klassenkampfes und der Arbeiter*innenklasse als privilegiertes revolutionäres Subjekt. Dann folgt eine Besprechung von Identitätspolitik, die in der „Neuen Linken“ seit den 1960er Jahren aufgekommen ist. Beide Herangesehensweisen werden kritisiert und als verkürzt wahrgenommen: „Taken by itself, class struggle fails to account for the complexity of oppression, attempting to subsume each of its forms into the monolithic category of economix exploitation. Identity politics, on the other hand, breaks out of this formula, yet only by abendoning any semblance of a revolutionary perspective. Rather than collaborating to produce a tangible threat to the existent, therefore, all that class struggle and identity politics did was swap their problems“ (S. 12).

Als Möglichkeit, verschiedene Herrschaftsverhältnisse als miteinander verknüpft zu betrachten und ihnen tatsächlich jeweils eine eigene Wertigkeit beizumessen, bezieht sich die*der Autor*in auf Murray Bookchins Kritik der sozialen Hierarchien[1]. Diese fände sich schliesslich in allen Herrschaftsverhältnissen wieder, weil sie Menschen(gruppen), in asymmetrische Positionen zueinander setzt. Mit sozialen Hierarchien wird daher kein bestimmtes Herrschaftsverhältnis kritisiert, sondern die Struktur und den Modus von Unterdrückung in allen. Hierbei handelt es sich schliesslich auch um ein entscheidendes Merkmal von anarchistischen Perspektiven im Unterschied zu anderen (S. 12-15).

Im zweiten Kapitel „The greening of revolution“ stellt Anonymous dar, dass die Tierbefreiungsbewegung und in ihrer Folge der Ansatz zur Earth Liberation entscheidende Impulse für ein revolutionäres Agieren im 21. Jahrhundert geliefert haben, während die gesellschaftliche Linke insgesamt sich immer weiter von militanten Praktiken verabschiedet hatte. Die Philosophen Peter Singer[2] und Arne Næss[3] prägten mit ihren Gedanken zu „Spezisismus“ bzw. „Biozentrismus“ auch die Debatten der radikalen Ökologiebewegung mit, wenngleich ihre jeweiligen Theorien dort undogmatisch weitergedacht und auch kritisiert wurden. Die Quintessenz besteht darin, dass die Befreiung von menschlichem und nichtmenschlichem Leben unbedingt zusammen gedacht werden müssen. Das Buch gibt in diesem Zusammenhang eine knackige und gelungene Einführung in die Kerngedanken der Thematik (S. 16-26).

Warum Herrschaftsverhältnisse verknüpft sind und in wie weit der Ansatz der total liberation über Theorien zur „Intersektionalität“[4] hinausgeht und das Potenzial hat, revolutionäre Perspektiven im 21. Jahrhundert aufzumachen, wird im dritten Kapitel weiter ausgeführt. Für die umfassende Befreiung ist zwangsläufig die Überwindung des Kapitalismus und des Privateigentums notwendig. Die Beherrschung der Natur könne allerdings nicht einfach von der gesellschaftlichen Herrschaft abgeleitet werden, wie Bookchin es dachte, sondern bei einer Kritik der Zivilisation müssten Domestizierung und Sklaverei in einem Wechselverhältnis gesehen werden. Beide würden auf den moralischen Ausschluss verschiedenster Gruppen beruhen, der Grundlage ihrer Unterwerfung und Ausbeutung ist. Damit folgt die*der Autor*in meiner Ansicht nach einer nicht-primitivistischen Zivilisationskritik, zieht wichtige Gedanken aus dem Buch „The Politics of Total Liberation“ von Steve Best (2014) und zeigt an prominenten Beispielen wie ökofeministischen Ansätzen, der US-amerikanischen radikalen Gruppe MOVE, den Zapatistas und der Anti-Globalisierungsbewegung, wie verschiedene Herrschaftsverhältnisse zusammen gedacht wurden (S. 27-44).

Im vierten Kapitel wird - in Anschluss an Andrew X[5] - der politische Aktivismus dafür kritisiert, dass er von einer Spaltung zwischen Aktivist*innen und der sonstigen Bevölkerung ausgeht, die reproduziert und damit entweder reformerisch oder avantgardistisch wird. Auch wenn ich die Kritik teile, sehe ich sie durch Anonymous leider nicht unbedingt gut aufgelöst, weil er die strukturellen Gründen nicht betrachtet, nach denen „aktiv sein“ Zeit, Ressourcen, Kontakte, Wissen und ein gewisses Selbstbewusstsein verlangt, die leider sehr unterschiedlich verbreitet sind. Die Form seiner Schrift bietet keinen gelungenen Ansatz, um aus diesem Dilemma herauszukommen, abgesehen davon, dass ein Zugang zu verschiedenen radikalen Theorien eröffnet wird. Dazu passt leider, dass auch die Kritik an Theorien und Praktiken des Klassenkampfes ziemlich oberflächlich bleibt und Weiterentwicklungen kaum mitdenkt (S. 45-58).

Diese Unzulänglichkeit setzt sich leider im fünften Kapitel fort, in welchem ein aufständiges Handeln propagiert wird. Anonymous kritisiert anarchistische Synthese-Organisationen aufgrund dessen, dass sie im Spannungsfeld zwischen dem Anspruch grösser zu werden und hierarchiearm sein zu wollen, letztendlich doch formelle und informelle Hierarchien ausbilden würden, allein, weil sie ohne gewisse Spezialisierungsfunktionen nicht auskommen. Hierbei bestünde weiterhin die Tendenz, Bürokratien auszubilden, von der eigenen Wahrheit überzeugt zu sein und letztendlich staatliche Logiken zu übernehmen (S. 63-68). Die Kritik der*des Autor*in ist formell und greift nicht, wie sich unter anderem darin zeigt, dass er die Vorstellung einer zu generierenden Einheit grundlegend ablehnt und stattdessen Vielfältigkeit in der Organisation begrüsst. Genau dies ist ja aber der Anspruch des synthetischen Anarchismus, dem er freilich mal besser, mal schlechter gerecht wird. Gleiches gilt für Anoymous‘ Betonung der Bedeutung der Vielfältigkeit der Taktiken, die der Synthese-Anarchismus keineswegs ablehnt, sondern begrüsst. Es stimmt, dass grössere beziehungsweise formelle anarchistische Organisationen anfällig für Repression sind. Deswegen braucht es verschiedene Organisationsformen für verschiedene Aktionsformen, was völlig klar ist.

Umgekehrt bieten formelle Organisationen jedoch auch bestimmte Handlungsmöglichkeiten, beispielsweise, in dem sie Wissen leichter verbreitern und Menschen zur eigenen Positionierung und Weiterentwicklung anspornen können. Für ein bestimmtes Set an Wahrheiten oder eine bestimmte Perspektive einzutreten, bedeutet keineswegs zwangsläufig, sich für etwas Besseres als andere zu halten oder zu behaupten, dies sei der einzige Weg. Es handelt sich lediglich um jenen Weg, für den sich bestimmte Menschen freiwillig entschieden haben. Der Respekt vor Unterschiedlichkeit ist meiner Erfahrung nach in anarchistischen Gruppierungen oft weit ausgeprägt, auch wenn es wie in vermutlich allen Gruppen immer wieder einige dogmatische Rechthaber*innen gibt. In diesem Zusammenhang ist es übrigens schlichtweg falsch, dass Menschen in Synthese-Organisationen glauben, möglichst viele Menschen müssten in ihre Organisation eintreten, damit die Revolution gelingen kann. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass diese Behauptung der*des Autor*in schlichtweg an der Realität vorbei geht.

Weiterhin verstrickt sich Anonymous in einen grossen Widerspruch: Einerseits tritt er dafür ein, dass die weite Weiterbereitung revolutionärer Praktiken und der Aufbau von glaubwürdigen Parallelstrukturen, die auch eine ökonomische Versorgung der Bevölkerung gewährleisten können, die Voraussetzung dafür ist, Revolution heute denkbar zu machen. Andererseits nimmt sie*er dafür gerade die Spanische Revolution von 1936 als positives Beispiel und ignoriert damit genau, was sie*er vorher ablehnt: Die Bedeutung und die Wirkungsweise von anarchistischen Massenorganisationen in der betreffenden Konstellation (S. 75). So sympathisch ich das Affinitätsgruppen-Modell finde und mir tatsächlich wünschen würde, dass sich wesentlich mehr Menschen in verbindlichen Bezugsgruppen organisieren, kann dieses dennoch niemals die Reichweite grösserer Organisationen erhalten. Auch darin zeigt sich, dass es Anonymous nicht gelingt, die Kluft zwischen Aktivist*innen und sonstiger Bevölkerung plausibel zu überbrücken.

Leider wird sie*er ihrem*seinem eigenen Anspruch nicht gerecht, unterschiedliche Ansätze tatsächlich zusammen zu bringen – was sich auch im Geltenlassen der selbständigen Bedeutung verschiedener Organisationsformen widerspiegeln müsste. Wenn wir sagen, dass Basisgewerkschaften, politische Gruppen, informelle Affinitätsgruppen, die Arbeit von einzelnen Anarchist*innen in anderen (feministischen, antirassistischen usw.) Gruppen etc. alle gleichermassen von Bedeutung sind, heisst das weder, dass es völlig beliebig ist, wie wir uns organisieren, noch, dass wir uns darüber nicht streiten sollten. Es heisst nicht, dass eine bestimmte Organisationsform oder Strategie der richtige Weg ist, sondern dass sie alle jeweils in bestimmten Kontexten sinnvoll sein können. Wenn Synthese-Organisationen nicht per se zur Revolution taugen, so kann Gleiches auch für Bezugsgruppen gesagt werden.

Anonymous stellt schliesslich auch fest, dass Aufstände alleine nicht reichen. Um eine andere Gesellschaft aufzubauen brauche es mehr als den Wunsch nach dem Ende der bestehenden Ordnung, nämlich eine fundierte Vision, welche an ihre Stelle treten könne – auch wenn diese gewiss kein fester Plan ist (76). Soll jene Vision jedoch wiederum nicht avantgardistisch gesetzt werden oder lediglich in einer rebellischen Szene verbleiben (und damit nicht revolutionär sein), sondern mit vielen unter Herrschaft leidenden Menschen gemeinsam entwickelt werden, braucht es ein Medium, um die Entwicklung dieser Vision zu ermöglichen. Meiner Ansicht ist dies lediglich durch Organisation in einem grösseren Massstab möglich, ob sie formell ist oder sich „anarchistisch“ labelt, finde ich dabei nicht entscheidend.

Autonome Zonen überbrücken erstens die Kluft zwischen der bestehenden Gesellschaft und möglichen zukünftigen und zweitens jene zwischen Aufständen und „wirklichen“ Revolutionen. Sie werden im sechsten Kapitel beschrieben und zeigen auf, dass Ansätze zur umfassenden Befreiung nicht utopisch sind, sondern konkretisiert werden können. Weil mit ihnen ein Bruch geschieht und sie auf verschiedenen Ebenen einen wirklichen Unterschied machen könnten, liesse sich darin die Qualität anarchistischer Gesellschaft verwirklichen - auch wenn dies in der Quantität noch nicht möglich sei. Mit anderen Worten: im Kleinen können wir schon konkret Anarchie leben und verwirklichen, auch wenn dies (noch) nicht überall funktioniert (78-81). Meiner Ansicht nach handelt es sich hierbei jedoch um eine Verlagerung des dahinter stehenden Problems: Die Qualität von Beziehungen und Institutionen die anarchistischen Vorstellungen entsprechen, kann nur in dem Mass realisiert werden, wie sie auch in der Breite ausgedehnt werden. Nicht umsonst kommt Anonymous auch selbst zum Schluss, dass es die Grenzen der (übrigens - im Unterschied zur Theorie von Hakim Bey[6] - möglichst dauerhaft bestehenden) Autonomen Zonen auszuweiten gilt.

Diese sollen sogar offensiv ausgedehnt werden, um revolutionär und eben keine Szene-Blase zu sein (86, 94). Das Paradox, dass wir „echte“ Anarchie leben und aufbauen können, während sie gleichzeitig in einer Gesellschaft der sozialen Hierarchien stets unzulänglich und widersprüchlich ist, kann Anonymous nicht wirklich auflösen[7]. Dahingehend gibt die Betonung der Bedeutung von „autonomen Zonen“ jedoch Sinn, wenn unter ihnen keine idealisierte, heile, harmonische Gesellschaft verstanden wird, sondern ein konkreter Lebensraum, in dem unterschiedliche Menschen zusammenkommen, die sich in einem gemeinsamen Rahmen anders organisieren und entwickeln können, als an vielen anderen Orten. Die italienischen Centri Sociali, widerständige Viertel in Athen oder Santigo de Chile, die frühere Hausbesetzer*innen-Szene in Berlin, das kurdische Autonomiegebiet Rojava, das Baskenland und schliesslich die Zone á Defence in Frankreich sind dafür anschauliche Beispiele.

Im siebten Kapitel betont Anonymous noch einmal die Dinglichkeit des Handelns im Hier und Jetzt und die bereits eingangs erwähnte revolutionäre Sackgasse der Notwendigkeit und des Bedürfnisses nach umfassender Befreiung, bei gleichzeitig ausbleibenden tatsächlich revolutionären Bewegungen. Die Komplexität globaler Abhängigkeiten scheint für uns einerseits undurchdringbar zu sein, ermögliche jedoch auch Angriffe auf Staat und Kapitalismus. Dass die bestehende Gesellschaft krachen geht, scheint immer wahrscheinlich, weswegen es entscheidend sei, sich umfassende Fähigkeiten anzueignen und beispielsweise auch Selbstversorgung wieder ins Spiel zu bringen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Anonymous nicht in die Falle tappt, die Bevölkerungszahl für die ökologische Katastrophe verantwortlich zu machen, sondern den Ressourcenverbrauch einer globalen (und wachsenden) Mittelschicht, wie er in den westlichen Industriestaaten vorgelebt wird (S. 88-98).

Abschliessend stellt Anonymous fest, dass wir uns von der Hoffnung verabschieden können, die Welt wäre noch zu „retten“ (S. 101). Statt verschiedener Versprechungen, die immer wieder enttäuscht werden, sollten wir uns auf den möglichen Zusammenbruch der bestehenden Herrschaftsordnung vorbereiten, ihn vorantreiben und gleichzeitig aktiv Anarchie in autonomen Zonen aufbauen. Die Krise birgt Chancen und Gefahren. Schliesslich kann die Erosion der liberalen Demokratie genauso auch zu Siegen des Faschismus führen (S. 98). In diesem Zusammenhang ist durchaus auch ein Öko-Faschismus denkbar (S. 113f.).

Seine Gefahr droht allerdings nicht, weil Anarchist*innen mit ihrem Kampf gegen die bestehende Gesellschaft dafür die Räume öffnen würden, sondern umgekehrt, weil zu wenig anschauliche und funktionierende alternative Gesellschaftsformen bestehen. Schliesslich bezieht sich Anonymous auf das Buch „Desert“ (2011) [8] und prophezeit eine ungemütliche und konflikthafte Welt. In dieser gäbe es fragmentierte Territorien, die von verschiedensten Gruppierungen beherrscht werden, wie es etwa in Syrien seit dem Krieg Assads gegen die syrische Bevölkerung - beziehungsweise dem Stellvertreterkrieg verschiedener internationaler Militärmächte - der Fall ist. Von dieser dystopischen Vorstellung auszugehen, soll uns jedoch keineswegs den Mut zu kämpfen nehmen, sondern umso mehr motivieren, für I zu kämpfen und Herrschaft insgesamt zu überwinden. Dies sei nicht zuletzt eine Frage unserer Entscheidung (S. 111-117).

Nach dieser ausführlichen Darstellung der Flugschrift „Total Liberation“ kann ich festhalten, dass für informierte Leute eigentlich nicht besonders viel Neues zu holen ist. Dennoch ist es gerade die Stärke von Anonymous, verschiedene anarchistische Debatten und Gedanken zusammen zu führen und sie auf eine revolutionäre Perspektive hin zu überprüfen. Die Aussage, dass hierfür eine Menge von aus radikal-ökologischen Kämpfen gelernt werden kann, finde ich plausibel und inspirierend. Demnach stellt der Text auch eine gute Zusammenfassung und einen gelungenen Einstieg in die Thematik der herausfordernden Suche nach revolutionären Ansätzen dar.

Dadurch verändert sich logischerweise das Verständnis von Revolution, auch wenn es ihr*ihm meiner Wahrnehmung nach nicht wirklich gelingt, aus der „revolutionären Sackgasse“, die sie*er beschreibt, auszubrechen. In diesem Zusammenhang könnte der Text von einer näheren Beschäftigung mit dezidiert anarchistischen Konzepten der sozialen Revolution profitieren, in denen ebenfalls viele der angerissenen Problemfelder betrachtet werden. Wie aufgezeigt wurde, besteht leider eine deutliche Schwachstelle bei der Darstellung und Diskussion von Organisationsansätzen. Dies ist schade, weil seine Kritikpunkte ihre Berechtigung haben, aber leider bloss an der Oberfläche kratzen. Beispielsweise ist auch ihr*sein Eintreten für das Bezugsgruppenmodell nachvollziehbar, jedoch keine grundsätzliche Lösung für die Fragen, die sie*er selbst aufwirft.

Über meine Kritik hinaus empfinde ich es immer als mutigen Versuch, Aspekte verschiedener Ansätze – stellvertretend von Bookchin bis Hakim Bey – zu synthetisieren. Denn Menschen, die dies tun, liefern sich stets dem Vorwurf aus, in ihrer Argumentation keine klare Linie zu verfolgen, weil sie nicht einer Identitätslogik entsprechend, in bestimmte Lager einsortiert werden können. Stattdessen – und darin stimme ich, glaube ich, mit dem Anliegen von Anonymous vollkommen überein – können sozial-revolutionäre Bestrebungen nur sinnvoll diskutiert werden, wenn dies undogmatisch, offen, vielfältig und selbstkritisch geschieht.

Jonathan Eibisch

Anonymous: Total Liberation. Active Distribution 2019. 120 Seiten. ca. 10.00 SFr, ISBN 3978-1909798687

Fussnoten:

[1] Murray Bookchin, Die Ökologie der Freiheit. Wir brauchen keine Hierarchien, Weinheim 1985.

[2] Peter Singer, Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere, Berlin 1996.

[3] Arne Næss, Die Zukunft in unseren Händen: Eine tiefenökologische Philosophie, Einbeck 2013.

[4] Vgl. z.B. Gabriele Winkler/ Nina Degele, Intersektionalität: Zur Analyse sozialer Ungleichheiten, Bielefeld 2009.

[5] Andrew X, Give up Activism (1999), verfügbar auf: https://theanarchistlibrary.org/library/andrew-x-give-up-activism

[6] Hakim Bey, T.A.Z. Temporäre autonome Zone, Berlin 1994.

[7] Wenn es sich hierbei um ein „richtiges“ Paradox handelt lässt es sich allerdings auch nicht auflösen, sondern nur durch Infragestellung, Irritation und Subversion aus sich selbst heraus auf eine neue Stufe heben. Siehe dazu u.a. John Clark, The Impossible Community. Realizing Communitarian Anarchism, New York/London 2013, insbesondere Kapitel 3 (S. 53-92) und Kapitel 5 (S. 127-148).

[8] anonym, Desert. Hurra, die Wetl geht unter, Münster 2016.

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