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Über Gotteserfahrung und Weltverantwortung bei Dorothy Day Der ganze Weg zum Himmel ist Himmel

Sachliteratur

Anarchismus und Christentum, geht das zusammen? Dorothy Day und das Catholic Worker Movement sind ein spannendes Feld, um dieser Frage nachzugehen.

Dorothy Day gründete zusammen mit Peter Maurin 1933 in den Vereinigten Staaten das Catholic Worker Movement.
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Bild: Dorothy Day gründete zusammen mit Peter Maurin 1933 in den Vereinigten Staaten das Catholic Worker Movement. / New York World-Telegram & Sun Collection (PD)

14. März 2016

14. Mär. 2016

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Christlicher Anarchismus ist ein Phänomen an dem sich die Geister scheiden. Manche AnarchistInnen sehen sich einer ihrer fundamentalsten Anti-Haltungen beraubt, manche ChristInnen schütteln verwirrt den Kopf über dieses gottlose Phänomen „Anarchismus“. Dass derartige Reaktionen aber nicht per se angebracht sind, sollte spätestens seit Leo Tolstoi und seiner libertären Exegese biblischer Schriften klar sein. Eine Bewegung, die einen Schritt weiter geht und den Anarchismus nicht nur mit dem Christentum, sondern gar mit dem Katholizismus in Verbindung bringt, ist eine der prägendsten der christlich-anarchistischen Szene: das Catholic Worker Movement (CWM).

Und Dorothy Day (1897–1980) ist die wohl bekannteste Catholic Worker, über die die Theologin Angelika Sirch ihre Dissertation verfasst hat. Sie hat den Anspruch, wie der Untertitel des Buches schon verrät, über „Gotteserfahrung und Weltverantwortung“ bei Day zu schreiben. Was sie damit meint? Eine Verbindung „von Religion und Politik, von Kontemplation und Aktion.“ (S. 5) Dass die Verbindung von Religion und Politik – auf die man heutzutage gerne etwas abwehrend reagiert – nicht unweigerlich in eine reaktionäre oder fundamentalistische Richtung gehen muss (Stichwort: „Tea-Party“), zeigen Beispiele wie die Befreiungstheologie, die BürgerInnenrechtsbewegung unter Martin Luther King oder eben Dorothy Day und die Catholic Workers, deutlich.

Das Catholic Worker Movement

Das CWM wurde von Dorothy Day und Peter Maurin 1933 in den Vereinigten Staaten gegründet. Die weit verbreitete Zeitschrift der Bewegung, in der so bekannte Persönlichkeiten wie Aldous Huxley, Martin Buber oder die Berrigan-Brüder publizierten, hiess The Catholic Worker und besteht, ebenso wie das CWM selbst, bis heute. Ein Hauptbereich, in dem das CWM tätig ist, sind die sogenannten Houses of Hospitality, die einerseits für CWM- und Bildungstätigkeiten benutzt werden, andererseits aber auch Hilfe (Schlafplätze, Ausspeisungen, etc.) für Bedürftige, Obdachlose und allen anderen Menschen, die Hilfe benötigten, bieten. Es entstanden auch CWM-Farmen, die die Houses of Hospitality mit selbst angebauten Lebensmitteln versorgten, womit diese mehr oder weniger autark waren.

Ein paar solcher Farmen existieren auch heute noch. Das CWM war/ist politisch in vielerlei Hinsicht aktiv, ob bei der Unterstützung von Streikenden, in der BürgerInnenrechtsbewegung oder bei Demonstrationen und Aktionen gegen Krieg, Rassismus und Antisemitismus. Das alles war/ist natürlich stets mit einem religiös motivierten gewaltfreien Ethos verbunden. Angelika Sirch beschreibt vor allem im 3. Kapitel ihres Buches diese Bewegung und welche Stellung Day darin hatte. Diese Kapitel ist ein gelungenes Portrait des CWM, wie es in politischen und sozialen Belangen aktiv war und welche Einflüsse aus Christentum und Anarchismus es in sich vereinte.

Anarchismus als prägende Erfahrung

Gleich zu Beginn versucht die Autorin die Frage zu klären, ob Dorothy Day als eine christliche Anarchistin bezeichnet werden kann und beantwortet dies mit einem klaren Ja. Nachdem sie als Kind religiös aufwuchs, wandte sie sich als junge Erwachsene zunehmend der anarchistischen Bewegung zu, las anarchistische Klassiker (vor allem Kropotkin beeinflusste sie stark), engagierte sich in der Kampagne zur Freilassung von Sacco und Vanzetti und war aktives Mitglied der (anarcho)syndikalistischen Gewerkschaft Industrial Workers of the World (IWW).

Der Versuch von Sirch, einen Überblick über Day und ihre Verbindungen zum Anarchismus zu erörtern, ist sehr informativ, auch, wenn einige Teile zu kurz und unvollständig sind. So wird versucht dem Thema „Anarchismus in den USA“ auf nicht einmal einer Seite gerecht zu werden, weshalb nur Johann Most und seine gewalttätigen Propaganda-der-Tat-AnhängerInnen und der Haymarketaufstand Platz finden, was schlichtweg unzureichend ist. Auch der Teil „Anarchismus und Christentum“ weist Lücken auf und kommt völlig ohne essentielle Werke libertärer Exegese wie die von Jacques Ellul (Anarchie et Christianisme), Vernard Eller (Christian Anarchy) und mit nur erstaunlich wenig Tolstoi aus. Diese Leute sind zwar nicht alle katholisch oder CWM-nahe, spielen aber zweifelsohne eine bedeutende Rolle was christlichen Anarchismus allgemein anlangt.

Lobend erwähnt werden müssen hingegen die Kurzportraits von Proudhon, Bakunin, Kropotkin und Tolstoi und welchen Einfluss sie auf Days Denken hatten. Da das Buch wohl eher für ein theologisches Publikum verfasst wurde, ist die faire und umsichtige Darstellung dieser anarchistischen Denker besonders zu begrüssen. Es sind auch diese „Klassiker“ des 19. Jahrhunderts und die Bewegung die sich daraus entwickelte, die die Autorin dazu veranlassen, Day als Anarchistin zu bezeichnen: „Legt man die Definition von Proudhon zu Grunde, dann kann man durchaus zustimmen, dass Dorothy Day eine Anarchistin war.“ (S. 80)

Der grosse Elefant im Raum

Als Day sich wieder dem Glauben und (vor allem durch persönliche Kontakte) der katholischen Kirche zuwandte, war ihr soziales Umfeld zunächst verwirrt. Auch ihre Beziehung zu dem Anarchisten Forster Batterham, mit dem sie eine Tochter hatte, ging deshalb in die Brüche. Sie entledigte sich aber – und das ist der springende Punkt für alles was kommt – nicht all ihrer anarchistischen Ideale sondern versuchte diese mit ihrem neu oder wieder gefundenen Glauben (und nur um das klar zu machen: sie wurde zu einer tief gläubigen Frau!) in Einklang zu bringen. Das Resultat war das CWM.

Der grosse Elefant im Raum bleibt aber: wie konnte eine Frau, die sich als Anarchistin verstand, die katholische Kirche mit all ihren Institutionen, Hierarchien, Dogmen und Päpsten akzeptieren? Hier tut sich nämlich auch ein entscheidender Unterschied zu anderen christlichen AnarchistInnen wie Leo Tolstoi oder Ammon Hennacy (später ebenfalls beim CWM) auf, die zwar an Gott glaubten und von Jesus und der Bibel inspiriert waren, sich aber strikt gegen die Institutionalisierung von Religion – also gegen die Kirche – wandten und dies als wichtigen Teil ihres christlich-anarchistischen Selbstverständnisses sahen. Diese Frage wird im Buch zwar immer wieder behandelt, es bleiben aber viele Fragezeichen zurück. So schreibt Sirch: „Obwohl Dorothy Day die anarchistische Abwehr gegen die Kirche kannte und ihr stellenweise zu stimmte, entschied sie sich doch ausdrücklich für diese Gemeinschaft.“ (S. 54) Day meinte hierzu, dass sie sich durchaus dessen bewusst sei, dass die katholische Kirche autoritär sei,

„Doch hat die Kirche ihrer Herde niemals gesagt, sie habe keine eigenen Rechte, sie besitze keine anderen Überzeugungen oder Loyalitäten als die des Papstes oder seiner Kardinäle. Niemand in der Kirche kann mir erzählen, was ich über soziale, ökonomische und politische Dinge zu denke habe, ohne eine klare Antwort zu erhalten: bitte lass mich in Ruhe und bestelle deinen eigenen Acker; ich kümmere mich um meinen.“ (S. 55)

Das Bild, das gezeichnet wird, ist teilweise widersprüchlich: einerseits die christliche Anarchistin, die sich für diese Institution entscheidet (und sich ihre Freiheiten erkämpft), andererseits diese aber bewusst akzeptiert und achtet. Dieser Widerspruch ist aber kein Defizit des Buches, sondern wohl unvermeidlich wenn man Days Leben porträtiert.

Im Buch werden die anarchistische und katholische Seite Days (wenn man diese Unterteilung so überhaupt vornehmen kann) mehr oder weniger getrennt voneinander behandelt. Wissend, dass sie ihre anarchistischen Überzeugungen nie abgelegt hat, stellt man sich dadurch aber vermehrt die Frage, in wie weit oder wie intensiv diese Überzeugungen interagierten, vor allem, als Day älter wurde. Das Buch vermittelt den Eindruck, als ob sich im Alter Days Fokus zunehmend auf religiöse Fragen verlagerte. Welche Rolle dabei ihre anarchistischen Überzeugungen spielten – ob diese schwächer wurden, sich änderten oder nicht – bleibt unbehandelt.

Wie sehr sie gewissermassen zwischen den Stühlen stand lässt sich auch daran erkennen, wie sie sich zum Spanischen Bürgerkrieg verhielt. Als überzeugte Pazifistin blieb sie hier neutral, was ihr vor allem Kritik von katholischer Seite einbrachte. Wenn man bedenkt, wie sehr sie sich mit der katholischen Kirche aber auch mit dem Anarchismus identifizierte, erklärt sich ihre neutrale Haltung vermutlich aber nicht nur durch ihren Pazifismus. Leider wird dieses Thema aber im Buch kaum behandelt (man findet nur ein Zitat Days über den Spanischen Bürgerkrieg), obwohl es so viel über ihre politischen Ansichten aussagen würde.

Ein anarchistisches Leben

Der Punkt, der trotz all dieser Fragen und scheinbaren Widersprüche letztendlich ausschlaggebend ist, ist wie Dorothy Day wirkte, wie sie lebte und welche Handlungen aus ihrer Überzeugung resultierten. Hier wird klar – und sie war ja nicht die Erste und nicht die Letzte die das tat –, dass es alles andere als abwegig ist aus der Bibel eine Art Anarchismus herzuleiten und, nach diesen Grundsätzen gelebt, ein genuin anarchistischer Lebensstil hervorgehen kann. Diesen anarchistischen Lebensstil zumindest kann Dorothy Day niemand absprechen – Religionskritik hin oder her. Und wie wir bereits gesehen haben, waren für Day nicht nur biblische Schriften, sondern auch ihr Wissen über anarchistische und sozialistische Werke und ihre Zeit in der IWW auch dann noch prägend, als sie schon längst Katholikin geworden war.

Sie konnte nicht nur auf einer theoretischen, sondern vielmehr auf einer praktischen Ebene diese scheinbaren Widersprüche für sich in Einklang bringen. Das ist auch an der Terminologie und was sie daraus herleitete erkennbar. Wenn Day von „Barmherzigkeit“ spricht, so ist das inhaltlich identisch mit der „Solidarität“ von der sie als Wobblie (Bezeichnung für ein Mitglied der IWW) sprach. Wenn sie von „freiwilliger Armut“ spricht, die als bewusstes Statement gegen die kapitalistischen Verhältnisse und als Solidarisierung mit den Armen und Marginalisierten zu verstehen ist, so erinnert das stark an Paul Goodmans Idee einer „würdevollen Armut“. Auch die CWM-Losung von einer „Revolution of the Heart“ klingt stark nach William Godwin oder Kropotkins „Reform des Bewusstseins“. Man sieht also, die Terminologie, der sich Day bediente, hat sich möglicherweise nach ihrer Konversion zum Katholizismus geändert, ihre Motivation und ihr Denken dahinter sowie ihr konkretes Handeln aber wohl kaum.

Es bleiben aber Widersprüche, Ungereimtheiten und Fragen übrig, ob aus anarchistischer oder christlicher Sicht. Wenn es aber selbst die katholische Kirche grösstenteils aushält, mit diesem Spagat von Religion und Anarchismus umzugehen, sollte es die anarchistische Bewegung erst recht schaffen, sich davor hüten, sich dogmatischer als die so angefeindete Kirche zu gebärden und es schlicht akzeptieren, dass Menschen sich sowohl von anarchistischen Werken als auch von der Heiligen Schrift inspiriert fühlen können – ohne, dass man sie postwendend aus der Bewegung exkommuniziert.

Angelika Sirch hat eine interessante Einführung in Leben und Werk von Dorothy Day verfasst. Da sie selbst Theologin ist und das Ganze daher eher aus einer theologischen Warte aus geschrieben hat (auch, wenn der Anarchismus wie erwähnt korrekt behandelt und ihm ausreichend Platz eingeräumt wird), müssen sich nicht-religiöse LeserInnen doch auf einiges an Theologie gefasst machen, was aber durchaus legitim und wichtig ist, wenn man bedenkt welche grosse Rolle Religion für Day spielte.

Ein letzter Gedanke

Nach der Lektüre schien mir, als ob Gustav Landauer den Ethos von Dorothy Day und des CWM wohl am besten beschrieb, als er – lange bevor diese Gruppe gebildet wurde – sagte, dass der Staat „ein Verhältnis“ eine „Beziehung zwischen den Menschen“ sei, „eine Art, wie die Menschen sich zueinander verhalten“, und man ihn zerstören könne „indem man andere Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält.“ Eine treffendere Beschreibung von Dorothy Days Leben und Wirken kann wohl kaum formuliert werden, denn genau das war es, was sie ihr ganzes Leben lang verfolgte. Es war genau jener Hebel der Solidarität und gegenseitigen Hilfe (Kropotkin) in zwischenmenschlichen Beziehungen, an dem sie ansetzte – nur: sie nannte es zumeist „Nächstenliebe“ und „Barmherzigkeit“.

Sebastian Kalicha / kritisch-lesen.de

Angelika Sirch: Der ganze Weg zum Himmel ist Himmel. Peter Lang Verlag, Frankfurt a.M. 2010. 296 Seiten, 54.00 SFr. ISBN 978-3-631-59439-1

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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