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Andreas Urs Sommer: «Werte. Warum man sie braucht, obschon es sie nicht gibt» Wenn Nato und EU «gemeinsame Werte» verteidigen

Sachliteratur

Alle reden diffus von «Werten». Werte sind eben keine Wahrheiten und gerade deshalb ein Fortschritt in der Moralevolution.

Wenn Nato und EU «gemeinsame Werte» verteidigen.
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Wenn Nato und EU «gemeinsame Werte» verteidigen. Foto: Roland zh (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

16. September 2016
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Politikerinnen und Politiker lieben Werte - selbstverständlich nicht materielle, sondern geistige, kulturelle, weltanschauliche. Gerade in Zeiten allgemeiner Verunsicherung ist die Beschwörung «gemeinsamer Werte» allgegenwärtig. Man findet sie in Parteiprogrammen von links bis rechts, in feierlichen Reden, in Aufrufen und Reaktionen nach Terroranschlägen und bei vielen anderen Gelegenheiten.

Was dabei irritiert: «Wert» ist ein Begriff aus der Ökonomie. Von Werten wird erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gesprochen, seit dem Aufkommen der Marktwirtschaft. Auf dem Markt haben Werte ihren sinnvollen Platz, ausserhalb des Marktes «leisten sie gerade das nicht, was Wertsetzer vorgeben, nämlich Sinnstiftung, weil sie ihren ökonomischen Ursprung nie vergessen machen können», schreibt Eberhard Straub in seinem Buch «Zur Tyrannei der Werte» (siehe dazu Artikel auf Infosperber).

«Werte» können Recht verdrängen

Nun ist es in der Tat nicht von der Hand zu weisen, dass Werte schwankend und instabil sind wie Börsenkurse, obwohl sie Beständigkeit suggerieren, die sie gar nicht besitzen. Nur allzu oft dienen Werte als Mittel, um sich über Recht und Verträge mit dem Pathos des moralisch Erhabenen hinwegzusetzen. Die Tendenz, Werte allgemeinverbindlich durchzusetzen, kommt dem Versuch gleich, die Rechtsgemeinschaft hin zu einer Gesinnungsgemeinschaft zu lenken. Wenn der Wertediskurs so geführt wird, dann wird es heikel, dann erweisen sich Werte «als destruktiv, sie wenden sich gegen das Recht oder höhlen es aus», findet Straub.

Werte sind verhandelbar

Nun kann man die Sache auch andersherum sehen. Wer von Werten spricht, verzichtet, wohlweislich, meist auf eine genaue inhaltliche Bestimmung. Werte bleiben definitorisch auffallend unterbestimmt, sind inhaltlich erstaunlich leer. Etwa, wenn Angela Merkel das «Europa der Werte» beschwört. Oder wenn sich die Nato als «Pfeiler einer grösseren Gemeinschaft gemeinsamer Werte» definiert. Für den Philosophen Andreas Urs Sommer sind Werte «ein grosses Ungefähr». In «dieser Verhandelbarkeit, dem unablässigen Abgleichen von Werthierarchien» liege der Vorteil des Wertredens. Auch Sommer kommt wie Straub zum Schluss, dass Werte eine historisch gesehen junge Erscheinung sind, und auch Sommer steht dem offensichtlich unstillbaren Bedürfnis unserer Gesellschaft distanziert gegenüber, sich über Werte zu definieren. Aber er zeichnet ein differenziertes Bild der Bedeutung von Werten. Darauf weist schon der auf den ersten Blick etwas verwirrliche Titel seines Buches hin: «Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt».

Werte werden bewertet

Allgemeinverbindliche oder gar ewige Werte gibt es nicht, sie sind ein Widerspruch in sich. Werte kommen nur zustande, weil man zuvor etwas «bewertet» hat. Zum Beispiel «die Werte» Freiheit und Sicherheit. Und schon ist man mittendrin im Abwägen: Ist man bereit, für die Sicherheit weitgehend auf Freiheit zu verzichten, oder erkennt man in der Freiheit den höchsten Wert, auch wenn man dafür wachsende Unsicherheit in Kauf nehmen muss? Das Beispiel zeigt: Werte stehen immer in vielfältigen gegenseitigen Bezügen, ihre Werthaltigkeit ist nicht konstant, sondern ändert je nach Standpunkt und Kontext. Von Werten wird auch meist in der Mehrzahl gesprochen, was allein schon darauf hinweist, dass es keine «absoluten», also von konkreten Umständen losgelösten Werte gibt. Werte sind auch nicht statisch, sondern dynamisch.

Werte haben Doppelcharakter

Was Andreas Urs Sommer zudem auffällt: «Niemand schickt sich an, Werte zu verteidigen, solange sie nicht bedroht scheinen. Werte werden, was sie sein sollen, erst in der Bedrängnis – links wie rechts im politischen Spektrum». Das W-Wort hat in der Politik immer eine Eingemeindungsabsicht: «Das ist ein typisches Zeichen des politischen W-Wort-Gebrauchs: Grösstmögliche Unverbindlichkeit und Unbestimmtheit paaren sich mit dem Anschein grösstmöglicher Bestimmtheit, Festigkeit und Verlässlichkeit». Wer politisch Werte in Anspruch nimmt, «tut das immer so, als verfüge er oder sie darüber wie eine Marktfrau über Gemüse oder eine Investmentbankerin über Kapital».

Werte als moralische Evolution

Doch was soll man angesichts der schwer fassbaren Werte tun? Nicht mehr von ihnen sprechen? Sie aus unserem Wortschatz verbannen? Überhaupt nicht. Als bewegliche Wesen, die immerzu ihre Perspektiven ändern, «brauchen wir Werte, die im Unterschied zum festgefahrenen Guten, zu letzten Prinzipien und zu tiefsten Gründen flexibel und formbar sind», findet Sommer. In der viel geringeren Verbindlichkeit von Werten, etwa im Vergleich zu Tugenden, liegt gemäss Sommer «die entscheidende Stärke der Werte in der Evolution von Moral. Heute bedürfen (sich) aufklärende Gesellschaften keines streng binären Codes von Gut und Böse mehr; sie bedürfen auch keiner autoritär verordneten Tugenden, die stete Übung und starre Reaktionsmuster verlangen. Tugenden stehen für Zwang, Werte für Freiheit». Die grosse Vielfalt der Werte beweise, «dass die westlichen Gesellschaften diesen moralevolutionären Schritt eigentlich vollzogen haben».

Werte müssen nicht wahr sein

Sommer kommt zum Schluss, dass Werte für moderne Gesellschaften typisch und gleichzeitig unentbehrlich seien, weil sie nicht mit einem Wahrheitsanspruch auftreten: «Werte müssen nicht wahr sein, um zu wirken, um zu gelten. Sie sind einfach. Wir brauchen Werte, gerade, weil moderne Gesellschaften im Unterschied zu früheren (namentlich den christlichen) auf letzte Wahrheiten verzichtet haben». In ihrer Pluralität, ihrer Nicht-Absolutheit, ihrer Geschichtlichkeit seien Werte individuell und sozial nützlich.

Das Buch von Andreas Urs Sommer entzieht sich auf wohltuende Weise der Debatte über die unerquicklichen Alternativen von «Wertetyrannei», wie sie Eberhard Straub beschreibt, und «Wertezerfall», von dem Kulturpessimisten reden. Es ist vielmehr eine gründliche philosophische Analyse eines zentralen Begriffs der Gegenwart, der aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet wird. Man muss etwas Lust an philosophischer Argumentation mitbringen, um das Buch mit Gewinn zu lesen. Doch die kleine Anstrengung lohnt sich; denn man sieht einem Philosophen gewissermassen beim Denken zu, weil er immer wieder Annahmen in den Raum stellt, um sie dann doch wieder zu zerpflücken. Sommer ist Professor für Philosophie in Freiburg im Breisgau, und das Buch ist denn auch im Rahmen eines philosophischen Seminars zusammen mit Studierenden entstanden.

Jürg Müller-Muralt /Infosperber

Andreas Urs Sommer: «Werte. Warum man sie braucht, obschon es sie nicht gibt». J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2016, 199 Seiten, CHF ca. 25.00 ISBN: 978-3476026491

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