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Alice Hasters: Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten Ob es jetzt endlich alle verstehen?

Sachliteratur

Rassismus geht auch in Deutschland alle etwas an. Eine Kampfschrift für mehr Aufmerksamkeit und Reflexion.

Mitglieder der Gruppe «Schule ohne RassismusSchule mit Courage» beim Gedenkmarsch am 27.
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Bild: Mitglieder der Gruppe «Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage» beim Gedenkmarsch am 27. Januar 2016 zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. / Majo19348 (CC BY-SA 4.0 cropped)

19. März 2020

19. 03. 2020

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„Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ heisst das im September 2019 veröffentlichte Buch der Journalistin und Podcasterin Alice Hasters. Der Titel erinnert an das im Frühjahr 2019 in der deutschen Übersetzung erschienene, sehr erfolgreiche Buch „Warum ich nicht länger mit Weissen über Hautfarbe spreche“ von Reni Eddo-Lodge.

Inhaltlich ähneln sich die beiden Bücher insofern, als sie die Alltagserfahrungen von Schwarzen Menschen innerhalb rassistischer Strukturen mehrheitlich weisser Gesellschaften thematisieren. Die Bücher beziehen sich dabei ganz konkret auf den Kontext der jeweiligen Autorin, in Hasters Fall Deutschland und bei Eddo-Lodge das Vereinigte Königreich. Hier soll es zwar in erster Linie um Hasters Buch gehen, aber es ist wichtig anzuerkennen, dass Rassismus von kontextspezifischen Geschichten geprägt ist und der Diskurs in den jeweiligen Ländern relativ unterschiedlich geführt wird. Eins ist klar: Es gibt Rassismus in Europa – auch wenn viele das gerne verneinen – und die Autorinnen sind sich einig, dass sich vor allem weisse Menschen in ihren jeweiligen Heimatländern deutlich besser informieren sollten.

Hasters merkt gleich zu Beginn ihres Buches an, wie sehr sie von vielen anderen Schwarzen Frauen inspiriert wurde (unter anderem auch von Eddo-Lodge):

„Während ich ihre Texte las, habe ich mich oft gefragt, warum ich das Ganze noch einmal aufschreibe. Aber dann gehe ich ins Internet, lese Kommentare in sozialen Netzwerken, schaue mir Talkshows an – und da fällt es mir wieder ein. Die Arbeit dieser Menschen wurde noch nicht ausreichend gelesen, gehört oder ernst genommen. Wie gesagt, es braucht mehr.“ (S. 9)

Diese Aussage möchte ich angesichts der vermehrten rechtsterroristischen Übergriffe und der teilweise überraschten und zu wenig strukturell gedachten Reaktionen von etablierten, mehrheitlich weissen Medien und Politiker*innen in Deutschland deutlich unterstreichen. Die Gesellschaft rückt immer weiter nach rechts, doch das öffentliche Interesse scheint sich lieber in Debatten über die Meinungsfreiheit zu verlieren, als ernsthaft ein Verständnis für diskriminierende Strukturen anzustreben.

Hasters erklärt, dass rassistische Vorfälle keine sporadischen Einzelfälle sind. Das, was ihr persönlich im Alltag passiert, drückt die Haltung eines grossen Teils der Gesellschaft aus. Manchmal wirkt eine rassistische Handlung vielleicht „nur“ lästig, aber Rassismus führt auch zu Benachteiligung auf dem Wohnungsmarkt oder zu Annahmen über die Intelligenz einer Person, was negative Auswirkungen auf Schul- und Berufsoptionen mit sich bringt. Manchmal führt Rassismus sogar zu Mord.

Ein Plädoyer für mehr Respekt und Einfühlungsvermögen

Obwohl der Titel von Hasters Buch recht provokant klingen mag, bietet sie einen vergleichsweise sanften Einstieg in die Thematik. Die emotionalen Einblicke, die Hasters in ihr eigenes Leben und ihre Denkprozesse gewährt, lese ich als Appell an das Einfühlungsvermögen von weissen Menschen und als klare Aufforderung, respektvoller durch den Alltag zu gehen. Das Buch kann aber auch ein Angebot an Menschen mit Rassismuserfahrungen sein, sich selbst wiederzuerkennen und das Strukturelle des Alltagsrassismus besser einordnen zu können. Anhand von persönlichen Anekdoten, die sie mit historischen Beispielen unterfüttert, um rassistische Kontinuitäten zu verdeutlichen, zeigt Hasters die Strukturen auf, von denen weisse Menschen profitieren, während Schwarze Menschen, Indigene und People of Color benachteiligt werden.

Dabei arbeitet sie sich durch alle Lebensbereiche, die sie als 30-jährige Frau geprägt haben: Kindheit und Schulzeit in Köln, Austauschjahr bei Verwandten in den USA, Sportstudium, Journalismusschule, Kellnerinnen-Job, Beziehungen zu Familienmitgliedern und Freund*innen, Begegnungen im Club oder Café. Überall erlebt Hasters kleinere oder grössere Übergriffe, die in ihrer Häufung richtig anstrengend sind und Gefühle von Ausschluss erzeugen.

Bei diesen Übergriffen handelt es sich um die individuelle oder Interaktionsebene von Rassismus, die einen gesellschaftlichen Common Sense widerspiegelt und die ausführende Kraft institutionalisierter Verhaltensmuster bildet. Sehr ehrlich erklärt Hasters, dass sie selbst einige Zeit gebraucht hat, um die rassistischen Strukturen hinter diesen wiederholten Übergriffen deutlich erkennen zu können. Schliesslich kann Rassismus sogar als ahnungsloses und wohlgemeintes Kompliment verpackt auftreten und dabei gleichzeitig mit Sexismus kombiniert werden. Hasters beschreibt ihren eigenen Denkprozess und wie sie lernen musste, rassistische Strukturen zu verstehen und zu benennen. Manchmal wirkt Rassismus wie ein Zufall, etwa wenn Hasters Mutter, eine professionelle Tänzerin, bei einem irischen Volkstanzabend nicht zum Tanzen aufgefordert wird, weil Schwarzsein und diese Art Tanz in den Köpfen der durchweg weissen Anwesenden nicht zusammenpasst. Des Weiteren ist eine häufige Reaktion von weissen Menschen das Herunterspielen einer rassistischen Erfahrung im Sinne von „war doch nur ein Spass“, „war doch nicht so schlimm“, „musst du ja nicht so ernst nehmen“.

Diesen Umständen zum Trotz Rassismus klar zu benennen und sich gegen ihn zu stellen, war eine Herausforderung für Hasters. Daher gesteht sie anderen Menschen – auch weissen, die sie im Buchtitel so explizit anspricht – den gleichen Lernprozess zu. In Anbetracht ihrer eigenen rassistischen Erfahrungen spricht diese verständnisvolle Haltung für unglaubliche Grösse. Sie hätte genauso gut einen wütenderen, vorwurfsvolleren Ton anschlagen können.

Optimismus und Änderungsvorschläge

Als Noah Sows Buch „Deutschland Schwarz Weiss: Der alltägliche Rassismus“ 2008 erschien, haben sich viele weisse Menschen davon beleidigt gefühlt. Die weisse Journalistin Brigitte Fehrle betitelte ihre Rezension zu Sows Buch in der Zeit als „Strafpredigt für alle“, auch wenn sie die Relevanz des Themas anerkannte. Statt für eine weitere Strafpredigt entscheidet Hasters sich für eine Reihe von optimistischen Vorschlägen, wie aktuelle Strukturen verändert werden können. So schreibt sie: „Ich glaube, dass man rassistisches Verhalten nur durch bewusste Konfrontation ändern kann“ (S. 20).

Zum Beispiel erzählt Hasters, wie sie eine Cafébesitzerin auf ihre rassistische Spardose für Trinkgeld aufmerksam machte, was sie selbst zunächst Überwindung kostete, aber erfolgreich war: Beim nächsten Cafébesuch war die Spardose verschwunden. Natürlich ist unklar, ob die Cafébesitzerin dieses neue Wissen über Rassismus tatsächlich verinnerlicht hat. Doch Hasters ist zufrieden: „das machte mir Hoffnung, dass Reden vielleicht doch hilft“ (S. 21). Mehr noch rät sie allerdings besonders weissen Menschen, dass sie lernen sollten, gut zuzuhören.

Ein weiterer wichtiger Vorschlag für den Umgang mit Rassismus lautet „die Dinge beim Namen nennen“ (S. 31). Im Deutschen fehlen diese Namen häufig noch, deshalb werden viele englische Begriffe wie othering, tokenism oder white gaze verwendet – ein Hinweis darauf, dass der Diskurs in Deutschland dringend mehr Aufmerksamkeit braucht. Vielleicht gibt es dann auch irgendwann deutsche Begriffe, mit denen alle umzugehen wissen. Intensivere Auseinandersetzung mit Diskriminierungsformen könnte das Verständnis für den Zusammenhang zwischen Macht und Sprache im Allgemeinen stärken, sodass politische Korrektheit nicht mehr reisserisch als Sprach- oder Gedankenpolizei oder elitäres Gehabe bezeichnet werden würde, sondern der Wert eines sensiblen und respektvollen Umgangs mit Sprache im Mittelpunkt stünde.

Des Weiteren bekräftigt Hasters, wie wichtig Repräsentation – also positive (Vor-)Bilder – und bestärkender Zuspruch nicht nur von Eltern und Lehrenden, sondern auch von Medien und anderen öffentlichen Stellen sind:

„Mehr Chancen, mehr Optionen, mehr Bilder müssen angeboten werden. Mehr Geschichten müssen erzählt werden. Und ganz wichtig: Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben, Herkünften, Geschlechtern und sexuellen Orientierungen müssen mitentscheiden.“ (S. 51)

Dabei können alle in ihren jeweiligen Jobs und innerhalb ihrer Familien und Freund*innenkreise mithelfen. Je mehr Menschen anfangen, direkte Konfrontation zu praktizieren und auf Repräsentation zu achten, desto weniger müssen Schwarze Menschen die meist unbezahlte Aufklärungsarbeit allein leisten.

Wie Hasters selbst feststellt, schreibt sie eigentlich nichts völlig Neues, und dennoch handelt es sich angesichts des täglichen Rassismus in Deutschland um ein unfassbar wichtiges Buch. Bei der stetig wachsenden Zahl von Büchern über Rassismus von Schwarzen Deutschen Autor*innen gibt es wirklich keine Ausreden mehr für weisse Menschen, sich nicht zu informieren.

Anna von Rath
kritisch-lesen.de

Alice Hasters: Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen. aber wissen sollten. Hanser Verlag, München 2019. 208 Seiten, ca. 24.00 SFr. ISBN 978-3446264250

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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