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Alexander Solschenizyn: Lenin in Zürich | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Alexander Solschenizyn: Lenin in Zürich Lenin als Solschenizyns Phantasma

Sachliteratur

Ein Buch über Lenin, die Oktoberrevolution - und den Autoren Solschenizyn selbst.

Ehemaliges Wohnhaus von Wladimir Iljitsch Uljanow Lenin (* 1870; † 1924) an der Spiegelgasse 14 in Zürich.
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Bild: Ehemaliges Wohnhaus von Wladimir Iljitsch Uljanow Lenin (* 1870; † 1924) an der Spiegelgasse 14 in Zürich. / Javier Carro (CC BY-SA 3.0 cropped)

28. Dezember 2015

28. 12. 2015

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Ursprünglich sollte Lenin in Zürich eingebettet werden in das Riesenprojekt August 14. - in den ersten Band eines Gesamtwerks, in welchem der Niedergang des von Solschenizyn verehrten Zarenreichs im Weltkrieg umfassend geschildert werden sollte. Im ersten gelungenen Band - ganz im Gegensatz zu den letzten, die oft nur öde Dokumentensammlungen darstellen - schildert Solschenizyn in unbarmherzigem Mitleid das Schicksal der ersten Invasion der russischen Armee in Ostpreussen August 1914. Er sieht den zaristischen Generälen zu, wie sie durch zwei Hemmnisse besiegt wurden - viel mehr als durch Hindenburg und Ludendorff. Die zwei Hindernisse: ganz abstrakt gesprochen der Widerspruch von Produktionsverhältnissen und Produktivkräften. Konkret: Die riesige russische Armee war gefesselt durch vollkommene Unzulänglichkeit der Transport - und mehr noch der Orientierungs- und Kommunikationssysteme.

Während das preussische Heer seit Moltke senior über Feldtelephone und Funkstationen verfügte und die Eisenbahn fest eingeplant hatte, tappte die russische Armee buchstäblich und blind durch das Dunkel der Wälder. Ebenso hemmend das Durchschlagen der Feudalstruktur des zivilen Lebens am Zarenhof aufs Militärische. Militärischer Sachverstand verstummte ohnmächtig gegen einen Grossherzog aus der Zarenfamilie, der den Oberbefehl zu führen hatte und von Geburt aus alles besser wusste. Dies alles von Solschenizyn in grösster Erbitterung und unbarmherzig wiedergegeben, obwohl es doch seine Sache war, die da bröckelte und für immer verging.

Lenin als Gegenbild

Lenin erscheint dann in dem 1975 auf russisch zuerst erschienenen Teilstück als Gegenbild, als das Wesen, das vom fernen Zürich aus seine Gegenpläne entwickelt. Ihm schreibt Solschenizyn - mit Recht - alles zu, was dem russischen Staatsgebilde fehlte. Er wird gezeigt, wie er Zeitungen und Briefe aus aller Welt empfängt, wie er über den Handbüchern in den Bibliotheken Zürichs hängt. Lenins Überlegungen zielen überallhin in aller Welt: Wie es noch kurz vor der Abreise aus der Schweiz heisst: Russland ist keineswegs das Land, in dem die sozialistische Weltrevolution als erste siegt. Es ist Zünder, nicht Motor.

Das konzipiert von einem Mann - Solschenizyn -, der aufwuchs in einer Zeit, in welcher Lenin immer schon vorverklärt war, festgelegt, auf Spur gebracht, in Erz gegossen das Ziel vor Augen: Sozialismus in einem Land. Wie festgefressen diese Ansicht gewesen sein muss, zeigt eine in der DDR erschienene Ausgabe von Reed: Zehn Tage, die die Welt erschütterten - noch von 1983, dreissig Jahre nach Stalins Tod. Kaum tritt Trotzki oder Sinowjew auf, fällt in den Anmerkungen die Guillotine: Trotzki bekämpft Lenins Politik von Sozialismus in einem Land; Sinowjew - ab Oktober 1918 Verräter, weil zeitweise gegen den Verzichtfrieden von Brest-Litowsk. Demnach müsste der offizielle Lenin schon in Zürich der grösste Feind Sinojews gewesen sein. Dabei schrieb er zusammen mit diesem die meisten Artikel, die 1918 in einem Sammelband herauskamen: Gegen den Strom, herausgegeben von Sinowjew, mit einem Geleitwort von Lenin 1918. Demgegenüber die ungeheure Arbeit Solschenizyns, einen Lenin freizuschaufeln, der zwar nicht unbekannt, aber doch völlig isoliert in der damals recht kleinen Stadt Zürich sass, manchmal monatelang abgeschnitten von allen Nachrichten.

Solschenizyns Hassblick

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Solschenizyns Blick sich wesentlich nährt von der weissrussischen Propaganda gegen die Bolschewiki. Als sich nach dem Ersten Weltkrieg die Archive öffneten, wurde offenbar, wie viel Geld Lenins Gruppe - über die Erlaubnis der Durchfahrt durch Deutschland hinaus - von den Deutschen erhalten hatte. Vermutlich 25 Millionen Goldmark. Typisch Lenin und seine Bedenkenlosigkeit im Gebrauch der Mittel. Nachdem Gramsci Machiavelli wieder zu Ehren gebracht hat, mag sie in anderem Licht erscheinen. Solschenizyn steigert den Vorwurf. Nach ihm war Lenins Hauptmotiv Zerstörungswillen gegen Russland.

Lenin als Solschenizyns Phantasma

Lenins Imperialismustheorie wird mit bösem Blick als blosses Metzgerhandwerk hingestellt, als pure Zerstückelungstechnik. Lenins Grundgedanke: Alle kapitalistischen Länder können der Krise nur dadurch entgehen, dass sie in Kolonien und abhängig gehaltenen Ländern für weniger Lohnzahlung mehr Produkte - als künftige Waren - bekommen. Da die Erde endlich und aufgeteilt ist, folgt zwangsweise Krieg aus der imperialistischen Konkurrenz. Wer nimmt wem welche Gebiete ab? Russland ist unter den imperialistischen Ländern das schwächste. Der Krieg kostet jedes Land aber gleich viel. Also wird das "schwächste Kettenglied" im imperialistischen System als erstes brechen. Deshalb kann von einem industriell unterentwickelten Land aus trotzdem die Weltrevolution ihren Ausgangspunkt nehmen. Logische Folge für die Kampftechnik: Den proletarischen Massen müssen die imperialistisch unterdrückten Völker zur Seite treten. Nicht mehr nur "Proletarier aller Länder", sondern: "Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker - vereinigt Euch".

Soweit die westliche Lesart dieser Politik - zumindest bis 1989. Inzwischen hat sich zwar herausgestellt, dass - entgegen Solschenizyns Meinung - diese Politik sich keineswegs primär gegen Russland als Land richtete, dass aber auch die westlich-orthodoxen Versionen brüchig und teilweise hinfällig geworden sind. Wer sind heute die Proletarier? Und wo schliessen sie sich über Grenzen weg zusammen?. Von den Völkern ganz zu schweigen. Befreit vom kolonialen Joch sind viele, aber welche in Asien oder Afrika sind darüber besser geworden?

Zweiter Blick

Hinter diesen Streit, in dem Solschenizyn als Theoretiker erschütternden Unsinn predigt, reicht aber sein Blick zurück. Er schildert mit bösem Blick den kleinen Mann mit den von Zeitungen ausgebeulten Manteltaschen, mit hängender Hose, in schweren Bergstiefeln stapfend. Immer neue Widerstände bei den braven Schweizer Sozialisten. Immer neue Kräche über Grenzen und Länder hinweg. Fast die Zimmerwalder Konferenz der wenigen Kriegsgegner aus der alten Internationale gesprengt. Das interessiert Solschenizyn wenig. Mehr das Verhältnis zu Parvus, dem dicken Zweimetermann, Waffenschieber, Zuträger der Deutschen Regierung, in allen sozialistischen Parteien als Verräter verrufen, selbst bei den Kollaborateuren der deutschen SPD nicht gern gesehen.

Der leibhaftige Parvus ist wohl in Zürich immer nur durch Zwischenhändler aufgetreten. Solschenizyn imaginiert ihn als einen, der Lenin in der Sofa-Ecke fast körperlich erdrückt. Seine Millionen werden für eine grosse Verschwörung angeboten. Geld ist Macht. Und ohne Macht keine Revolution. Aber Parvus besudelt jede Hand, die ihn berührt. Es läuft ein ungeheures Duell: Wer legt wen hinein? (Am Ende Lenin den Parvus. Lenin in Petersburg lehnte eiskalt das Einreisebegehren des Parvus ab. Kein Kontakt mehr mit der Kellerassel.)

Lenin - der Grossausnutzer von Menschen

Lenin presst Menschen aus wie Zitronen. So nimmt es Solschenizyn wahr. Nur: Auch das lässt sich umkehren. Glücklich der, der sich für die Revolution benutzen lässt, als nützlich erweist. Zeitweise wird er hochgerissen. Immerhin diese Zeit lang. Etwa die von Solschenizyn ausführlich bemitleideten schweizer Sozialisten Grimm und Platten. Lenin benutzte beide unbestreitbar, um unverdächtige Nichtbolschewiki vorzeigen zu können, die seiner Fahrt im plombierten Wagen durch Ludendorff-Land das Anstössige nahmen. Aber umgekehrt: Wer hätte je von Platten gehört, hätte der der Revolution nicht diesen Dienst erwiesen? Lenin hat ihn instrumentalisiert, wie man heute zu sagen verabredet hat. Lenin hat ihn gewürdigt, zeitweise Instrument zu sein. Für etwas, das mehr war als beide zusammen. Das liesse sich genau so gut sagen.

Lenin - Betreter von offenem Land

Eines, ein Unvergessliches, zeigt Solschenizyn durch seinen Hass hindurch. Wie sehr er die Widerwärtigkeiten auftürmt um ihn, wie scharf er die Abtrünnigkeiten zeichnet. Das Unbeugsame gegen alle Wahrscheinlichkeit leiht Solschenizyn aus eigenster Selbststilisierung seinem grössten Gegenspieler- nach seinem Rauswurf aus der Sowjetunion. Solschenizyn wollte der Gegen-Reformator sein, er als Einzelner, bei Böll Unterschlupf suchend, später in Zürich. Nur dass seine Hoffnung maulwürfisch blind blieb, auch nach der Zerstörung der Sowjetunion. Aber sie liefert den Lebensgrund der Nacherfindung Lenins. Nach Erhalt der Nachricht von der Kerenski-Revolution Februar 1917 geht Lenin im Regen einen Berg hinauf. Solschnizyn lässt ihn grübeln:

"Es gibt keinen schwereren Aufstieg als den von der Illegalität zur Legalität. Das Wort "Untergrund" sagt alles. Man lebt im Verborgenen, in einem Kellerloch, anonym, doch plötzlich soll man hinaus auf eine offene Anhöhe und laut ausrufen: 'Ja, hier bin ich! Nehmt eure Waffen, ich werde euch führen!' (...) 'Sollte man fahren? Wenn alle Gerüchte stimmen -so nach Russland fahren? Alles hinwerfen? Und durch die Luft fliegen?' (S. 166)

Das ist es. Ein freigelegter Lenin, dem noch ganz andere Möglichkeiten offengestanden hätten. Was hätte sich ergeben, wenn er in der Schweiz geblieben wäre? Auch dort, im Land des Milizgewehrs im Kleiderschrank, hatte er schon den bewaffneten Kampf propagiert. Was bei Solschenizyn bleibt: Die Unbeugsamkeit auf der einen Seite. Auf der anderen aber etwas, das als Va-Banque-Spiel erscheinen muss, bevor es gelang. Nachher als treffsicherer Kalkül.

Am meisten zur Stagnation der Arbeiterklasse beigetragen die Vorstellung, man hätte den Sieg in der Tasche. Wissenschaftlich bewiesen von unserem Marx. Alles auf Schienen, determiniert - wie man sagt. Damit Sieg der Gemütlichkeit. Kommen wir heut nicht, dann morgen. Einmal kommt's, auf jeden Fall. Nur keine Ungeduld. In dieser Fassung hat der Wissenschaftskult die Parteien gefesselt, zum Schlurfgang in Ketten verurteilt.

Marxist oder Nichtmarxist: bleibt es beim Würfeln?

Es steht mit der Theorie von Marx nicht so, dass er uns auch nach zehnmaliger Lektüre des Kapitals etwas über den Augenblick sagen könnte. Über die Modalitäten des Handelns. Seine Chancen.

Eines übersieht Solschnizyn: die Theorie kann uns den Augenblick des richtigen Handelns nicht prophezeien, wohl aber die Augen aufreissen, die analytische Kraft schärfen zur Beurteilung der Situation. Was Solschenizyn ausspäht und allen Überlagerungen entreisst: Das Offene. Das Unentschiedene. Die Fülle der Möglichkeiten. Sie stecken für den, der scharf zu sehen weiss, genau und immer wieder auch in dem öden Immergleichen des post-histoire, wie es die Geschichtslöscher es für heute statuieren wollen.

Den Beweis, den Solschenizyn erbringen wollte, konnte er nicht erbringen: Dass nämlich Lenin und alles revolutionäre Unterfangen sich selbst verurteilten angesichts des Ausgangs - von Stalin bis Putin. Gegen seinen Willen beweist Solschenizyn: Jede Situation ist offen. Jede kann verborgene Möglichkeiten des Handelns erhalten. Nichts ist abgetan! Und so wirkt gerade der verbohrte Antikommunist Solschenizyn als Rezept gegen die Schlafkrankheit Determinismus.

Fritz Güde
kritisch-lesen.de

Alexander Solschenizyn: Lenin in Zürich. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1987. 252 Seiten. ca. 12.00 SFr., ISBN: 3-423-10321-3

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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