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Ágnes Heller: Von der Utopie zur Dystopie | Untergrund-Blättle

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Ágnes Heller: Von der Utopie zur Dystopie Wovon wir geträumt haben

Sachliteratur

Reflexionen zu Utopien und Dystopien und was wir aus Romanen über die Zukunft lernen können.

Graffiti in Lapa, Rio de JaneiroPaul Keller
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Bild: Graffiti in Lapa, Rio de JaneiroPaul Keller (CC BY 2.0 unported - cropped)

22. September 2019

22. Sep. 2019

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Agnes Heller, die im Mai 2019 neunzig wurde, überlebte den Holocaust. Sie promovierte bei Georg Lukács, lehrte Soziologie und Philosophie in Melbourne, New York und Budapest. In ihrem Essay „Von der Utopie zur Dystopie“ stellt sie die Frage: „Was können wir uns wünschen?“

Bei der Beantwortung holt sie weit aus, beginnt mit der Geschichtlichkeit der Einbildungskraft, geht über zu Wunschutopien und der philosophischen Konstruktion vom „gerechten Staat“ (S. 27) und greift zurück auf Ideen von Platon und Sokrates.

Hellers Nähe zum Philosophen Karl Marx bleibt dem Lesenden im Exkurs zu „sozialistischen Utopien“ nicht verborgen. Jedoch irritiert ihr Statement: „Das Reich des Kommunismus hat sich als Reich des Massenmords erwiesen“ (S. 39). Ihre Ergänzung wird begleitet von einem bitteren Beigeschmack: „[…] wovon wir geträumt haben, wird niemals so sein“. Wobei Heller im Unklaren lässt, wer mit „wir“ gemeint ist. Schliesst sie sich ein in den Kreis der „Betrogenen“? Das könnte ein Grund dafür sein, dass Heller das negative Moment einer Revolution, den „Verrat“ oder das Gefühl des „Betrogenseins“ besonders hervorhebt.

Nach Exkursen zu Utopien und Dystopien geht die Autorin im Schlusskapitel noch einmal in die Tiefe. Anhand ausgewählter Romane wie Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ (1932), George Orwells „1984“ (1949), Ray Bardburys „Fahrenheit 451“ (1953), Robert Harris’ „Vaterland“ (1992), Kazuo Ishiguros „Alles, was wir geben mussten“ (2005) und anderen arbeitet Heller Gemeinsamkeiten dystopischer Literatur heraus.

Konditionierung und Anpassung

Heller irritiert mitunter mit ihrem Essay, besonders dann, wenn sie die Gesellschaftssysteme Nationalsozialismus und Kommunismus miteinander vergleicht, sie als totalitär bezeichnet. Beide Systeme beschreibt sie als jene, die Assimilation und Konditionierung von ihren Mitgliedern fordern. Heller hebt hervor: „Die einst postulierte Individualität und Differenz beginnt sich aufzulösen, wenn Menschen dazu konditioniert werden, keine Individuen zu sein“ (S. 73). Trotz des schwierigen Vergleichs stellt sie richtig heraus, dass insbesondere die Literatur, hier im Speziellen der Roman, die Möglichkeit hat, Gegenwelten und Figuren herauszubilden, die sich der geforderten Anpassung entziehen und an ihren (politischen) Überzeugungen festhalten.

Heller nennt als Beispiel dafür die Figur John aus dem Roman „Schöne neue Welt“ (1932) von Aldous Huxley. Er verkörpert den Idealtypus erfolgreicher Konditionierung und dem parallel existierenden Gefühl des Unbehagens. Er ist ein „Wilder“, aufgewachsen in einem mexikanischen Reservat. Dem dortigen Leben hat er sich völlig angepasst. Als zwei Touristen John in die „neue Welt“ mitnehmen, bleibt er jedoch ein Fremder, ein Aussenseiter im neuen Umfeld und wählt ein Leben ausserhalb der Gesellschaften. Nach Hellers Auffassung scheitert John am Ende.

Weiterhin geht die Philosophin ein auf technologische Manipulation, Biopolitik, Untergang unserer Kultur und Zerstörung der Welt als gemeinsame Merkmale dystopischer Literatur. „Was sie alle gemeinsam haben: die Wandelbarkeit der menschlichen Natur und die grosse Bedeutung von Erinnern und Vergessen“ (S. 72).

Die Autorin spannt den Bogen zur Gegenwart und fragt: „Wie können Fremde, Aussenseiter ihr Unbehagen beseitigen, worauf können sie sich stützen, wenn sie von einer neuen, einer anderen Welt träumen?“ Immer werden neue Geschichten erfunden, neue Verschwörungstheorien kreiert, „Romane müssen für den Propagandaapparat umgeschrieben werden“ (S. 76). Heller verweist auf Zeiten des Nationalsozialismus.

Dystopie im Roman

Welche Utopien und Dystopien entwickelt werden, erlaubt Rückschlüsse auf die realen Lebensumstände der jeweiligen Zeit. Zwei Beispiele zeitgenössischer dystopischer Romane seien hier explizit erwähnt. Zunächst „Nachricht an den Grossen Bären“ der österreichischen Autorin Eva Schörkhuber, die die Dystopie eines zukünftigen Europas, welches in A-, B-, C- oder D-Zonen aufgeteilt ist, entwirft. Grenzen werden erneut eingeführt, ebenso Grenzkontrollen. Dass Dystopien sich nahe an der Realität bewegen können, zeigt dieses Beispiel mit Blick auf die Sicherung der Aussengrenzen Europas.

Der Roman „Troll“ des slowakischen Autors Michal Hvorecky ist ein weiteres Beispiel dystopischer Literatur, in dem eine Gruppe aus Trollen das Internet beherrscht, Fake-News verbreitet und eine ganze Generation junger Menschen in künstlich entworfene Welten entführt, eine Generation, die aufgrund von fehlendem Hintergrundwissen den Inhalten von Videos, Fotos oder Textnachrichten, die ihnen auf den Bildschirm gespielt werden, Glauben schenkt. Doch zwei Aussenseiter, zwei Freunde, versuchen, das System der Gehirnwäsche zu unterlaufen und zerstören den Kreislauf von innen heraus.

Menschenbilder der Dystopie

Doch zurück zu denen von Heller ausgewählten Romanen. Nicht gänzlich neu ist die von der Autorin konstatierte fehlende Empathie: „Kein dystopischer Roman geht davon aus, dass alle Menschen Mitgefühl haben“ (S. 73). Von Aufbegehren oder Widerstand ist keineswegs die Rede. Die Romane suggerieren die Formbarkeit des Menschen, „der bereit ist, unter fast allen Umständen zu leben […], an alles zu glauben, woran die anderen glauben“ (ebd.).

Am Ende geht sie nochmals auf Gemeinsamkeiten dystopischer Literatur ein und hebt insbesondere „Unterwerfung“ von Michael Houellebecq hervor: „Gehirnwäsche und Kontrolle“ benennt sie als Stabilitätsfaktoren innerhalb dystopischer Literatur, spannt den Bogen zu gegenwärtigen Dystopien, die auffordern „seinen Garten zu kultivieren“, (S. 94) und Verantwortung für soziale Fantasien zu übernehmen. Ein Gemeinschaftsgarten schwebt einem vor, in dem Solidarität und Empathie spriessen. Hellers Lektüre regt dazu an, utopisches Denken jenseits kapitalistischer Ausbeutungs- und Verwertungszusammenhänge direkt in Handlungsoptionen zu transferieren.

Kornelia Hauser / kritisch-lesen.de

Ágnes Heller: Von der Utopie zur Dystopie. Was können wir uns wünschen? Edition Konturen, Hamburg 2016. 896 Seiten, SFr ca. 38.00, ISBN 9783100366108

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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