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Abel Paz: Durruti - Leben und Tod des des spanischen Anarchisten | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Abel Paz: Durruti - Leben und Tod des des spanischen Anarchisten Die Erzählung eines Abenteuers

Sachliteratur

Endlich ist sie wieder da, die Durruti-Biographie, eins der wichtigsten Zeugnisse über die spanische Revolution, auch wenn sie mit Durrutis frühem Tod im November 1936 endet.

Buenaventura Durruti in Madrid, 1936.
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Bild: Buenaventura Durruti in Madrid, 1936. / Cassowary Colorizations - Joel Bellviure (CC BY-SA 2.0 cropped)

23. Oktober 2021
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Sie schildert nicht so sehr den Bürgerkrieg, als vielmehr das Erstarken der revolutionären Klasse, d.h. des breiten und tief verankerten revolutionären Verständnisses für eine gesellschaftliche Umgestaltung zu Gunsten der Ausgebeuteten.

Sie erschien in deutscher Übersetzung erstmalig 1994 in einer prächtigen gebundenen Ausgabe im Grossformat, 730 Seiten, viele Fotos, schwarz-rote Lesebändchen in der Edition Nautilus, "das stolzeste Stück der Verlagsgeschichte" bis dato, danach in zwei Paperbackausgaben und war seit etlichen Jahren vergriffen. Jetzt ist sie dank eines solidarischen Kraftakts alter und neuer Beteiligter bei der Edition AV neu erschienen, nachdem es im Ursprungsverlag nach meinem Ausscheiden nicht mehr möglich war.

Abel Paz ist der "nom de guerre" des Anarchisten und Syndikalisten Diego Camacho Escámez, 1921 in Almeria geboren und bereits 1935 als Textilarbeiter in die CNT eingetreten. Er nahm als 15jähriger an der spanischen Revolution teil und musste nach dem "kurzen Sommer der Anarchie" 1939 nach Frankreich flüchten, war in verschiedenen Lagern interniert, kämpfte nach dem Einmarsch der deutschen faschistischen Armee in Frankreich 1942 erneut in Spanien, im Untergrund, gegen die faschistische Militärdiktatur.

Wieder wurde er verhaftet und blieb zehn Jahre lang, bis 1953, inhaftiert. Er emigrierte nach Paris, arbeitete in einer Druckerei und beteiligte sich am Mai 1968. Nach Francos Tod (1975) ging Abel Paz zurück nach Barcelona, wo er bis zu seinem Tod 2009 lebte, diskutierte und schrieb (in der Edition AV sind seine Erinnerungen in verschiedenen Bänden erschienen).

Das Buch ist selbst - Forschen, Schreiben, Übersetzen, Publizieren - die Geschichte einer Selbstermächtigung und schildert eine ungleich grössere. Ihr "Subjekt", Gegenstand des Buches, sind die proletarisierten, armen, unterdrückten, ausgeplünderten Menschen im Spanien der ersten dreissig Jahre des 20.Jahrhunderts.

Es ist auch die Erzählung eines Abenteuers. Der Arbeitersohn und vielseitig tätige Arbeiter Buenaventura Durruti (1896 in Léon geboren) ist eine Symbolfigur für den spanischen Anarchismus geworden. Abel Paz, selbst als Jugendlicher in der spanischen Revolution und im Bürgerkrieg beteiligt, schildert den Weg dieser Emanzipation. Für Abel Paz ist die Niederschrift dieses Werkes in den sechziger Jahren (sie wurde von 1962 bis 1972 geschrieben und 1977 noch einmal überarbeitet) eine Selbstvergewisserung über die Prozesse, die im Laufe der Revolution und ihrer Zermalmung durch den Bürgerkrieg vorgegangen sind. Parteilich, ironisch, mit zum Teil beissendem Spott gegenüber den "Feinden", erzählt der Autor diese Geschichte im Selbstbewusstsein und in der klaren Haltung der revolutionären Klassenperspektive, die er mit seinem Protagonisten teilt.

Für die in Armut und Unrecht gehaltenen Menschen in der spanischen Monarchie gab es nur einen Weg, sich daraus zu befreien: die Revolution. Und zwar die soziale Revolution. Nicht eine "Revolution" durch den Wechsel einer politischen Staatsmacht durch eine andere oder durch die Delegierung von Forderungen an Parteien, sondern durch die direkte Aktion.

Beginnen mit dem, was vor einem liegt. Im Bereich der Arbeit: gewerkschaftlicher Zusammenschluss, Streiks, Sabotage, Kollektivierung, Selbstverwaltung. Im Bereich der Bildung: eigene Zeitschriften und Broschüren, Diskussionen, Versammlungen, freie Schulen. Im Bereich der Familie: nieder mit der Kirche und ihrer verordneten Knechtschaft. Freie Gemeinschaften! Zur Mittelbeschaffung: Expropriationen, also Überfalle, Geldbeschaffung, Bewaffnung.

Das ging natürlich nicht immer gut aus: die Repression schlug zurück, mit Aussperrungen, Polizeischikanen, Gefängnisaufenthalten, Disziplinierungsmassnahmen der Fabrikbesitzer, Ausweisungen, Deportationen, dem Zwang zu Untergrundexistenzen oder Desertationen, Fluchten bis hin zum Exil (für Durruti in Frankreich, Deutschland, Belgien, Lateinamerika).

Die russische Revolution von 1917 wurde zur Kenntnis genommen und diskutiert: Wie kam es dazu, dass die revolutionären Bestrebungen der Arbeiter und Bauern so schnell in eine Parteidiktatur mündeten? In die Machtpolitik der bolschewistischen Konterrevolution umschlugen? Der 1.Weltkrieg als Hintergrund, der mit seiner Gewalt auch die gesellschaftliche Befreiung niederwalzte.

Durruti und seine Companeros waren "Männer der Tat", sicher, sie waren mutige Haudegen, unerschrockene Aktivisten. Aber Abel Paz zeichnet sehr ausführlich nach, wie durch die Erfahrungen und Diskussionen der arbeitenden "Klasse" ihre Einschätzungen und Fähigkeiten weiter entwickelt wurden. Praxis und Theorie waren in ständigem Prozess. Und die Praxis war "das Leben", keine Machtpolitik, auch kein Abarbeiten eines historischen Schemas. Wie später, Mitte der neunziger Jahre, die Zapatisten durch den Sprecher Subcomandante Marcos verkündete schon Durrutis Freund Francisco Ascaso: "Nur durch Gehen kommt man weiter".

"Die Klasse" traf sich auf Versammlungen, hielt Konferenzen, bildete Assoziationen. Sie ging, drangsaliert durch Repressionen, vom Klassenkampf zum Klassenkrieg über, der 1936, nach dem Militärputsch durch Franco gegen die gewählte Republik, zu einem offenen Bürgerkrieg und zu einem Krieg mit internationalen Interventionen und Machtinteressen anderer Staaten wurde. Für den Klassenkrieg wurden Waffenlager angelegt, die natürlich lächerlich unzureichend waren, als der offene Krieg begann.

Ein wichtige Rolle spielten in dieser Zeit auch die Bildung von Kooperativen bzw. Genossenschaften, vor allem in Barcelona. Die Arbeitskooperativen waren nicht nur Hort des Ûberlebens für Syndikalisten, die auf den schwarzen Listen der Unternehmerverbände standen, sie schufen auch andere Arbeitsbedingungen. Die ebenfalls weit verbreiteten Konsumgenossenschaften befreiten die Arbeiterfamilien vom Schuldendruck und der Gier der Kleinkrämer. Das Nebeneinander von illegaler direkter Aktion und Sicherung des Überlebens durch Selbstverwaltung war eines der konstituierenende Elemente des spanischen/katalanischen Anarchismus.

Da die Bourgeoisie mitsamt allen Institutionen der Repression freiwillig die Verhältnisse nicht ändern würde und die gesellschaftlichen Probleme nicht lösen konnte, schärften die Anarchisten ihre Vorstellung der revolutionären Schritte:

Organisierung der Gesellschaft durch eine kommunitäre Produktionsweise, durch autonome nachbarschaftliche Gemeinschaften, solidarische Pakte, aktiven Föderalismus.

Kollektive Enteignungen, Sabotage;
Generalstreik, Teilstreiks;
Kampf gegen das Analphabetentum, Bildung für alle, freie Schulen, Propaganda für die anarchistischen Vorstellungen. Bewaffnung;
Aufbau von Kampfabteilungen und Aktionsgruppen der CNT-FAI; Verteidigungskomitees;
Arbeitermilizen;
Revolutionsversuche, wo immer es ging (Land- und Fabrikbesetzungen, Dorfräte etc.), als "revolutionäre Gymnastik", d.h. als Erfahrungen, aus denen alle lernen konnten;
Abschaffung des Geldes in den befreiten Gebieten;
Zweckentfremdung oder Zerstörung der Kirchen;
Komitees jeder Art im alltäglichen Leben: Haus-, Strassen-, Stadtteil-, Frauen-, Kinderkomitees. Miet-, Gas- und Stromzahlungsstreiks;
Aktionen gegen Zwangsräumungen;
Arbeitslosengewerkschaft als Ausdruck der Solidarität der Arbeitenden und Übung in Sachen Selbstermächtigung;
Und: Wahlboykott;


In aller Klarheit wurde immer wieder betont, dass das Anliegen der anarchistischen Revolution keine Machtergreifung sei, für sie war eine Partizipation an den bestehenden Institutionen der Macht ausgeschlossen. Es zählten nur die selbstgeschaffenen, selbstgewählten Organisationsformen, in denen es keine Privilegien gibt. Ihr Ziel war der libertäre Kommunismus. Die Alternative sei nicht Faschismus oder bürgerliche Demokratie, sondern Faschismus oder soziale Revolution.

Ein taktisches Bündnis mit den Linksparteien werden die Anarchisten dann aber 1936, nach der Wahl einer linken Regierung und dem Putsch Francos gegen diese Volksfront, doch eingehen und daran scheitern. Über die faschistische und stalinistische Konterrevolution hinaus, die im spanischen Bürgerkrieg ihr Übungsfeld mit hemmungsloser Gewalt betrieb, kann man an diesem Beispiel studieren, wie die Beteiligung an der Macht die Vertreter der "Klasse" korrumpiert.

Wie sich durch die Beteiligung an den staatlichen, auch "demokratischen" Institutionen die Klassenautonomie entleert. Am Ende sind die anarchistischen Phrasen, genau wie die "demokratisch"-staatlichen, nur noch Disziplinierungsansätze gegen das Selbstbewusstsein, die Selbstermächtigung der "Klasse". Diese starke und autonome Klasse, die sich ihre eigenen politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen Organisationsformen erschaffen hatte, geriet unter dem Druck des Krieges in den Sog der Macht.

Auf den Putsch Francos am 17.Juli 1936 antworteten die Anarchisten kompetent und schlagkräftig mit dem Einsatz ihrer Milizen, mit dezentralen Initiativen, Gewerkschaftsaktionen, revolutionären Komitees, Barrikadenbau, Föderation der Barrikaden, Arbeiterselbstverwaltung. Sie waren es, die hier als stärkste Kraft des Widerstands so etwas wie eine "wilde Demokratie" installierten. Die CNT war mit Abstand die bedeutendste Gewerkschaft, die Komitees waren gut vernetzt und gewöhnt, autonom zu handeln. Bis zu 70 % der Betriebe wurden kollektiviert, zahlreiche landwirtschaftliche Kommunen gebildet, alte Polizeikräfte liquidiert.

Die "Unkontrollierten", die "Utopisten" waren der grosse Schrecken für alle Verteidiger der staatlichen Macht, von welcher Seite auch immer. Alle Parteien der gegen Francos Putsch gebildeten Volksfrontregierung inklusive der besonderen externen Ordnungsmacht der Sowjetunion arbeiteten mit Hochdruck an der Neutralisierung der autonomen Kräfte, bis die Generalitat Kataloniens im Mai 1937 verkünden konnte: "Gesellschaft, alles ist wieder hergestellt!" "Alles", das hiess: Die Ordnung. Die Kontrolle. Die Autorität. Die demokratische Fassade der Volksfrontregierung zerbröckelte und mutierte unter der brüderlichen Hilfe der Sowjetunion zu einem totalitären, zentralistischen, repressiven Staat, gegen den die "Klasse" noch Widerstand leistete, der aber brutal liquidiert wurde.

Als dann die internationalen Kräfte ins Gefecht eintraten, die aus eigenem Machtkalkül einerseits die Faschisten unterstützten (Hitler-Deutschland und Mussolini-Italien) und andererseits entweder keine Hilfe leisteten (das spätkoloniale England und Volksfront-Frankreich) oder aktiv in die Bekämpfung der Anarchisten und Trotzkisten eingriffen (Stalins langer Schatten mit seinen Täuschungsmanövern, Erpressungen, falschen Nachrichten und Lügenpropaganda), wurde die Kraft der Revolution erwürgt. Denn es war klar, dass hier eine Schlacht geschlagen wurde, die, wenn sie verloren ging, Auswirkungen auf die ganze Welt hatte. Es war ein Testfeld des Faschismus und ein Vorlauf des 2.Weltkriegs.

"Wir müssen eine neue Welt schaffen, eine andere als die, die wir dabei sind zu zerstören. Unser Schlachtfeld ist die Revolution." Unter dieser Parole zogen die anarchistischen Milizen in den Bürgerkrieg. Schlecht ausgerüstet, aber im Bewusstsein der Verteidigung ihres "nackten Lebens"!

Die Kolonne Durruti gehörte zu den legendären, beliebten und militärisch erfolgreichen Kolonnen. Sie arbeitete unter den auszehrenden Bedingungen eines Krieges. Am 19.November 1936 traf Durruti ein tödlicher Schuss. Er wurde nur vierzig Jahre alt. Woher der Schuss stammte, ist nicht eindeutig geklärt.

In Spanien wurde mit dem Sieg Francos im April 1939 der "weisse Friede der Friedhöfe" (Georges Bernanos) durchgesetzt: über 250.000 standrechtlich Hingerichtete und Getötete, 500.000 ins Exil Vertriebene, 1.000.000 Tote oder Verschollene, gemäss Abel Paz.

Warum Durruti nie die Bekanntheit eines Ernesto Che Guevara oder einer Rosa Luxemburg erreicht hat, warum er in gewisser Hinsicht immer noch unter Francos und Stalins Schatten als Gespenst herumgeistert, ist vielleicht durch seine entschiedene Kompromisslosigkeit gegenüber den Institutionen der Macht erklärlich. Aber gerade dadurch, durch diese Autonomie, hat er eine unverbrauchte Aktualität. Denn worum sollte es jetzt, im Jahr 2021, gehen, wenn nicht um eine weltweite Bewegung der kollektiven Autonomie jenseits aller gesellschaftlichen Institutionen, die sich vor unseren Augen täglich aufs Neue jeden Sinns entleeren und die das Glück und die Freiheit jedes und aller Menschen zugunsten des Reichtums sehr weniger einschränken.

Hanna Mittelstädt, aus dem Vorwort zur Neuausgabe

Abel Paz: Durruti - Leben und Tod des des spanischen Anarchisten. Edition AV 2021. 704 Seiten. ca. 47.00 SFr., ISBN: 978-3-86841-256-7

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