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Hakim Bey: Die Temporäre Autonome Zone | Untergrund-Blättle

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Hakim Bey plündert die Geschichte Die Temporäre Autonome Zone

Sachliteratur

Hakim Bey verkündet die beiden Botschaften, dass die Revolte in Reichweite eines jeden liegt und die Party jeden Moment losbrechen kann.

OstBerlin, Besetzte Häuser, Mainzer Strasse, Juni 1990.
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Bild: Ost-Berlin, Besetzte Häuser, Mainzer Strasse, Juni 1990. / Renate Hildebrandt (CC BY 3.0 unported - cropped)

27. Oktober 2001

27. 10. 2001

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Aus dem Handbuch TAZ spricht ein ketzerisches Bewusstsein, dem die historische Erkenntnis zugrunde liegt, dass alle linken und rechten Dogmen lediglich bezwecken, den Drang zum Feiern in vorgeschriebene Bahnen, auf ein vorgefasstes Ziel hin zu lenken, was ein Spitzenfest überhaupt nicht nötig hat.

Ohne Perspektive gibt es mehr zu erleben. Besetze ein Haus, sperre eine Autobahn, errichte ein Zeltlager neben einer Startbahn oder einem AKW, erobere eine Stadt, leg einen Strommasten um, feiere deinen Geburtstag in der Oper, rauche einen Joint im Kinosaal, lass das Schulfest in grossartiger Weise ausser Kontrolle geraten, entführe einen Touristenbus und beschere den Insassen den aufregendsten Tag ihres Lebens, baue eine Kirche zu einer öffentlichen Toilette um, stell deine Wagenburg in der Einkaufspassage auf.

Zwanzig Wachmänner treiben den Konsumterror in absurde Höhen, indem sie ungefragt das komplette Inventar des Kaufhauses verteilen. Die temporäre autonome Zone kommt auf Sie zu!

Der Slogan der political correctness lautet: ''Im Zweifelsfall nicht feiern''. Alle möglichen Handlungen könnten patriarchalisch wirken, die Umwelt verwüsten, ausländische Mitmenschen unterdrücken, Neonazis auf dumme Gedanken bringen, den Trikont zum Affen machen, kulturelle Eigenarten verletzen, ein allzu europäisches Urgefühl heraufbeschwören und vor allem: der eigenen Mentalität schaden.

Bleiben wir also besser in unseren heiligen vier Wänden, schauen in die Glotze und bewegen uns nur hinaus, wenn wir zu 100% von der Unschuld des sorgfältig geplanten Zusammenseins überzeugt sind.

Jedes Objekt, jede Geste, jedes Wort kann falsch sein, so falsch es nur geht, ohne dass wir uns dessen bewusst wären. Die Kollaboration lauert im kleinsten Winkel. Während endlos über die Finessen früherer Schnitzer debattiert wird, geht die Dekonstruktionswut so weit, dass überhaupt nichts mehr passiert. Doch Ketzer sind niemandem eine Antwort schuldig. Ihre ontologische Anarchie und ihr poetischer Terrorismus des Alltags scheissen auf alle guten und schlechten Absichten.

Der Aktivismus der Strasse ist reduziert auf die Medienfrage. Wie stelle ich mich dar, und erreichen die Zeichen, die ich aussende, das Bewusstsein der Zuschauer? Die Autonomie ist sich selbst nicht genug, sondern sie muss produziert und, mit einer medialen Aura versehen, in einen kodierbaren Diskurs plus zugehöriger Identität gestellt werden.

Was radikal fremd erscheint, ist per Definition suspekt, anstatt jauchzend entdeckt zu werden. In der Erlebnisgesellschaft ist das Wilde eine exotische Ware, die nur noch durch eine touristische Brille wahrgenommen werden kann.

Der Gedanke, die eigene Kultur verlassen zu können, verbreitet Horror und wird nicht als Einladung aufgefasst. Aussteigen ist eine Beschäftigung des postmodernen Lumpenproletariats geworden und wird als Sozialfall betrachtet, dem Modernisierungsverlierer eigen, der man nicht gern ist. Die dropout culture generiert nicht länger Lebensweisheiten, sondern gehört zum Müllsystem. In diesem frischen Klima ist TAZ ein Jauchetank, der das Gesindel mit viel Vergnügen über das Abendland versprüht.

Das Recycling-Verfahren wird umgedreht, und die Abwasserkanäle münden in der zufriedenen Sphäre der demokratischen Gemeinschaft. Die feine Nase der TAZler riecht den Dreck am Stecken und beginnt damit zu spielen, bis das Spiel zu Ende ist.

Die kreative Konzentration hat keine Zeit für ihre Selbstdarstellung. Die Methoden und Techniken der alternativen Öffentlichkeit scheinen erschöpft, ebenso parasitär geworden zu sein wie die echten Medien. In den heutigen Medien werden die temporären autonomen Zonen im besten Fall als temporäre Entertainment-Zonen (TEZ) präsentiert. Die Unterbrechung allzu bekannter Normalität durch eine fröhliche Note hat die Funktion, das Konsumentendasein erträglich zu halten.

Der Pakistani mit seinen roten Rosen im Café, die Jongleure, lebenden Statuen und die Inkas in der Fussgängerzone, die linksradikalen Spruchbänder, die das Strassenbild aufheitern, die Skandale auslösende Talkshow und das gut gestylte Elend der Welt auf dem Titelbild bilden ein Faktum, mit dem man die Konfrontation suchen muss, will man Vergnügen und Autonomie auseinander halten können.

Vergiften ist der Beginn jeden Glücks. Nimm ein Thema, das gerechtfertigte Entrüstung weckt, ersinne einen temporären allgemeinen Nenner (TAN), z.B. gegen Ausländerhass (oder Ausländer ...) und mobilisiere Menschen an einem Ort, wo eine Zone entstehen kann - das ist die Aufgabe, die die Gegenmedien übernommen haben. Der Wille zur TAZ ist nicht ohne Risiko. Na und.


Bild: TAZ

Die TAZ erscheint erst, wenn die Verbindungen mit jeder medialen Vorprogrammierung gekappt sind, und die entstehenden Räume werden besetzt, um je nach Lust und Laune einen Streifzug entlang der Grenzen von Staat und Anstand zu unternehmen. Die TAZ ist unerlaubte freie Zeit.

Alle sozialen Bewegungen kommen aus einer TAZ hervor, aber betrachten diese nicht als ihren Schöpfungsmythos. Die TAZ als Sammelsurium diverser Paradoxe und Widersprüche entspricht nicht den grossen Ideen der visionären bzw. wissenschaftlichen Gründer.

Bewegungen zehren an der Energie der TAZ, müssen aber deren Existenz leugnen, um ihr Momentum zu bewahren. Die eigene Bewegungslehre muss poliert werden, um eine klare Perspektive zu haben. Schutthaufen, Streit und sexuelle Ausschweifungen, mutwillige Zerstörungen und verbrannte Teddybären werden retouchiert. Was übrigbleibt, ist legitimer Protest. Zurecht, denn die TAZ dauert so lange, wie die Ekstase anhält und verschwindet dann.

Die TAZ ist nicht an Kontinuität interessiert, und das ist ein Rätsel, das den historischen Menschen immer aufs neue und dauerhaft verdriesst. Wie ortsgebunden die temporären Zonen auch sein mögen, das Erstaunliche ist, dass sie jedesmal wieder in den Lauf der Dinge einbrechen. Sie formen ein eigenes Netz ohne Gesetzmässigkeiten oder Rezept, worin transhistorische Gestalten geheime Verbindungen eingehen, so wie sie Hakim Bey in TAZ oder Greil Marcus in Lipstick Traces beschreibt.

Hakim Bey plündert die Geschichte. Es liegt an uns, Hakim Bey zu plündern. Wir haben hier nicht die Bibel der anti-medialen Bewegung in Händen oder ein Evangelium, das nach Auslegung schreit, sondern ein auf Praxis-Akkumulation ausgerichtetes Buch. TAZ ist ein Mixer von Auseinandersetzungen, der wieder Schwung in festgelaufenen Verhältnisse bringt, ein Chaos-Attraktor, der soviel Material ansaugt, dass ein schwarzes Loch für den Zeit-Raum-Reisenden entsteht.

Hört die Korken knallen, das Fest hat bereits begonnen.

nadir.org

Hakim Bey: Die Temporäre Autonome Zone. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Schneider. Edition ID-Archiv, Amsterdam/Berlin 1994. 162 Seiten. ISBN-13: 978-1570271519

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