UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Wu Ming: Die Armee der Schlafwandler | Untergrund-Blättle

6284

Buchrezensionen

Wu Ming: Die Armee der Schlafwandler Mit Scaramouche auf den Pariser Dächern

Belletristik

Wu Mings historischer Roman „Die Armee der Schlafwandler“ taucht ein in die Revolutionswirren in Frankreich der Jahre 1793 bis 1795, begleitet den Rächer der Sansculotten Scaramouche und fragt zugleich nach der Manipulation der Massen durch Hypnose.

Der Sturm auf die Bastille am 14.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Der Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789. / Bibliothèque nationale de France (PD)

23. März 2021
2
0
4 min.
Korrektur
Drucken
Die Geschichte gegen den Strich bürsten, Gefühle und Gedanken derjenigen nachempfinden, die gegen die Herrschenden aufbegehren, das ist das Geschäft des Bologna Autorenkollektivs Wu Ming. Diesmal in der Französischen Revolution (1789-1799), die Europa für immer verändern sollte. Nach Wu Mings Streifzug durch die Revolutionsgeschichte, Deutschland im Bauernkrieg (Roman „Q“ noch als Luther Blissett), Venedig, Istanbul, Zypern und die Stadt der Sepharden Thessaloniki („Altai“), nach Kambodscha und Italien („Kriegsbeile“), Jugoslawien und Nizza („54“) dem Land der Mohawk und London („Manituana“), ist Paris schon fast überfällig.

Als dort die Rettung des Königs, früher Ludwig XVI, jetzt Bürger Capet, unmittelbar vor seiner Hinrichtung am 21. Januar 1793 fehlschlägt, macht sich der Anführer der Verschwörer daran, in der Provinz Vorbereitungen zur Wiederkehr der Monarchie zu schaffen. Eher zufällig kommt ihm dabei der humanistische Arzt Orphée d‘Amblanc in die Quere, als der eine Reihe von Verbrechen aufklären soll, die offenbar mit Hilfe der „Messnerischen Hypnose“ begangen wurden. Da geht es recht schaurig zu, inklusive vermeintlicher Hexen und Werwölfe.

D‘Amblancs Behandlungsmethoden hingegen wirken modern: Die Entdeckung der Elektrizität geht einher mit der des „Fludium“, Lebensfeuer (körperliche Blockaden werden geschmolzen). Das entspricht übrigens auch dem „Orgon“ des österreichischen Psychoanalytikers Wilhelm Reich (1897-1957). Obwohl über ein Jahrhundert voneinander entfernt, arbeiteten beide mit ähnlichen Hypothesen und Methoden.

Währenddessen schlägt die Revolution in Paris Purzelbäume, mal hat in der sich ständig verändernden Volksvertretung eher das reiche Bürgertum die Nase vorn, mal das Frühproletariat. Beide Seiten greifen auf Terrorismus zurück, so dass einem auch heute noch bei „Französische Revolution“, neben dem Sturm auf die Bastille, als erstes das Fallbeil der Guillotine einfällt.

Im Frühproletariat, das ohne Kniebundhose der Adligen (sans culotte) unterwegs ist, also mit langen Hosen, sind Frauen die entscheidende Kraft. Einige tauschen denn auch ihre Röcke ein, wenn sie lautstark ihre Rechte einfordern. Die bewegenden Schicksale der Näherin Marie Nozière und ihrer Gefährtinnen aus der Vorstadt Saint-Antoine, wirken sehr authentisch. Und dann ist da noch Scaramouche.

Den Namen haben die meisten schon mal gehört. Vielleicht weniger, weil er im 16. Jahrhundert als Clown im italienischen Theater und Puppenspiel herumwirbelte, sondern in der „Bohemian Rhapsody“ von Queen, die im Internet allein in einer Version 1,2 Milliarden mal aufgerufen wurde. „Scaramouche, Scaramouche, will you do the fandango?“, fragt dort Freddie Mercury.

Und ja, er tanzt den impulsiven spanischen Paartanz, den Fandango, aber auf den Dächern von Paris. Um den Armen und Frauen zu helfen, begibt er sich in grosse Gefahr.

Eigentlich heisst er Léo Modonnet und ist Schauspieler. Weil er den Mund nicht halten kann, landet er erst im Gefängnis, dann unter der Brücke Pont Neuf. Von dort aus geht er alleine und verkleidet gegen einige Profiteure der Not vor: „Léo humpelte mit gesenktem Kopf zwischen den Ständen mit Obst und Getreide umher, lauschte und dachte über den Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Theater nach, dem grossem Welttheater, an das sich die Pariser mit grösster Natürlichkeit zu gewöhnen schienen (…) Wenige Stunden zuvor, mitten in der Nacht, war ein nicht unbedeutender Schauspieler für sie in die Rolle des Scaramouche geschlüpft (…) Er wollte keinen Applaus und nicht gefeiert werden. Er entzog sich und mied die Öffentlichkeit. Trotzdem wurde er von einigen erkannt und wortlos zeigte man ihm seine Hochachtung: ein Laib Brot, Ziegenkäse, Birnen, die zusammen mit Ziegenkäse besonders gut sind…“ Die Geburtsstunde eines mutigen französischen Zorro. Ganz ähnlich wie die „Schwarze Tulpe“ übrigens, 1964 im gleichnamigen Film von Alain Delon gespielt.

Die abwechslungsreiche Sprache der vier Autoren, mitreissende Dialoge und schöne Landschaftsbeschreibungen wechseln sich mit Erlassen oder der derben Pariser Schnauze der Frühproletarier ab, überzeugt ebenso wie ihre einfühlsame Übersetzung durch Klaus-Peter Arnold.

Zwar erinnert der Showdown ein wenig an die Finale der Marvel Avenger Filme, ist aber allemal spannend. Einige Kapitel haben eine starke Dichte, so dass sie sich nicht so nebenbei überfliegen lassen. Dafür dürfte vieles in der „Armee der Schlafwandler“ lange nachwirken. Und wo sonst kann man derart ins Innere der Französischen Revolution eintauchen? Hier kann man sie schmecken, riechen, fühlen und schliesslich, nach einer durchgelesenen Nacht, zur Jakobinermütze greifen, um den neuen Tag als Sansculotte zu begehen.

Oliver Steinke
graswurzel.net

Wu Ming: Die Armee der Schlafwandler. Assoziation A, Berlin/Hamburg 2020 704 Seiten. ca. 33.00 SFr. ISBN 978-3-86241-474-1

Mehr zum Thema...
Thayendanegea (Joseph Brant 1742 – 1807) war ein Häuptling der Mohawks, welcher während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges mit seinem Stamm auf Seiten der Engländer gekämpft hatte.
Wu Ming: ManituanaMohawks, Mohocks und das Empire

28.10.2018

- Die Stadtindianer sind zurück! Nicht die aus Westberlin oder Rom oder gar ihre Vorbilder, die Tupamaros Montevideos in [...]

mehr...
Darstellung des Zuges der Frauen nach Versailles während der Französischen Revolution im Oktober 1789.
Sulamith Sparre: La Liberté - die Freiheit ist eine FrauFreiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - Was ist mit den Schwestern?

09.08.2017

- Sulamith Sparre legt eine umfangreiche und ausserordentlich gut recherchierte Abhandlung über die Rolle von Frauen in der Französischen Revolution vor und man mag kaum glauben, dass erst jetzt dieser Teil der Geschichte aufgearbeitet wird und diese Akteurinnen einen Platz in den Geschichtsbüchern bekommen.

mehr...
Deutsche Panzer auf dem Place de la Concorde, Juli 1941, Wehrmachtsparade vor Generalleutnant Schaumburg auf der Champs Elysée.
Patrick Rotman: Die Seele in der FaustGeschichte zum Verzweifeln

01.12.2015

- Wie es gewesen sein könnte: Ein französischer Résistance-Krimi wirft Fragen über das Schreiben von Geschichte auf.

mehr...
60 Jahre Massaker von Paris - Staatsverbrechen auf französischen Boden

06.10.2021 - Ein Massaker mitten in Paris, mitten im 20. Jahrhundert? Kaum vorstellbar, und doch ist es geschehen. Was die Opferzahlen anbelangt, gehört das Massaker [...]

Corona: Wu Ming Tagebuch I aus Bologna

22.03.2020 - Kommentierte Übersetzung des Wu Ming Tagebuchs, erster Teil. https://non.copyriot.com/bologna-in-zeit...

Dossier: Klimawandel
Klimawandel
Propaganda
Helene Fischer: Von Kinderhand für mich gemacht

Aktueller Termin in Mülheim

Open Door

Freitag, 22. Oktober 2021 - 19:00

Az Mülheim, Auerstraße 51, 45468 Mülheim

Event in Düdingen

Mueran Humanos

Freitag, 22. Oktober 2021
- 21:00 -

Bad Bonn

Bonn 2

3186 Düdingen

Mehr auf UB online...

Untergrund-Blättle