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Saša Stanišić: Herkunft | Untergrund-Blättle

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Saša Stanišić: Herkunft Jugoslawe ohne Land

Belletristik

Ein Kind wächst in Jugoslawien auf, ein Jugendlicher flieht nach Deutschland, ein Erwachsener besucht seine Grossmutter in Bosnien.

Streckengleis Richtung Višegrad.
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Bild: Streckengleis Richtung Višegrad. / Falk2 (CC BY-SA 4.0 cropped)

1. September 2021
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In „Herkunft“ setzt Saša Stanišić sich mit seinem bisherigen Leben auseinander. Er schreibt über seine Kindheit in Višegrad im ehemaligen Jugoslawien, seine Flucht und Jugend in Heidelberg, sein erwachsenes Leben in Hamburg und die Menschen, die ihn dabei geprägt haben.

Besonders wichtig ist dabei seine Oma Kristina, die sich in seiner Kindheit viel um Stanišić gekümmert hat. In der Gegenwart ist Kristina dement. Sie springt zwischen den Zeiten und für Aussenstehende ist nicht immer nachvollziehbar, was für sie gerade real ist. Immer wieder steht Saša vor seiner Grossmutter und versucht zu ergründen, ob für sie gerade das Jahr 2018, das Jahr 1942 oder das Jahr 1974 ist. Er beschreibt, wie eine gut organisierte, in ihrem sozialen Netzwerk verankerte Frau langsam den Bezug zur Realität verliert und dadurch zu einer Gefahr für sich selbst wird, die ihr wohlmeinendes Umfeld immer schwerer abfedern kann. Das Land, das es nicht mehr gibt

Wie seine Grossmutter in ihrer Wahrnehmung springt auch Stanišić in seinem Roman immer wieder zwischen den Zeiten. Über die Erzählung einer glücklichen Kindheit im jugoslawischen Višegrad legt sich der dunkle Schleier der Kriegsverbrechen, die nichts und niemanden unberührt lassen. Seien es Erinnerungen an Schlittenfahren oder an Grillabende mit der Familie: Stanišić kann nicht lange davon schreiben, bis der Krieg sein Haupt reckt. Dadurch, wie leicht, witzig und warmherzig die Ereignisse seiner Kindheit beschrieben sind, treffen die kurzen Erwähnungen der an gleicher Stelle verübten Kriegsverbrechen umso heftiger.

Dass der Krieg kein abgeschlossenes Kapitel ist und wie er sich bis heute auf das Leben in der Region auswirkt, zeigt sich, wenn Stanišić über seine Erlebnisse in der serbischen Teilentität Bosnien und Herzegovina in den 2010er Jahren schreibt. Zum Beispiel, bei einem Besuch der Familie im Heimatdorf der Grossmutter. Seine Mutter möchte bei der Begegnung mit einem Fremden von ihrem Sohn und Mann vorsichtshalber nicht mit ihrem echten, da muslimischen Namen, sondern mit dem serbischen Namen Marija angesprochen werden.

In einer Gegend, in der die Familie mit serbischen Blut-und-Boden Graffiti begrüsst wird und Dorfbewohner Porträts von Kriegsverbrechern an ihren Wänden hängen haben, ist die Angst und Angespanntheit der Mutter gut verständlich. Die Familie wird von dem Mann eingeladen. Es kommt, was zu befürchten war: Im Laufe des Besuchs bezieht er sich positiv auf die Zerstörung eines muslimischen Ortes in der Nachbarschaft in den 90ern. Doch unmittelbar danach relativiert er seine Aussage und verdammt den Krieg mit seinen Folgen. Unter Tito war es besser und eigentlich ist die Religion auch egal.

So wie Stanišić, voller Wehmut und Respekt, sprechen heute noch viele über Jugoslawien, vor allem eher linke Menschen aus der urbanen Mittelschicht, die damals Serbokroatisch oder Kroatoserbisch sprachen und bei denen die Religion nur in den Namen eine Rolle spielte. Stanišić selbst kommt aus einer Familie, die wir heute wohl als gemischt bosnisch-serbisch oder säkular-muslimisch-serbisch bezeichen würden.

Für Stanišić sind diese Kategorien als Kind irrelevant, seine Identität als Fan des Fussballvereins Roter Stern Belgrad ist ihm viel wichtiger. Erst in den 90er Jahren werden Name und ehtnische Religion wichtig und entscheiden, dass ihm und vor allem seiner Mutter und ihren Eltern keine Wahl bleibt, ausser aus ihrer Heimatstadt zu fliehen, wenn sie am Leben bleiben wollen. Sein Vater und seine Oma Kristina bleiben, da ihnen als Serb:innen in Višegrad nicht droht, Opfer eines Genozids zu werden. Aber die Leiden des Kriegs müssen sie auch ertragen, bis der Vater der Familie nach Heidelberg folgen kann.

Anpassung als Rebellion

In Heidelberg landet die Familie Stanišić, weil sie dort bereits Verwandte haben. Für viele Familien mit einer Flucht- und Migrationsgeschichte ist jemanden an einem Ort zu kennen Grund genug, dorthin und nirgendwo anders hin zu gehen. Saša beschreibt das prekäre Leben in Heidelberg, zunächst in einer Flüchtlingsunterkunft, später in einem sozialen Brennpunkt. In letzterem ist der Jugendliche allerdings relativ zufrieden und findet schnell Anschluss bei anderen Jugendlichen, sowohl im deutschen Bildungsbürgertum als auch bei denen mit geringem Einkommen und Migrationshintergrund. Dies ist auch Folge von Stanišićs persönlicher Haltung, die er selbst folgendermassen beschreibt: „Ich war für das Dazugehören. Überall, wo man mich haben und wo ich sein wollte. Kleinsten Nenner finden: genügte.“ (S. 222).

Er findet sich in beiden Umgebungen gut zurecht, aber es fällt ihm teilweise schwer, das neue Leben mit seiner Familie zu verbinden. Weder seinen Grosseltern noch seinen Eltern gelingt es, in Deutschland anzukommen. Seine Eltern, die Mutter marxistische Politologin und Lehrerin, der Vater Betriebswirt, müssen sich durch prekäre Jobs kämpfen, mit langen Arbeitstagen für wenig Geld, am untersten Ende der sozialen Rangordnung. Als junger Erwachsener sollen Sašas Eltern abgeschoben werden und wandern in die USA aus, seine Grosseltern können nicht zurück in ihre Heimatstadt, aber zumindest wieder in die Region. Saša bleibt. Er studiert und bleibt in Deutschland, wo er nur durch Glück nicht abgeschoben wird und sich als Schriftsteller etablieren kann.

Ein „Zurück“ gibt es für ihn nicht. Višegrad gibt es zwar noch, aber die Bevölkerungszahl ist nach Mord und Vertreibung der Bosniaken um die Hälfte gesunken. Die neuen Einwohner*innen sind zu einem grossen Teil Serb*innen, viele sind ihrerseits geflohen. Zum Verlust der Heimat gehört auch der Verlust des Fussballvereins. Organisierte Fans von Roter Stern Belgrad, von Antifaschisten gegründet, schlossen sich in den 90ern paramilitärischen serbischen Truppen an. Bis heute fallen die Fangruppen durch extremen Nationalismus und Kriegsverherrlichung auf. Stanišić ist Fan des HSV geworden.

Leben mit Migrationshintergrund

Vieles, was Ausländer*innen und ihren Kindern in Deutschland widerfährt, beschreibt Stanišić in seinem Buch: Der gesellschaftliche Abstieg der Eltern in Deutschland, namensbedingte Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche, die bösen Blicke und Sprüche der Deutschen, wenn in der Öffentlichkeit eine andere Sprache gesprochen wird, Schwierigkeiten mit der Ausländerbehörde, die Angst vor Gewalt. Stanišić schätzt sich als glücklich, dass er selbst nie wegen seiner Sprache verprügelt wurde. Dass dies für ihn hervorhebenswert ist zeigt, wie es um das Alltagsleben der meisten Menschen, die in Deutschland keine weissdeutschen Staatsbürger*innen sind, bestellt ist.

Wunderschön und witzig beschreibt er seine ersten Begegnungen mit der deutschen Sprache, die Schwierigkeiten beim Lernen und sich ausdrücken, aber auch die Unterstützung, die er dabei bekommt. In einer Gesellschaft, in der offiziell 26 Prozent der Einwohner*innen einen Migrationshintergrund haben, beschreibt Stanišić Gefühle und Erlebnisse, die viele mit ihm teilen und nachempfinden können. Zugleich ist seine Geschichte eine typische Erzählung der intellektuellen jugoslawischen Diaspora und, natürlich, seine individuelle Geschichte. Er schreibt über ein Land, das es nicht mehr gibt, aber bis heute nachwirkt und er schreibt über Menschen, die sich fern von den Orten ihrer Familie ein neues Leben aufbauen konnten und das alles auf eine witzige, ironische und sehr empathische Weise. Unabhängig von allen Preisen und Ehrungen ist „Herkunft“ ein Buch, was sich zu lesen lohnt.

Rebekah Manlove
kritisch-lesen.de

Saša Stanišić: Herkunft. btb Verlag, München 2020. 365 Seiten. ca. 14.00 SFr. ISBN 978-3-442-71970-9

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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