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Ronya Othmann: Die Sommer | Untergrund-Blättle

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Ronya Othmann: Die Sommer Gegen das Verschwinden

Belletristik

Die minutiöse Darstellung einer kindlichen Erinnerungswelt, die hochpolitisch wird.

Kurdistan, Juli 2017.
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Bild: Kurdistan, Juli 2017. / Levi Clancy (CC BY-SA 4.0 cropped)

2. Juni 2021
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Das Ende dieser Geschichte ist bekannt und doch nicht bekannt. Wenn eine sich an ihre Kindheit erinnert und diese in einem êzîdischen Dorf spielt, dann wissen wir, dass da noch etwas passieren wird. Dass die Welt irgendwie hereinbrechen wird über dieses Kindheitsidyll. „Eine Geschichte erzählt man immer vom Ende her, auch wenn man mit dem Anfang beginnt“ (S. 10).

Exil vom Exil

Leyla lebt in Leipzig, ist in Bayern aufgewachsen und erinnert sich an die Sommer ihrer Kindheit. Die hat sie stets in einem kleinen Dorf in Syrien nahe der türkischen Grenze verbracht. Dort kommt ihr Vater her. Leyla wächst zwischen zwei Welten auf, in beiden ist sie auf eine Weise fremd. Die eine, die Welt des Dorfes, wird in der Erinnerung zum Paradies, zum Sommerexil. Exil vom Exil. Die Sommer sind ein zerbrechliches System von grosser Eleganz, flankiert und durchdrungen von Krieg und Unterdrückung.

Die Leserin kann, auch wenn sie fernab von Krieg und politischer Unterdrückung aufgewachsen ist, in der Art der Erinnerung die Sommer der eigenen Kindheit wiedererkennen. Die sind anders, spielen auf österreichischen Bauernhöfen. Das hat nichts miteinander zu tun und doch so viel: Das genaue Erinnern von Gerüchen, von Räumen, von Details alter Möbel. Akribisch erinnerte Tagesabläufe, hart arbeitende alte Frauen im Garten. Das Befremden und der Spass beim Spielen mit den Dorfkindern, die wenig neugierig sind auf das, was man glaubt aus der weiten Welt zu erzählen zu haben. Sie sind schneller beim Laufen durchs Dorf, sie wissen genau wo die Löcher im Weg sind und springen flugs darüber hinweg. Sie sind gemein, irgendwie roh.

Trotzdem liebt man sie, gefällt sich aber auch darin, anders zu sein. Dann der Blick vom Bett aus, auf dem man die Tage verbringt, die endlos und langweilig sind und doch nie enden sollen. Die Präzision, mit der die Ausnahme sich in die Erinnerungswelt eines Kindes einschreibt. Das ist der erste, grosse Teil von Ronya Othmanns „Die Sommer“. Es geht darum, eine ganze Welt vor dem Verschwinden zu bewahren, und gerade das Vertraute an dieser kindlichen Art der Erinnerung lässt die politischen Bedrohungen besonders nahe gehen.

„Leyla würde Kurdistan später im Schulatlas suchen, vergeblich. […] Du darfst den Namen des Landes niemandem verraten, sagte der Vater. Wenn dich jemand fragt, wohin wir unterwegs sind, dann sagst du, zu deinen Grosseltern“ (S. 13).

Der dreifache Verlust

Es ist ein mehrfaches Verschwinden, von dem das Dorf und seine Sommer, sein Personal und Inventar, bedroht sind. Zuerst das Verschwinden von Kurdistan – auf den Landkarten und im Alltag, das Geheimhalten des Namens dieses Landes, das Nicht-Sprechen der eigenen Sprache in der Öffentlichkeit. „Meine Oma und mein Opa in Kurdistan, diesen Satz sagte sie aber nur einmal. Denn die türkischen Kinder kamen in der Pause und sagten: Kurdistan gibt es nicht“ (S. 120).

Dann verschwinden das Dorf und die Sommer der Kindheit einfach aufgrund der Zeit. Wegen des Erwachsenwerdens und der Moderne, des Fortschritts, ist das Dorf wie jedes Kindheitsdorf vom Verschwinden betroffen. Alte Menschen und ihre Geschichten verschwinden, Alltagspraxen verschwinden, werden von anderen, moderneren abgelöst. Neue Gegenstände halten Einzug, die alten werden nicht mehr repariert. Essen verschwindet, das die Grossmutter gekocht hat. Der Geruch der grossväterlichen Zigaretten verschwindet, weil niemand sie mehr so aus dem selbst angebauten Tabak dreht.

Das dritte Verschwinden, von dem das Dorf betroffen ist, ist der Genozid an den Êzîd*innen. Und das ist ein Verschwinden, von dem andere Dörfer nicht betroffen sind. Die Genauigkeit, mit der Leyla das Dorf inventarisiert, nimmt mich so tief mit hinein in diese und damit zugleich so tief hinein in die eigene Kindheitswelt, dass jedes schöne Detail schmerzt. Ich frage mich plötzlich, wie es wäre, wenn die Orte meiner eigenen Kindheit so ausgelöscht würden.

Das politische Gedächtnis

Von Anfang an hängt also das Politische, hängt die Unterdrückung der Kurd*innen, die syrische Revolution und ihre Niederschlagung und schliesslich der Terror des sogenannten IS über den Beschreibungen dieser Sommer. Nach und nach mischen sich konkrete Geschichten, Erfahrungen der Unterdrückung, in den Roman. Sie nehmen oft die Form von Erzählungen des Vaters am Küchentisch an – am Küchentisch in Deutschland, Sonnenblumenkerne knackend. Seine Flucht nach Deutschland in den 1980er Jahren, die Schicksale vieler Familienmitglieder. Fernsehbilder und Bilder im Internet stürzen auf Leyla ein, während sie ihr Abitur macht und während sie beginnt zu studieren.

Erst da, erst nach 2011, schreibt Ronya Othmann, beginnt bei Leyla das Erinnern. Das Dorf, das davor verschüttet war in der Welt eines jungen Mädchens, dass gerade erwachsen wird, das Abitur macht und zum See fährt, das auf dem Rückweg betrunken an den Strassenrand kotzt und dem ihre beste Freundin Bernadette das Haar hält, das Dorf taucht wieder auf.

„Es begann mit den Massakern, den Bombardierungen, der Zerstörung, begleitete die Zerstörung, folgte auf sie. […] Alles nahm kein Ende. Und die Erinnerungen breiteten sich immer weiter aus, nahmen überhand, waren nicht mehr aufzuhalten. Wie eine Wunde, dachte Leyla, aus der Blut sickert“ (S. 72).

Ronya Othmann nimmt die Leser*innen mit in ein quälendes Warten, in einen langen und langsamen Verarbeitungsprozess, der seine Spannung gerade daraus bezieht, dass man nicht weiss, was und ob überhaupt etwas folgen wird aus der traumatischen Beobachtung der Zerstörung. Das Buch wird hier mehr Roman, mehr Handlung, und ist darin leider weniger stark als in der minutiösen Bestandsaufnahme des Dorfes am Anfang.

Der kindliche Blick auf die Sommer geht näher als der erwachsene Blick auf das Leben einer jungen Erwachsenen. Trotzdem bleibt man zugleich gelähmt und gespannt dabei, kann die Trauer nachfühlen, fühlt sich ertappt dabei, den Genozid an den Êzîd*innen wie Leylas deutsche Freund*innen im Buch als kaum mehr als eine weitere schlimme Nachricht wahrgenommen zu haben. Das ist das Verdienst von Ronya Othmann: das Verschwinden verhindert zu haben.

Johanna Tirnthal
kritisch-lesen.de

Ronya Othmann: Die Sommer. Hanser Verlag, München 2020. 288 Seiten. ca. 26.00 SFr, ISBN 978-3-446-26760-2

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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