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Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands | Untergrund-Blättle

Buchrezensionen

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands Die Schönheit des lebendigen Denkens

Belletristik

Kunst kann ein Motor der Revolution sein. Dazu muss sie in die grosse Erzählung über den Kampf gegen Unterdrückung eingebunden werden.

Der deutsche Autor Peter Weiss (19161982).
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Bild: Der deutsche Autor Peter Weiss (1916-1982). / Dietbert Kessler (PD)

4. Februar 2019

4. Feb. 2019

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Vorweg: „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss ist ein monumentales Werk. Mit knapp 1200 dünnen, eng beschriebenen Seiten, auf denen absatzlose, mitunter schier endlose Sätze geschrieben stehen, ist sie für eine entspannte Abendlektüre ungeeignet. Es ist ein Roman, dessen Inhalt sich der*die Leser*in in mühevoller Kleinschrittigkeit erarbeiten muss. Ohne Vorwissen und Nachschlagen diverser Gegebenheiten wird auch nicht alles sofort einleuchtend sein. Die Arbeit aber lohnt sich.

Der Roman beschreibt das Leben eines jungen Arbeiters, der von Berlin nach Spanien gelangt und mit der Zwischenstation Paris schliesslich in Stockholm ankommt. Er schliesst sich den Internationalen Brigaden im Kampf gegen Franco an, lernt unter der Anleitung von Bertolt Brecht das Handwerk des Schreibens, arbeitet im politischen Untergrund des neutralen Schwedens. Seine einstigen Gefährten gehören der Widerstandsgruppe Rote Kapelle an, die in Berlin gegen die Nazis kämpfen und werden schliesslich Opfer der Hinrichtungen.

Während der Handlungsstrang recht gering ausgeprägt ist, geht es im Buch um andere Dinge. Gemäss seinem berühmten Ausspruch „Um die Wahrheit zu finden, muss man diskutieren“ lässt Peter Weiss die Protagonist*innen in lebhaften Diskussionen die Streitfragen der Arbeiterbewegung ihrer Zeit austragen. Ihre Strömungen werden mitsamt den Gründen dafür und dawider veranschaulicht, diskutiert werden Themen wie das Verhältnis der Kommunistischen Partei (KPD) und der Sozialdemokratie (SPD), wie eine revolutionäre Vorgehensweise nach Kriegsende aussehen müsste, Parteidisziplin gegen eigenständiges Denken, die Rolle der Frau.

Es werden Überlegungen angestellt zum Verhältnis von Intellektuellen und dem Proletariat im Klassenkampf, zu den Beziehungen zur Sowjetunion oder zum Überleben im Untergrund. Sämtliche Argumente der auf der Seite der Unterdrückten Kämpfenden werden bis ins Detail dargelegt, ins Verhältnis gesetzt, abgewogen. Kurz: ein mustergültiges Beispiel an Dialektik. Kein Thema wird einfach beiseitegelegt, jede Auseinandersetzung in feinfühligem Stil geführt.

Revolution und Kunst

Daneben steht vor allem eines im Mittelpunkt: Kunst. Ausschweifende Beschreibungen und Einordnungen aus verschiedenen Blickwinkeln künstlerischer Werke nehmen einen mit in die Auseinandersetzung nach der Beschaffenheit und der Bedeutung guter Kunst. Dem Nutzen literarischer, architektonischer, musikalischer und besonders gemalter Werke für die Unterdrückten dieser Welt wird nachgegangen. Der Buchtitel kann dabei auf zwei verschiedene Weisen gelesen werden: Eine Ästhetik, die einen widerständigen Charakter innehat oder aber ein Widerstand, der eine Ästhetik mit sich bringt. Der Duden spricht bei Ästhetik in drei verschiedenen Bedeutungszusammenhängen allgemein vom Schönen. Sind Widerstand und Revolution von sich aus ästhetisch? Welche Bedeutung hat Kunst oder allgemein „das Schöne“ für die Revolution?

In der „Ästhetik des Widerstands“ werden ganze Stilrichtungen aus klassischer, bürgerlicher und sozialistischer Kultur durchforstet, immer auf der Suche nach der Beschaffenheit von umstürzender Kunst. Sie legt Verdecktes offen, kramt aus dem Unbewussten hervor, muss erschüttern. Adorno prägte den Begriff der Kulturindustrie, die vermeintlich Kunst produziert, dabei jedoch nur unterhält, keinen Gedanken fordert und den Menschen in seiner Verblödung unterdrückt. Kunst ist etwas anderes. Sie bringt Erkenntnis.

Sie fordert den Geist, schafft Bewusstsein. Falsches Bewusstsein dagegen hält am Bestehenden fest, sieht es als naturgegeben und unveränderbar an: „der Künstler hat noch Unvorstellbares Gestalt annehmen zu lassen, damit noch Undenkbares denkbar wird: politischer Aufruhr, Umsturz“ (Lerchenmüller 1988). Gerade in der heutigen neoliberalen Welt des fortschreitenden Kapitalismus ist wirklicher Fortschritt nicht mehr möglich. Die regressive Reaktion auf diese Erkenntnis erzeugt ein Ausweichen ins Idyllische, ein Bezug auf die Heimat. In der populären Kultur spiegelt sich dies beispielswiese im Nationalismus und in der Heimatverbundenheit wider. Es zeigt sich in der globalisierten, schnelllebigen Welt eine Sehnsucht nach Begrenzung. Diese Begrenzung zu durchbrechen und den Kampf für die Freiheit zu nähren ist die Aufgabe und das Vermögen von Kunst. Kunst kann ein Mittel der oder zur Revolution sein.

In der Philosophie beinhaltet der Begriff der Ästhetik auch die sinnliche Wahrnehmung allgemein, nicht nur die von Kunst. So zeichnet Weiss ein Bild, in dem Mensch durch die Welt geht, seine*ihre Situation als ausgebeutetes Wesen wahrnimmt und wie er*sie darauf in der Lebenswelt reagiert. Widerstand als das prägende Moment in der Lebensführung zeigt sich beispielsweise in den Beschreibungen der Widerstandsbewegung Rote Kapelle gegen die Nazis.

Der Umgang mit (enttäuschten) Hoffnungen und Scheitern, der widerständige Blick durchs Leben und letztendlich das Schicksal der Figuren geben Beispiel und Orientierung für eine aufrechte Positionierung unter widrigen gesellschaftlichen Umständen. Auch heute scheint der Weg in die befreite Gesellschaft weiter denn je entfernt zu sein. Globale ökonomische, politische, ökologische und soziale Verwüstungen können einer*einem jede Hoffnung auf Verbesserung nehmen. Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“ zeigt Haltung, die Kraft gibt, nicht aufzugeben.

Ein Kunstwerk im Kunstwerk

Die „Ästhetik des Widerstands“ ist Peter Weiss’ Hauptwerk. Selbst mit Erfahrungen des Exils belegt, widmet er sich der Malerei, dreht und rezensiert Filme, schreibt – lange Zeit mit wenig Erfolg. Es reicht gerade zum Leben. Materialistisch politisiert hat er sich zu seinem eigenen Bedauern erst später, in mühevoller Recherchearbeit sammelte er in den zehn Jahren der Anfertigung der drei Bände der „Ästhetik“ Material. Aus diesem Grund wurde ihm von der bürgerlichen Kritik vorgeworfen, er „habe seine ästhetischen Massstäbe und damit seine Identität als Künstler der politischen Parteinahme geopfert“ (Vogt 1987, S. 127). Gerade die Stärke des Romans, die psychologische Konstitution der Protagonist*innen nicht ins Detail zu verfolgen, sondern deren Erkenntnisprozesse in den Mittelpunkt zu stellen, wird kritisiert. Weiss habe „keine individuelle Personenzeichnung, keine lebendige Handlung – kurz: keine romanhafte Gestaltung zuwege gebracht“ (ebd).

Dass aus dieser Einschätzung ideologische Motive blitzen, ist offensichtlich. Die „Ästhetik des Widerstands“ ist eine Fundgrube, aus der ein kritischer Geist schöpfen kann. Es kann als Geschichtsbuch der Unterdrückten im 20. Jahrhundert gelesen werden, als Kunstführer oder als Lehrbuch für linke Argumentationen. Die seitenweisen Beschreibungen mögen manchmal ermüdend sein, doch eröffnen sie eine neue Welt der Gedanken. Kunst ist ein wesentliches Element der Erkenntnis der Welt, gegen die Erstarrung des Denkens und weil sie genau das leistet, ist die „Ästhetik des Widerstands“ selbst ein Kunstwerk.

Tobias Kraus
kritisch-lesen.de

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands. Suhrkamp Verlag, 2016. 1198 Seiten, ca. 45.00 SFr. ISBN 351842551X

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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