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Mike Richardson / Stan Sakai: 47 Ronin | Untergrund-Blättle

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Mike Richardson / Stan Sakai: 47 Ronin Graphic Novel zur japanischen Nationallegende

Belletristik

In Japan sind die „47 Ronin“ so bekannt wie bei uns die Siegfried-Sage oder Artus-Legende.

Der japanische Zeichner Stan Sakai beim Signieren seiner Graphic Novel „47 Ronin” an der Wondercon 2013.
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Bild: Der japanische Zeichner Stan Sakai beim Signieren seiner Graphic Novel „47 Ronin” an der Wondercon 2013. / Sue Lukenbaugh (CC BY-SA 2.0 cropped)

9. Juni 2022
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Eine Graphic Novel fasst die Story in Bilder, die wie japanische Holzschnitte anmuten: Mitreissend erzählt, lehrreich, doch in ihrer Aussage ethisch etwas zweifelhaft. Ein Blick in die japanische Seele, der auch die Kamikaze-Flieger des Zweiten Weltkriegs verständlicher erscheinen lässt.

Chushingura – der Tod des Fürsten Asano

Da es viele Verfilmungen gibt, kennen vermutlich viele Menschen die auf wahren Begebenheiten beruhende Story (Originaltitel Chushingura): Ein ehrenhafter, aber unerfahrener Landgraf, Fürst Asano, der Daimyo von Ako, besucht im April 1701 den Hof des Shoguns. Dort wird er von einer korrupten Hofschranze, der Zeremonienmeister Kira, hinterhältig gereizt und gedemütigt, bis er die Fassung verliert.

In einem Wutanfall verletzt er Kira, der Schmiergelder von ihm erpressen wollte. Der ehrbare Asano verfällt damit der Todesstrafe für das verbotene Ziehen seines Schwertes am Hof. Nicht sein sinnloser elender Tod und die folgende Enteignung der Asano-Pfründe sind jedoch das Schlimmste, sondern der Ehrverlust des Fürsten. Diese Ehre kann nur durch Blutrache am perfiden Kira reingewaschen werden, was die 47 treuen Ronin (herrenlose Samurai) sich heimlich schwören.

Der mächtige Kira erwartet dies und schickt Spione, was die Ronin zwingt, unterzutauchen und sich zu verstellen. Sie heucheln eine Abkehr vom Pfad der Ehre, geben sich scheinbar Alkoholismus und Sittenlosigkeit hin, monate- und jahrelang. Insgeheim organisieren sie jedoch einen Überfall auf den üblen Fürsten Kira und machen ihn am 14. Dezember 1702 mitsamt seinem Hofstaat nieder. Dann stellen sie sich mit wiederhergestellter Ehre ehrenhaft der Gerichtsbarkeit des Shogun, der sie zum ehrenhaften Tode verurteilt, wenigstens nicht als Verbrecher, sondern als Krieger. Sie dürfen also ehrenhaft Harakiri begehen, was sie auch tun -statt den unfähigen Shogun und seinen korrupten Hofstaat zu stürzen. Japaner kommen bis heute zu ihren Gräbern, um Opfergaben zu bringen.

Die Holzschnitte von Ogata Gekko

Ein umfangreicher Informationsteil am Ende des Comics gibt lobenswerte Einblicke in Hintergrund und Entstehungsgeschichte der Graphic Novel „47 Ronin“. Einer Namenstafel der historischen 47 Ronin mit Angaben zu einzelnen Kriegern, folgt eine Erklärung des Autors Richardson zu seinen Motiven, ein Interview mit dem Zeichner Stan Sakai sowie eine Hommage an Kazuo Koike, Meisterautor des Genres, der die Autoren beriet und inspirierte.

Sogar ein Kapitel zu einem klassischen Künstler Japans, Ogata Gekko (1859-1920), dessen Holzschnitte zu den 47 Ronin dem visuellen Stil des Comics Orientierung boten. Ogata, Künstlername Gekko (Mondlicht), reüssierte als Illustrator von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern und als visueller Kriegsberichterstatter aus dem ersten japanisch-chinesischen Krieg. Er gründete als Autodidakt eine bedeutende Schule in Edo und Holzschnitte von ihm zeigen die 47 Ronin, fünf davon bildet der Comicband ab. Gekko verwendete die europäische Perspektive, die bereits in der Meiwa-Periode (1764-1772) trotz Isolationismus von Toyoharu in die japanische Kunst eingeführt wurde.

Der von Stan Sakai für 47 Ronin adaptierte Gekko-Stil ist etwas gewöhnungsbedürftigt, fängt die Stimmung jedoch mit gedeckten, teils düsteren Farben sehr gut ein. Japans Architektur und Landschaft werden dem Leser ebenso nahe gebracht wie die historische Kleidung der Samurai und das damalige Alltagsleben. Dramatik schneller Aktionen und ruhige Bilder wechseln sich ab, man fühlt sich wie in einem Kurosawa-Film.

Europa, Japan und Kolonialismus

In Japan sind die „47 Ronin“ so bekannt wie in Deutschland die Siegfried-Sage oder in England die Artus-Legende. Zeitlich wären sie jedoch eher bei „Die drei Musketiere“ einzuordnen, denn ihre Heldengeschichte spielt Anfang des 18.Jahrhunderts, mitten in der Zeit der japanischen Isolation (1639-1858). In dieser Periode widersetzte sich Japan erfolgreich Kolonialisierungsversuchen der Europäer wie auch dem Einfluss ihrer Kultur, Technik und Wirtschaft, was erst 1858 durch Kanonenboote der USA beendet wurde, die eine Öffnung des Landes mit Gewalt erzwangen. In der folgenden Meiji-Periode erfolgte eine nachholende Modernisierung Japans, da man durch Wissenschaft, Technologie und Politik mit den Westmächten gleichziehen wollte.

Der Tenno, der japanische Kaiser lehnte sich dabei auch eng an den deutschen Kaiser Wilhelm II. an, holte deutsche Militärberater und Verwaltungsexperten nach Japan. Einig waren die beiden Monarchen vor allem in ihrem Hass auf Sozialisten und Kommunisten, die sie fanatisch bekämpften. Das Land wurde modernisiert, militarisiert und zum Polizeistaat umgebaut, erhielt mit ca. 17.000 etwa zehnmal mehr Gendarmerien als zuvor. Die Glorifizierung der „47 Ronin“ hielt gegenüber der Anpassung an die fremde Zivilisation den Stolz japanischer Kultur hoch: Ruhm und Ehre des Kriegsadels, der Samurai und ebenso bedingungs- wie besinnungslose Loyalität auch über den Tod hinaus. Nährboden für den kommenden Faschismus.

Brutalität, Bushi-do und Tugend

Die 47 Ronin gelten als meisterhaftes Beispiel der Rittertugenden des japanischen Bushi-do, des Weges des Kriegers. Der anspruchsvolle Comic erklärt in einer Fussnote im ersten Kapitel dessen Herkunft: „Yamaga Soku (1622-1685), Militärstratege und konfuzianischer Philosoph, propagierte die Vorstellung der Samurai-Klasse als Instanz moralischer Integrität mit Vorbildfunktion für die ganze Gesellschaft“, seine Lehre gilt als frühes Bushi-do. Leider ist die dort propagierte Moral weit entfernt von Humanismus und Aufklärung, setzt auf Gewalt und sklavische Hörigkeit gegenüber adligen Fürsten und Shogun.

Die Glorifizierung tumben Gehorsams, ein patriarchalisch pervertierter Ehrbegriff und die zynische Missachtung menschlichen Lebens waren später Grundlage für die brutale japanische Expansion des Zweiten Weltkriegs. Die japanische Kriegsführung bewies immerhin Europas Rassisten, dass die Fähigkeit zu Massenmord, Kolonialismus und Imperialismus nichts mit einer angeblichen Überlegenheit der „Weissen Rasse“ zu tun hat, sondern auf brutalisierter Kultur nebst Technik, Waffen und Organisation basieren. Ein Teil dieser Kultur war auch eine im Rahmen der Kriegspropaganda gedrehte Verfilmung der „47 Ronin“.

Historische Genauigkeit geht den Autoren vor Feingefühl und Fantasie. Eine Reflexion unmenschlicher Wertvorstellungen strebt die Graphic Novel leider nicht an, es fehlt an Nachdenklichkeit und selbst an ironischer Distanz. Es bleibt dem Leser überlassen, darüber zu reflektieren, ob man Blutrache wirklich Ehre erweisen sollte. Ob es nicht ehrenhafter wäre, sich Krieg und Kriegstreibern entgegenzustellen, wie etwa Julian Assange. Ob es ehrenhaft oder letztlich, bei aller raffinierter Kriegslist, nicht eher dumm ist, sich einem Regime gehorsamst zu unterwerfen, obwohl man es als korrupt und ungerecht erkannt hat. Selbst dann, wenn es einen zwingt, sich zum Zweck des gnadenlos befohlenen Freitods mit einem Dolch die eigenen Eingeweide herauszureissen.

Sicher braucht es mutige Krieger, um mordlustige Böse unschädlich zu machen. Ob deren Mut und Kampfkraft aber ins Zentrum aller Wertvorstellungen gehören, darf jedoch bezweifelt werden. Sind Kriegertugenden nicht Weisheit und Güte untergeordnet, führen sie unweigerlich zu sinnloser Gewalt und Leid, statt zu einer humanen und vernünftigen Gesellschaft. Hannibal Lector, der auf artige Höflichkeit bedachte Psychopath und Menschenfresser, lässt grüssen.

Hannes Sies

Mike Richardson / Stan Sakai: 47 Ronin. Dantes Verlag, Mannheim 2020. 152 Seiten, ca. 28.00 SFr., ISBN 978-3-935936-89-7

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