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Le boa von Marguerite Duras | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Le boa von Marguerite Duras „Verzehrende Leidenschaft“

Belletristik

„Si l’on n’est pas passé par l’obligation absolue d’obéir au désir du corps, c’est-à-dire si l’on n’est pas passé par la passion, on ne peut rien faire dans la vie.“ M. D.

Lilith.
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Bild: Lilith. / John Collier (PD)

7. September 2021
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Le boa stammt aus dem Erzählband Des journées entières dans les arbres, der 1954 bei Gallimard erschien. Aus dem Französischen übertragen wurde bislang nur die Titelgeschichte; Le boa, Madame Dodin und Les chantiers fehlen in der deutschen Ausgabe.1

Zu Beginn der Cahiers de la guerre et autres textes, im rosa geäderten Heft, das eine Schilderung ihrer Kindheit und Jugend in Indochina enthält, ist von einer gewissen „Mlle. C.“ die Rede, Leiterin des Pensionats, in dem Marguerite untergebracht war, als sie 1929 das Lycée Chasseloup-Laubat in Saigon besuchte. Jeden Sonntagnachmittag, wenn alle anderen ausgegangen und die beiden allein im Haus waren, zeigte Mademoiselle C. dem Mädchen den Krebs unter ihrer linken Brust; im Anschluss gingen sie im botanischen Garten spazieren.2

Eine weitere Begebenheit, auf die Duras womöglich zurückgegriffen hat, als sie das Bordell in Le boa mit den Umkleidekabinen eines Schwimmbads vergleicht, könnte jener sexueller Übergriff gewesen sein, der ihr als Mädchen von vier oder sechs Jahren vonseiten eines älteren Knaben in Hanoi widerfuhr: „Damals hatte meine Mutter Zöglinge, vietnamesische und laotische Knaben zwischen zwölf und dreizehn Jahren. Einer von ihnen bittet mich eines Nachmittags, ihm in ein ‚Versteck‘ zu folgen. Ich habe keine Angst, ich folge ihm ins Versteck. Es befindet sich am Ufer des Sees, zwischen zwei Holzbaracken, die wahrscheinlich Nebengebäude der Villa waren. Ich erinnere mich an eine Art engen Gang zwischen den Bretterwänden. Die Ort der Defloration im Buch [Der Liebhaber] war jener Ort: die Badekabinen. Aus dem See wurde das Meer, die Lust war bereits da, kündigte sich in ihrem Wesen, in ihren Grundzügen an, unvergesslich seit ihrem Auftauchen im Körper des Kindes, das Lichtjahre davon entfernt ist, sie zu kennen, doch bereits ein Zeichen von ihr erhält.“3

Eine erste Fassung von Le boa ist am 25. Oktober 1947 in Les Temps modernes erschienen, die sich allerdings von der endgültigen, die in den Band aufgenommen wurde, hinsichtlich Länge und Inhalt stark unterscheidet.

Die französische Erstausgabe soll auf dem Cover und im Schmutztitel die Bezeichnung „Roman“ getragen haben. Jedoch bilden die vier Novellen kein zusammenhängendes Ganzes. Im Grunde ist auch die Bezeichnung „Novelle“ unzutreffend, wie Robert Harvey bemerkt: Während die Titelgeschichte viele Dialoge und Wiederholungen aufweist und somit schon ihre spätere Bühnenfassung ankündigt, die Duras ihr 1965 geben wird, ruft Madame Dodin aufgrund der ausschweifend-ironischen Erzählweise den Eindruck eines kurzen Romans hervor.4

Le boa hingegen hat die Form eines Gleichnisses. „Der Stil gleicht dem einer Kinderfabel, in der das zweifache, komplementäre Verschlingen ständig wiederholt wird, bis es ineinander übergeht: Die alles überstrahlende Präzision, mit der die Boa das Huhn verschlingt, entspricht der unbestimmten Finsternis, von der Mademoiselle Barbet verschlungen wird. Am deutlichsten wird dies, wenn die Boa als ‚Ungeheuer des Tages‘ und Mademoiselle Barbet als ‚nächtliches Ungeheuer‘ charakterisiert wird.“5

Jens Rosteck zählt Le boa zu einer der „fesselndsten und morbidesten Erzählungen“ von Marguerite Duras und gibt sie in seiner Biographie ausführlich wieder.6 In einer Veröffentlichung von 1985 vergleicht Madeleine Borgomano Le boa aus erzähltheoretischer Perspektive mit Axolotl von Julio Cortázar.7 Odile Perrissin-Fabert ordnet die Erzählung hinsichtlich der Bedeutung ein, welche der „verzehrenden Leidenschaft“ im Durasschen Gesamtwerk zukommt.8 Eine eingehende Textanalyse liefert Susan D. Cohen unter dem Titel „The beast and the jungle: longing, learning, loving and luck in Marguerite Duras’s ‚Le Boa‘“.9

Dort arbeitet sie die sexualpolitische Gewalt des repressiven Kolonialsystems – „represented by the figures of the cage [...] and the virgin“10 – heraus, denen die beiden, das junge Mädchen sowie die alte Jungfer, zur damaligen Zeit in Französisch-Indochina ausgeliefert sind. Zudem stellt sie Verbindungen zu Suzanne, der Hauptfigur aus Un barrage contre le Pacifique, sowie zu The Beast in the Jungle von Henry James her, das Marguerite Duras zusammen mit James Lord 1962 als Theaterstück konzipierte. Thematisch und strukturell sieht Cohen in Le boa ein Lehrstück.

Jeden Sonntag mitanzusehen, wie die Boa ihr Sonntagshuhn verschlingt und die Barbet in Reizwäsche posiert, voller Bedauern, dass der richtige Mann nie gekommen sei, setzt bei der Beobachterin einen Reflexions- und Erkenntnisprozess in Gang, bei dem sich die zwei Spektakel in einem Spiegelspiel gegenseitig enthüllen und zu einer Neuinterpretation des Gesehenen führen. Im Verlauf der Geschichte wird die Schlange zu einem „principe éducateur“, einem sehr wirkmächtigen Erziehungsprinzip, das dem Mädchen fortan eine Abneigung allem Moralischen wie umgekehrt Mitleid und Bewunderung gegenüber jenen einflösst, die als Mörder im Gefängnis oder als Prostituierte im Bordell gelandet sind.

Die Boa, ein Abbild dieses fatalen Temperaments, das durch die Moral in Bann getan wurde, reicht ihren Wagemut, ihre Schamlosigkeit an das Mädchen weiter und stiftet sie zu einer Umwertung der Werte im Sinne Nietzsches an: Nun ist es das keusche, tugendhafte Leben der Mademoiselle Barbet, welches als „true locus of crime and immorality“11 der geheiligten, da zum Leben, zum Anderen sich öffnenden Sexualität gegenübersteht. So gerät das Mädchen an einen Scheideweg.

Die zwei Lebensentwürfe, die sich vor ihr abzeichnen, Moralvorstellungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, erinnern in der Tat an den eigentlichen Gegensatz, den Nietzsche in Ecce Homo beschrieben hat: „den entarteten Instinkt, der sich gegen das Leben mit heimlicher Rachsucht wendet [...] und eine aus der Fülle, der Überfülle geborne Formel der höchsten Bejahung, ein Jasagen ohne Vorbehalt, zum Leiden selbst, zur Schuld selbst, zu allem Fragwürdigen und Fremden des Daseins selbst...“12

Das Mädchen wird sich schliesslich für die Welt der Boa entscheiden, für das grüne Paradies der kriminellen Schlange: „That is, as a woman she affirms sexuality as a natural, necessary attribute of life, alienable only at the price of perversion and inversion, only through a deprivation and oppression analogous to and as unacceptable as that of colonialism. Determined to try to decide her own fate by widening the parameters of her options as much as possible, she learns the crucial difference between passive waiting and active longing.“13

Insofern könnte Le boa als eine Art Bildungsroman in nuce gelesen werden, der die Ermächtigung des eigenen Körpers, des eigenen Begehrens zur Folge hat. Bei Duras aber nimmt diese Selbstermächtigung die Form eines Selbstverlustes an, wenn am Schluss, in der Vision eines zukünftigen Lebens, von „ravissement“, von Verzückung die Rede ist.14

Le Ravissement de Lol V. Stein – so lautet auch der Titel eines Romans, der im Jahr 1964 bei Gallimard erscheinen und eine neue Schaffensphase der Schriftstellerin einleiten wird. Im Französischen kann ravissement Verzückung, Entrückung, Beraubung, Entehrung oder Entführung bedeuten, das Wort hat also zugleich erotische, mystische, psychische sowie moralische Implikationen. Verzückt zu sein, heisst hingerissen, verrückt, enteignet zu sein.

In einem Gespräch mit Xavière Gauthier sagt Marguerite Duras: „Vielleicht ist das das Leben: in es hineingehen, sich treiben lassen von dieser Geschichte – dieser Geschichte, nun, der Geschichte der andern –, unaufhörlich, eine Bewegung von …, wie sagt man? wenn man weggerissen wird von einem Ort …?
X. G. … Entführung, Entrückung.
M. D. Ja, genau.
X. G. Dieses Wort, ‚Entrückung‘ (ravissement), haben Sie gewählt; man ist sich selber entrückt, man ist den andern entrückt.
M. D. Das ist das Beste, das ist das Wünschenswerteste auf der Welt.“15

M. A. Sieber

Fussnoten:

1 Marguerite Duras: Ganze Tage in den Bäumen. Deutsch von Elisabeth Schneider. Suhrkamp: Frankfurt am Main 1964.

2 Marguerite Duras: Hefte aus Kriegszeiten. Hrsg. von Sophie Bogaert und Olivier Corpet. Aus dem Französischen von Anne Weber. Suhrkamp: Frankfurt am Main 2007, S. 30f.

3 Marguerite Duras: Das tägliche Leben. Aus dem Französischen von Ilma Rakusa. Suhrkamp: Frankfurt am Main 1988, S. 29f.

4 Robert Harvey: „Des journées entières dans les arbres. Notice“. In: Marguerite Duras: Oeuvres complètes/1. Éd. publ. sous la dir. de Giles Philippe [Bibliothèque de la Pléiade]. Gallimard: Paris 2011, S. 1525-1539, hier: 1525. Einzig die letzte Geschichte des Bandes, Les chantiers, komme dem am nächsten, was man klassischerweise unter einer Erzählung versteht, da sie es vermag, aus dem Inneren der Figuren heraus eine eigene Welt zu erschaffen.

5 Harvey a.a.O., S. 1530, eigene Übersetzung.

6 Jens Rosteck: Marguerite Duras. Die Schwester der Meere. Mareverlag: Hamburg 2018, S. 98ff.

7 Madeleine Borgomano: „Le personnage narrateur: énoncé et énonciation. Étude menée à partir de deux nouvelles, Le boa de Marguerite Duras et Axolotl de Julio Cortázar.“ In: Dies.: Marguerite Duras: de la forme au sens. Textes réunis par Claude Borgomano et Bernard Alazet. L’Harmattan: Paris 2010, S. 143-162.

8 Odile Perrissin-Fabert: „La passion dévoratrice chez Marguerite Duras“. In: Marguerite Duras: l’existence passionnée: actes du Colloque de Potsdam 18-24 avril 2005. Hrsg. von Benjamin Cieslak und Yve Beigel. Potsdam: Universitätsverlag Potsdam 2005, S. 82-89.

9 In: Marguerite Duras: lectures plurielles. Sous la direction de Catherine Rodgers et Raynalle Udris. Rodopi: Amsterdam/Atlanta 1998, S. 35-55.

10 Cohen a.a.O., S. 52.

11 Cohen a.a.O., S. 41.

12 Friedrich Nietzsche: Ecce Homo. Wie man wird, was man ist. Mit einem Vorwort von Raoul Richter und einem Nachwort von Ralph-Rainer Wuthenow. Insel Verlag: Frankfurt am Main 2000, S. 85.

13 Cohen a.a.O., S. 43.

14 „Et je voyais se lever le monde de l’avenir de ma vie, du seul avenir possible de la vie, je le voyais s’ouvrir avec la musicalité, la pureté d'un déroulement de serpent, et il me semblait que, lorsque je le connaîtrais, ce serait de cette façon qu'il m’apparaîtrait, dans un développement d’une continuité majestueuse, où ma vie serait prise et reprise, et menée à son terme, dans des transports de terreur, de ravissement, sans repos, sans fatigue [Und so sah ich die Welt meiner Zukunft heraufziehen, der einzig denkbaren Zukunft des Lebens, wie eine Schlange entrollte sie sich vor mir, harmonisch, voller Unschuld, und ich hatte das Gefühl, dass sie mir dann auch in Wirklichkeit auf diese Weise erscheinen würde: als ein majestätischer Kreislauf, in dem mein Leben bis zu seinem Ende immer wieder von tausend Schrecken, tausend Verzückungen ergriffen wird – unermüdlich, unerschöpflich].“ Marguerite Duras: „Le boa“. In: Dies.: Oeuvres complètes/1 a.a.O., S. 1038-1046, hier: 1046 [eigene Übersetzung]. Mit Bataille gesprochen ist dies nichts anderes als der Eintritt in die souveräne Sphäre, in eine Welt des Erzitterns, der wir nicht befehlen und die wir nicht beherrschen können, ein Nirgendwo, an dem sich alle wunderbaren Chancen dieser Welt realisieren – der Punkt, „in dem das Lächerliche und das Entsetzenerregende, das Verführerische und das Abstossende, das Komische und das Tragische, das Erotische und der Tod koinzidieren.“ (Rita Bischof: Souveränität und Subversion. Georges Batailles Theorie der Moderne. Matthes & Seitz Verlag: München 1984, S. 16)

15 Marguerite Duras/Xavière Gauthier: Gespräche. Aus dem Französischen von Andrea Spingler und Regula Wyss. Stroemfeld/Roter Stern: Basel; Frankfurt am Main 1986, S. 50.

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