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Koschka Linkerhand: Die Irrfahrten der Anne Bonnie | Untergrund-Blättle

Buchrezensionen

Koschka Linkerhand: Die Irrfahrten der Anne Bonnie Piratinnen-Abenteuer auf feministisch

Belletristik

Als „Coming-of-Age-Geschichte“ bezeichnet die Leipziger Autorin Koschka Linkerhand ihren Roman «Die Irrfahrten der Anne Bonnie», der schon einige Jahre zuvor die Grundlage für ein Theaterstück war.

Die  legendäre Piratin Anne Bonny (16971720).
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Bild: Die legendäre Piratin Anne Bonny (1697-1720). / Unknown (PD)

1. September 2019

1. Sep. 2019

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Das Setting ist das sogenannte „Goldene Zeitalter“ der Pirat*innen in der Karibik, wie es in der teils historisch fundierten, vor allem aber mythisch umwobenen Piratenlegende (offiziell) von Daniel Defoe im Buch A General History of the Pyrates (1724) bezeichnet worden war. Als Protagonist*innen dienen die Figuren der sich selbst suchenden Anne Bonnie, der mutigen, zwiespältigen Mary Reed und dem Captain „Calico“ Jack Reckham.

Längst überfällig ist es, die Piraterie – wenn auch gewollt fiktional – aus einer nicht-männlichen Perspektive zu schildern. Weil an Bord des Piratenschiffes „Blackbird“ allerdings nach altem Piratenkodex keine Frauen zugelassen sind, müssen sich Anne und Mary als Männer ausgeben. Dies gelingt ihnen so gut, dass auch Anne zunächst gar nicht bemerkt, dass Mary kein biologischer Mann ist. Das heisst die Geschlechterperformance beherrschen beide (aus biografischen Gründen) äusserst gut und zeigen damit ganz praktisch auf, wie sehr (formbare) Äusserlichkeiten, noch stärker aber bestimmte Verhaltensweisen zur Einordnung in Geschlechterkategorien dienen.

Zu dem Beginn des Abenteuers verbringt Anne ihre - als langweilig beschriebene - Jugend auf der stupiden Baumwollfarm ihres irischen Vaters. Als sie den verführerischen Draufgänger James Bonnie trifft, verspricht sie sich davon Befreiung aus ihrem öden Elternhaus. Allerdings nur etwa so kurz, wie die Hochzeitsnacht schmerzhaft war und sich herausstellt, dass James ein Säufer und verlogener Frauenfeind ist. Trotzdem folgt sie ihm in das heruntergekommene Nest Nassau bis sich die Gelegenheit bietet mit dem eitlen und charismatischen Reckham ein Piratenabenteuer zu starten. Dieser will jedoch nicht allein Annes Kampfeskraft und Seetüchtigkeit, sondern sie zur Geliebten an Bord. Die 18-Jährige fügt sich dabei erstaunlich gut in die Doppel-Rolle von Dirne und mordender Piratin ein.

Doch als Mary aufgenommen wird, empfindet Anne, noch bevor sie ihr Geheimnis lüftet, ein ungekanntes Begehren. Schliesslich verliebt sich Anne hoffnungslos in die andere Piratin, welche auf dem Deck viele ihrer biologisch männlichen Freibeuter in Brutalität und Grossmäuligkeit weit übertrifft, in den Stunden ihrer Zweisamkeit jedoch eine so ganz andere Person ist... Doch als Anne ein Kind von Reckham erwartet, es auf Kuba zur Welt bringt, haben sich die Dinge bei ihrer Rückkehr geändert. Denn als der Captain von dem Techtelmechtel erfährt und ihm offenbart werden muss, welches biologische Geschlecht Mary eigentlich hat, sieht er es als selbstverständlich an, auch regelmässig mit ihr zu schlafen – woran jedoch auch sie Gefallen findet. So beginnt eine Dreiecksbeziehung, die einige Konflikte mit sich bringt. Daneben war es gerade der seeräuberische Erfolg der Mannschaft der „Blackbird“, welcher ein böses Ende, nicht nur für die Beziehungsgeschichte, sondern für das ganze unchristliche Piratenabenteuer abzeichnet...

Koschka Linkerhand verbindet in ihrem Roman feministische Themen und eine leidenschaftliche Beziehungsstory mit einer Piratengeschichte. Manches Hausprojekt oder manche eine länger bestehende politische Gruppe mag gewisse Ähnlichkeiten mit einem Piratenschiff haben: Menschen haben ihre jeweils eigenen Hintergründe, die dazu geführt haben, dass sie Pirat*innen wurden. Teilweise wird darüber nicht gesprochen. Und vielleicht ist es oft sogar besser darüber nicht zu viel zu sprechen, weil es nicht nur schöne Prägungen, sondern viele schmerzhafte Erfahrungen sind, die Personen zur Gemeinschaft der Aussenseiter*innen führen, welche im permanenten Konflikt mit der Mehrheitsgesellschaft steht. Das Leben als Pirat*in ist und soll eben ein anderes sein: Sicherlich ein schwieriges, aber ein selbst gewähltes.

Um einer Gemeinschaft von Eigenbrötler*innen beizutreten, wo es nicht ohne Spannungen und Streit abgehen kann, hat jede*r ihre eigenen Gründe. Kommen dann noch individuelle Selbstfindungsprozesse und wechselvolle Liebesbeziehungen hinzu, braucht es schon einen starken Zusammenhalt. Und dieser kann sich nicht allein aus einem Feindbild, einer gemeinsamen Tätigkeit, noch nicht einmal aus einem täglich geteilten Schiff oder Ort, ergeben. Es braucht Beziehungsarbeit um Konflikte zu klären und eine fortwährende Verständigung über die gemeinsamen Ziele und Mittel.

Abschliessend möchte ich drei Kritikpunkte an dem sonst sehr lesenswerten Roman anbringen – zumindest für alle, die sich auch an Liebesgeschichten erfreuen oder sie wenigstens nicht schlimm finden:

Als sich die Mannschaft am Anfang noch findet, ist es gerade der einzige Schwarze, der von den anderen angefeindet und schliesslich gelyncht wird. Zu schildern, dass es auch im Pirat*innenleben sicherlich nicht ohne Rassismus abgegangen ist, gibt Sinn. Dennoch war ja gerade dieses Setting historisch eines der tolerantesten und eine Zuflucht für Personen, die sonst aus verschiedenen Gründen diskriminiert und angefeindet wurden.

Zweitens reproduziert Linkerhand weit verbreitete Vorurteile, wenn sie die Pirat*innen als saufend, raufend, glücksspielend und mit ihren Abenteuern prahlend schildert. Geschichten gefallen uns, wenn sie gängigen Vorstellungen entsprechen, weil wir uns dann gut in sie hineinversetzen können. Tatsächlich war das beschriebene Pirat*innenleben jedoch voller streng eingehaltener Regelungen, die insbesondere (ungezügeltes) Saufen, Glücksspielen, Prügeleien und prahlerische Geschwätzigkeit aus guten Gründen unter strenge Strafen stellten . Zugegeben, es ist romantischer, Pirat*innen als grobe Gesell*innen zu schildern. In Hinblick auf ihre Disziplin unterscheiden sie sich gegenüber staatlichen Marinesoldaten aber ungefähr so viel, wie in der bürgerlichen Gesellschaft Ehefrauen von Prostituierten. Mit dem grossen Unterschied, dass sie das Leben als Pirat*in meist eher selbst gewählt haben.

Mein Hauptkritikpunkt: Captain Jack Reckham wird als cleverer, oft gutmütiger, körperlich starker, vor allem willensstarker Anführer geschildert, der letztendlich auch alle Entscheidungen fällt. In Linkerhands Roman ist er das Alphatier, der Mann an der Spitze eben. Dagegen wird mittlerweile aber immer mehr bekannt, dass die Pirat*innengemeinschaften aufgrund ihrer sozialen Konstellation und weil sie Entflohene und Ausgestossene waren, tatsächlich äusserst demokratische Gemeinschaften waren, die ihre Anführer selbst wählten und sie absetzten, wenn es ihnen nicht passte.

Dies ging so weit, dass sich kaum jemand darum riss, zum Captain gewählt und dann für Missgeschicke verantwortlich gemacht zu werden, was in gröberen Fällen die Abwahl durch Todesstrafe bedeutet. Und das ist auch logisch, denn desertierte Soldat*innen, entflohene Sklav*innen, freigelassene Gefangene und Leute mit sonstigen Abbruchs- und Aufbruchsgeschichten wie Anne und Mary, entfliehen ja nicht dem Gehorsam, dem Zwang, der Moral, den Verhaltensvorschriften und vorgezeichneten Lebensläufen, um sich dann wieder brav in einer hierarchischen Ordnung unterzuordnen. Vor diesem Hintergrund kann nur die direkte Mitbestimmung jede*r Einzelnen in alle Angelegenheiten, die sie betrifft, ein funktionierendes Miteinander auf engstem Raum ermöglichen. Damit ist keineswegs gesagt, dass dort alles toll läuft.

Doch gerade die (historische) Tatsache dieser besonderen Sozialordnung von Pirat*innengemeinschaften, welche durch bildungsbürgerliche Roman-Autor*innen verklärt und in völlig falschen Bildern beschrieben wurden („starke Männer als Anführer“), hätte Linkerhand Anlass geben können, hier eine andere Perspektive einzunehmen. Und zwar in einem durchaus feministischen Sinne.

Simone

Koschka Linkerhand: Die Irrfahrten der Anne Bonnie. Querverlag Berlin 2018. 208 Seiten. ca. 22.00 SFr, ISBN 978-3896562678

[1] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Goldenes_Zeitalter_(Piraterie)#cite_ref-4

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