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Kolja Mensing: Fels | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Kolja Mensing: Fels Stolperstein im Bücherregal

Belletristik

Empfehlung für das nächste Familienfest: Zwischen Sahnetorte und Kaffeekanne die gemeinsame Zeit mit der Verwandtschaft für Fragen an die deutsche Vergangenheit nutzen.

Reichsparteitag. Übersicht über den grossen Appell der SA, SS und des NSKK, September 1935.
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Bild: Reichsparteitag. Übersicht über den grossen Appell der SA, SS und des NSKK, September 1935. / NWDNS (PD)

2. Juni 2019
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Nur beiläufig erwähnt die Grossmutter von Kolja Mensing den Namen Albert Fels, als sie von ihrer Verlobung in den frühen 40er-Jahren erzählt. Kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges sei der jüdische Viehhändler Fels in einer Heil- und Pflegeanstalt verschwunden. Man wisse ja, was damals passiert sei, meint die Grossmutter. Die Vermutung liegt nahe, dass Albert Fels zum Opfer eines nationalsozialistischen Euthanasie-Programms oder der Shoa geworden ist. Doch was konkret mit dem Nachbarn der Familie passiert ist, darüber wisse man nichts. Das Schicksal des Nachbarn Fels und seiner Verwandten ist nicht zum Teil der Familiengeschichte geworden.

Erst Jahrzehnte später beginnt Mensing, diesen ausgelassenen Aspekt der Familiengeschichte zu rekonstruieren. Basis der Rekonstruktion stellen die zahlreichen Gespräche zwischen ihm und seiner Grossmutter dar:

„Über zwei Jahre hinweg hatte sie mir von ihrer Kindheit, ihrer Jugend und von ihren Eltern und Grosseltern erzählt. Auf bestimmte Episoden waren wir immer wieder zurückgekommen, ich hatte Nachfragen gestellt und Notizen gemacht, die ich jetzt in eine chronologische Reihenfolge zu bringen versuchte." (S. 79)

Glutkern der Erinnerungen

Die Geschichten der Grossmutter werden um zahlreiche Informationen ergänzt, die aus Gesprächen mit weiteren Verwandten, Zeitdokumenten aus dem Nachlass der Grossmutter, historischen Quellen und wissenschaftlichen Texten stammen. Dabei fokussiert sich Mensing mit der Rekonstruktion des Lebens von Albert Fels auf ein einziges Opfer des Nationalsozialismus und seine Geschichte.

Immer wieder geht es implizit um die Fragen, wie sich Erinnerung konstituiert, welche Aspekte der Vergangenheit erzählt werden und auch darum, welche Informationen den Nachfahr*innen absichtlich vorenthalten werden. Das Grauen des Nationalsozialismus liegt häufig dort verborgen, wo die Erzählungen der Grosseltern lückenhaft sind. In sämtlichen Kriegsgeschichten des Grossvaters kommt beispielsweise nur ein einziger Toter vor, bei dem es sich bezeichnenderweise um einen Scharführer der SS handelt. Auch die Erzählungen über Mensings Grossonkel Hermann Dilly reichen nicht weiter als „eine Handvoll kleiner, harmloser Anekdoten über einen unangenehmen Verwandten.“ (S. 139)

Die Verlobungsgeschichte der Grosseltern ist auf diese Weise gleichsam Aufhänger der Recherche und das Kontrastmittel zum Schicksal von Albert Fels. Dabei werden jene unterschiedlichen Rollen deutlich, welche die einzelnen Familienmitglieder im Nationalsozialismus gespielt haben. Parallel dazu wird die Rolle reflektiert, die der Nationalsozialismus im Leben der einzelnen Familienmitglieder gespielt hat.

"Der Nationalsozialismus, der Krieg und der Massenmord an den Juden waren kein Schatten, der auf die Erinnerungen meiner Grosseltern fiel. Sie waren der Glutkern tief im Innern ihrer Liebesgeschichte, säuberlich verborgen unter harmlosen, anrührenden Anekdoten über eine zufällig gefundene Feldpostkarte und eine heimliche Verlobung in einer kalten Weihnachtsnacht." (S. 113)

Diese Anekdoten verdrängen über die Jahrzehnte die Erinnerung an Albert Fels, bei dem es sich nicht nur um den früheren Knecht des Urgrossvaters handelt, sondern auch um einen wichtigen Geschäftspartner der Familie. Die Rekonstruktion seines Lebens ist eng verbunden mit der Wahrnehmung und Beurteilung des Nationalsozialismus.

Nationalsozialismus ohne Nationalsozialisten

Mit dem Tag der Befreiung am 8. Mai 1945 hat eine Diskussion um die Opfer und die Täter*innen des Nationalsozialismus eingesetzt, die bis heute andauert. Einerseits war in Deutschland nach 1945 das ganze Spektrum der Verfolgten und Opfer bekannt, andererseits war es stets eine Frage der zeitbedingten Fokussierung, welche Opfergruppen jeweils im Mittelpunkt standen. Das öffentliche Bild der Verfolgten hat sich dabei immer weiter dem historischen Erfahrungshorizont der Opfer genähert.

Hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung der Täter*innen lässt sich eine gegenteilige Entwicklung beobachten: In einer Studie, die 2017 und 2018 vom Bielefelder Sozialpsychologen Andreas Zick durchgeführt wurde, gaben 54 Prozent der Befragten an, dass ihre Vorfahr*innen zu den Opfern gehörten. Die Selbstwahrnehmung der Deutschen hat sich demnach im Laufe der Jahrzehnte von einem „Täter-Volk“ zu einem „Opfer-Volk“ geändert. Somit versiegt das Bewusstsein darüber, dass es in Deutschland viele Täter gab und damit auch die Erinnerung an den Faschismus.

Passend zu dieser Dynamik bleiben die Geschichten von Kolja Mensings Grossmutter über Jahrzehnte konstant. Stets werden die gleichen Anekdoten erzählt, die im Familienrahmen offensichtlich kaum hinterfragt werden: sie umfassen immer wieder die erste Kontaktaufnahme zwischen den Grosseltern in Form einer Feldpostkarte, Eierlikör in einem Zahnputzbecher oder die Geschichte der heimlichen Verlobung in einer sternenklaren Nacht. Trotzdem scheint sich der Autor in seiner Rekonstruktion bewusst zu sein, wie brüchig die Erinnerungen sein können. Immer wieder zeigen sich zaghafte Zweifel an der Darstellung seiner Grossmutter und den Geschichten der anderen Dorfbewohner*innen, deren Wahrheitsgehalt sich erst in der Gegenüberstellung mit historischen Zeugnissen überprüfen lässt. Umso wichtiger sind diese historischen Dokumente, welche der Geschichte dieser beiden Familien den notwendigen Rahmen geben.

Stoff für Familienfeste

Aufgrund der persönlichen Beziehung des Autors zu seiner Grossmutter vergisst man bei der Lektüre beinahe, dass es sich bei „Fels“ um ein Sachbuch handelt. Die Schilderungen der Lebenswege wirken bewegend, weil der Einfluss des Nationalsozialismus auf das Leben der Verfolgten und Opfer in den nüchternen Schilderungen Mensings besonders deutlich wird. Aufgrund der dokumentarischen Vorgehensweise wird die Liebesgeschichte der Grosseltern in „Fels“ wiedergegeben, ohne dabei die Darstellung zu romantisieren. Nur an wenigen Stellen entsteht der Eindruck, dass der enge Kontakt zwischen ihm und seiner Grossmutter den unverklärten Blick auf ihre Erzählungen beeinträchtigen könnte.

Geschichten wie jene von Albert Fels gehören kaum zum Repertoire der deutschen Familienfeste. Zwischen Sahnetorte und Kaffeekanne wird nur selten darauf geachtet, was sich hinter den Anekdoten der letzten Zeitzeug*innen verbirgt. So liefert dieses Buch einen Einblick in familiäre Erinnerungsdynamiken, es ruft jedoch auch dazu auf, die gemeinsame Zeit mit der Verwandtschaft für Fragen an die deutsche Vergangenheit zu nutzen. Obendrein stellt das Buch eine literarische Gedenktafel für Albert Fels dar.

Kai Stoltmann
kritisch-lesen.de

Kolja Mensing: Fels. Verbrecher Verlag, Berlin 2018. 176 Seiten, ca. 23.00 SFr. ISBN 9783957323408

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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