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Josefine Rieks: Serverland | Untergrund-Blättle

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Josefine Rieks: Serverland YouTube im Untergrund

Belletristik

Die schlimmste Dystopie aller „digital natives“ – OMFG, das Internet ist abgeschaltet.

Serverracks in einem DatenCenter.
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Bild: Serverracks in einem Daten-Center. / Helpameout (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

14. Juli 2019

14. 07. 2019

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5 min.

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Wir müssen uns Rainer als einen sehr einsamen Menschen vorstellen. Er ist Postzusteller, Retrogamer und Sammler von Elektroschrott, dessen Lebensziele überschaubar scheinen. Im Wesentlichen sucht er nach einem vernünftigen Ordnungssystem für seine Onlinepornos und einer lauffähigen Kopie von „Command&Conquer: Alarmstufe Rot 2“. So weit, so langweilig – oder, wie eine Kneipenbekanntschaft in Bezug auf die Onlinepornos einräumt: „War nicht alles schlecht damals“.

Bis hierhin scheint Josefine Rieks Buch zunächst wie einer dieser halbgaren Gegenwartsromane, die einen nerdigen Helden in der gesichtslosen Grossstadt bei seiner Selbstbespiegelung begleiten. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zu unserer Gegenwart, denn in der im Roman imaginierten Zukunft haben die Regierungen der Welt 20 Jahre nach 9/11 das Internet abgestellt und die Statussymbole der „digital natives“ kurzerhand zu Elektroschrott verkommen lassen.

Freier Austausch von Informationen scheint vergessen und die dafür nötigen Endgeräte sind obsolet, so dass Rainers spleenige Faszination für Laptops und das Internet fast schon subversives Potenzial birgt. Warenfetisch und Lob der Oberfläche gepaart mit melancholischer Reflexion führen bei ihm zu schönsten Lobgesängen auf ein vermeintlich untergegangenes Technologiezeitalter:

„Das MacBook Air war perfekt. Viel mehr noch. Das minimalistische Trackpad, das schlanke Design, die Resistenz gegen Probleme, Systemabstürze oder Viren, hatten es zu etwas Schönem gemacht. Hardware und Software waren aus einem Guss und zu 100% aufeinander zugeschnitten. Man konnte sagen, dass das MacBook Air das perfekte Produkt war, hervorgegangen aus wenigen Jahrzehnten Computerkultur. Eigentlich war es der Repräsentant jener Kultur, in der Computer benutzt wurden.“ (S. 12f.)

Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein

Doch dann nimmt der Roman Fahrt auf durch einen mysteriösen Anruf, der Unglaubliches in Aussicht stellt. Das Internet ist gar nicht weg, es schläft nur, wie Rainer in einer Art Erweckungsmoment in verfallenen Industriebrachen Berlins feststellen muss: „Serverhallen. Es gab noch Serverhallen, in denen nach wie vor die Daten des Internets gespeichert waren.“ (S. 28)

Die Informationen in den schlafenden Riesen müssen also nur geborgen werden, und da passt es natürlich fantastisch, dass sich der moderne Archäologe Rainer mit Computern auskennt.

Noch besser für den Drive der Geschichte passt es, dass die Hallen in Berlin klein ausfallen im Vergleich zu den überwältigenden Google-Serverhallen am holländischen Strand, die der Roman als nächstes ansteuert und die das Setting für den weiteren Handlungsverlauf bilden.

Was dort folgt, ist die sattsam bekannte Geschichte vom Aufstieg und Fall einer Art Jugendbewegung, die für Rainer zur neuen Heimat wird. Die zunächst kleine Gruppe von Aktivist*innen, die in Holland relativ unvermittelt und eher zufällig zusammenkommt, startet mit grossen Idealen und einem Traum von „Open Source“, der eine längst vergessene Kultur herbeisehnt, in der man aus ehrlicher Überzeugung fast alles geteilt hat. Josefine Rieks gelingt es, die Probleme und Grabenkämpfe, die bei der Entstehung von derlei „Movements“ auftreten, glaubhaft und witzig nachzuzeichnen. Der Kunstgriff ist die Figur Rainer, die als eine Art soziophober, teilnehmender Beobachter die Aushandlungen innerhalb der Gruppe von aussen betrachtet und erst nach und nach seinen Platz und seine Aufgaben in der Gruppe findet.

Die endlosen Sitzungen mit „gerechter, partizipativer Kommunikation“ (S. 90) erscheinen Rainer jedenfalls anfänglich ähnlich sinnlos und unverständlich wie die weissen Anonymous-Masken auf schwarzen Lederjacken oder die Faszination der Aktivist*innen für John Perry Barlow.

Vom Underground zum Mainstream

Rainers Feuereifer für die Bewegung entflammt erst mit der Radikalisierung des Teilens. Die Fragmente des Internets, die von den modernen Archäolog*innen der kleinen Gruppe hier in Form von YouTube-Videos geborgen werden, sollen nicht mehr in der eigenen Filterblase zirkulieren, sondern raus in die Welt. In einer Welt ohne Internet – hier schliesst sich der Kreis zum anfänglichen Broterwerb Rainers – geht das natürlich nur auf dem Postweg. Kollektiv organisiert, arbeiten die Aktivist*innen damit an einer Art analogem Internet, das die gebrannten Videos per Zufallsprinzip in die Welt schickt und auf technische Restauration hofft, oder in Rainers Worten:

„Aber anders als vorher, als ich noch in Berlin einsam Computerspiele gesammelt hatte, wusste ich jetzt, dass wir zurückkonnten. Technisch gesehen war das kein Problem. Wir mussten nur die Leute erreichen, eine kritische Masse bilden, dann würde alles von alleine gehen.“ (S. 145f.)

Was in der Theorie immer geil klingt, scheitert dann oft in der ernüchternden Praxis. Euphorie weicht Resignation. Natürlich gibt es Reaktionen und eine ernstzunehmende Masse an Menschen. Der Zauber aber verfliegt, und die Bewegung mit hehren Idealen verkommt zum kommerziellen Mainstream, der letztlich Rainer wieder ins Auto steigen lässt, heimwärts aus dem grossen Abenteuer. „Ich war schuld, dass die ganzen Neuen da waren, nur noch konsumierten und unsere Bewegung untergruben.“ (S. 161)

Kurz gefasst bringen es wieder zwei Beobachtungen des Protagonisten auf den Punkt. Die anfängliche Begeisterung für die gemeinschaftliche Arbeit auf ein wichtiges Ziel hin wird durch die zunehmend kommerzielle Verwertung kontaminiert. Zu sehen, dass der Zugang zu den Informationen im Lager der Aktivist*innen plötzlich durch Leihgebühren für die notwendige Hardware beschnitten wird, erschüttert Rainer in seinen neu gewonnenen Idealen. Trotz allem schliesst der Roman mit zwei wichtigen und tröstlichen Einsichten, die Rainers Freund*innen für ihn bereithalten und die es für die Leser*innen zu entdecken gilt.

Josefine Rieks Roman möchte Vieles sein – Dystopie, Road-Novel, Entwicklungsroman, Buddy-Geschichte – und zerbricht fast unter dem Kunstgriff, dies alles auf schmalen 170 Seiten unterzubringen. Dass es ihr dennoch gelingt, zeugt von Ideenreichtum und einem guten Gespür für die prägnante Darstellung globalgesellschaftlicher Phänomene.

Markus Wiegandt
kritisch-lesen.de

Josefine Rieks: Serverland. Carl Hanser Verlag, München 2018. 176 Seiten. ca. SFr. 22.00. ISBN: 978-3-446-25898-3

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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