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Jonathan Raymond: Old Joy | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Jonathan Raymond: Old Joy „Everything was different there“ - Die Naturidee in Old Joy

Belletristik

Die Natur spielt in Old Joy eine wichtige Rolle. In der Erzählung von Jonathan Raymond kommen zahlreiche, sehr ausführliche Naturschilderungen vor, Bäume und Pflanzen werden beim Namen genannt, es gibt Lupine, Heidekraut, Fingerhirse, Pappeln, Schierling- und Wacholderäste.

Der Buchautor Jonathan Raymond bei einer Lesung am Fall for the Book Festival 2017.
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Bild: Der Buchautor Jonathan Raymond bei einer Lesung am Fall for the Book Festival 2017. / Slowking4 (CC BY-NC 2.0 cropped)

6. Oktober 2019

6. Okt. 2019

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Zudem wird beschrieben, wie sich die Landschaft auf der Strecke von Portland in das Vorgebirge der Cascades allmählich verändert: Zu Beginn der Autofahrt zieht noch eine trübe Kulisse aus Parkplätzen und Ackerfeldern vorbei, bis sich die schäbigen Felder und Vorgärten in dichte Wälder verwandeln, die Farben von beigem, gelbbraunem Gold in tiefes, undurchdringliches Schwarzgrün übergehen. Wenn das Abendrot einer Situation den Anschein von etwas Betrüblichem verleiht, schwarze Bäume wie Gespenster vorüberhuschen oder auf Kurts Gesicht der Feuerschein flackert, dann dienen solche Schilderungen dazu, die Stimmung zwischen den beiden Freunden atmosphärisch einzufangen.

Besonders deutlich wird dies in jener Passage, dem die Erzählung ihren Titel verdankt: Als Mark eine Reihe sich auffächernder Pappelbäume erblickt, steigt ein Gefühl uralten Kummers in ihm auf: „Something in the mute, unconscious trees resonated inside me, something so deep and fundamental, failed to remember its own source anymore. I watched the poplars flickering against the hard blue of the sky. What is sorrow, I thought. What is sorrow but old, worn out joy?“ (S. 33 u. 44) Genauso bei der Stelle, als sich die beiden nach einer durchzechten Nacht, in der Kurt einen emotionalen Zusammenbruch erleidet, auf einem gerodeten, mit Müll und verbrannten Baumstümpfen übersäten Hügel wiederfinden („What was it about Kurt?“, fragt sich Mark noch kurz zuvor, als er schlaflos im Zelt liegt. „What was it that made him break things apart?“). Ihre Freundschaftsbeziehung, das, was sich zwischen ihnen auf der Wanderung ereignet, Momente der Annäherung, der Distanz, der Entfremdung, wird durch die Umgebung vermittelt oder zumindest zurückgespiegelt.

Aber diese Darstellung hat nicht nur eine illustrative Funktion. Insofern sie die Spuren der Zivilisation sichtbar macht, wohnt ihr zugleich ein gesellschaftskritischer Impetus inne, der von Kurt auch zur Sprache gebracht wird. Nachdem sie an der Müllkippe im Wald ihr nächtliches Lager aufgeschlagen haben, sagt er: „Not that there’s any big difference between the forest and the city, really. You know what I mean? It’s all one huge thing now. Trees in the city, garbage in the forest. What’s the difference?“ (S. 28) Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass er seine Theorie vom „tear-shaped universe“, das den Weltraum hinabstürzt, ausgerechnet an diesem Ort zum Besten gibt.

Selbst das Naturidyll, das sie am nächsten Tag vorfinden, als sie einen kleinen Bach entlanglaufen – das weiche und zarte Licht wirft kleine Punkte auf die Stromschnellen, der Fluss rauscht melodisch über die Steine hinweg, der Mount Hood erhebt sich wie eine Kuppel der Schöpfung über ihnen –, ist von potentieller Zerstörung bedroht: „We hiked in a ways, upstream past dabs of orange spraypaint on the boulders, past rebar jammed into the rocks, where surveyors had been examining the stream for eventual re-stocking.“ (S. 32)

Nur der Urwald bleibt unberührt, wird als qualitativ andere Wirklichkeit herausgestellt: „We crossed some unmarked boundary and entered into the old growth forest, where the air turned green and the earth mossy. Everything was different there. The trees were gigantic and primeval. The ferns were prehistoric, their huge fronds like bending, wet eyelashes. We walked over the spongy, damp earth as the creek whispered and crows called from high above.“ (S. 44)

Mit seinen Mammutbäumen zählt der Wald am Fusse des Mount Hood zur Wilderness Area, der strengsten Klasse von Naturschutzgebieten in den USA. Ihr Schutz wurde bereits in dem Congressional Act of 1916 als nationale Aufgabe ausgewiesen. Die Naturidee der wilderness ist eng mit dem amerikanischen Selbstverständnis verbunden. Als Gegenpol zur zivilisierten Welt bietet sie dem Einzelnen die Möglichkeit, uramerikanische Pioneereigenschaften am Leben zu erhalten, die sich bei der Unterwerfung und Besiedelung des Westens herausgebildet haben. Nach diesem Naturverständnis repräsentiert die Wildnis das Gute, da in ihr lebendige und ungezügelte Kräfte frei vom hemmenden Einfluss der Zivilisation wirksam sind. Zugleich steht sie für die Möglichkeit, eine neue Gesellschaft zu begründen, die sich von der europäischen Tradition und Geschichte lossagt. Aus dieser Perspektive erscheint die Wildnis als das Selbst- und Sinnerfahrung ermöglichende „Andere“, als notwenige Ergänzung zur Zivilisation.[1]

Jon Raymond scheint mit Old Joy an diese Naturidee anzuknüpfen. Erst als die Wanderer kurz darauf ans Ziel ihrer Reise gelangen und in einer Schlucht, von einem Erlenhain verdeckt, ein Bad in den heissen Quellen nehmen, ist alle Mühsal wie aufgehoben und ein wortloses Einvernehmen zwischen ihnen möglich. „We lay there for awhile, letting the previous hours wash away in the silence. Soon the dark rupture of the hike seemed like a strange, half-remembered act of imagination.“ (S. 46) „We sat there without talking again, breathing evenly, and listened to the crows crying to each other in the sky.“ (S. 49) Hier scheint auf, wie ein geglücktes Verhältnis des Menschen zur Natur und somit auch zu sich selbst und zu anderen sein könnte.[2]

Ein Happy End gibt es dennoch nicht – dazu hat Kurt in seinem Leben zu viel Scheisse da draussen gesehen. Und Mark, als Figur blass und konturlos, bleibt seinen plötzlichen, fast naturhaften Stimmungseinbrüchen so stark ausgesetzt, dass er sich auf der Rückfahrt selbst nicht mehr sicher ist, wo oben und unten ist: „I leaned against the window and watched the night floating by. A mailbox appeared and whizzed by in a blur. A gas station grew and receded against a backdrop of pitch black. I pressed my cheek against the cool window. I couldn’t tell if we were racing forward or plunging straight down into the void.“ (S. 50)

Die Natur in Old Joy ist also keine blosse Kulisse, kein blosser Dekor. Indem sie ganz wesentlich in das Geschehen eingebunden ist, erweitert sie die Erzählung um einen zivilisationskritischen Gesichtspunkt, der in der Idee der wilderness als Chiffre des gesellschaftlichen Neuanfangs gründet. Zusammen mit den Bildern von Justine Kurland, Photographien von „burned forests, bearded men and naked visionaries in wilderness tableaux“, die in den Text eingestreut sind, zeigt die Erzählung, dass der imaginierte Ort „Westen“ als bald erreichtes Utopia offenbar noch immer in den Köpfen der Amerikaner lebendig ist.

Sodass man sich umgekehrt fragen kann, was von der Geschichte eigentlich bliebe, wenn sie in der Stadt spielen würde, wenn sich Mark und Kurt also abends in Portland zusammen betrunken und am nächsten Tag wieder voneinander getrennt hätten. Vermutlich nur jene verwickelte Psychologie einer alten Freundschaft, die schon mal bessere Tage gesehen hat. Den Höhepunkt, den eigentlichen „Skandal“ würde dann Kurts breakdown bilden, zusammen mit seiner Theorie vom tränenförmigen Universum, die dann in der Tat nur die Ausgeburt innerer Verzweifelung darstellte. Seine psychische Labilität wäre so allein damit zu erklären, dass er bislang im Leben offenbar nicht richtig Fuss fassen konnte und als prekär Beschäftigter ein nomadisches Hippie-Dasein fristet.[3]

Ein Schluss, der der Literatur nicht würdig wäre.

M. A. Sieber

Jonathan Raymond: Old Joy. ARTSPACE BOOKS 2004. 72 Seiten. ca. 350.00 SFr. ISBN 978-1891273056

Fussnoten:

[1] Vgl. Anne Hass: „Der Transzendentalismus als philosophische Basis des amerikanischen Freiheitsmythos vom Pionier in der Wildnis“, in: Thomas Kirchoff/Ludwig Trepl (Hrsg.): Vieldeutige Natur. Landschaft, Wildnis und Ökosystem als kulturgeschichtliche Phänomene. Bielefeld 2009, S. 291–300.

[2] Auch die Orte, von denen Kurt während des Ausflugs erzählt, von dem kalifornischen Hippie-Mekka Big Sur oder dem New-Age-Refugium in New Mexiko, zeichnen sich durch die Suche nach alternativen Lebensformen und spiritueller Erfüllung aus.

[3] Ein sozialer Unterschied, der in der Verfilmung von Kelly Reichardt (2006) zwischen den Freunden noch stärker akzentuiert wird: Während Mark dort nicht nur einen festen Job und ein Haus hat, sondern auch ein Auto und eine schwangere Frau, sieht man Kurt in den letzten Einstellungen nachts allein in der Stadt umherstreunen.

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