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Jens Genehr: Valentin | Untergrund-Blättle

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Jens Genehr: Valentin Bilder des Grauens

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Der Comic erzählt vom Bau eines gigantischen Bunkers in Bremen durch Zwangsarbeiter im Nationalsozialismus.

Bau des UBootBunker «Valentin» in BremenFarge, 1944.
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Bild: Bau des U-Boot-Bunker «Valentin» in Bremen-Farge, 1944. / Bundesarchiv, Bild 185-09-25 (CC BY-SA 3.0)

19. November 2019

19. Nov. 2019

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Der Stadtteil Farge befindet sich am westlichsten Zipfel der Stadt Bremen. Die Fahrt vom Zentrum aus ist eine halbe Tagestour, es ist, als würde man einen Ausflug aufs Land machen. Kühe, Einfamilienhäuser, Deutschlandflaggen. Viele Bremer*innen sind wahrscheinlich noch nie da gewesen. Warum auch?

Nun, mitten in Farge, direkt an der Weser, erhebt sich kolossal ein Stück dunkelster deutscher Geschichte: Der Bunker Valentin. Ein riesiger Klotz aus Beton, düster, kalt, beängstigend. Gebaut zwischen 1943 und 1945 von der deutschen Marine als eingebunkerte U-Boot-Werft. Mit den dort gebauten U-Booten wollten die Nazis den Krieg gewinnen. Kein einziges hat die Werft je verlassen. Natürlich wurde dieses Ungetüm aus Beton nicht von Marinesoldaten errichtet, sondern von tausenden Zwangsarbeiter*innen. Kaum vorstellbar, wie innerhalb von zwei Jahren ein Bau dieser Art fertig gestellt werden konnte. Wie krass müssen die Bedingungen des Zwangs gewesen sein?

Die Geschichte des Bunkers ist mittlerweile gut dokumentiert und wird vor Ort am „Denkort Bunker Valentin“ vermittelt. Mit dem Comic „Valentin“ hat Jens Genehr im jungen Bremer Golden Press Verlag nun eine weitere Aufarbeitung vorgelegt.

Die Baustelle für den Endsieg

Erzählt wird die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven auf Grundlage dokumentarischer Zeugnisse. Da ist einmal der Polizist Jonny S., der eigentlich Johann Seubert heisst und der als Kreisfilmberichterstatter von der Marine mit der Dokumentation der Baustelle beauftragt wird. Monatelang bewegt er sich über die Baustelle, fotografiert und filmt, lässt sich von Ingenieuren und Marineobersten herumführen. Was er einfängt, dient der Propaganda: Maschinen, Fortschritt, Produktivität. „Deutsche Wertarbeit“ (S. 126) auf der „grössten Baustelle Europas“ (S. 18).

Und es wird die Geschichte von Raymond Portefaix erzählt, der im Juni 1944 als 17-jähriger aus Murat in Frankreich verschleppt wird. Aus dem KZ Neuengamme wird er schliesslich nach Farge zur Zwangsarbeit gebracht. Schon in der ersten Nacht erfährt er von einem anderen Häftling, wie die Zustände sind: „Schrecklich!“ (S. 67) Der Schrecken zeigt sich in unterschiedlichen Facetten. Die „Unterbringung“ der Häftlinge erfolgt unterirdisch in umgenutzten Ölbunkern. Zur Lagerroutine gehören Appelle, lange Fussmärsche, Schläge durch die Kapos und die Nazis, Beschimpfungen, mangelhafte Nahrung. Und mehr als eintausend Tote, zu Tode geschuftet oder ermordet, manche sogar vor den Augen aller hingerichtet. Auch die Baustelle selbst mit ihrem schweren Gerät und dem vielen Zement begräbt immer wieder Menschen unter sich.

All das zeigt Genehr mit schonungslosen Bildern. Er arbeitet lediglich mit Schwarz und Grau, zeichnet und tuscht. So stellt er eine Atmosphäre des Grauens her, die sein Sujet ausserordentlich trifft. Er arbeitet mit nahen Portraits von vom Schrecken erstarrten Gesichtern und Bildern, die die Entmenschlichung aufs Drastischste und auch Intimste darstellen. Zum Beispiel Szenen in der Latrine, wo die eigene Scheisse, an eine Nadel mit Bindfaden geschmiert und durch die Haut gebohrt, verwendet wird, um sich selbst ernste eitrige Entzündungen zuzufügen und ins Krankenrevier gebracht zu werden, um so der tödlichen Schufterei kurzzeitig zu entgehen.

Mensch sein unter unmenschlichen Bedingungen

Genehr gelingt es, Menschen zu zeigen, wo die Bedingungen unmenschliche sind. Die Gefangenen werden nicht bloss dargestellt als ausgemergelte, in schwarz-weiss gekleidete Schatten ihrer selbst. Sie bekommen Namen, Gesichter, menschliche Regungen und Bedürfnisse. Erzählt wird von der Konkurrenz um das Wenige und den Argwohn gegen Häftlinge anderer Nationen, aber auch von kleinen subversiven Akten, Momenten der Rebellion und der Solidarität.

Problematisch wird diese Fokussierung des Menschlichen, wenn es um die Nazis geht. Denn die – allen voran Jonny S. – bekommen viel Raum in dem Comic. Das dient einerseits dazu, ihre Widerwärtigkeit und ihren Grössenwahn einzufangen. Das wird besonders bei den Begehungen der Baustelle deutlich, aber auch in anderen Episoden, wie zum Beispiel einer Bootstour mit den Herren der Baustelle und Elfriede, der Sekretärin. Die Sorge um den Ausgang des Krieges treibt alle um, doch wird mit grossen Worten Optimismus gestreut: „Selbst wenn wir diesen Krieg verlieren sollten, bin ich fest davon überzeugt, dass eines weiterhin Bestand haben wird … nämlich das Deutsche an sich...“ (S. 47) Andererseits menschelt es dadurch an manchen Stellen zu sehr, etwa, wenn ein Flirt zwischen Jonny und Elfriede angedeutet und Jonny wiederholt als Charmeur dargestellt wird, oder wenn er schliesslich ein schlechtes Gewissen wegen der vielen toten Häftlinge bekommt. Warum dieser menschliche Anstrich? Schafft Comic Sichtbarkeit?

Mit „Valentin“ wird ein Stück Geschichte erzählt. Über die Frage, ob ein Comic ein angemessenes Mittel ist, eine solche Geschichte zu erzählen, ist viel diskutiert worden. Macht ein Comic Geschichte nicht einfach leichter konsumierbar, werden dort nicht Bilder erzeugt, die fiktional sind und tatsächliche Bilder überlagern, beziehungsweise in der Auseinandersetzung mit dem Thema das Entstehen eigener Bilder verhindern? Wird Wahrheit so durch Kunst verschüttet, zum Konsumgut gemacht?

In „Valentin“ ist das Gegenteil der Fall: Wahrheit wird hier, wenn auch nicht als fotografischer Abzug tatsächlich eingefangener Szenen, ein Stück weit sichtbar gemacht. Genehr hat sich mit vielfältigen Quellen beschäftigt, und schon auf den ersten zwei Seiten wird in einer Art Reflexion deutlich, dass er gewissenhaft an diese Materie heran geht. Natürlich werden im Comic Bilder, Menschen, Gesagtes dargestellt, das es in dieser Form nicht gegeben hat. Doch kann „Valentin“ vermitteln. Und leicht zu konsumieren ist es ganz sicher nicht.

Andrea Strübe
kritisch-lesen.de

Jens Genehr: Valentin. Golden Press, Bremen 2019. 240 Seiten, ca. 39.00 SFr., ISBN 978-3-9819880-5-5

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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