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Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen Auf der sicheren Seite

Belletristik

Erschüttert, aber berührt nicht wirklich: Jenny Erpenbecks Roman zur Flüchtlingskrise. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Richard, einem alternden Berliner Professor, der gerade in den Ruhestand gegangen ist.

Jenny Erpenbeck, Frankfurter Buchmesse 2012.
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Jenny Erpenbeck, Frankfurter Buchmesse 2012. Foto: Lesekreis (PD)

14. Januar 2016
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Eine Metapher, die manchmal genutzt wird, wenn es um die Relevanz und gesellschaftliche Funktion von Literatur geht, ist die des Seismographen. Ähnlich wie das technische Messgerät, das vor allem in Erdbebenregionen eingesetzt wird – so der Gedanke dahinter – vermag auch die Literatur, feinste Erschütterungen wahrzunehmen und aufzuzeichnen, lange bevor es kracht.

Seismographisches Gespür muss man auch Jenny Erpenbecks neuem Roman attestieren. Publiziert im August 2015, als sich die mediale Berichterstattung zur europäischen Flüchtlingskrise gerade überschlägt, gibt „Gehen, ging, gegangen“ einen detaillierten Eindruck vom Leben einiger Afrikaner, die vor Krieg und Terror nach Deutschland geflüchtet sind – und sich dort keineswegs auf der sicheren Seite befinden.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Richard, einem alternden Berliner Professor, der gerade in den Ruhestand gegangen ist. Auf dem Oranienplatz sind zehn junge Männer vor dem roten Rathaus in einen Hungerstreik getreten. Raschid, Ithemba, Rufu, Osarobo, Ali, Yussuf und Karon kommen aus Niger, Ghana, dem Tschad und Libyen, sind über das Mittelmeer nach Italien und von dort nach Deutschland gekommen und in Berlin seit Jahren zum Warten verurteilt. Sie protestieren, weil sie bleiben wollen, weil sie arbeiten wollen, vor allem aber, weil sie sichtbar werden wollen: „We become visible“ (S. 27), ist auf einem ihrer Schilder zu lesen.

Von den Protesten erfährt Richard aus dem Fernsehen. In gewisser Hinsicht ist er ebenfalls ein Gestrandeter, der viel verloren und keine klare Perspektive mehr hat: Seine Frau ist gestorben, seine besten Jahre sind vorbei, und mit dem Ende seiner akademischen Laufbahn ist ihm endgültig der Lebensmittelpunkt abhandengekommen. Vielleicht sind dies die Gründe, warum Richard sich plötzlich für die Flüchtlinge interessiert. „Über das sprechen, was Zeit eigentlich ist, kann er wahrscheinlich am besten mit denen, die aus ihr herausgefallen sind.“ (S. 51) Bei Raschid und den anderen sucht er nach Antworten, die er sich selbst nicht geben kann.

„Es ist wichtig, dass er die richtigen Fragen stellt. Und die richtigen Fragen sind nicht unbedingt die Fragen, die man ausspricht. Um den Übergang von einem ausgefüllten und überschaubaren Alltag in den nach allen Seiten offenen, gleichsam zugigen Alltag eines Flüchtlingslebens zu erkunden, muss er wissen, was am Anfang, was in der Mitte – und was jetzt ist. Dort, wo das Leben eines Menschen an das andere Leben desselben Menschen grenzt, muss doch der Übergang sichtbar werden, der, wenn man genau hinschaut, selbst eigentlich nichts ist“ (S. 51f.).

Schnell nimmt Richard Kontakt zu den Männern vom Oranienplatz auf und freundet sich nach und nach mit ihnen an. Er begleitet sie zum Deutschunterricht, besucht sie in ihren Unterkünften, spricht mit ihnen über ihre Flucht und ihre Familien und unterstützt sie bei Ämtergängen. Auf diese Weise erfährt man im Verlauf der Lektüre allerhand: etwa über die Tücken des deutschen Asylrechts, über die Zerbrechlichkeit von Begriffen wie ‚Heimat‘, ‚Sicherheit‘ und ‚Zukunft‘, über Tod und Trauma, Alltagsrassismus und aggressiven Fremdenhass oder über das Gefangensein in eigenen Erinnerungen und fremden Paragraphen.

Dass „die Ausländerbehörde die italienischen Papiere der afrikanischen Flüchtlinge einbehält, um sie zur Ausreise zu zwingen“ (S. 302), dass „Berlin […] serbische Roma- und Sintifamilien mit kleinen Kindern bei Minusgraden in die Slums von Belgrad zurückschickt“ (ebd.), oder dass Menschen, „nachdem sie die Überfahrt über ein wirkliches Meer überlebt haben, nun in Flüssen und Meeren von Akten ertrinken“ (S. 310), sind nur einige der frustrierenden Erkenntnisse, zu denen Richard kommt.

Tatsächlich liegt hier das besondere Verdienst von Erpenbecks Roman: „Gehen, ging, gegangen“ ist eine Art literarische Mikroanalyse der Flüchtlingskrise, die auf jeder Buchseite die akribische Recherche und das klare Sendungsbewusstsein der Autorin erkennen lässt. Als teilnehmender Beobachter erschliesst Richard den Leser_innen die Welt hinter den Fernsehbildern und bietet tiefe Einblicke in den Alltag dies- und jenseits der europäischen Grenzen.

Genau hier liegt aber auch ein bisschen das Problem: Zu konstruiert wirkt die Geschichte von Richards allmählicher (Selbst-)Aufklärung, zu schulmeisterlich mitunter der Gestus, zu bemüht die Engführung seiner Vita (Nachkriegszeit, DDR, Systemwechsel, Tod der Frau, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit) mit den Schicksalsschlägen der geflüchteten Afrikaner. Was dabei verloren geht, ist die Tiefendimension der einzelnen Figuren, die im gesamten Roman eigentümlich fremd und unnahbar bleiben. Das mag Teil des Konzepts sein, erschwert es aber, einen Bezug zu Raschid, Ithemba und den anderen Protagonisten von „Gehen, ging, gegangen“ herzustellen. Gewiss sind ihre Schicksale erschütternd; sie werden aber – in einem wörtlichen Sinne – nicht persönlich. Vielmehr sind die einzelnen Charaktere einer Botschaft untergeordnet, die mal mehr, mal weniger subtil formuliert wird, in jedem Fall aber klar Stellung bezieht und zum Nachdenken auffordern möchte:

„Wenn es aber nicht ihr [der Deutschen] eigenes Verdienst war, dass es ihnen so gut ging, war es andererseits auch nicht die Schuld der Flüchtlinge, dass es denen so schlecht ging. Ebenso könnte es umgekehrt sein. Einen Moment lang reisst dieser Gedanke sein Maul auf und zeigt seine grässlichen Zähne“ (S. 120).

Stephanie Bremerich
kritisch-lesen.de

Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen. Roman. Knaus Verlag, München 2015, 244 Seiten. ca. 25.00 SFr, ISBN 978-3-8135-0370-8

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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