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Zu Gisela Elsners „Fliegeralarm“ Alles Gute kommt von oben

Belletristik

Nürnberg gegen Ende des Krieges. Die Reichsparteitagsstadt liegt in Schutt und Asche. Gisela Elsner, 1937 geboren, erlebt als Kind, wie der Krieg heim ins Reich kommt.

Boeing B-17 der US Army Air Force beim Bombenabwurf über Nürnberg am 31 Januar 1945.
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Boeing B-17 der US Army Air Force beim Bombenabwurf über Nürnberg am 31 Januar 1945. Foto: AF (PD)

23. November 2015
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Ihre Erlebnisse verarbeitete die Antifaschistin und „letzte Kommunistin“ (den Titel, letzteR KommunistIn zu sein, teilt sie sich mit ihrem literarischen Ziehsohn Ronald M. Schernikau), die sich 1992 das Leben nahm, im letzten Roman, den sie fertigstellte, der publiziert wurde und wenig positiven Anklang fand: „Fliegeralarm“ von 1989.

Trigger-Warnung inklusive

Etwas ungewöhnlich lief die Bestellung des Rezensionsexemplars ab. Denn das Buch segelte samt Trigger-Warnung ins Haus und nach wenigen Seiten war klar, wieso. Die Sprache der Ich-Erzählerin Lisa, trotzdessen jünger noch als Elsner selbst zu Kriegsende, hat wenig mit Kindlichkeit und Unschuld gemein. Der Sprech ist der des NS-Faschismus in seiner bizarrsten Form: „Obwohl dieses Schrillen unheimlich klang, entfachte es in mir, HART WIE KRUPPSTAHL, ZÄH WIE LEDER und jederzeit bereit, für unseren Führer zu sterben, wie ich es, bedingt durch die Einsicht, war, dass ich mit

fünfeinhalb Jahren lange genug gelebt hatte, um mein Leben für mein Vaterland zu opfern, keine Furcht.“ Lisa ist Teil einer Gruppe von Kindern, die in den Trümmern Nürnbergs mit wahnhaftem Ernst den deutschen Faschismus im Kleinen nachspielen: Sie geben sich Ränge der SS, führen hierarchische Ehen und sperren einen von ihnen, weil sein Vater Kommunist und ihrer Logik nach auch Jude ist, in ein Konzentrationslager und sprechen ihm ab, Mensch zu sein. Auch ohne Kapital läuft das Spiel nicht ab: Als Währung verwenden sie Bombensplitter, weswegen sie sehnlichst die alliierten Bombardements abwarten, in der Hoffnung, danach auf lukrative Bombentrichter zu stossen und neue Ruinen, die sie zu ihren Privathäusern erklären und vor dem Betreten Eintritt fordern.

Krieg ist grossartig

„Für uns gab es nichts Grossartigeres als diesen Weltkrieg, der unsere Eltern in Angst und Schrecken versetzte, aber uns Kinder zu Besitzern von Ruinen machte, der uns Kindern dank der Trümmerhaufen zu Schätzen verhalf, die unsere jammernden und wehklagenden Eltern uns nicht zu bieten hatten“, heisst in einem Roman, der eine grausame Sogwirkung durch die teils überlangen Elsnerschen Sätze erreicht, die jede Naziformel wieder- und wiederkauen, weil man sie über das Kotzen hinaus verinnerlicht haben muss, um sie für wahr zu halten. Das Buch ist kein Psychogramm, wie es falsch interpretiert und dementsprechend kritisiert wurde. Das sind keine Kinder in dem Buch. Nur an wenigen Stellen bricht der Ton und man erkennt ein ängstliches, menschliches Junges dahinter, das sich nass macht,während es Sprengsätze regnet. Elsner grätscht hart in das

soziale Milieu, dem sie als Tochter eines Siemens-Direktors selbst entstammt. Die AkteurInnen des Buchs sind ausschliesslich Kinder von BürgerInnen, Ärzten, Offizieren, jenen also, die den Faschismus erst dann kleinlaut ablehnten, als die Bomben nicht mehr auf London und Sewastopol, sondern auf Berlin, Nürnberg und Dresden niedergingen und das bisschen Hab und Gut zu Bruch ging, das einem der Führer in der Volksgemeinschaft immer versprochen hatte. Man scheitert, wenn man zwischen all dem eine Verharmlosung oder Relativierung des Nazismus sucht. Denn die Träger und Profiteure des Krieges und der Shoah sind nicht die unschuldigen, lieben Kleinen, sondern jene irrationalen Fanatiker, deren Verstandesleistungen vom Glauben an „ERBMASSE“ und „ENDSIEG“ auf die von Fünfeinhalbjährigen sinken, während ihr Sinn für ausbeuterisches Rechnen und Handeln unangetastet bleiben: Unternehmergeist ersetzt die fehlende Vernunft.

Die schönste Kindheit

Das Krude am Faschismus ist der Faschismus selbst, zeigt Elsner an dessen Ritualen und Sprache, etwa wenn die Kinder zwischen Chaos und Hunger „Vergaserlenz“ spielen und Begriffe verwenden, die sie nicht verstehen und die man eigentlich auch nicht verstehen kann, weil sie blosse Konstrukte sind: Vom Begriff „Untermensch“ leiten sie die Krankheit „Untermenschitis“ ab.

Den totalen Krieg feiern sie, weil sie nichts anderes kennen. So sagt Lisa zu ihrer Mutter: „Wir haben die schönste Kindheit, die man sich vorstellen kann, widersprach ich ihr, während ringsum Bomben detonierten.“ Für die nächsten Generationen unter Hitler wäre der Krieg der Eltern nur eine Kleinigkeit gewesen. In „Fliegeralarm“ schafft es Kicki, Lisas kleiner Bruder, nicht mehr bis zur nahenden Ostfront. Und auch die Realität bewahrte uns – Ami, Iwan, Tommy und Co. sei Dank – vor weiteren faschistischen Massen solcher Ziehbälger.

Gisela Elsners Roman ist eine Anklage. Nicht stumm, sondern zerreissend und krachend. Nicht versteckt, sondern am offenen „Volkskörper“ vollzogen. Ein Buch, das sich schwer verdauen lässt und dadurch dem Vergessen der Verbrechen Nazideutschlands entgegenwirkt.

Pat Batemensch / lcm

Gisela Elsner: Fliegeralarm. Roman. Verbrecher Verlag. Berlin 2009. 288 Seiten, 17 SFr., ISBN 978-3940426239

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