UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen | Untergrund-Blättle

5393

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen Kinder, Küche, Klassenbewusstsein

Belletristik

Ein unbeschönigt-schöner Roman über die Frage, wie wir wohnen und leben wollen – oder auch lieber nicht.

Anke Stelling stellt auf der Leipziger Buchmesse 2019 ihren Roman «Schäfchen im Trockenen» (Verbrecher Verlag) vor. Für diesen Roman erhielt sie den Preis der Leipziger Buchmesse, Kategorie Belletristik.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Anke Stelling stellt auf der Leipziger Buchmesse 2019 ihren Roman «Schäfchen im Trockenen» (Verbrecher Verlag) vor. Für diesen Roman erhielt sie den Preis der Leipziger Buchmesse, Kategorie Belletristik. Foto: Amrei-Marie (CC BY-SA 4.0 cropped)

14. April 2019
0
0
6 min.
Drucken
Korrektur
Resi ist eine in Berlin lebende Schriftstellerin und die erzählende Hauptfigur in Anke Stellings Roman „Schäfchen im Trockenen“. Und Resi hat, ganz zu Beginn des Romans, die Kündigung für die Wohnung bekommen, in der sie mit ihrem Mann und ihren vier Kindern lebt. Mit der Kündigung kommt die Erkenntnis, dass sie ihre Schäfchen nicht ins Trockene gebracht hat – und damit den gesellschaftlichen Anspruch an Mütter über Vierzig nicht erfüllt.

Der Brief mit der Kündigung, den Resi „zur Kenntnis“ erhält, ist Ausgangspunkt und Auslöser für ihr Erzählen. Es entwickelt sich jedoch weder ein Abenteuerroman über die Wohnungssuche in Berlin noch eine Dystopie oder Utopie über Wohnungspolitik. Vielmehr dient die Frage, wie man wohnt, der Erzählerin als Anlass, die Lebenssituation ihrer eigenen Familie und der Familien ihrer Freund*innen genau zu beobachten. Das Wohnen ist dabei ein Kristallisationspunkt von Klassen- und Familienstrukturen, die direkte Verzahnung von Privatem und Politischem.

Gibt es ein Recht auf Wohnen in der Innenstadt?

Der Roman ist nicht chronologisch erzählt, sondern springt immer wieder in Situationen, die Resi gegenwärtig relevant erscheinen. Eine frühe Episode spielt in der schwäbischen Provinz und ihrer Jugend, in der Wohnung ihrer Eltern und den Häusern der aus wohlhabenderen Familien stammenden Freund*innen. Zusammen mit diesen Freund*innen zieht Resi nach Berlin, in ein Haus, das unter ihr unklaren Umständen in den Besitz des Vaters eines dieser Freunde geraten war. Doch die Pläne vom gemeinsamen Leben, Wohnen und Arbeiten werden verworfen. Am Ende, erinnert sich Resi,

„wurden wir der Reihe nach schwanger, zogen paarweise zusammen, sträubten uns vielleicht noch ein bisschen, blieben noch ein paar Monate in der WG oder allein, bis die Logistik dann doch zu kompliziert wurde, das Widerstreben albern, die alten Pläne eingerollt – was gar nicht ging, dazu waren sie längst nicht konkret genug gewesen“ (S. 132).

Aus dem Freundeskreis wird daraufhin eine Baugruppe, die ihren Traum realisiert und gemeinsam ein Haus baut. Resi und ihre Familie steigen nicht mit ein, die nötigen Eigenanteile können sie nicht aufbringen. Sie übernehmen den Mietvertrag eines Freundes aus der Baugruppe und bleiben damit in unmittelbarer Nähe wohnen. Die Klassenunterschiede im Freundeskreis schlagen sich damit direkt in der Wohnsituation nieder. Und obwohl sie es nie wollte und sich kein Geld geliehen hat, ist Resi somit abhängig von dem Freund, dessen Untermieterin sie geworden ist. Als dieser ihr nun kündigt, werden die finanziellen Differenzen zu einer nicht länger zu leugnenden Realität und Resi sieht sich schon mit ihrer Familie nach Marzahn ziehen. Denn: „Es gibt kein Recht auf Wohnen im Innenstadtbezirk“ (S. 24), zitiert Resi ein Mitglied des Berliner Bausenats aus dem Gedächtnis und entsprechende Äusserungen kann man verschiedenenorts nachlesen.

Eine Kammer für sich allein

Neben dem Wohnen sind Reflexionen über Familie, Mutterschaft und deren gesellschaftliche Bedingungen sowie die Beschreibungen des Schreibprozesses selbst wichtige Themen des Romans. Diese drei Stränge finden im kleinsten Raum der Altbauwohnung im Prenzlauer Berg zusammen: Die Kammer, in der normalerweise die Waschmaschine steht, hat sich Resi als Arbeitsplatz eingerichtet. Damit hat sie sich geschaffen, was ihre Mutter nicht hatte – ein eigenes Zimmer. Als junges Mädchen hat Resi versucht, der Mutter ein Stück von ihrem Kinderzimmer abzugeben, und ist damit gescheitert. „Wenn das hier ein Roman wäre, wäre das wohl die Schlüsselszene“ (S. 157), bemerkt die erwachsene Resi über diese Episode. Und tatsächlich erscheint die Bedeutung, die Resi ihrer Kammer beimisst, als unmittelbare Konsequenz aus der eigenen Jugend. Gleiches gilt noch stärker für den unbedingten Willen, ihrer Tochter alles über die eigenen Einschränkungen und über die harte gesellschaftliche Realität mitzuteilen. Deshalb wird die vierzehnjährige Bea über weite Strecken direkt adressiert – ein gelungenes Stilmittel, das die Intimität, die Direktheit und die Dringlichkeit der Sprache plausibilisiert.

In der Kammer hat Resi auch den Roman geschrieben, dessentwegen sich die Baugruppe von ihr abgewendet hat, dessentwegen Freundschaften – und in der Folge auch Wohnungen – gekündigt wurden. Die Querverbindung zu Anke Stellings Roman „Bodentiefe Fenster“ von 2015 zu ziehen, liegt auf der Hand. Hier wurde fast noch expliziter der (Alb-)Traum vom Leben in einem gemeinsamen Haus aus der Perspektive Sandras beschrieben, die selbst Mitglied der Baugruppe ist. Dieses preisgekrönte Buch – auch diese Prämierung wird in „Schäfchen im Trockenen“ aufgegriffen – muss man nicht gelesen haben, um den Nachfolger zu verstehen. Die Lektüre lohnt aber nicht nur, um tiefer in die Referenzen einzusteigen, sondern auch, um sich noch intensiver mit (Un-)Möglichkeiten gemeinschaftlichen Wohnens in der aktuellen Gesellschaft zu beschäftigen.

Wahrheit ist ein Kampfbegriff

Sandra aus „Bodentiefe Fenster“ ist nicht Resi, auch wenn beiden mit Kassandra (Hellseherin in der griech. Mythologie) und Parrhesia (altgriech.: Redefreiheit) antike Figuren als Namenspatinnen gegeben werden, die den Weg zum hellsichtigen Aussprechen unliebsamer Wahrheiten ebnen. Und weder Sandra noch Resi sind Anke. Trotzdem wird die Trennung von Autorin und Erzählerinnen nicht nur für die Figuren im Roman unscharf. Immer wieder verweist der Text auf seine Gemachtheit – das Schreiben wird thematisiert und die Fiktionalität der Erzählung in Frage gestellt. Mehr noch, Resi bezeichnet sie als „wahr“, und das ist, wie sie ihrer Tochter gegenüber erklärt, „ein Kampfbegriff“:

„Damit plausibilisiere ich meine Geschichte auf ziemliche plumpe Art und Weise; geschickter wäre es, davon auszugehen, dass sie von alleine wahrscheinlich erscheint. […] In Wahrheit sind das natürlich alles nur Worte. Wahre Worte, sicher, wieso sollte ich Unsinn verbreiten“ (S. 24).

Immer wieder ertappt man sich entsprechend als Leser*in dabei, über die Faktizität der Geschehnisse, über Parallelen von Erzählerin und Autorin nachzudenken oder beiden Schwarzseherei oder einen bösen bis boshaften Blick vorzuwerfen. Dies nimmt der Roman scharfsinnig vorweg, indem derlei Unterstellungen in den Reaktionen der Freund*innen Resis gespiegelt werden.

Gleichzeitig ringen Resi und ihre Autorin wirklich um Wahrheit, ungeschönte Wahrheit, Wahrheit nicht über konkrete Bauprojekte in Berlin, sondern über Freundschaft und Familie und finanzielle Abhängigkeiten, über Kinder und Küchenfussböden im Kapitalismus. Gekämpft wird nicht zuletzt auch um oder für ein Klassenbewusstsein, das Resi ihrer eigenen Meinung nach viel zu spät entwickelt hat. Fast nebenbei verhandelt Stellings Roman ausserdem noch Fragen über Kunstfreiheit und die Möglichkeiten, gesellschaftlich relevante Literatur zu schreiben – und ist dabei unverspielt selbstreflexiv, sprachlich treffend und stilistisch beeindruckend. Für die Parrhesia sollten wir „Schäfchen im Trockenen“ dankbar sein, auch wenn sie schwer auszuhalten ist.

Judith Niehaus
kritisch-lesen.de

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen. Roman. Verbrecher Verlag, Berlin 2018. 272 Seiten, ca. 29.00 SFr. ISBN 9783957323385

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...
Museum für Wissenschaft und Industrie in Manchester.
Arbeit – Bewegung – Geschichte: Arbeit und LiteraturAuf der Suche nach dem neuen alten Proletariat

16.05.2021

- Im Schwerpunktheft „Arbeit und Literatur“ der Zeitschrift „Arbeit – Bewegung – Geschichte“ wird aus aus einer breit angelegten historischen Perspektive der Frage nachgegangen, welche Funktion Literatur für das Bild von Arbeit und für die Vorstellung von einer Arbeiter*innenklasse ausübt.

mehr...
Die deutsche Schriftstellerin Lin Hierse (zweite von rechts) an der Frankfurter Buchmesse 2019.
Lin Hierse: Wovon wir träumenTräumen auf zwei Sprachen

05.08.2022

- In der Beziehung zu ihrer Mutter verhandelt eine junge Frau ihre chinesisch-deutsche und auf weiteren Ebenen mehrschichtige Identität.

mehr...
Schorenweg-Steg über die Birs, Arlesheim BL – Münchenstein BL.
Nein zur Änderung des Gesetzes für WohnraumförderungBasel: Zur Abstimmung von Ende November

04.11.2020

- Das vom Grossen Rat im letzten April verabschiedete «Gesetz über Wohnraumförderung» missachtet den Auftrag des Basler Stimmvolks.

mehr...
Überbringerin der schlechten Nachricht von der Ungerechtigkeit - Gespräch mit Anke Stelling

17.03.2019 - Gespräch mit Anke Stelling zu ihrem Roman "Schäfchen im Trockenen", der im August 2018 im Verbrecher-Verlag erschienen ist. Darin macht sich die Schriftstellerin Resi unbeliebt, indem sie zu wirklich von der Wirklichkeit berichtet und dabei eine mit ihr seit ihrer Kindheit befreundete Hausgemeinschaft erzürnt.

Demonstration vor Haus eines Polizisten in Hitzacker - und ihre Folgen

24.05.2018 - Die Wohnanlage in der Grellstrasse im Prenzlauer Berg ist über 80 Jahre alt. Seit einigen Jahren gehört diese Anlage der Deutschen Wohnen.

Dossier: DDR
Istvan (   - )
Propaganda
Eigentum verpflichtet zur Ausbeutung

Aktueller Termin in Hannover

Sturmglocken-Kneipe

Alle Veranstaltungen für Mitglieder des “Alternatives Wohnen und Arbeiten auf dem Sprengelgelände e.V.“ – und solche, die es werden wollen!

Donnerstag, 8. Dezember 2022 - 19:00 Uhr

Sturmglocke, Klaus-Müller-Kilian-Weg, 30167 Hannover

Event in Bern

Allschwil Posse & Failed Teachers

Donnerstag, 8. Dezember 2022
- 21:00 -

Rössli

Neubrückstrasse 8

3012 Bern

Mehr auf UB online...

 Liv Tyler ¨in Leicester Square, Dezember 2003.
Vorheriger Artikel

Eine Nacht bei McCool’s

Bingo !!

Demonstrant*innen der initiative Barrierefrei und von Rollfender Widerstand in der Tür eines ICE. Es sind nur wenige Stufen, aber mit dem Rollstuhl nicht zu überwinden.
Nächster Artikel

Die Stufen müssen weg!

Lüneburg: ÖPNV für alle!

Untergrund-Blättle